„Parallelwelt“ Oberbayern

Wer irgendwo neu ankommt, ist immer in einer besonderen Situation. Es mischen sich Vorkenntnisse, Einstellungen, alles was man mitbringt mit neuen Eindrücken und Realitäten. Bestimmend ist der Wunsch willkommen zu sein und Verhältnisse vorzufinden, unter denen grundlegende Lebensbedürfnisse erfüllt werden können. Dazu gehören u.a. tragfähige Kontakte, idealerweise in einer gemeinsamen Aktivität oder Zielsetzung. Ich kam 2019 nach Bayern, auf Umwegen, die hier unwichtig sind, mit einer gewissen Skepsis gegenüber den politischen Gegebenheiten und der Hoffnung, diese in meinem privaten Leben außen vor halten zu können. Das ist nicht gelungen.

Von Wilma Redlich

Nach 2 ½ Jahren ist mir klar: Im Alltagsleben herrscht hier – vom Tourismus abgesehen, der bringt ja Geld, da sind wir tolerant – die Mentalität einer geschlossenen Gesellschaft mit eher verdeckten Machtstrukturen. Und: strukturell, mental, hat hier, in dem Land, aus dem der Nationalsozialismus wesentlich hervorging, vieles davon in Teilen der Bevölkerung überlebt, bis heute: autoritäres, gelegentlich rüdes Herrenmenschengehabe, eine gewinn-orientierte Aneignungsmentalität, Ausgrenzungsbereitschaft, latente oder offene Feindseligkeit, ein hohes Aggressionspotential gegenüber „Zugezogenen“ (sofern diese sich erdreisten zu bayrischen Verhältnissen eine Meinung zu haben bzw. sie beurteilen und gar kritisieren zu wollen). „Mia san mia“ (ob das nun ausgesprochen wird oder nicht) dient als Grundeinstellung dazu jedes Argument für Veränderungen abzuweisen und die kulturelle Hegemonie eines rechtskonservativen Milieus zu erhalten.

Wie das im Detail funktioniert, sei an einem Beispiel aus einer oberbayrischen Gemeinde beschrieben. Der Name spielt keine Rolle – es geht ja nicht darum eine einzelne Gemeinde vorzuführen. Nennen wir sie einfach: GemeindeX . Ähnliches könnte auch in manchem anderen Ort vorkommen. So schätzen es zumindest viele Menschen ein, die sich in der Region gut auskennen.

Zur atmosphärischen Einstimmung: Friedhofsgespräch

Auf der Suche nach dem Grab eines Kriegsverbrechers, von dem ich wusste, dass er in der Gemeinde bis zu seinem Tod lebte, eine ältere Frau angesprochen. Sie kannte ihn nicht (später fand ich heraus, dass er hier nicht begraben wurde).

Ich: Ich suche das Grab von Herrn X. Können Sie mir da weiterhelfen?
Sie: Wer ist das denn?
Ich: Ich sage es ungern, aber das ist einer der größten Kriegsverbrecher aus der Zeit des Nationalsozialismus. Er hat hier gelebt.
Sie: Ach, das ist doch schon so lange her… Und was haben Sie damit zu tun?

Ich danke ihr und verabschiede mich höflich. Ende des Gesprächs. Alles ist damit gesagt.

Ein Steg und seine Widmung

Ich entdecke nach einiger Zeit, dass in der Nähe meiner Wohnung ein Steg über den Fluss, der den Ort durchzieht, seit Jahrzehnten einem ehemals führenden Nationalsozialisten gewidmet ist. Ich bin entsetzt und spreche den Bürgermeister auf eine Entwidmung an. Er sagt mir, dass er eine solche Initiative nicht unterstützen würde.

