„Vielleicht darf man gar nicht darüber sprechen“

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Aharon Appelfeld, der heute seinen 90. Geburtstag feiern würde, umkreist in seinem Roman Sommernächte das Unsagbare

Von Karl-Josef Müller

„Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“ Wittgensteins Unterscheidung aus dem Tractatus ist allgemeiner Natur, wie auch die ähnlich lautende Formulierung „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Geschrieben wurde der Tractatus etwa zeitgleich mit dem Ersten Weltkrieg und die Katastrophe, die Aharon Appelfeld an den Rand der Sprachlosigkeit führen sollte, war noch nicht absehbar.

Historische Geschehnisse erscheinen im Nachhinein als eine Folge von Ereignissen, die sich als quasi logischer Kausalzusammenhang darstellen. Das Attentat von Sarajevo auf den Thronfolger von Österreich-Ungarn am 14. Juli 1914 gilt als Auslöser des Ersten Weltkrieges einen Monat später. Der Weltkrieg mündete in die Zerschlagung der Donaumonarchie, das Deutsche Reich wurde zur Weimarer Republik, die wiederum 1933 von den Nationalsozialisten zerstört wurde.

Aharon Appelfeld wurde 1940 gemeinsam mit seinem Vater unter rumänischer Regierung in ein Arbeitslager nach Transnistrien verbracht, seine Mutter war von rumänischen Antisemiten ermordet worden.  Wir wissen nicht, wann genau Vater und Sohn verschleppt wurden, es muss irgendwann im Spätsommer 1940 gewesen sein. Zwar verarbeitet der Autor in seinen Romanen selbst Erlebtes, dennoch unterscheidet sich das Werk deutlich von seinem eigenen Schicksal, so auch in dem Roman Sommernächte. Das eigentliche Romangeschehen beginnt somit etwa im Frühsommer 1942, deutlich nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, wie sich aus dem Beginn des zweiten Romankapitels folgern lässt : „Anderthalb Jahre zuvor hatte der Vater Janek nachts zu Großvater Sergei gebracht und gesagt: ‚Ich vertraue dir meinen Sohn an. Gib auf ihn acht, mein Lieber.‘“ 

Wie in allen uns bekannten Romanen verzichtet Aharon Appelfeld auch in Sommernächte weitgehend darauf, die dort geschilderten Geschehnisse historisch genau zu verorten. Der Autor erschafft vielmehr eine Art Märchenwelt, in der alles, was sich zuträgt, genau so hat kommen müssen, ohne dass nach dem Warum und Weshalb gefragt würde. Nur hin und wieder lassen sich geschichtliche Verläufe mehr erahnen, als dass sie klar und deutlich ausgesprochen würden.

Der Großvater, dem der Vater seinen Sohn anvertraut, ist mit Janek nicht verwandt, der Vater aber vertraut dem blinden alten Landstreicher grenzenlos. Großvater Sergei, wie er im Roman durchgehend genannt wird, ist Soldat gewesen und in seiner geradlinigen Haltung immer geblieben. Es bleibt offen, ob und wenn ja wo genau er im Ersten Weltkrieg gekämpft hat, doch mindestens an einer Stelle erfolgt ein entscheidender Hinweis: „Nicht umsonst hatte man ihm den Blauen Kaiserlichen Orden und viele andere Orden verliehen.“ Es ist uns nicht gelungen, Genaueres über diesen Blauen Kaiserlichen Orden zu ergründen, klar aber erscheint uns die Anspielung auf die untergegangene Donaumonarchie: „Nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches mussten viele feststellen, dass das Leben unter dem Doppeladler wesentlich liberaler, demokratischer und freier war, als in den neuen Staatsgebilden der Zwischenkriegszeit. Besonders die Czernowitzer Juden bekamen die Folgen des Nationalismus des 20. Jahrhunderts zu spüren, der dann im Holocaust endete.“

Es liegt nahe, Großvater Sergei als Symbol dieser besseren Zeit zu definieren, ohne dass begründet würde, warum er als Christ nicht wie viele seiner Landsleute einem archaisch-atavistischen Antisemitismus verfallen ist:

„Es war ein Landstreicher, der völlig durchnässt unter dem Baum saß. Auch seine Bündel waren nass.

‚Was ist passiert?‘, fragte Janek.

‚Ich bin verzweifelt. Ich hoffte, nach Santa Maria zu kommen, um zu beten und um Vergebung zu bitten. Und jetzt hänge ich hier fest, bis auf die Knochen durchnässt (…). Ich bin am Ende.‘

‚Komm zu uns‘, schlug Janek vor. ‚Auch wir sind Landstreicher. Wir haben Unterschlupf in einer überdachten Ruine gefunden.‘

‚Ich betrete diese Ruine nicht. Die gehört den Juden.‘

‚Wieso?‘

‚Dort hausen Dämonen und böse Geister. Als ich einmal in eine solche Ruine hineingegangen bin, haben sie mich gebissen. Da habe ich mir geschworen, nie wieder eine jüdische Ruine zu betreten.‘“

Wäre nicht von Juden die Rede sondern nur von Dämonen und Geistern, könnte dieser Dialog aus einem Märchen stammen; besonders die Aufforderung Janeks an den Landstreicher ruft Erinnerungen wach an die Bremer Stadtmusikanten: „Zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Was Appelfeld auf seine ganz eigen Art schildert, liest sich an anderer Stelle wie folgt:

