- haGalil - https://www.hagalil.com -

Der Klaviervirtuose Chico Marx (1887-1961)

Die meisterhafte Beherrschung des Pianos war nur eines seiner vielen Talente. Er besaß auch noch anerkannte Komikerqualitäten, war ein patenter Manager und hat sich vorbildlich um seine Familie gekümmert. Bekannt wurde er vor allem durch die „Marx Brothers“-Filme, in denen er mit seinen Brüdern Groucho, Harpo und Zeppo auftrat und die heute Kultstatus besitzen. Mit Blicken auf seinen Lebensweg, seine Zeit, seine Rezeption in Deutschland und sein Klavierspiel, das heute noch Profis wie Amateure inspiriert, soll an ihn erinnert werden.

Von Robert Schlickewitz

Dass jemand, dem der schöne Namen Leonard verliehen wurde, später mal Wert darauf legt, Chico genannt zu werden, verwundert auf den ersten Blick. Um es nachzuvollziehen, muss man wissen, dass damit eine gewisse Leidenschaft und sehr individuelle Erlebnisse verbunden sind.

Zur Welt kam Leonard Joseph Marx am 22. März 1887 in New York, als zweitältester Sohn seiner Eltern, nachdem der Erstgeborene kurz nach der Geburt verstorben war. Leonards Familie, präziser, seine Großeltern, waren mit deren Kindern ab etwa 1880 in die Vereinigten Staaten eingewandert.

Leonard-Chicos Familie musste häufig umziehen und lebte dann einige Zeit in Yorkville in der New Yorker Upper East Side, einem Viertel, das zwischen dem irisch-deutschen und dem italienischen Viertel lag.

Der hier Beschriebene war nicht nur das älteste seiner Geschwister, sondern auch der erklärte Liebling seiner Mutter. Aus dieser Position heraus baute er ein starkes Selbstbewusstsein und eine gewisse Rücksichtslosigkeit im Umgang mit Nichtfamilienmitgliedern auf. Zur weiteren Erläuterung, der Kampf ums Überleben in der amerikanischen Metropole um das Jahr 1900 und noch danach war hart, angesichts eines gleichsam nichtexistenten Sozialsystems, angesichts arbeitnehmerfeindlicher Regelungen und angesichts eines durch die laufende Einwanderung hohen Konkurrenzaufkommens in sämtlichen Bereichen des Erwerbsleben. Diese, die äußere wie innere Anspannung fördernden, Umstände waren es, die beim heranwachsenden Leonard Marx die Herausbildung zweier Leidenschaften begünstigten, die ihn nahezu bis an sein Lebensende begleiten sollten, Glücksspiel und Sex.

Die präfeministische Bezeichnung für Frauen im Slang der amerikanischen Großstadt war „Hühnchen“ – „chick“ – und daher erklärt sich auch Leonards Spitznamen, auf den er stolz war und der später zu seinem, sozusagen, Markennamen wurde.

Die Marx-Brüder erlebten sowohl in ihren Eltern als auch in ihren Großeltern Vorbilder, die sich eher nicht in sogenannten Normalberufen, ihren Lebensunterhalt verdienten, sondern im Kleinkunst- und Varietémilieu.

Nachdem Vater Marx als Tanzlehrer und Gelegenheitsschneider offensichtlich für einen Familienernährer zu wenig Engagement aufgebracht hatte, ergriff Mutter Marx die geschäftliche Initiative und ließ mit beträchtlichem Verhandlungsgeschick ihre vier Söhne mehrere Jahre über in Matrosenanzügen als Gesangsgruppe „The Three Nightingales“, später „The Four Nightingales“, auftreten. Hinzu traten Gelegenheitsjobs der Brüder, im Falle Chicos zum Beispiel tagsüber als Rettungsschwimmer und abends als Klavierspieler in einem Hotel.

Später war es Chico, der den Brüdern die Gelegenheit zu ersten besser bezahlten Auftritten im Varieté vermittelte und der zudem allmählich in die Rolle des Managers der Gruppe hineinwuchs. Er kannte die Begabungen seiner Geschwister am besten und dirigierte einen jeden an den Platz, an dem er sich am besten verwirklichen konnte. Chico gelang es auch, das Brüderquartett dem Starproduzenten Irving Thalberg (1899-1936) vorzustellen, was mit der Zeit zum Durchbruch auf der Bühne, in Radio-Shows und im neuen Medium Film führen sollte.

