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Ein Historiker vor Gericht

In der Sendung Répliques (France Culture) vom 10. Oktober 2015 prangerte Georges Bensoussan den arabisch-muslimischen Antisemitismus mit der Metapher des an der Mutterbrust genährten Judenhasses an. Mit weitreichenden juristischen Folgen.

Von Karl Pfeifer

Bensoussan paraphrasierte damals die Worte von Smaïn Laacher, einem Soziologen algerischer Herkunft, der erklärt hatte: „Dieser Antisemitismus befindet sich im häuslichen Bereich, und er ist fast natürlich auf der Sprache abgelagert. Eine der Beleidigungen, die Eltern ihren Kindern erteilen, wenn sie sie zurechtweisen wollen, ist, sie als Juden zu bezeichnen. Aber das weiß ja jede arabische Familie. Es ist eine monumentale Heuchelei, nicht zu sehen, dass dieser Antisemitismus in erster Linie einheimisch ist (…) er ist da, er ist in der Luft, die wir atmen!“

In Un exil français – Un historien face à la Justice (erschienen bei L‘Artilleur 2021) blickt der Historiker Bensoussan auf mehrere Klagen zurück, die zwischen 2016 und 2018 gegen ihn auf Grund dieser Sendung angestrengt wurden. Über das den Moslembrüdern nahestehenden Collectif contre l‘islamophobie en France (CCIF, das Ende 2020 nach dem Mord an Samuel Paty aufgelöst wurde) war die islamistische Bewegung bei dem Prozess vertreten. Ebenso wie verschiedene antirassistische Organisationen, darunter die Licra, zum Ärger einiger ihrer Mitglieder. Angesichts dieser Kläger erwies sich die Solidarität als mächtig. Juden und Nicht-Juden verteidigten gleichermaßen die Meinungsfreiheit und waren überzeugt, dass Bensoussan die Wahrheit sagte. Diese Prozesse zeigten eine ideologische Kluft innerhalb Frankreichs, zwischen einem Teil der „einwanderungsorientierten“ Linken und dem Teil der Gesellschaft, der gegen den aktuellen Migrationsschock ist und den Aufstieg des Islamismus, der die französische Gesellschaft spaltet, ablehnt – darunter auch viele Linke.

CCIF ging es darum all diejenigen, die es wagen den Islamismus zu kritisieren, einzuschüchtern. Obwohl alle Gerichte Bensoussan freigesprochen haben, erreichten die Islamisten ihr Ziel, die Menschen zu verängstigen (wer will schon diese Tortur durchmachen?) und den Angeklagten zu verleumden, selbst wenn er, wie Bensoussan, dreimal freigesprochen wurde (erste Instanz, Berufung und Kassation). Der CCIF richtete sich ausschließlich gegen seine Arbeit über die Juden in der arabisch-muslimischen Welt, ein Buch, das bei den Anhörungen mehrfach zitiert wurde. Bensoussans Arbeit über die Shoah hat sie gleichgültig gelassen. Juden in arabischen Ländern (Tallandier 2012) hingegen war ein direkter Angriff auf diejenigen, die die Anprangerung des Mythos einer „jüdisch-arabischen Idylle“, die erst durch den Kolonialismus, den Zionismus und die Gründung Israels gebrochen wurde, nicht akzeptieren wollten.

Es ist ein Irrweg, jede Beschreibung einer rassistischen Realität, wie auch immer sie aussehen mag, als Aufstachelung zum Hass zu qualifizieren. Aber genau dies geschieht, wenn Bensoussan wahrheitsgemäß aussagt, dass 90 % des mörderischen Antisemitismus in Frankreich von Franzosen nordafrikanischer Herkunft verübt werden. Antirassismus wird missbraucht, wenn das Gesetz gegen Rassismus von 1972 dazu benutzt wird, sich als Opfer auszugeben und Bensoussan vor Gericht zu stellen. Ein Gesetz, das in die Irre gegangen ist, weil es Rassisten und Antisemiten erlaubt, „Aufstachelung zum Rassenhass“ zu rufen, sobald sie beschuldigt werden.

Die jüdischen Eliten haben Bensoussan und die Juden in den Vororten im Stich gelassen, doch er bekam die massive und herzliche Solidarität der jüdischen Basisgemeinden zu spüren.

Bensoussan: „Stellen wir uns vor, ich hätte 1921, am Ende des Bürgerkriegs in Russland, den Antisemitismus der Weißrussen angeprangert, die gerade fast 200.000 Juden massakriert hatten. Und das CCRF (Collectif contre la Russophobie en France) würde mich wegen ,Essentialisierung‘ und ,Aufstachelung zum Hass‘ gegen Weißrussen verklagen? Das zeigt die Perversion des Prozesses, der es ermöglicht, die Waffen der Demokratie zu nutzen, um sie gegen sie zu richten.“ Der Gipfel der Absurdität ist schließlich erreicht, wenn seine Gegner ihm vorwerfen, den christlichen Antisemitismus zu ignorieren, um die arabisch-muslimische Welt besser verurteilen zu können. Dies ist nicht ohne Pikanterie, wenn man weiß, dass Bensoussan mehrere Bücher der Shoah und den europäischen Wurzeln des Antisemitismus gewidmet hat.

