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Stöhnen in Heimarbeit

Pornos ‚Made in Israel‘ boomen seit der Jahrtausendwende. Doch die Branche hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Zum einen dominieren billige Amateurproduktionen, zum anderen werden immer mehr Nischen erschlossen. Die Porno-Industrie kennt wenige Stars und viele Schattenseiten.

Von Ralf Balke

Es ist ein bisschen wie mit McDonald’s. Viele rümpfen die Nase über die Fastfood-Kette und ihren pappigen Mampf. Aber heimlich packt dann doch irgendwann jeden das Bedürfnis, in einen Big Mac zu beißen, nur um kurz danach das Ganze wieder zu bereuen. Ähnlich dürfte es mit Pornos sein. Die allerwenigsten stehen zu ihrem Konsum. Und noch weniger interessiert sie es, unter welchen Bedingungen die Filme, die ubiquitär im Internet zu finden sind, entstanden sind. Israelis sind da gewiss keine Ausnahme, wie das Online-Portal Pornhub auf Basis seiner weltweit ermittelten Nutzerdaten von 2020 belegen konnte. Demnach rangiert Israel eher im Mittelfeld, wenn es um den Konsum geht, und zwar auf Platz 45 von allen Staaten, in denen der Zugang zu Online-Porno-Content nicht sonderlich eingeschränkt ist. Im Regelfall bleiben Israelis zehn Minuten und 29 Sekunden auf der Seite, also 16 Sekunden länger als der weltweite Durchschnitt.

Auch auf die Frage, welche Suchbegriffe dabei verwendet werden, liefert Pornhub Antworten, nämlich „Israeli“ und „Israel“. Das bedeutet, man hält vor allem nach heimischen Produktionen Ausschau, was dem User-Verhalten in den meisten anderen Ländern ebenfalls weitestgehend entspricht. Wenig überraschend ist auch die Tatsache, dass die Mehrheit der Porno-Konsumierenden männlich ist. Der Frauenanteil beträgt lediglich 27 Prozent. Damit bewegt man sich etwas unter dem internationalen Durchschnitt von 29 Prozent – übrigens gibt es nur ein Land, in dem Frauen mehr als 50 Prozent der User ausmachen, und das ist die Mongolei. 16 Prozent der israelischen Porno-Afficionados sind zwischen 18 und 24 Jahre alt, 40 Prozent in der Altersgruppe zwischen 25 und 34. Der klassische Pornhub-Zuschauer in Israel ist ungefähr 37 Jahre alt. Und mehr als Dreiviertel der Klicks erfolgen auf dem Smartphone, dem absoluten Lieblingstool der Israelis, nur 21 Prozent am heimischen Computer und gerade einmal drei Prozent via Tablet.

Seit der Jahrtausendwende ist in Israel eine eigene Porno-Industrie entstanden, deren wachsender Output eigene, machmal leicht irritierende Akzente setzt. Oft liefern dabei der Nahostkonflikt oder gesellschaftliche Themen wie das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Ultraorthodoxen und Säkularen den Handlungsrahmen – beispielsweise, wenn eine arabisch aussehende Frau mit PLO-Schal von vermeintlichen israelischem Geheimdienstlern zum Sex gezwungen wird, um wieder auf freien Fuss zu kommen. Oder es geht um Haredim, die auf offener Straße von nichtreligiösen Frauen verführt werden. Wirklich professionell erscheinen diese Produktionen nur selten, Mikrofone sind sichtbar, manchmal stolpern Kameraleute unbeholfen durch das Set und die Stories wirken hanebüchen. Doch wie dieser Tage in der Tageszeitung „Yedioth Ahronot“ zu lesen war, stört das die meisten israelischen Konsumenten wenig. „Sie wollen nicht einfach nur schöne Leute sehen, die Sex haben. Man will die Akteure auch Hebräisch reden hören.“