Für seine Auftritte hatte sich Chico eine Rolle angeeignet, die er bis zu seinem Rückzug aus dem Showgeschäft beibehalten sollte. Es war die eines nur scheinbar geistig unterbelichteten Kleinkriminellen mit charakteristischem Filzhut auf der ungepflegt wirkenden Haarfläche, der sich eines Amerikanisch der Unterschicht mit starkem italienischen Akzent bediente. Der jedoch zugleich auch über mitreißende Qualitäten als Pianist verfügte und zu einem überaus charmantem Lächeln in der Lage war, einem Lächeln, das seine Wirkung selten verfehlte. Als Eingeweihter bzw. ‚Mittäter‘ bei seinen Betrügereien oder Erpressungen fungierte üblicherweise Bruder Harpo, der einen Stummen mimte, und als das Opfer häufig Bruder Groucho.

Sich als Italiener, Russe, Ungar oder Spanier auszugeben, gehörte seit dem 19. Jahrhundert im englischsprachigen Vaudevilletheatermilieu, in der U-Musikszene, später auch im Film, zu den allgemein akzeptierten, oder sogar erwünschten, Instrumenten, um ein wenig Exotik zu generieren oder um eine Plattform zu schaffen, auf der auch die Übertretung anerkannter, bürgerlicher, gesellschaftlicher Normen gestattet war.

Zu den Weggefährten und Förderern des Aufstiegs der Marx Brothers gehörten der talentierte Dialogautor George Simon Kaufman, der vielbeschäftigte Meisterkomponist Irving Berlin sowie die Schauspielerin Margaret Dumont, die in vielen der gemeinsamen Filme in der Rolle der wohlhabenden, naiv-nachsichtigen Dame, die von Charmeur Groucho Marx umgarnt wird, auftrat.

Von oben: Chico, Harpo, Groucho und Zeppo

Die Marx Brothers:

Chico (= Leonard Marx, * 22. März 1887, gest. 11. Oktober 1961)
Harpo (= Adolph Arthur Marx, * November 1888, gest. 28. September 1964)
Groucho (= Julius Henry Marx, * 2. Oktober 1890, gest. 19. August 1977)
Gummo (= Milton Marx, * 23. Oktober 1892, gest. 21. April 1977)
Zeppo (= Herbert Marx, * 25. Februar 1901, gest. 29. November 1979)

Zum harten Kern der Brüder gehörten Chico, Groucho, Harpo und Zeppo; nach dem fünften gemeinsamen Film ging Zeppo allerdings eigene Wege. Bruder Gummo, der auch in der Familie eine gewisse Außenseiterrolle spielte, wirkte bei keinem der Filme mit – er betrieb eine Künstleragentur.

Die Filme der Marx Brothers:

The Cocoanuts, Regie: Robert Florey, Musik: Irving Berlin (1929)
Animal Crackers, Regie: Victor Heerman, Musik: Bert Kalmar und Harry Ruby (1930)
Monkey Business (Die Marx Brothers auf See), Regie: Norman Z. McLeod (1931)
Horse Feathers (Blühender Blödsinn), Regie: Norman Z. McLeod, Musik: Bert Kalmar und Harry Ruby
(1932)
Duck Soup (Die Marx Brothers im Krieg), Regie: Leo McCarey, Musik: Bert Kalmar und Harry Ruby (1933)
A Night at the Opera (Skandal in der Oper), Regie: Sam Wood, Musik: Walter Jurmann (1935)
A Day at the Races (Die Marx Brothers: Ein Tag beim Rennen), Regie: Sam Wood, Musik: Walter Jurmann (1937)
Room Service, Regie: William A. Seiter (1938)
At the Circus (Die Marx Brothers im Zirkus), Regie: Edward Buzzell (1939)
Go West (Go West), Regie: Edward Buzzell (1940)
The Big Store (Die Marx Brothers im Kaufhaus), Regie: Charles Reisner (1941)
A Night in Casablanca (Eine Nacht in Casablanca), Regie: Archie Mayo (1946)
Love Happy, Regie: David Miller (1949)
The Story of Mankind, mit Chico, Harpo und Groucho Marx (1957)

Ein letzter, für 1960 geplanter, Film, eine Antikriegssatire, in der die Brüder unter dem prominenten „Lustspiel“-Regisseur Billy Wilder hätten spielen sollen, konnte wegen des bereits schlechten Gesundheitszustands von Chico nicht mehr verwirklicht werden.

