„Das Einzige, worüber sie sprach, war ihr Überleben“

Ein Gespräch mit Diti Ronen, Dichterin und Publizistin, Dozentin für Politische Kultur und Kunstmanagement, und Tochter einer Schoah-Überlebenden. Mit ihrem neuen Buch „So als ob niemals es gegeben hier“ begab sie sich auf eine Reise ihrer eigenen Familiengeschichte und erzählt die Geschichte dreier Generationen, die durch das Schicksal der Schoah bestimmt werden.

Interview: G. Wedel

Diti, Deine Mutter war in Auschwitz, in Stutthof und zwei weiteren Lagern. Konnte Deine Mutter über ihre schlimmen Erlebnisse im Holocaust reden?

Diti R.: Meine Mutter wollte nie über ihr Leben während des Holocausts sprechen. Dies waren die dunkelsten Tage ihres Lebens, auch die dunkelsten Tage der Menschheit, die sie später als in der Hölle bezeichnete, und sie zog es vor, diese Zeit zu vergessen. Sie musste sich vor ihren Erinnerungen schützen. Sie zog es vor, nicht darüber zu sprechen, sich nicht daran zu erinnern. Sie versuchte, diese schrecklichen Tage auszulöschen. Aber kann man seine Vergangenheit löschen? Das Einzige, worüber sie sprach, wenn wir sie baten, war ihr Überleben. Sie erinnerte sich lieber an die gute Freundschaft zwischen den „Fünf Prinzessinnen“, so wurde sie mit ihren Freundinnen von den Deutschen genannt. Sie sagte, dass keiner von ihnen ohne diese Freundschaft jemals hätte überleben können. Und sie erzählte uns manchmal von den wenigen Momenten der Hoffnung, die sie dort hatte.

Auf welchen Wegen ist es gelungen, mehr über ihr persönliches Leben zu erfahren?

Diti R.: „Wir waren jedes Jahr am Abend des israelischen Holocaust-Gedenktages bei ihr, es ist ein anderes Datum als der Internationale Gedenktag. Es war ein sehr schwieriger Abend, denn alles, was man hören konnte, war der Holocaust. Wir wussten, dass sie keine Bilder, Fotos oder politischen Gespräche darüber hören oder sehen wollte. So war es eine Regel, einfach bei ihr zu sein. Wir baten sie immer, unsere Lieblingsgerichte zuzubereiten, damit sie viel Arbeit hatte und nicht damit beschäftigt war, über den Tag nachzudenken. Als ganze Familie versammelten wir uns. Am Anfang nur wir drei, ihre Kinder, dann mit unseren Ehepartnern, dann mit unseren Kindern. Nur Enkelkinder, die das Alter von Bar Mizwa oder Bat Mizwa erreichten, durften an diesem Abend zu ihr nach Hause kommen; (das heißt im Judentum eine Mündigkeit bei Mädchen von 12 und bei Jungen von 13 Jahren). Als sie alt wurde, reduzierten wir das Alter der Kinder, damit auch sie diese Begegnungen miterlebten. Wir aßen und tranken und lachten und redeten über alles auf der Welt, aber nicht über den Holocaust. Bis spät in der Nacht, wenn sie aus der Küche kam und sich zu uns ins Wohnzimmer gesellte. Und dann würden wir sie bitten, uns etwas darüber zu erzählen, was sie im Holocaust durchgemacht hat. In diesen Familientreffen sprach sie immer nur darüber, wie sie gerettet wurde. Sie sprach über die Bedeutung der Freundschaft, des Teilens mit anderen, des Nachdenkens und Liebens und erzählte uns beispielhaft von Ereignissen, die diese Ideen demonstrieren und veranschaulichen. Wir respektierten immer ihre Entscheidungen darüber, was sie uns sagen und was sie uns nicht sagen wollte. Wir liebten, was sie erzählte, und wagten nicht zu fragen was sie nicht erzählte. Unabhängig von Holocaust-Gedenktagen berichtete sie uns immer gerne von ihren guten Erinnerungen an ihre Kindheit und von ihrem Leben in Oradea (ungarisch Nagyvarad) vor dem Holocaust. Diese Geschichten waren für uns, ihre Kinder, sehr wichtig, da sie eine Verbindung zu ihr und durch sie zu unserer Großmutter und unserem Großvater vermittelten, die wir nie hatten“.

Wie sensibel bist Du vorgegangen, um das erste Buch in Hebräisch, nur für die Familie und Freunde zu schreiben, die Grundlage für Dein neues Buch? Kannst Du schildern wie es mit Deinen niedergeschriebenen Texten und der Mutter weiter ging?