In dem Artikel kommt ebenfalls einer der Stars der Industrie zu Wort, und zwar Dana Mor, die eigentlich Computerwissenschaft studiert hatte. „Irgendwann wurde mir klar, dass ich entweder Sekretärin werden oder für meinen Chef Kaffee kochen kann“, so die 26-Jährige. „Ich mag es aber lieber, Inhalte zu produzieren. Ich will mich zeigen können, kreativ sein, Regeln brechen und eine Botschaft vermitteln. Ich habe gelernt, dass die Leute mir zuhören, wenn ich provokativ bin.“ Zunächst eröffnete Dana ein Profil auf Pornhub, wo sie explizit ein israelisches Publikum ansprach. „Laut der Bewertungen der Seite, die auf Followers, Likes und Einnahmen basieren, war ich die erfolgreichste Pornodarstellerin Israels.“ Zusätzlich eröffnete sie ein sogenanntes OnlyFans-Account, auf dem sie gegen Gebühr sexuelle Inhalte veröffentlicht, darunter auch Videoclips von ihr beim Sex mit ihrem Partner. Gegen weitere Zahlungen bietet sie ferner personalisierte Privatshows an. Das scheint zu funktionieren. „Ich habe mir vor einiger Zeit eine Villa mit Pool gekauft“, berichtet sie. „Manche Mädchen kommen so auf 250.000 Schekel Einkünfte im Monat.“

Umgerechnet wären das mehr als 68.000 Euro. Doch die Zahl derer, die in dieser Liga spielen, dürfte an einer Hand abzuzählen sein. Die allermeisten Darsteller im Porno-Bereich verdienen pro Drehtag zwischen 1.000 und 2.000 Schekel, also irgendwas zwischen 270 und 340 Euro. Und sie betreiben das Ganze eher nebenberuflich. Vor allem jüngere Frauen und Männer wollen sich so das Studium finanzieren oder etwas leisten können, was mit einem israelischen Gehalt in den oftmals prekären Beschäftigungsverhältnissen für sie unerschwinglich wäre. Außerdem braucht man keine teure Technik, um Pornos zu produzieren. Manchmal reicht bereits das Smartphone. Und das Internet hat es ermöglicht, auf Content so einfach zurückzugreifen, dass selbst eine Pizzabestellung komplizierter zu sein scheint. Hinzu kam die Corona-Pandemie. In Quarantänezeiten wurde mehr auf entsprechenden Plattformen gesurft. Und viele Frauen, die in dieser Zeit ihren Job verloren hatten, standen plötzlich ohne Einkommen da und waren stundenlang in den eigenen vier Wänden eingesperrt, so dass es sehr verlockend sein konnte, auf diese Weise schnelles Geld zu verdienen. Sich selbst vor der Kamera auszuziehen ist zudem sicherer als die klassische Prostitution, wo man zwangsweise Menschen in der realen Welt begegnen muss. Genau das senkte bei manchen gewiss die Hemmschwelle.

Aber auch im Gay-Bereich haben sich Israelis einen Namen gemacht. „Bei mir ist alles hausgemacht, meine Filme sollen amateurhaft wirken“, brachte es in einer größeren Reportage über die Branche in der Tageszeitung „Haaretz“ ein Porno-Produzent vor einiger Zeit auf den Punkt, der sich einfach nur als Shay vorstellte und lieber anonym bleiben wollte. „Ich konkurriere erst gar nicht mit ausländischen Seiten, die Typen mit Bauchmuskeln zeigen, die wie eine Million Dollar aussehen.“ Kurzum, es dominiert in den israelischen Filmen eher der „Typ von Nebenan“, wobei die Tatsache, dass die Israelis aufgrund ihrer äußerst diversen Hintergründe vom blonden Russen-Boy über den mizrahischen Macho bis hin zum Äthiopier all das bieten können, was der Markt gerade verlangt. Die Branche kennt auch im schwulen Segment nur ganz wenige Stars. Einer davon war Jonathan Agassi, der im Jahr 2009 im Alter von 23 durch den Porno-Streifen „Men of Israel“ einen internationalen Bekanntheitsgrad erreicht, woraufhin eine steile Drogenkarriere folgte. Unter dem Titel „Jonathan Agassi Saved My Life“, gedreht von Tomer Heyman, entstand darüber sogar eine berührende Dokumention.

Möglichst „authentisch“ soll das Ganze ebenfalls sein, das jedenfalls betonen Produzenten wie Shay immer wieder. „Wenn ich schreibe, dass der Film im hippen Stadtteil Florentin gedreht wurde, jemand heterosexuell oder Araber ist – dann stimmt das alles auch“, behauptet er ferner. „All diese kleinen und einfachen Dinge vermitteln das Gefühl, dass der Film lokal ist.“ Früher drehte Shay hauptsächlich heterosexuelle Pornos, heute dagegen ausschließlich schwule. Angeblich hatte er irgendwann Bedenken wegen der Ausbeutung von Frauen durch die Porno-Industrie. „Plötzlich erfährt man, dass die Darstellerin eine alleinerziehende Mutter ist, die das nur wegen des Geldes macht – das hat mir nicht gefallen.“ Das mag glauben, wer mag.