Die Marx Brothers, die über Jahrzehnte zu den beliebtesten Spaßmachern Amerikas gehört hatten, haben Komikerkollegen in den USA und in Europa maßgeblich inspiriert. Noch heute, vier und mehr Generationen nach ihnen, hält die Nachfrage nach den, inzwischen digitalisierten, Kopien ihrer Filme an. Die Zugriffszahlen auf diverse YouTube-Filmsequenzen und komplette Filme der Brüder stehen auf hohem Niveau. Dabei lohnt es sich übrigens, in die Suchmaske der Plattform ruhig auch mal anderssprachige Äquivalente für „Brothers“ einzugeben, wie etwa Hermanos Marx, Братья Маркс, Frères Marx, Bracia Marx, bzw. Fratelli Marx oder Irmãos Marx. Vor allem die Spanier und Franzosen verdienen Anerkennung, sie haben sich eine Menge Mühe mit ihren Synchronisierungen gegeben.

Der virtuose Klavierspieler Chico Marx

Bei den Marx-Brothers-Filmen gehörten musikalische Einlagen zu dem, was das Drehbuch vorsah, zuverlässig mit dazu; sie waren fester Bestandteil von dem, was erwartet und auch geboten wurde: Harfen-Solos von Harpo und Klavierkapriolen von Chico Marx.

Häufig begann nur Chicos eine Hand die achtundachtzig Tasten zu bearbeiten, währende die andere den Kopf stützte oder nur irgendwie herumlag oder -hing. Dabei spielte diese eine Hand derart überzeugend, erfüllend und mitreißend, dass man als Zuhörer die zweite kaum vermisste. Die setzte aber dann doch irgendwann ein und begleitete oder gab den Rhythmus oder sorgte für den wohlklingenden Refrain. Dabei sah das Ganze derart spielerisch einfach aus, dass man sich als Nichtklavierspieler ständig beim Gedanken erwischte: „Das müsste ich doch eigentlich auch können!“

Angeblich hatte ihm seine Klavierlehrerin einst das Einhändig-Spielen vorgemacht, oder sie tat es, um besonders originell zu wirken, egal, er hat es aufgegriffen und perfektioniert. Lange wird er im Übrigen nicht Stunden genommen haben, hat er sich doch, wie überliefert wird, das meiste selbst beigebracht. Schließlich musste er noch als Kind zum Familieneinkommen beitragen, oft mit seinem Klavierspiel.

Chico spielte nie vom Blatt und er konnte von Stück zu Stück wechseln, etwa von Klassisch auf Polka, ohne Pause, ohne Übergang, dennoch harmonisch und fließend. Sein Repertoire, soll, so wird berichtet, beträchtlich gewesen sein und auch schwierigste Partituren musste er nicht vorher üben, sondern konnte er sofort für die endgültige Aufnahme einspielen. Ein Wunschmusiker für jeden Regisseur oder Produzenten, der Nerven und Kosten sparen half.

Eine besondere Eigenart besaß Chico. Bevor er zu spielen begann, tauchte er seine Finger in ein Glas heißes Wasser. Vielleicht bekämpfte er damit frühe Anzeichen der Arteriosklerose, an der er später sterben sollte, vielleicht aber bekam er dadurch nur geschmeidigere Finger, bzw. verbesserte er damit die Durchblutung seiner Extremitäten.

Unnachahmlich, wie er mit Bruder Harpo vierhändig spielt und wie sie beide Übergreifen oder fliegende Wechsel vollziehen, von der Seite, von oben, sogar von unten…

Besonders gut gefiel, und gefällt seinen Fans nach wie vor, wie er pistolenartig Noten regelrecht abschießt. Seine Hand hält er dabei wie einen Revolver, mit erhobenem Daumen und ausgestrecktem Zeigefinger und dann feste drauf auf die Tasten! Man muss es selbst gesehen haben, um es vollumfänglich zu begreifen.

Kaum weniger Vergnügen bereitet dem ehrfurchtsergriffenen Betrachter, wie Chico einen Apfel über die Tasten abrollen lässt, genau dann, wenn eigentlich die Finger diese Tasten hätten bespielen sollen. Virtuos, zirkusreif und ein Schmaus für Aug‘ und Ohr, alles zugleich.

Ganz dementsprechend sind es diese Gags, die bis heute von Bewunderern nachgeahmt und digital verbreitet werden (siehe Links unten).

Das Chico Marx Orchestra, ein eher glanzloses Intermezzo

Eigentlich hatte Chico für dieses Unternehmen lediglich seinen Namen zur Verfügung gestellt. Denn Bandgründer und -leader war der im Hintergrund agierende Schlagzeuger Ben Pollack (1903-1971) und Chico spielte lediglich Klavier. Wohl wegen der allgemeinen Kriegssituation und wegen des damit verbundenen ständigen Wechsels von Musikern, die zum Militär eingezogen wurden, existierte die Band lediglich von Januar 1942 bis Juli 1943. Sie trat in keinem der Filme der Brüder in Erscheinung. Eine gewisse Bedeutung hatte sie dennoch, sie wurde zum Sprungbrett der Karriere des jungen, zunächst Schlagzeugers, später Sängers, Mel Tormé (1925-1999), der bald darauf mit seinem „The Christmas Song“ einen großen Hit landen sollte. Mehr von ihm mal in einer kommenden Folge.

