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Voraussetzungen für eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Linken

Mit einem Online-Dossier will die Rosa-Luxemburg-Stiftung zur „Versachlichung“ der Diskussion über Antisemitismus beitragen. Um eine sachliche Auseinandersetzung mit Judenfeindschaft in der politischen Linken führen zu können, müssen aber Bedingungen erfüllt sein. Warum das notwendig ist, wird hier am Beispiel der KPD zur Zeit der Weimarer Republik ausgeführt.

Von Olaf Kistenmacher

1. Voraussetzung: Die Quellenlage nicht verfälschen

Wer sich mit dem Antisemitismus in der politischen Linken der Weimarer Republik kritisch auseinandersetzt, stößt schnell auf ein Zitat von Ruth Fischer aus dem Sommer 1923. Fischer wurde im Jahr darauf mit Arkadi Maslow Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Das Jahr 1923 war geprägt von einer gewaltigen ökonomischen Krise, Hyperinflation und einer nationalistischen Welle, und die KPD hoffte noch auf eine baldige Revolution in Deutschland. Zur Gewinnung einer Massenbasis ging die Partei in diesem Sommer einen ungewöhnlichen Weg: Sie suchte im völkischen, rechtsextremen Spektrum nach neuen Verbündeten. Am 25. Juli 1923 sprach Ruth Fischer auf einer Versammlung, zu der die KPD auf Handzetteln „besonders die völkischen Gegner“ eingeladen hatte. Nach ihrer in in Teilen protokollierten Rede scheint es zu Wortwechseln gekommen zu sein, und auf Zwischenrufe reagierte Fischer mit dieser Argumentation:

„Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner …?“ (1)

Diese Ermunterung von Antisemiten und dieser offene Aufruf zu Gewalt widersprechen dem grundsätzlichen Anspruch der KPD, Judenfeindschaft zu bekämpfen. Wie geht man heute damit um? Der Soziologe Peter Ullrich, auf den die Idee des Dossiers der Rosa-Luxemburg-Stiftung zurückgeht, tut in mehreren Veröffentlichungen so, als wäre die „Authentizität“ dieser „viel zitierten“ Aussage nicht erwiesen, und mutmaßt, die Tageszeitung der SPD, der Vorwärts, könnte Fischers Aussage zur „Diffamierung der KPD“ erfunden haben. (2)

Das ist falsch. Ruth Fischers Aussage konnte niemand aus der SPD erfunden haben. Denn der Vorwärts zitierte 1923 lediglich aus einem Artikel des Rätekommunisten Franz Pfemfert, der in seiner eigenen Zeitschrift Aktion Ruth Fischers Reden in Auszügen protokolliert und empört über ihren Auftritt vor „patriotisch geilen Korpsstudenten“ und „antisemitischen Weißgardisten“ berichtete. (3) Pfemfert hatte zu den Gründungsmitgliedern der KPD gehört, sich als Rätekommunist aber 1920 wieder von der Parteipolitik verabschiedet. Er blieb Kommunist, verstand sich als „antinational“ und kommentierte die weitere Entwicklung der KPD bis in die 1930er Jahre kritisch.

2. Bedingung: Parallele Beispiele nicht ignorieren

Ruth Fischer war nicht das einzige prominente Mitglied der KPD, das vor einem völkischen, rechtsextremen Publikum auftrat. Hermann Remmele, ebenfalls Mitglied der Parteizentrale (des späteren Zentralkomitees), sprach am 2. August 1923 bei einer Veranstaltung der NSDAP in Stuttgart. Seine Rede wurde im Zentralorgan der KPD, der Tageszeitung Die Rote Fahne, dokumentiert. Nach diesem Protokoll ist es zu einem ganz ähnlichen Wortwechsel gekommen wie bei Fischers Auftritt im Juli. Remmele sagte laut dem Bericht der Roten Fahne:

„Sie, die Faschisten, geben nun an, das jüdische Finanzkapital zu bekämpfen. Schön. Tun Sie das! Einverstanden! (Stürmischer Beifall bei den Faschisten.) Aber Sie dürfen eines nicht vergessen, das Industriekapital! (Zuruf bei den Faschisten: ‚Bekämpfen wir genau so!‘) Denn in Wirklichkeit ist das Finanzkapital nichts anderes als das Industriekapital.“ (4)

Die Parallelen zu Fischers Auftritt springen ins Auge. Wie sie distanzierte sich Remmele zwar vom Judenhass der Gegenseite. Aber beide kritisierten ihn vor allem als unzureichend. Zugleich waren sie überzeugt, dass hinter dem antisemitischen Ressentiment ein unbewusster Antikapitalismus stecken würde. Fischer brachte diese Sichtweise auf die pointierte Formulierung, wer „gegen das Judenkapital“ aufrufe, sei „bereits Klassenkämpfer“.

Der Historiker Ralf Hoffrogge, der das Fischer-Zitat nicht in Zweifel zieht und klar verurteilt, möchte es jedoch in seinem Artikel „Der Sommer des Nationalbolschewismus?“ „quellenkritisch in den historischen Kontext“ einordnen. (5) Dass Hermann Remmele in seiner Rede vor der NSDAP ganz ähnlich argumentierte wie Ruth Fischer, gehört für Hoffrogge nicht zu diesem Kontext. Und Fischers und Remmeles Erklärungen sind nicht die einzigen Beispiele aus dem Sommer 1923.

Am 29. Juli 1923 brachte die Rote Fahne in einer Sonderausgabe, die sich gezielt an alle richtete, „die den ‚Völkischen‘ in die Klauen geraten sind oder zu geraten drohen“, eine antisemitische Karikatur, die zwei Großindustrielle zeigte, die entsprechend den üblichen judenfeindlichen Darstellungen mit hängenden Augenlidern, wulstigen Lippen und Hakennasen gezeichnet waren. Diese „jüdischen“ Großindustriellen stehen zufrieden am Rande eines Nazi-Aufmarschs. Betitelt war die Karikatur mit den Worten: „Hakenkreuzparade vor Hakennasen. Eine wahre Begebenheit / Geld stinkt nicht oder: so sieht ihr Antisemitismus aus!“ Mit Bezug auf eine Demonstration österreichischer Nazis in Wien tat die Tageszeitung der KPD so, als herrschte zwischen „Hakenkreuzparade“ und „Hakennasen“ eine enge Beziehung: Reiche jüdische Industrielle würden die Faschisten finanziell unterstützen und freuten sich über deren Erfolg, weswegen der Judenhass der Nazis keine ernsthafte Bedrohung darstellen würde. (6)

Diese Argumentation blieb nicht auf den Sommer 1923 beschränkt. Ab Ende der 1920er Jahre behaupteten prominente Vertreterinnen und Vertreter der KPD ebenso wie zahlreiche Beiträge der Roten Fahne erneut, vom Judenhass der NSDAP gehe keine große Gefahr aus, denn sie werde vom „jüdischen Kapital“ finanziert und schütze deswegen die „reichen Juden“. Schon ein Blick auf die Überschriften macht das deutlich: „Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“ (Die Rote Fahne 174, 29. Juli 1930), „Hitler als Retter der reichen Juden“ (Die Rote Fahne 76, 9. April 1932) oder „Nazis für jüdisches Kapital“ (Die Rote Fahne 182, 7. September 1932). (7)

