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Mehr als 2 Seiten

Ein lesenswerter Comic über eine Israelreise einer Berliner Schule

Von Roland Kaufhold

Vor zwei Jahren reiste eine Schülergruppe der Berliner Rütli-Gemeinschaftsschule nach Israel und Palästina. Die Schüler, deren Schule vor einigen Jahren medial  noch als „Problemschule“ skandalisiert wurde, stammten aus zahlreichen Ländern, darunter auch aus mehreren arabischen Ländern sowie aus der Türkei.

Ermöglicht wurde die Klassenreise durch ihren Lehrer Mehmet Can und Jamina Diel. Die Reise mit ihren verwirrend widersprüchlichen Erfahrungen und Begegnungen blieb im Gedächtnis der Schüler mit ihren so ganz unterschiedlichen familiären Prägungen. „Nie zuvor habe ich SchülerInnen mit größerer Begeisterung von einer Projektfahrt berichten hören!“, versichert die Schulleiterin der Gemeinschaftsschule, Cordula Heckmann.

Ermutigt durch ihre positiven Erfahrungen setzten sich Mehmet Can und Jamina Diel mit dem Graphiker Mathis Eckelmann und einigen Schülerinnen zusammen und verfassten einen pädagogischen Graphik Novel Comic für Jugendliche, betitelt mit Mehr als 2 Seiten. Eine Reise von Neukölln nach Israel und die palästinensischen Gebiete – ein tolles, lebendiges Werk.

Narges, Heba und Ranya sind die Protagonisten des gemeinsam erstellten Heftes, die ihre widersprüchliche Erfahrungen nacherzählen, vor dem Hintergrund ihrer anfänglichen Skepsis. Dass der „Nahostkonflikt“ eine eminent pädagogische Herausforderung an Lehrer stellt, ist offenkundig: Via Satellit und Internet wird der sogenannte „Nahostkonflikt“ in alle bundesdeutschen Wohnzimmer ausgestrahlt. Jüdische Kinder müssen zunehmend, aufgrund realer und nicht aufgearbeiteter antisemitischer Beleidigungen, Zuflucht in jüdische Schulen suchen.

Narges, Ranya und Heba haben ihre Erfahrungen während ihrer fünftägigen Reise nach Israel produktiv verarbeitet, ihre Sicht auf die Welt hat sich differenziert, sie haben ihre vorgefertigten Bilder im Kopf korrigiert: „Es gibt einen Konflikt und immer wieder Ungerechtigkeiten. Aber es gibt auch ein Neben- und Miteinander der Menschen mit ihren verschiedenen Interessen, Religionen und Herkünfte“ schreiben sie in ihrem Begleittext zum Comic.

Der Comic selbst ist, mit seiner lebendigen Visualisierung von Erfahrungen während der Reise, pädagogisch strukturiert. Er hat sechs Kapitel, die jeweils durch weiterführende Fragen ergänzt werden. „Aufregung“: Die 18-jährige Narges kommt aus Afghanistan, die 17-jährige Heba mag Basketball und Ballett. Aufgewachsen ist sie in Syrien „wo ich bis vor drei Jahren gelebt“ hat.

Sie beschreiben im Comic ihre Alltagserfahrungen, aber natürlich auch ihre widersprüchlichen, sie teils verwirrenden Erfahrungen während ihrer Israelreise: „Nach ein paar Tagen gehe ich im Toten Meer baden! Wobei: Irgendwie auch komisch, da schwimmen zu gehen, wenn es drumherum so viel Gewalt gibt“, erzählt Narges im Comic – und formuliert hierbei ihre Erwartungen und Sorgen vor der Reise. Im weiteren Verlauf wird dann deutlich, dass ihre anfängliche Besorgnis weitgehend unbegründet war: Narges und ihre MitschülerInnen machen während der Reise einen Lernprozess durch. Sie erfahren und erkennen nun, dass es im demokratischen Staat Israel, im Kontrast zu den hiesigen medialen Schlagzeilen und Übertreibungen, vor allem auch ein Neben- und Miteiander gibt. Der Konflikt existiert, aber jede Gesellschaft hat ihre Konflikte, mit denen sie lernen muss umzugehen. In Israel gelingt dies erstaunlich gut.

Ein kurzer Text im Heft skizziert die „Ursprünge des Konflikts“ seit den Anfängen des 1948 beschlossenen Teilungsplanes. Mehr als 70 Jahre später gilt Berlin „in Israel als sehr cool und viele junge Israelis möchten gerne für ein paar Jahre oder sogar für immer hier leben“ heißt es eine Seite weiter. Es folgen im Heft Ideen zum „…(nach)forschen, …(nachdenken) und „…(nach)machen.“ Weitere Szenen des lebendig verfassten Heftes handeln von Israel 1948, Palästina 1994 und von der Frage, warum Jerusalem für viele Religionen so wichtig ist.

Die Protagonisten des Heftes beschreiben ihre Wahrnehmungen angesichts der erlebten Vielfalt in Israel, sie sprechen über die Situation der arabischen Israelis sowie auch über die Shoah: „Wir sind hier im „Tal der Gemeinden“, das ist einer der Gedenkorte hier in Yad Vashem. Hier stehen alle Namen der Städte, in denen Jüdinnen und Juden verfolgt wurden. Auch “Berlin““, heißt es im Comic.

Abgeschlossen wird das Heft durch Nachworte der drei Schülerinnen, sowie von Deborah Hartmann von der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee Konferenz“, von der Schulleiterin Cordula Heckmann und den Verfassern Can, Diel und Eckelmann. Sie beschreiben den Entstehungsprozess des gelungenen Heftes, ihren Versuch „unterschiedliche Wahrheiten in (wenigen) Bildern darzustellen“ und dies alles optisch ansprechend zu gestalten. Auf der Rückseite des Heftes findet sich eine persönliche Erinnerung von Anetta Kahane zu dem Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“, in dem sie sich von dem vorliegenden Comic beeindruckt zeigt.

Mehmet Can, Jamina Diel und Mathis Eckelmann: Mehr als 2 Seiten. Eine Reise von Neukölln nach Israel und in die palästinensischen Gebiete, 66 Seiten.

Der Comic steht zwar kostenlos zur Verfügung, dennoch sind die Herausgeber zur Finanzierung auf die Portokosten sowie auf Spenden angewiesen. Die digitale Version des Comics kann hier heruntergeladen werden.

Mehr zum Projekt unter: www.mehrals2seiten.de