Zur Identität von Chico Marx

Die Marxens waren US-amerikanische Juden und sie wurden von ihrer New Yorker Umgebung bisweilen auch daran erinnert, dass sie Juden waren. So berichten Quellen sowohl von den Bar-Mitzwa-Feiern der Brüder als auch davon, wie die Erlebnisse von Harpo, der als Kind wegen seiner geringen Körpergröße und wegen seines Jüdischseins von Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft gehänselt wurde, in der Familie Betroffenheit hervorriefen.

Deutsche Schreiberlinge, die sich der Marx Brothers und ihrer Filme ab etwa den 1960er Jahren annahmen, vermeldeten mit Vorliebe, oft noch mit Nachdruck, dass Mutter Marx aus Ostfriesland und Vater Marx aus dem (für deutsch geltenden) Elsaß stammten. Zudem bekam Chicos originelle Kopfbedeckung stets das Attribut „Tirolerhut“ verliehen. Damit war für diese eher oberflächlichen Waldundwiesenautoren alles klar, man konnte die berühmten Marx Brothers, ebenso wie zuvor schon Einstein und eine Reihe anderer prominenter Juden für sich, für Deutschland, vereinnahmen. Wie wunderschön.

Jedoch, so einfach war die Sache bei weitem nicht. Wer sich etwa historische Fotos aus den italienischsprachigen Alpenregionen des Piemont, des Aosta-Tals, der Lombardei, des Trientino und des Veneto ansieht, stellt rasch fest, dass solche Seppelhüte wie die Chicos auch dort getragen wurden, mit Feder und ohne. Als „capello di feltro“ stehen sie noch heute vielfältig im Angebot ihrer Hersteller.

Außerdem, die Charaktere, die Chico in den diversen Radio-Shows und Filmen mimte, hatten gewöhnlich Namen, die  unmöglich zu gewöhnlichen Tirolern hätten passen können: Signor Emanuel Ravelli, Barovelli, Chicolini, Fiorello, Harry Binelli, Antonio Pirelli, Joseph Panello, Gorbaccio bzw. Faustino. Dazu noch der eindeutig italienische Akzent in Chicos amerikanischem Englisch…

Auch die Geburtsorte der Eltern Marx sowie die sozialen Verhältnisse zur Zeit der Auswanderung und generell die Geschichte der Juden in Deutschland hätten eine eingehendere Betrachtung verdient, ehe die Beschriebenen voreilig mit teutonischem Beschlag versehen wurden.

Warum haben denn Juden, vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre deutsche Heimat mit Ziel Vereinigte Staaten von Amerika in größeren Zahlen verlassen? – Weil sie Lust auf Luftveränderung hatten, oder weil sie so abenteuerlustig waren?

Nein. – Die Lebensverhältnisse begannen sich für viele von ihnen zu verschlechtern, ihre Chancen sich beruflich zu entfalten, wurden durch diskriminierende Regelungen und durch das Wiederaufleben judenfeindlicher Traditionen, auch in Zusammenhang mit Wirtschaftskrisen, zunehmend eingeschränkt. Manche Berufe blieben ihnen gänzlich verschlossen, in anderen mussten sie mit Behinderung ihres Aufstiegs rechnen. Zudem lebte der alte Antijudaismus in neuen, ideologisierten Formen als Antisemitismus wieder auf. Vorwürfe, die einst von den Vertretern der beiden deutschen Kirchen Juden gegenüber erhoben wurden, kamen nun in gefährlicherer Verpackung erneut daher.

Deutsche Gelehrte wie der Berliner Historiker („offizieller Geschichtsschreiber des preuß. Staates“) Heinrich von Treitschke (1834-1896) sprachen sie auf Universitätskanzeln laut aus und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie der evangelische Theologe und Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909) betrieben offen antisemitische Hetze bzw. gründeten antisemitische Parteien (u.a. „Christlich-soziale Arbeiterpartei“, 1878). Die „Lehren“ Treitschkes wurden von dessen Schülern, wie etwa vom Juristen und Vorsitzenden des radikal antisemitischen „Alldeutschen Verbands“, Heinrich Claß (1886-1953), aufbereitet und weiterverbreitet. Sie stellten in dieser Form die Brücke zu Inhalten und Ideologie der späteren Nationalsozialisten dar. Eine populistische Presse in Deutschland bauschte die judenfeindlichen Aussagen auf, polemisierte und heizte damit das gesellschaftliche Klima im deutschen Kaiserreich noch zusätzlich an.