Diti R.: „Ich dachte, dass diese Geschichten aus ihrer Kindheit, die uns mit unseren eigenen Wurzeln verbanden, die wir nie kannten, sehr wichtig waren. Ich wollte sie schreiben, um diese Geschichten zu dokumentieren, damit es eine Art Erbe gibt, das wir den kommenden Generationen weitergeben können. Ich bat sie, mir davon zu erzählen. Am Anfang war sie aufgeregt und wusste nicht, wie sie ihre Lebensgeschichte organisieren sollte. Dann kam mir die Idee, ein paar aussagekräftige Fotos aus ihrer Kindheit zu sammeln und die Geschichten um diese Fotos zu schreiben. Sie stimmte sofort zu. Wir beschlossen uns jeden Schabbat Morgen früh zu treffen, gemeinsam zu frühstücken und uns dann hinzusetzen und zu arbeiten. Wir begannen damit, alle Fotos durchzusehen, die in einer Schublade im Wohnzimmer aufbewahrt waren. Diese Fotos wurden von ihrer Mutter Judit, (die drei Tage nach der Ankunft in Auschwitz verstarb), per Post an ihre Mutter Rosa Goldstein (Rosenzweig) geschickt. Rosa war die Lieblingsgroßmutter meiner Mutter, und sie nannte sie „Savta Pipike“, (Savta heißt auf Hebräisch Großmutter). Rosa Goldstein verließ Nagyvarad 1934 und lebte in Jerusalem.  Sie hat diese Briefe mit den Fotos ihrer Töchter und ihrer Enkelkinder aufbewahrt und sie meiner Mutter nach dem Krieg geschenkt. So habe ich das Buch geschrieben. Anfangs haben wir ein leckeres Frühstück gegessen, das meine Mutter zubereitet hat, und uns dann an die Arbeit gesetzt. Zuerst durch die Auswahl der richtigen Fotos und später durch das darüber Reden. Ich öffnete meinen Computer direkt am selben Esstisch und bat sie, aus der Küche zu mir zu kommen und sich zu mir zu setzen, um unsere Arbeit fortzusetzen. Meine Mutter liebte die Idee und die Arbeit. Ich denke, sie hat verstanden, wie wichtig es für die kommenden Generationen ist, aber sie erinnerte sich auch gerne an ihre schöne Kindheit damals noch in Ungarn. Als wir mit der Arbeit an ihrer Geschichte fertig waren, habe ich sie bearbeitet und meiner Tochter Yael Keshales, eine Designerin gebeten, aus diesen Geschichten und den Fotos ein wunderschönes Buch zu erstellen. Es war alles auf Hebräisch geschrieben und gedruckt. Am 82. Geburtstag meiner Mutter feierten wir ihren Geburtstag und ihr Buch und damit auch ihr Leben. Wir luden alle ihre Freunde und Familie ein, insgesamt mehr als 120 Personen zu einer Dinnerparty in unseren großen und schönen Garten. Wir stellten 200 Exemplare des schönen Buches auf einen Ständer direkt am Eingang, damit jeder Gast eine Kopie nehmen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits sehr krank, und es war tatsächlich der letzte Geburtstag meiner Mutter. Sie starb einige Monate später“.

In welchem Alter hast Du angefangen, die Geschichten aufzuschreiben und wie ist dieses Buch entstanden?

Diti R.: „Ich war 50, als ich dieses Buch schrieb. Yael Keshales, meine Tochter, kümmerte sich um das Scannen der Fotos, die Gestaltung des Buches und den Druck. Wir haben alle darauf geachtet, dass es von seiner besten Seite herauskommt. Und in der Tat ist das Buch sehr schön und sehr ansprechend“.

Wie kam es dazu, Dich persönlich auf eine Spurensuche Deiner eigenen Familiengeschichte zu begeben, was hat Dich innerlich dazu bewegt?

Diti R.: „Ich musste den Hintergrund meiner Familie kennen, damit ich meinen eigenen Hintergrund kenne. Ich bin ohne Onkel, Tante, Großmutter oder Großvater aufgewachsen. Meine Muttersprache war Hebräisch, im Gegensatz zu meiner Mutter. Als Kind weiß man, wenn man etwas vermisst, und ich hatte immer das Gefühl, dass ich meine Vergangenheit, meine Geschichte vermisse. Jedes Neugeborene hat eine Geschichte. Die Geschichte seiner Eltern und seiner Großeltern, die Geschichte seiner Gemeinschaft und seiner Nation, die Geschichte des Landes, aus dem sie alle kamen. Ich glaube, dass die Gegenwart ein Wimpernschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Ich musste meine eigene Geschichte kennen, um meine Zukunft aufzubauen“.

Diti, kommen beide Elternteile aus Oradea, oder woher kommt Dein Vater? War auch er in einem Konzentrationslager?