Ich nehme in dieser Angelegenheit Kontakt mit dem hiesigen Geschichtsverein auf. Man versichert mir Verständnis für mein Anliegen, klärt mich aber gleichzeitig darüber auf, dass es da begrenzte Möglichkeiten und einen erheblichen Druck gebe bestehende Verhältnisse akzeptieren zu müssen.
(O-Ton, ein Vorstandsmitglied: „Ich will ja hier noch leben können.“)Parallel einigt sich der GV mit dem Bürgermeister auf einen Kompromiss: Der Steg solle nicht mehr den Namen des Nationalsozialisten selbst tragen, sondern nur noch den der „Familie“. Mehr sei nicht drin.

Ich schreibe ein mir bekanntes Mitglied des Gemeinderates an.
Keine Antwort.
Ich schreibe ein zweites Mal, mit der Bitte um eine Stellungnahme.
Keine Antwort.

Ich stelle eine Anfrage an den Gemeinderat – zu den Verdiensten des betreffenden Nationalsozialisten um die Gemeinde und um ihre Meinung zu der Widmung des Stegs. Keine Antwort.

Ich spreche eine Geschäftsinhaberin, mit der ich bisher in freundlichem Kontakt war, auf den Steg an. Und ernte eine brüskierende Abfuhr. Sie signalisiert mir deutlich, dass sie in dieser Sache nicht gesprächsbereit sei, es sei auch „eine ganz reizende Familie“. Das finde ich, ohne sie zu kennen, auch, aber in einem etwas anderen Sinne: Wer seinem faschistischen Angehörigen, der sich ansonsten in keiner Weise um die Gemeinde verdient gemacht hat, (außer durch die Finanzierung dieses Stegs, der sein Andenken sichern soll), auf diese Weise posthum eine Ehrung zukommen lassen will, ist sicherlich „eine reizende Familie“.

Ich schreibe die hiesige SPD an (Oh ja, die gibt es!). Keine Antwort.

Ich nehme an der Verhandlung gegen Wolfram Kastner, den Aktionskünstler aus München, am Landgericht Traunstein teil. Er hat seit langem gegen das Jodl-Kenotaph auf der Fraueninsel einen Kampf geführt und wird wegen Sachbeschädigung verurteilt. Dort lerne ich auch das Ehepaar Gottschalk kennen, das bundesweit in der Bekämpfung des Antisemitismus aktiv ist. Sie unterstützen mein Bestreben den bereits genannten Steg zu entwidmen durch einen Petitionsantrag an den Bürgermeister.
Außerhalb der Gemeinde erhalte ich Unterstützung – in der Gemeinde selbst hat es offensichtlich Jahrzehnte niemanden gestört, dass die Familie dieses überzeugten Nationalsozialisten, zudem eines Faschisten der ersten Stunde (Hitlerputsch 1923), ihm ein ehrendes Andenken verschaffen wollte.

Ich schreibe an den Bürgermeister und baue über Kontakte zu Antifaschisten in der Umgebung Druck auf. Ein Mitglied des Bezirksrats Oberbayern, Prof. Dr. Klaus Weber, wendet sich auf meine Bitte mit einem Schreiben an ihn. Besonders scheint dem Bürgermeister Sorge zu bereiten, dass ich Wolfram Kastner kenne, den Aktionskünstler aus München. Nein, so etwas wie das Aufsehen um das Jodl-Kenotaph auf der Fraueninsel finde er furchtbar. Ich finde es eher furchtbar, dass Jodl, einem der Hauptkriegsverbrecher und in den Nürnberger Prozessen zum Tode Verurteilten, in Bayern noch eine Art Ehrendenkmal gewidmet ist.

Überraschend kommt es dann doch nach einer Weile dazu, dass die Widmung des Stegs in der Gemeinde X für besagten Nationalsozialisten aufgehoben wird. Ein kleiner Erfolg, auch ohne die Unterstützung durch den Geschichtsverein. Offensichtlich ist dem Bürgermeister klar geworden, dass das nicht zu halten ist. Immerhin. Was ich heute auch weiß: Diese Widmung ist vor Jahrzehnten ohne irgendeine Gremienbeteiligung zustande gekommen, im Bayrischen Straßen- und Wegeverzeichnis existiert sie offiziell gar nicht – so das Landratsamt Rosenheim.