3. Bedingung: Die Gleichzeitigkeit von Kritik und Reproduktion reflektieren

In der beschriebenen Karikatur zeigt sich eine Gleichzeitigkeit besonders deutlich, die für viele antisemitische Argumentationsfiguren aus der politischen Linken typisch ist. So richtete sich die Karikatur „Hakenkreuzparade vor Hakennasen“ gleichzeitig gegen die extreme Rechte, gegen Vertreter des Großkapitals und gegen „reiche Juden“. Anders ausgedrückt, die Karikatur war antifaschistisch und antikapitalistisch gemeint, aber sie reproduzierte sogleich antisemitische Vorstellungen. In seiner lesenswerten Untersuchung Antisemitism and the Russian Revolution bezeichnet der britische Soziologe Brendan McGeever diese innere Widersprüchlichkeit als „Reinscribing Antisemitism“. Er analysiert in seiner Studie die Haltung der Kommunistischen Partei Russlands – Bolschewiki in den ersten Jahren nach der russischen Revolution. „In their attempts to combat antisemitism, these Bolshevik actors indicated that they believed those [antisemitic] representations to hold truth, and in doing so they focussed their attentions not on antisemites, but on Jews.“ (8) Das gelte, so McGeever, auch für Wladimir I. Lenins viel zitierte Rede gegen die Judenhetze, die extra auf Schallfolien gepresst wurde, um sie der nichtalphabetisierten Bevölkerung zu Gehör zu bringen. „[I]n his intervention against antisemitism in November 1919, Lenin reinscribed a set of antisemitic representations of Jewishness“. (9)

Diese Gleichzeitigkeit entgeht Marcel Bois, der für die Rosa-Luxemburg-Stiftung meine Studie über antisemitische Aussagen in der Roten Fahne besprochen hat. (10) Er ignoriert, dass die Rote Fahne „unter der Prämisse“ ausgewählt wurde, dass sich in der KPD im Vergleich zu anderen Parteien „Judenfeindschaft am wenigsten“ finden lassen dürfte. (11) Marcel Bois und Ralf Hoffrogge meinen, mich mit dem Beispiel von Werner Scholem, der wie Ruth Fischer aus einer jüdischen Familie stammte (sein Bruder Gershom ist heute der berühmtere von beiden), widerlegt zu haben. Scholem hat in einer Landtagssitzung im November 1922, im Unterschied zu Fischer und Remmele ein Jahr später, faschistischen Parteien nicht ermuntert, sondern sich als einer von Wenigen klar gegen den Judenhass ausgesprochen. Trotzdem zitierte die Rote Fahne in ihrem Bericht Scholem mit den Worten, „das kapitalistische Judentum in Deutschland“ schüre ebenfalls Ressentiments gegen „die Ostjuden“. (12) Für sich genommen wäre das nur eine Nebenbemerkung. Aber wer verstehen will, wieso sich ein Jahr später Vertreterinnen und Vertreter die Redeweise von einem „jüdischen Kapital“ zu eigen machten und darin eine vermeintliche Übereinstimmung mit völkischen Antisemiten herstellten, muss bei solchen Beiläufigkeiten ansetzen.

Ein letztes Beispiel noch, an dem sich das Reinscribing Antisemitism sehr gut veranschaulichen lässt. Im September 1929 brachte die Rote Fahne einen ganzseitigen Beitrag, der die Armut der Jüdinnen und Juden im Berliner Scheunenviertel schilderte und sich damit gegen den wachsenden Judenhass stellte. Der Beitrag war betitelt: „Die Blutsauger des deutschen Volkes im Scheunenviertel“, und der erste Satz stellte klar, dass diese Aussage nichts anderes als eine „Lüge“ ist, die sich gegen den ärmsten Teil der Bevölkerung richtete. Doch sogar dieser Beitrag kam nicht ohne die Behauptung aus, hinter den Nazis steckte ein „jüdisches Großkapital“. So hieß es gleichfalls im ersten Absatz: „Die Pogrome, die diese von dem jüdischen Großkapital gut bezahlten Horden durchführen, sind Mörderfeldzüge gegen arme Proletarier, die nicht nur in dem tiefsten Elend dieser kapitalistischen Gesellschaft ihr Dasein fristen, sondern Sklaven einer mittelalterlichen Zurückgebliebenheit sind.“ (13)

Von solchen Beispielen aus den Jahren der Weimarer Republik ist bislang in dem RLS-Online-Dossier „Linke und Antisemitismus, jüdische Geschichte, Nationalsozialismus, Shoah, Nahostkonflikt“ nichts zu erfahren. (14) Dabei wäre es gerade für die Rosa-Luxemburg-Stiftung geboten, diese Geschichte aufzuarbeiten. Man kann über einzelne Interpretationen dieser Beispiele streiten. Nicht bestreiten lässt sich, dass es diese Beispiele gibt.