Diti R: „Mein Vater ist in Budapest geboren und aufgewachsen, meine Mutter in Oradea. Sie waren weit-entfernt Verwandte. Meine Urgroßmutter mütterlicherseits, Savta Pipike, (die meine Mutter begrüßte, als sie nach dem Holocaust nach Israel kam), kannte meinen Urgroßvater väterlicherseits persönlich. Sie waren Cousins und teilten einige Kindheitserinnerungen. Also war es meine Urgroßmutter, Savta Pipike, die meinen Vater meiner Mutter vorstellte. Mein Vater kam 1936 als Student an die Hebräische Universität nach Jerusalem. 1939 verließ er die Universität, um sich der jüdischen Brigade der britischen Armee anzuschließen. Die Eltern meines Vaters und seine Schwestern waren noch in Budapest. Mein Vater war um ihr Leben besorgt. Sie durften auf dem Gelände der schwedischen Botschaft durch Raoul Wallenberg Unterschlupf finden, litten aber unter Hunger und Angst. Meine Großmutter sah arisch aus, so ging sie von Zeit zu Zeit aus dem Unterschlupf heraus und trug eine Halskette mit einem Kreuz, um ihrer Familie etwas zu essen zu bringen. Während des Krieges kämpfte mein Vater an vielen Fronten. Er wurde Offizier und war ein sehr engagierter Soldat. Am Ende des Krieges kehrte er nach Budapest zurück, um seine Eltern und Schwestern zu besuchen. Anschließend flog er nach London, um sein Studium abzuschließen, und kehrte nach Israel zurück, um beim Aufbau der israelischen Armee zu helfen. Die Eltern und Schwestern meines Vaters kamen erst 1949 nach Israel. Seine Eltern waren zu alt und müde. Der Krieg brach ihren Geist. Sie lernten nie Hebräisch und integrierten sich nicht in Israel. Die Anstrengungen überlebten sie nicht und starben wenige Jahre nach ihrer Ankunft“.

Diti Ronens Eltern waren beide Zionisten. Ditis Mutter sprach mehrere Sprachen. Schon vor der Deportation erlernte sie in Ungarn die hebräische Sprache. Auch der Vater sprach mehrere Sprachen, darunter fließend Hebräisch.

1995 besuchte Mutter und Tochter ihr ehemaliges Haus in Oradea.

Oradea gehört heute zu Rumänien und liegt etwa 13 km von der ungarischen Grenze entfernt. 1940 war es Ungarn. Viele ungarische jüdische Einwohner prägten damals das Stadtbild und trugen zu einem guten wirtschaftlichen Aufschwung mit bei. Die Familie besaß eine Manufaktur und Geschäfte für Herren- und Damenkorsetts. Die Stadt war eine Grenzstadt, in der sogar die Soldaten Männerkorsetts trugen. Auch in diesen Tagen ist Oradea noch immer eine sehr schöne Stadt.

Diti, wer hat dieses Haus erbaut und bewohnt?

Diti R.: „Das Haus in Oradea wurde 1910 von meiner Urgroßmutter Rahel Rosa Rosenzweig (Savta Pipike) gebaut. Sie heiratete später meinen Urgroßvater Salomon Goldstein und war die Großmutter meiner Mutter. Meine Mutter liebte sie sehr und verbrachte viel Zeit mit ihr. Die Fabrik und die Geschäfte und Läden wurden von meiner Urgroßmutter gegründet und geführt. Einer der Läden, die sie hatte, befand sich im Erdgeschoss des Hauses, das sie baute. Sie plante das Haus nach ihren Bedürfnissen und Träumen, um zu der großen Familie zu passen, die sie sich vorstellte. Tatsächlich hatte sie acht Kinder. Das Haus ist sehr groß mit vielen Zimmern, die sich auf drei Etagen verteilen. Im Familienflügel des Hauses war der erste Stock nur für die große Küche vorgesehen. Die Familie lebte im zweiten und dritten Stock. In der Mitte des langen, breiten Hauses befand sich ein offener Raum. Es war geplant, eine Sukka (Laubhütte) zu bauen, damit die Familie dort im Innenhof Sukkot-Feiertage feiern konnte. Das Haus hat einige jüdische Symbole, wie den Davidsstern in seinen Toren und ein Stein aus Jerusalem, der in die Türschwelle eingelassen wurde.“

Selbst nach dem Tod der Mutter finden sich immer weitere kleine Puzzlesteine. Vor ein paar Jahren besuchte Diti R. das Konzentrationslager Stutthof, dort wurde die Mutter ebenfalls gefangen gehalten. Stutthof besaß viele Außenlager und liegt knapp 40 km von Danzig entfernt. Erst vor kurzem fand man in den dortigen Lagerunterlagen eine Liste mit dem Datum der Aufnahme der Mutter. Aber das Geburtsdatum war anders. Statt 1924, wie es bekannt war, stand dort 1922. Zwei Jahre eines Lebens, das die Mutter offenbar komplett auslöschen wollte. Diti R. erinnerte sich an Worte der Mutter: „Wenn man in der Hölle ist, ist man wie betäubt und jeder Tag kann der Letzte sein. In solch einem Zustand kümmert man sich nicht um Ort und Zeit. All dies hat keine Bedeutung, es geht nur ums Überleben!“.

Vielen Dank an Dr. Diti Ronen für dieses feinfühlige Mithineinnehmen der Gespräche, und der Entstehung des Buches.

Foto: Aya Ben Ezri / Umschlaggestaltung Yael Keshales, © Diti Ronen