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Fluchtpunkte der Erinnerung

Der israelische Soziologe Natan Sznaider legt in „Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus“ seine Reflexionen über den aktuellen Streit zum Thema vor. Im Buch selbst argumentiert er eher essayistisch und feuilletonistisch und kommt erst spät zum inhaltlichen Kern, wobei seine differenzierte Erörterung von nachvollziehbaren Positionen besonders hervorsticht.

Von Armin Pfahl-Traughber

Über die bedeutsame Frage, was die angemessene Erinnerungsform gegenüber Holocaust und Kolonialismus ist, kam es zu einem bizarren Streit. Er fand in der Mbembe-Auseinandersetzung einen vorläufigen Höhenpunkt und eine Fortsetzung in diversen Monographien. Ein Beitrag zu dieser Kontroverse kommt jetzt von Natan Sznaider, der als Professor für Soziologie in Tel Aviv lehrt. In dem Band „Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus“ trägt er seine Reflexionen zum Thema vor. Ihm geht es darin um die moralischen Ansprüche, die sich mit den Narrativen dazu in der Öffentlichkeit, in der Politik und in der Wissenschaft verbinden. Dabei negiert der Autor das Postulat von Selbstverständlichkeiten, welche in einem demokratischen Diskurs immer wieder inhaltlich in Frage gestellt werden müssten. Es sollte die Frage gestellt werden, ob nicht beide Seiten von ihrem jeweiligen Standpunkt aus richtig liegen könnten. Wie später in seiner Darstellung und Kommentierung deutlich wird, geht es um differenzierte Auffassungen ohne verbale Unverbindlichkeiten. Indessen nähert sich Sznaider seinem Thema über Umwege, die sogar zwei Drittel des Textes ausmachen und zunächst einmal andere Wege einschlagen.

Denn der erste große Bereich des Buchs ist mit der Kapitelüberschrift „Leben in und mit der Unmöglichkeit“ überschrieben. Darin erinnert der Autor an diverse Intellektuelle und Wissenschaftler. Seine Betrachtungen beginnen mit Karl Mannheim und werden mit Hannah Arendt fortgesetzt. Dann folgt ein kurzes Doppelportrait von Frantz Fanon und Claude Lanzmann, worin sich die eigentliche Fragestellung zu Kolonialismus und Judenvernichtung als inhaltliches Zentrum ankündigt. Albert Memmi als Rassismusforscher ist danach noch ein gesondertes Thema. Und schließlich wird an Edward Said erinnert, gilt er doch für den Diskurs über „Postkolonialismus“ als geistiger Vater. Spätestens bei dem Autor von „Orientalismus“ hätte man sich aber doch ein paar kritische Untertöne gewünscht. Denn bekanntlich kritisierte Said das einseitige Orientbild im Westen, wobei er sich aber gegen das eine Stereotyp mit einem eigenen Stereotyp wandte. Diese Denkperspektive prägt auch den „post-kolonialen“ Diskurs und erklärt mit die vielen Missverständnisse und Polarisierungen. Man ist dann als Leser schon auf Seite 161 von 214 reinen Textseien angelangt. Und erst danach geht es um die gegenwärtige Debatte und das eigentliche Thema.

Deutlich werden dann auch die Interessen- und Konfliktlinien benannt: „Das kolonialistische Narrativ muss als Ziel die Dekolonisierung haben. Auf der anderen Seite sehen sich die Juden in Israel als in ihrem Land lebende Nation, sind ihrer Selbsteinschätzung nach Autochthone, auch wenn sie zugewandert sind. Für sie ist der Begriff der Dekolonisierung eine Kampfansage an ihr Leben und ihre Lebenswelten. Mehr als das, das Kolonialismusargument ignoriert auch die Verknüpfung des europäischen Antisemitismus mit dem Zionismus, was dann wieder zum Antisemitismusvorwurf gegenüber denjenigen führt, die den Zionismus als Kolonialbewegung sehen“ (S. 164). Damit ist für die Auseinandersetzung das inhaltliche Spannungsverhältnis gut beschrieben. Der Blick auf Israel –antikolonialistisch, kolonialistisch, postkolonialistisch – bildet demnach hier den ersten Themenschwerpunkt.  Danach geht es bezogen auf Deutschland um dessen (post-) koloniales Erbe. Der Autor veranschaulicht hier wie an anderen Stellen, dass eingeschränkte Erinnerungen angesichts von globalen Prozessen nicht mehr angemessen seien. Doch bleibt in der Bedeutung etwas unklar, was dies eben für die konkrete Erinnerung an den Holocaust bedeutet.

Jüdische Intellektuelle, so betont Sznaider durchgehend in seinem Text, hätten Optionen für ein universelles Verständnis aufgezeigt. Daran könnte seiner Auffassung nach auch in der heutigen Debatte angeknüpft werden. Es bedürfe eben eines doppelten Bewusstseins, das Antisemitismus und Rassismus gleichzeitig als menschliche Schrecken einschließe. So heißt es etwa: „Der Holocaust kann durchaus aus kolonialistischen Strukturen verstanden werden, aber gleichzeitig auch singulär sein. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Versuch, sich aus der Binarität des Denkens zu befreien“ (S. 209). Es heißt dann aber auch noch in die andere Richtung: „Die Ablehnung der Aufklärung, wie sie der Postkolonialismus am Ende einfordert, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein“ (S. 214). Das ist eine sehr treffende Anmerkung von Sznaider. Denn durch diese Auffassung erodiert die Grundlage für differenzierte Kontroversen. Genau für diese wird vom Autor geworben, was aber letztendlich auch das Problem ist. Bilanzierend betrachtet hat man es mit „Fluchtpunkte der Erinnerung“ mit beachtenswerten Reflexionen zum Thema zu tun. Durch ihre essayistische Darbietung geraten sie mitunter aber auch in das inhaltlich Unbestimmte und Wünschenswerte.

Natan Sznaider, Fluchtpunkte der Erinnerung. Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus, München 2022 (Carl Hanser-Verlag), 256 S., 24 Euro, Bestellen?