Bei angesehenen deutschen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts wie zum Beispiel bei Gustav Freytag („Soll und Haben“) oder bei Wilhelm Raabe („Der Hungerpastor“) bzw. bei populären Karikaturisten wie Wilhelm Busch („Die Zwiebel ist der Juden Speise.“) war der Antisemitismus in primitiver oder, vermeintlich, „intelligenter“ Form fester Bestandteil ihres Schaffens, eines Schaffens, das noch weit ins 20. Jahrhundert hinein wirken sollte.

Wolfgang Beutin u.a.: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart und Weimar 2013. 8. Aufl.
Das Buch der 1000 Bücher. Werke, die die Welt bewegten. Mannheim 2005. 3. Aufl.

Wie unsinnig die herbeigeredete Bedrohung „durch das jüdische Element“ tatsächlich war, wird bei einem Blick auf die Statistik ersichtlich: Der Anteil der Juden in Preußen betrug weniger als 1,5 % und lag anderswo, zum Beispiel in Bayern, noch darunter.

„… Über unsere Ostgrenze aber dringt von Jahr zu Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schar strebsamer, hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen… Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuts mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Mund: Die Juden sind unser Unglück!“ (Heinrich von Treitschke, 1879)

„Die Erneuerung des Geistes der Christenheit, in der ein verdorbenes Judentum seine finanziell und geistig verderbliche, religionsfeindliche und unsittlich wirkende Macht offenbart, ist unmöglich ohne den Kampf gegen das Judentum, – selbstverständlich ein Kampf des Geistes, der Gesetzgebung, der Verwaltung, der christlich-nationalen Agitation, der inneren Besinnung, kein Kampf der Gewalttat oder der Lästerung.“ (Adolf Stoecker)

„Da ich meine Seele ihm ganz anvertraute, nahm sie auch mit voller Überzeugung das Neue auf, das er ihr bot: die entschiedenste Ablehnung des Judentums… Sein Wort ‚die Juden sind unser Unglück‘ ging mir mit meinen zwanzig Jahren in Fleisch und Blut über; es hat einen wesentlichen Teil meiner späteren politischen Arbeit bestimmt.“ — „Das Bedürfnis lebt heute in den Besten unseres Volkes, einem starken, tüchtigen Führer zu folgen, alle, die unverführt geblieben sind von den Lehren undeutscher Demokratie, sehnen sich danach.“ — „Schlagt sie tot (die Juden), das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht.“ (Heinrich Claß)

(Zitate aus: Ernst Klee: Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Frankfurt am Main 2009.)

Um den Eindruck zu vermeiden, in Sachen deutscher Antisemitismus der Gründerzeit lediglich auf Preußen geblickt zu haben, soll hier ruhig auch an die  Zustände im Süden des Kaiserreichs erinnert werden. Albert Einstein war 1879 im württembergischen Ulm zur Welt gekommen. Als er zwei Jahre alt war, zog seine Familie in die bayerische Landeshauptstadt, wo sich Vater Einstein bessere Absatzchancen für seine Elektrogeräte versprochen hatte. Die Erlebnisse des seine Kindheit und Frühsozialisierung im Bayern Ludwigs II. und des Prinzregenten Luitpold erlebenden großen späteren Physikers waren derart unerfreulich, dass er bereits im Alter von 15 Jahren seine deutsche Staatsbürgerschaft aufgab und sich von da an nie gerne an seine bayerische Zeit zurückerinnerte.

Noch ein weiteres, bezeichnendes, bayerisches Ereignis: Im gleichen Jahr 1887, als Chico Marx im fernen Amerika das Licht der Welt erblickte, kam in München Ernst Röhm, der Stabschef der Schläger- und Mörderbande Adolf Hitlers, der SA, zur Welt. Und – Bayern wurde zur Wiege des Nationalsozialismus…

Minnie Marx (1864-1929), geborene Miene Schönberg, die Mutter der Marx Brothers, stammte aus Dornum in Ostfriesland, einem kleinen Ort südlich der drei Nordseeinseln Norderney, Baltrum und Langeoog. In dieser Region kam eine ganz spezifische Form des Antisemitismus auf, der sog. „Bäder-Antisemitismus“, der aufgrund seiner Besonderheit („Juden sind hier nicht erwünscht!“) inzwischen in diversen Nachschlagewerken anzutreffen ist. Die Juden von Dornum wurden später, wie anderswo auch, von ihren christlichen Mitbürgern (nicht etwa von irgendwelchen gesichtslosen „Nazis“) nachhaltig weggemacht, einzig ihre Synagoge blieb erhalten, wenngleich durch das übliche Einhängen von Schweinehälften desakriert.