Ich nehme Kontakt auf zu einer Doktorandin, die mittlerweile nicht mehr in der Gemeinde lebt. Sie arbeitet an einer Dissertation über die Ausgrenzungsmechanismen hier während des Nationalsozialismus. Sie berichtet, dass sie anonyme Zuschriften erhalten habe, Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei und sich daraus eine Schreibblockade ergeben hätte, die es ihr unmöglich gemacht hätte, hier weiter zu leben. Auch der Geschichtsverein habe sie in ihrer Arbeit nicht unterstützt.

Ich finde in der Chronik der Gemeinde Ausführungen über einen weiteren führenden Nationalsozialisten, Generalstabschef der Wehrmacht, verantwortlich für die Ermordung vieler sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten, verantwortlich für die Legende von der „sauberen Wehrmacht“, die durch die Wehrmachtsausstellung ab 1995 eindeutig widerlegt wurde. Einer der größten Kriegsverbrecher, die der deutsche Faschismus hervorgebracht hat, wird dort als „grundanständiger Charakter“ bezeichnet, der zu einer geradezu tragischen Opferfigur in den Auseinandersetzungen unter den Nazis stilisiert wird. Ich konfrontiere den Geschichtsverein mit dieser „Parallelgeschichtsschreibung“. Ja, das sei wohl so gewesen damals (1999!), dafür sei ein gewisser Herr XY verantwortlich gewesen. Mehr kommt nicht.
Kein Wort über eine evtl. Korrektur.

Ich schreibe die fachliche Beraterin, eine Historikerin, in dieser Angelegenheit an und bringe meine Irritation über die beschönigend-wohlwollende Würdigung dieses in der Gemeindechronik als „Offizier“ geführten Nationalsozialisten zum Ausdruck. Im Raume steht natürlich die Frage, wie sie als fachliche Beraterin das zulassen konnte. Immerhin erhalte ich dort das Zugeständnis, dass das so nicht in Ordnung sei und dass ihr das heute nicht mehr passieren würde. Sie schlägt vor, ich solle für den GV einen Artikel schreiben, der dieses Geschichtsbild korrigiere. Ob der GV daran interessiert ist, bezweifle ich sehr. Es wird sich zeigen.

Man könnte sich nun erstaunt die Augen reiben und sich fragen: In was für einem Land leben wir eigentlich, im Jahre 2021?

War da nicht etwas gewesen, das den Namen „Entnazifizierung“ trug? Gibt es nicht über die NS-Zeit einen mühsam erarbeiteten gesellschaftlichen Konsens? Ist die Arbeit von Historikern so an Teilen der deutschen Bevölkerung vorbeigegangen?

Das Fazit, das sich nach solchen Erfahrungen und nach meinen Informationen über ähnliche Strukturen an anderen Orten aufdrängt, ist bedrückend:

Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in dieser Region ist ein Tabu, das mit hoher Aggression als solches verteidigt wird.

Der große bayrische Übervater Franz Josef Strauß hat dazu bereits 1969 markige und wegweisende Worte gefunden: „Ein Volk, das solche wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat, hat das Recht, von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen.“ Damit ist alles gesagt, daran hält man sich hier.

Immer wieder stoße ich in Alltagserlebnissen auf Verhaltensweisen, die mir aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen: humorlose Strenge, Betonung einer vorgegebenen „Ordnung“, Abgeschottetheit, Blockwartmentalität.

Stig Dagerman, ein schwedischer Journalist, hat 1946 Deutschland, auch Bayern, bereist, sein Reisebericht wurde kürzlich neu aufgelegt („Deutscher Herbst“). Was er vorfand, nannte er „ein kaltherziges und brutales Land“. Der konkrete Bezug ist die Ausweisung von Evakuierten aus Bayern zurück ins Ruhrgebiet, das damals praktisch unbewohnbar war.