Fakt aber ist, dass die Branche immer wieder Skandale produziert. Wie zum Beispiel im Sommer 2021, als ein Porno, der auf das Konto des ehemaligen Basketball-Spielers Gili Mossinson ging, eine offensichtlich geistig verwirrte Frau zeigte, die mit einem Dutzend Männern Oralsex praktizieren musste. Als das an die Öffentlichkeit kam, präsentierte Mossinson einen von der Darstellerin mitunterzeichneten Produktionsvertrag und behauptete, dass die Szenen im gegensätzlichen Einvernehmen gedreht wurden und die Frau sogar Spass dabei gehabt hätte. Gerichtlich dagegen vorzugehen wäre schwierig geworden. Denn gegen Gesetze verstößt Niemand, der in Israel einen Porno-Film mit mindestens 18 Jahre alten Darstellern dreht. Nur die Veröffentlichung solcher Inhalte kann zum Problem werden. 2014 hatte die Knesset das „Videogesetz“ verabschiedet. Dieses besagt, dass das Filmen und die Verbreitung von sexuellen Inhalten, die entweder ohne Zustimmung der gezeigten Person erfolgten oder aber auf ihre Demütigung abzielen, fortan als sexuelle Belästigung gelten. Selbst das Posten oder die Weitergabe von Material, das nicht selbst produziert wurde, kann bereits eine Straftat darstellen. Die Höchststrafe beträgt dann fünf Jahre Haft. Ein weiteres Delikt sind sogenannte Rachepornos. „Nachdem sich ein Paar getrennt hat, verbreitet der Mann intime Bilder, die seine ehemalige Partnerin während der Beziehung mit ihm geteilt hat“ skizziert Haim Wismonsky, Direktor der Cyber Unit der Staatsanwaltschaft dieses Problemfeld.

Für die Strafverteidigerin Shira Keidar, die Prostituierte vertritt, existiert dagegen eine klare Verbindung zwischen Pornografie und Prostitution. „Ich behaupte nicht, dass der Konsum von Pornos dasselbe ist wie die Bezahlung von Prostitution. Sehr wohl aber hat beides viel mit Ausbeutung zu tun.“ Selbstverständlich ist die Sache kompliziert. Auch will sie kein Verbot von Porno-Produktionen. Sie plädiert eher dafür, eine Art Gütesiegel ins Leben zu rufen. „Wir müssen ethische Pornos schaffen.“ Zum einen wünscht sie sich mehr Diskussionen über die problematischen Bereiche der Industrie, wie zum Beispiel die Ausbeutung und Gesundheitsrisiken. Andererseits soll eine paternalistische Herangehensweise gegenüber Frauen dabei vermieden werden.

Ein anderer Ansatz sind „Do-it-yourself-Pornos“, die ohne Produktionsfirma oder viel Kapital von den Darstellern selbst gedreht und eigenhändig vermarktet werden. Eine, die so agiert, ist Frau, die sich in dem „Haaretz“-Beitrag Nurit nennt. Sie habe aus finanzieller Not heraus mit dem Dreh von Pornos begonnen. „Ich muss heute nicht mehr arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, tue es aber trotzdem.“ Nurit schämt sich nicht für ihre Berufswahl. „Ich finde es schade, dass die Gesellschaft jeden, der mit Sex zu tun hat, gleich mit Sanktionen begegnen möchte.“ Für sie ist das heuchlerisch, weil fast jeder Pornos konsumiert. Außerdem kann sie über ihre Arbeitsbedingungen heute selbst bestimmen. „Früher habe ich als Kellnerin gearbeitet, aber ich fühlte mich wie eine Hure“, so ihr Fazit. „Jetzt, wo ich wirklich in der Sexindustrie arbeite, kann ich mir wenigstens erlauben zu leben.“

Bild oben: Aus dem Film „Jonathan Agassi saved my life“, einem Dokumentarfilm von Tomer Heyman über den aus Tel Aviv stammenden Pornodarsteller Jonathan Agassi