In New York lebten die Brüder Marx mit ihren Eltern und ihren Großeltern mütterlicherseits zusammen. Großvater Louis „Lafe“ Schönberg, der Bauchredner gewesen war, konnte diese Profession, da er Englisch nicht mehr erlernte, nicht ausüben; er reparierte daher Schirme, und er erreichte mit 101 Jahren ein gesegnetes Alter. Seine Frau Fanny war eine jodelnde Harfenspielerin, auf deren Harfe sich Enkel Harpo das Spielen beibrachte. Die Sprache der Großeltern im Ohr, übernahm Bruder Groucho Marx vorübergehend einen deutschen Akzent für seine Auftritte. Jedoch war Deutsch nur für wenige Rollen geeignet. Denn für viele Amerikaner stellte das deutsche Kaiserreich einen krassen Gegenentwurf zur eigenen Demokratie dar und zudem verschärfte sich im wirtschaftlichem Bereich zunehmend die Konkurrenzsituation zwischen den beiden Industrienationen. US-Medien hatten somit wenig Anlass zu freundlicher Berichterstattung über deutsche Themen. Als dann während des Ersten Weltkrieges deutsche „Hilfskreuzer“ und U-Boote auch noch dazu übergingen, Schiffe der bis 1917 an den Auseinandersetzungen nicht beteiligten, neutralen Vereinigten Staaten zu versenken und immer mehr amerikanische Bürger ihr Leben verloren, war im Vaudevillemilieu Deutsch vollkommen ‚out‘. Groucho legte folgerichtig seinen deutschen Akzent ab, endgültig. 

Vater Simon Samuel (Sam) Marx (1859–1933) stammte aus Mertzwiller im Elsass, einer Stadt, die sich in etwa zwischen Pirmasens und Strasbourg, auf französischem Territorium befindet. Wer sich näher mit den Identitäten der Menschen in Elsaß-Lothringen auseinandersetzt, stellt rasch fest, dass das Zugehörigkeitsgefühl der Elsässer zu Deutsch und Deutschland, bzw. zum Deutschen Reich, bereits ab dem 1870/71er-Krieg keineswegs mehr eindeutig ausfiel. Der Erste und der Zweite Weltkrieg besiegelten dann nur noch das Überwiegen des Zugehörigkeitsgefühl zur „Grande Nation“. Eine Einvernahme von Vater Marx für Deutschland sollte aber noch aus einem anderen Grund besser unterbleiben, denn der Betreffende hatte sich seinen Spitznamen „Frenchie“ sicher nicht aufgrund besonderer Deutschtumsnähe erworben.

Das Elsaß haben die Deutschen übrigens auch dauerhaft judenfrei bekommen. Lediglich in Strasbourg hält sich eine größere Gemeinde.

Schmeißt hinaus die ganze Judenbande,
Schmeißt sie ’naus, schmeißt sie ’naus,
aus unserm Vaterlande,
Schickt sie wieder nach Jerusalem,
Dann sind sie wieder unter sich bei ihrem Stamme Sem.

Schmeiß hinaus die ganze Judenblase,
Schmeißt sie ’naus mit ihrer krummen Nase,
Schickt sie wieder nach Jerusalem,
Dann sind sie wieder unter sich bei ihrem Stamme Sem.

»Lied der Nationalsozialisten«, BArch: R1501, 26053, Reichsinnenministerium, 1931.

Das spätere Verhältnis der Marx Brothers zu Deutschland kann an der Tatsache abgelesen werden, dass Bruder Harpo seinen Geburtsnamen Adolph in Arthur umändern ließ und, vielleicht besser noch, an der Handlung des Marx-Brothers-Films „A Night in Casablanca“ von 1946:

Der ranghohe Wehrmachtsoffizier Heinrich Stubel, der sich während seiner Zeit als Besatzer Frankreichs in den Besitz des französischen Nationalschatzes gebracht hatte und diesen in Casablanca versteckt hält, wird von den Marx Brothers bekämpft und zur Strecke gebracht. Dabei gilt es u.a. für Harpo ein Säbelduell mit einem Reinarier zu bestehen und sich eine Menge ‚tierischer‘ Verbalinjurien („Schwein-Hund“, „blöder Hammel“, „Affe“…) gefallen zu lassen. Die Figur des deutschen Negativhelden entspricht dabei den klassischen Vorstellungen vom Deutschen, äußerlich wie verhaltensmäßig: Schmiß vom Mund zum Ohr, gepflegter Kinnbart, Korpulenz, irrationales Verhalten, blinder Hass, Neigung zu Wutausbrüchen und Sadismus, unüberwindliche Steifheit, überkommene Höflichkeitsformen.