Bild: Rote Fahne v. 19.9.1929, Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde

Anmerkungen:

(1) Thomas Haury: Antisemitismus von links. Nationalismus, kommunistische Ideologie und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002, S. 283. Mario Keßler: Die KPD und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, in: Utopie kreativ 173 (2005), S. 223–232, hier S. 226.

(2) Peter Ullrich: Nationaler Kommunismus nach Auschwitz: die DDR und die Jüdinnen und Juden. Ein Bilanzierungsversuch, in: Utopie kreativ 199 (2007), S. 455–467, hier S. 456, Fußnote 6. Ders.: Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs, Göttingen 2013, S. 131, Fußnote 7. Auf seinem Blog hat Ullrich 2013 zwar eingestanden, dass seine Darstellung „zu berichtigen“ sei. Die Druckfahne des letztgenannten Titels steht unkorrigiert online.

(3) Olaf Kistenmacher: Vom „Judas“ zum „Judenkapital“. Antisemitische Denkformen in der Kommunistischen Partei Deutschlands in der Weimarer Republik, 1918–1933, in: Matthias Brosch u. a. (Hg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland, Berlin 2007, S. 69–86, hier S. 69.

(4) Thomas Haury: Antisemitismus von links. Nationalismus, kommunistische Ideologie und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002, S. 283–284. Olaf Kistenmacher: Arbeit und „jüdisches Kapital“. Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne während der Weimarer Republik, Bremen 2016, S. 137.

(5) Ralf: Hoffrogge: Der Sommer des Nationalbolschewismus?, in: Sozial.Geschichte Online 20 (2017), unter: https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00043276/05_Hoffrogge_Sommer_Nationalbolschewismus.pdf [zuletzt 13.3.2022].

(6) Kistenmacher: Vom „Judas“ zum „Judenkapital“, S. 83.

(7) Kistenmacher: Arbeit und „jüdisches Kapital“, S. 179-180. Siehe auch ders.: Klassenkämpfer wider Willen. Die KPD und der Antisemitismus zur Zeit der Weimarer Republik, unter: https://www.hagalil.com/2012/09/klassenkaempfer-wider-willen/ [zuletzt 13.3.2022].

(8) Brendan McGeever: Antisemitism and the Russian Revolution, Cambridge 2019, S. 190.

(9) McGeever: Antisemitism and the Russian Revolution, S. 195.

(10) Marcel Bois: Olaf Kistenmacher: Arbeit und «jüdisches Kapital», Bremen 2016, https://www.rosalux.de/news/id/45072/olaf-kistenmacher-arbeit-und-juedisches-kapital-bremen-2016 [zuletzt 14.3.2022].

(11) Kistenmacher: Arbeit und „jüdisches Kapital“, S. 321.

(12) Kistenmacher: Arbeit und „jüdisches Kapital“, S. 58.

(13) Kistenmacher: Arbeit und „jüdisches Kapital“, S. 173.

(14) Linke und Antisemitismus, jüdische Geschichte, Nationalsozialismus, Shoah, Nahostkonflikt. Literaturbesprechungen zum Forschungsstand  – Wegweiser durch eine für die Linke wichtige und zugleich hochgradig polarisierende Debatte (September 2021), https://www.rosalux.de/dossiers/linke-und-antisemitismus/bibliografie [zuletzt 14.3.2022].