Natürlich ist das heutige Bayern nicht mehr das Land, das Dagerman 1946 vorfand. Mental aber drängen sich auch heute der/dem Zugezogenen, mit historisch bewusstem und kritischem Blick von außen Kommenden immer noch Parallelen auf.

Vielleicht braucht diese Region mehr mutige, gut vernetzte Menschen, die sich furchtlos dafür einsetzen, dass zumindest der Geist des Grundgesetzes und der Bayrischen Verfassung gelebt wird. Damit wäre schon viel erreicht.

Bild: Das Jodel-Grab auf der Fraueninsel im Chiemsee, (c) Zenwort / CC BY 3.0

Ein Kommentar zu “„Parallelwelt“ Oberbayern

  1. Tja, was soll man dazu sagen!?

    Nun, wir Bayern sind halt so. Außadem kenna mia doch nix dafia…

    Denn, dass der Nationalsozialismus bei uns entstanden ist, hielten die meisten populären Geschichtsbücher, die seit 1945 bei uns veröffentlicht wurden, für nicht besonders mitteilenswert; auch sonst wurde dieser Sachverhalt in der bayerischen Öffentlichkeit nicht publikumswirksam diskutiert. Es bedurfte da durchaus der Aufklärung auf einer freien Plattform wie dieser hier. https://www.hagalil.com/2016/09/bayern-5/

    Muss es da wundern, wenn der Durchschnittsbayer sich auf die Zehenspitzen getreten fühlt, wenn er mit sowas Scheußlichem wie der NS-Vergangenheit oder gar bayerischer Schuld konfrontiert wird?
    Bei uns hält sich doch immer noch mehrheitlich folgendes Weltbild:
    „Des mit dene Judn, des warn mia Bayan ja ned, des war da Östareicha Hitla und sane Breissn vo da SS, mia Bayan san unschuidi!“

    Schuld an diesen in der Tat beklagenswerten Verhältnissen sind unsere Kultusminister und die dazugehörige Regierung!
    Wir Bayern sind schon immer guade Untertanen gewesen und haben das geglaubt, was uns der Herr Pfarrer oder der Landesherr oder der Herr Wachtmeister gsagt ham. Nachg’fragt oder in Frage g’stellt, was uns unsere Audoridäten vorsetzten, hätte Rebellion bedeut’t und wär‘ schwer bestraft worden. (Deswegen schauen wir Bayern auch so ungern in Geschichtsbücher von fremden Autoren!)

    Im übrigen, Frau Redlich, Sie hätten ruhig den Ort und die Verantwortlichen nennen können!
    Sowas Ähnliches hatten wir hier auf haGalil nämlich schon, vor paar Jahren. Damals ging es um unsane depperten Deggendorfer, die bis 2012 alljährlich mit Blaskapelle, Pfarrer und Bürgermeister ihre SSler als Helden g’feiert ham. Erst nach einem Beitrag auf dieser Plattform, der Ort und Zuständige benannte, wurde die Tafel für den SS-Mann entfernt und aus dem „Heldenhain“ ein „Gefallenenhain“ gemacht.
    https://www.hagalil.com/2013/07/deggendorf-15/

    Wir Menschen in Bayern lieben Direktheit und die sollten wir auch bekommen.

    Viele anständige Menschen allerdings haben Bayern den Rücken gekehrt. Ich denke da zuerst an den Journalisten und Autor diverser populärer Bayernbücher, Teja Fiedler. (Ja, freilich, an den Einstein denk‘ ich da auch.)
    https://www.piper.de/autoren/teja-fiedler-1291
    Von Fiedler stammt auch eine ehrliche Bayerngeschichte. Wahrscheinlich haben wir Bayern ihm danach arg zugesetzt, denn er zog bald danach weg, ins ferne Hamburg.

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