Die Marx Brothers waren in den Jahren 1921 und 1931 nach Europa gekommen und in Großbritannien aufgetreten, Chico hat Deutschland danach ein einziges Mal und lediglich für ein paar Tage besucht. 1949 kam er nach Frankfurt am Main im Rahmen der Truppenbetreuung für die amerikanischen Besatzungssoldaten, nicht etwa aus sentimentalen Gründen.

Als erster der berühmt gewordenen Brüder verstarb Chico Marx am 11. Oktober 1961 im Alter von 74 Jahren in seinem Haus in Hollywood. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Forest-Lawn-Memorial-Park-Friedhof in Glendale/Ca.

Chico Marx beim Kartenspiel, 1960:

Die Chico-Biografie auf der Marx-Brothers Webseite:
https://www.marx-brothers.org/biography/chico.htm

 

Filmdokumentation zu den Marx Brothers:

Die unbekannten Marx Brothers (The Unknown Marx Brothers). Fernsehdokumentation von David Leaf und John Scheinfeld, USA 1993, 120 Min.

 

Lieferbare Memorabilia zu den Marx Brothers:

https://www.marx-brothers.org/news.htm

 

Bücher zu den Marx Brothers:

Groucho Marx: Groucho and Me, London (1959, 1994, 1995, 2002, 2009), New York (1959, 1960, 1973, 1974, 1989), Cambridge/Ma. (1995, 2009), Paris (1962).
Groucho Marx: Schule des Lächelns, Zürich 1961, Frankfurt 1981, 1984, 1986, 1987, 1990.
Groucho Marx: Groucho und ich, Hamburg 1995.
Groucho Marx: Groucho & Marx, Zürich 2010.

Im Internet:

https://de.wikipedia.org/wiki/Marx_Brothers
https://de.wikipedia.org/wiki/Groucho_und_ich

 

Chico – Piano

 

Chicos Klavierspiel inspiriert bis in die Gegenwart

 

How To Play Piano Chico Marx Style, Pt. 1

https://www.youtube.com/watch?v=HM2op9y3tms

How To Play Piano Chico Marx Style, Pt. 2

https://www.youtube.com/watch?v=lx_Q3Gb4ADc

The Woodpecker Song – Go West – Chico Marx 1940 (Piano Tutorial)

https://www.youtube.com/watch?v=JWy49KysQSQ

Chico Marx – Woodpecker Song

https://www.youtube.com/watch?v=-hGS0JUyfP4

The Woodpecker Song – Go West – Chico Marx 1940

https://www.youtube.com/watch?v=yvOh2uWmEBI

Chico Marx – Moonlight Cocktail

https://www.youtube.com/watch?v=-U15-uf8jso

Beer Barrel Polka – Chico Marx (Piano Transcription)

https://www.youtube.com/watch?v=mgu7xCX7irI

Les Marsden as Chico Marx: Piano Solo

https://www.youtube.com/watch?v=14Itqif2p8Y

Chico Marx me playing 8 songs

https://www.youtube.com/watch?v=A06IEkRRxOU

Piano à la Chico: Five-Movie Medley

https://www.youtube.com/watch?v=RJFhlNl55fs

Chico Marx – Gipsy Love Song

https://www.youtube.com/watch?v=qscv72taXUk

Chico Marx – Silver Threads Among The Gold

https://www.youtube.com/watch?v=kBHyvEUJqUw

Piano à la Chico: „All I Do Is Dream of You“

https://www.youtube.com/watch?v=zXYjuIER7zg

Louise + Steph play The Marx Brothers piano duet

https://www.youtube.com/watch?v=cJf1YlULTLg

 

 

Chico – Filmausschnitte

 

1930 Chico Marx Laughing on The Beach

https://www.youtube.com/watch?v=-yNNmvFeGsI

Marx Brothers Night At The Opera- Aviators Speech Scene

https://www.youtube.com/watch?v=38N5OcZx3ko

Harpo and Chico charades – Night in Casablanca, new audio.

https://www.youtube.com/watch?v=wgcJr3o-eus

Movie Clip „At the Circus“ The Marx Bros

https://www.youtube.com/watch?v=2ZBZFRnxKBA

Harpo and Chico charades – Love Happy, new audio.