„Unter den Rumänen in der Bukowina hatte der Antisemitismus in den Jahren der Weltwirtschaftskrise massiv zugenommen. (…) Für einen Ausruf wie: ‚Für euch ist der Schlagstock zu schade…, ihr braucht eine Kugel.‘ erhielt der Bukowiner Abgeordnete Rubo 1936 nur eine geringfügige Disziplinarstrafe.“

Alles, was im Märchen geschieht, hat fraglos genau so kommen müssen, eine Logik ist selten zu erkennen. Die Märchenfiguren geraten in eine Gefahr, aus der sie sich aber letztlich immer befreien können. Im Märchen gilt der bekannte Vers Friedrich Hölderlins: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Appelfelds Roman ist durchzogen und geprägt von dieser Zuversicht, es werde sich letztlich doch alles zum Guten wenden. Gleichzeitig wird dieses Zutrauen immer wieder abgelöst von bedrohlichen Zeichen oder Träumen. So träumt Janek, er ist gerade zehn Jahre alt geworden, kurz vor Kriegsausbruch von Pferden, „‘wie ich ihresgleichen noch nie gesehen habe. In ihrem Wiehern liegt ein starker Drang, und es ist klar – wir werden es nicht überleben, wenn sie uns vorwärtspreschend im Galopp überrennen.‘“ Seine Tante, der er den Traum erzählt, versucht ihn zu beruhigen. Diese Tante „hatte ihr Pharmaziestudium mit Auszeichnung abgeschlossen“; gefragt, ob sie lieber einen anderen Beruf gewählt hätte, bricht es aus ihr heraus: „‘Gewiss. Aber die medizinische Fakultät lässt nicht mal eine Handvoll Juden zu. (…)‘“ Nachdem sie diese Diskriminierungen noch genauer erläutert hat, „erblasste sie, und ihr Herz verzagte.“

Janek träumt von den Pferden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Im zweiten Traum erscheinen sie zunächst weniger bedrohlich: „‘Dieses Mal standen wir auf grünen Wiesen. Die großen Pferde weideten still.‘“ Doch der friedliche Eindruck trügt: „‘Ich betrachtete sie. Ihre Augen sagten: ‚Ihr irrt euch. Der Drang und die Wut stecken noch in uns. Wir nähren sie im Stillen, und wenn der Tag kommt, flackern sie auf.‘“

Später, er ist schon einige Zeit mit Großvater Sergei unterwegs, träumt er davon, wieder bei seinen Eltern zu sein. Den Worten des Vaters ist zu entnehmen, dass sie einander fremd geworden sind: „‘Wir müssen uns wieder aneinander gewöhnen. Wir waren in den Lagern und haben Schlimmes erlebt. Wir können gegenwärtig unmöglich darüber sprechen. Vielleicht darf man gar nicht darüber sprechen.‘“

Schlimmes ist geschehen, doch die Eltern leben und haben, was ihnen zugestoßen ist, überlebt.

Wie auch Janeks Onkel Josef, von dem Janek gegen Ende des Romans träumt: „‘Wo warst Du, Onkel Josef?‘ ‚An einem Ort, über den man unmöglich sprechen kann‘, sagte er und lehnte den Kopf an den Baumstamm.“ Janek wird den Krieg überleben, wie ja auch Aharon Appelfeld überlebt hat. Appelfeld starb 2018 in Israel, wo er 1946 lebte.

Gegen Ende des Romans begegnet Janek einer „Gruppe Flüchtlinge“. Eine Frau spricht ihn an: „‘Aus welchem Lager bist du?‘ ‚Ich war nicht im Lager.‘ Die Frau war bestürzt und wollte wissen: ‚Wie kann das sein?‘“ Im weiteren Gespräch stellt sich heraus, dass die Frau Janek und seine Familie kennt, gekannt hat, muss man wahrheitsgemäß sagen. Auf der vorletzten Seite des Romans zeichnet sie ein verklärtes Bild der Vergangenheit voller Glück und Zufriedenheit, gipfelnd in den Sätzen: „‘Was soll man sagen: Es war wirklich eine eigene Welt. Du erinnerst dich gewiss nicht an mich, aber ich mich gut an dich. Wie du neben deinem Vater gestanden und Eis gegessen hast.`“ Doch dann der radikale Bruch: „‘Jetzt stehen wir vor dem Nichts, vor leeren Wegen vor leeren Häusern. Jeder Einzelne von uns ist der Überlebende einer ganzen Familie.‘“ Janeks Hoffnung, die Eltern, ja die ganze Familie wiederzusehen, zerfällt zu Staub.  Und wie Janeks Tante angesichts der Diskriminierungen der Vorkriegszeit in Ohnmacht fällt, weil „ ihr Herz verzagte“, verliert auch die Frau die Besinnung, doch schafft sie „es gerade noch zu sagen: ‚Gebt auf diesen Jungen acht. Das ist ein lieber Junge. Er hat niemanden auf der Welt.‘“

Sommernächte – der Titel von Aharon Appelfelds Roman klingt alles andere als bedrohlich. So auch viele Passagen des Romans, in denen das beinahe meditative Wandern von Janek und Großvater Sergei durch einer freundliche Natur geschildert wird. Doch mündet alles, was der Autor uns mitteilt, in diesen letzten Satz: „’Er hat niemanden auf der Welt’“.

Aharon Appelfeld: Sommernächte. Rowohlt Berlin 2022, 224 S., 22 €, Bestellen?

Bild oben: Rowohlt Verlag © Marianne Fleitmann