https://www.youtube.com/watch?v=Oj8Oyc9CT8o

Marx Bros. – THE INCREDIBLE JEWEL ROBBERY

https://www.youtube.com/watch?v=EBc1YsDVf5w

el camarote de los hermanos marx

https://www.youtube.com/watch?v=QAGugw_HflQ

Una tarde en el circo (1939)

https://www.youtube.com/watch?v=68BSfr6v7iI

Chico Marx Best Gags

https://www.youtube.com/watch?v=lYR8U6L8YMg

The Wonderful Wisecracks of Chico Marx

https://www.youtube.com/watch?v=F9L-iQP8O1s

Chico Marx en 1947

https://www.youtube.com/watch?v=xzj6nZzZa58

 

Chico Marx Orchestra

Chico Marx Orchestra – Mel Torme – Abraham

https://www.youtube.com/watch?v=v2meY9IQets

1942 Chico Marx – Here You Are (Skip Nelson, vocal)

https://www.youtube.com/watch?v=YR9VwqtQaHY

Chico Marx’s Orchestra – Beer barrel polka

https://www.youtube.com/watch?v=KDQajcPTZGw

1942 Chico Marx – Sweet Eloise (Skip Nelson, vocal)

https://www.youtube.com/watch?v=hHAe48eemcY

Chico Marx Orchestra – Swing Stuff

https://www.youtube.com/watch?v=_t6LFlvDgi8

Chico Marx’s orchestra – Mister five by Five

https://www.youtube.com/watch?v=wp9yKRmw6JM

Chico Marx Orchestra – Plagliacci

https://www.youtube.com/watch?v=8O1qaNN9qUs

 

Chico – Fernsehauftritte

Chico Marx on ‚The Names the Same‘ Gameshow (1955)

https://www.youtube.com/watch?v=ll36u9sATio

Marx Brothers‘ Marijuana Grouch Bag

https://www.youtube.com/watch?v=ImN6UxFL8xQ

The Marx Brothers TV Collection (5/5) The Duet

https://www.youtube.com/watch?v=maWan_SQbsc

Marx Bros TV ads: Pepsi, Prom Cream, De Soto/Plymouth

https://www.youtube.com/watch?v=Ux-hLlhzEY4

 

 

Chico in Radioshows

THE BOB HOPE RADIO SHOW 38 11 08 EPISODE 007 Chico Marx

https://www.youtube.com/watch?v=2ePMZpnt8uQ

Chico Marx at the Piano~Old Time Radio Broadcast with Visuals

https://www.youtube.com/watch?v=TeqqqG-6aiI

 

 

Chico – Kartenspiel

The Marx Brothers play bridge

https://www.youtube.com/watch?v=k5YuBRwAo0Y

The Marx Brothers play bridge – Animal Crackers (1930) 720p HD

https://www.youtube.com/watch?v=qZnQYH127cw

Championship Bridge with Chico Marx (1960) Part 1

https://www.youtube.com/watch?v=xPoeyMqC18A

 

 

Chico – Kurzbiografien bzw. Interviews mit Familienmitgliedern und Kollegen

10 Things You Should Know About Chico Marx

https://www.youtube.com/watch?v=eYCw74OUFYQ

The Life and Sad Ending of Chico Marx

https://www.youtube.com/watch?v=25-DeyxgubY

Groucho talks about cigars & Chico & Eden Hartford

https://www.youtube.com/watch?v=un8EUJbTHqY

Tragic Details About The Marx Brothers

https://www.youtube.com/watch?v=m7UIHZ8Uxwk

Chico’s daughter MAXINE MARX on Groucho’s mother, misogyny & brothers

https://www.youtube.com/watch?v=XzKnpkfNb9Q

AMC’s Family Portraits w/ The Marx Bros. pt1

https://www.youtube.com/watch?v=owt-dlK2tto

AMC’s Family Portraits w/ The Marx Bros. pt2

https://www.youtube.com/watch?v=Zdhtw8VtQm0

Hollywood Stories – Chico Marx & Tallulah Bankhead

https://www.youtube.com/watch?v=gyApJnz7V3s

The Brothers

https://www.youtube.com/watch?v=oLtif3et9k0

 

 

Der italienische Akzent im Amerikanischen

 

Why do Italians sound Italian? | Improve Your Accent

https://www.youtube.com/watch?v=AWq6rYKvTnU

How to Do an Italian Accent | Accent Training

https://www.youtube.com/watch?v=6GKrnCOJqkE

How to do an Italian accent: Tricks to sound more Italian

https://www.youtube.com/watch?v=3eGTtP-XqZY

Tour of NYC’s Little Italy: Where wise guys got whacked

https://www.youtube.com/watch?v=lEAgilgv-go