Die jüdischen Eliten haben Bensoussan und die Juden in den Vororten im Stich gelassen, doch er bekam die massive und herzliche Solidarität der jüdischen Basisgemeinden zu spüren. Aber wenn ein Historiker, der den nordafrikanischen Antisemitismus dokumentiert, vor Gericht gestellt wird, ist das der letzte Strohhalm. Die Juden Frankreichs empfanden den Prozess als ein schlechtes Signal, sie hatten das Gefühl, auf dem Altar des „guten Zusammenlebens“ geopfert zu werden. Die Erinnerung an die Shoah weckt die Schuldgefühle in Europa und die Geister, die noch immer in vielen Familien wohnen. Der arabisch-israelische Konflikt, der Exodus der Juden aus der arabischen Welt, die heutige antijüdische Gewalt in Frankreich – all dies weist auf die große und oft unruhige arabisch-muslimische Bevölkerung hin, vor der sich die französische Elite fürchtet. Wer fürchtet die jüdische Minderheit, die keine Stadt in Brand setzt und sich nicht rächt, obwohl sie Opfer von Morden geworden ist? Den Juden wird unterstellt Unruhestifter zu sein, weil sie die Gewalttätigkeit der einen, ihre mangelnde Integration und die Feigheit der anderen aufzeigen. Die Opfer werden beschuldigt, Frankreich den Spiegel vors Gesicht stellen. Die Juden werden nicht einfach aus Frankreich verschwinden, auch wenn die „Gemeinde“ wahrscheinlich 100.000 Menschen weniger zählt als noch vor dreißig Jahren! Doch die Auswanderung geht weiter, vor allem in den Staat Israel (60.000 Juden sind seit 2000 dorthin gegangen), in die Vereinigten Staaten, nach Kanada und nach Australien.

Das Gerichtsverfahren gegen Georges Bensoussan hat unauslöschliche Spuren bei den Juden in Frankreich und Belgiens hinterlassen. Im Namen des Zusammenlebens sollten sie den Antisemitismus nur dann anprangern, wenn er von der extremen Rechten ausgeht. Wenn es sich um eine arabisch-muslimische Person handelt, wird vorgeschlagen oder gebeten, nicht darauf hinzuweisen, wie es ein Brüsseler Umweltabgeordneter während der Konferenz zur Bekämpfung des Rassismus (Juni-Juli 2021) getan hat, weil „dies eine Stigmatisierung der muslimischen Gemeinschaft bedeuten würde“ und dies „der extremen Rechten in die Hände spielen würde“. Indem sie versuchen, die Realität des Antisemitismus zu leugnen, sind es die Juden, die den Preis dafür zahlen im Namen des Kampfes gegen den Rassismus. Der Journalist Éric Zemmour, könnte für das Amt des Präsidenten kandidieren. Er ist Jude, was er nicht verheimlicht und er hat lange für die konservative Tageszeitung Figaro geschrieben. Seine Apologie des Vichy-Regimes und die Behauptung, Petain hätte die französischen Juden geschützt, sind revisionistisches Geschwurbel. Seine Beschuldigung gegen die von Mohammed Merah in der Schule Ozar ha Torah ermordeten jüdischen Kinder – sie wurden in Israel begraben –, sie seien „Fremde vor allem und wollen es über den Tod hinaus bleiben“ mit der er diese Kinder, die von Frankreich nicht verteidigt wurden, mit dem Mörder Merah verglich, dessen Eltern ihn in Algerien begraben wollten, hat unter vielen Juden Empörung ausgelöst. George Bensoussan hat darauf hingewiesen, dass Zemmour Jacques Bainville als Vorbild sieht – diesen Mann der Action francaise, der die Französische Revolution heruntermachte, vergessend, dass es die Kinder dieser Revolution waren, die 1870 mit dem Décret Crémieux den Juden Algeriens, also Zemmours Vorfahren emanzipierten. Papon (Er wirkte an der Deportation von Juden als hoher Beamter der Vichy-Regierung mit.) war laut Zemmour unschuldig, Dreyfus dagegen vielleicht…

Noiriel setzt Antisemitismus und „Islamophobie“ gleich, ohne den letzteren Begriff zu hinterfragen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in französischen Kolonialkreisen entstand und später von islamistischen Kreisen aufgegriffen wurde, um jede Kritik am Islam zu verbieten.

Andererseits hat Zemmour auf Fakten hingewiesen, die von Linken geleugnet werden. Das ist der Hauptgrund für den kometenhaften Aufstieg seiner Beliebtheit in der öffentlichen Meinung. Das führte dazu, dass 2019 der linke Historiker Gérard Noiriel versuchte aufzuzeigen, dass Éric Zemmour die antisemitische Ideologie des Eduard Drumont gegen Muslime verwendet. Eine absurde Beschuldigung, die aber gerne geglaubt wird. Noiriel setzt Antisemitismus und „Islamophobie“ gleich, ohne den letzteren Begriff zu hinterfragen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in französischen Kolonialkreisen entstand und später von islamistischen Kreisen aufgegriffen wurde, um jede Kritik am Islam zu verbieten. Laut Noiriel erleben Muslime in Frankreich mehr oder weniger die gleiche schwierige Situation wie die Juden in den 1930er Jahren. Er erwähnt den Islam als Besessenheit von Zemmour.

Auf den 240 Seiten seines Buches findet man jedoch kein einziges Wort über die Realität der Einwanderung in den letzten vierzig Jahren, über den Separatismus, über die „verlorenen Gebiete der Republik“, die von den Salafisten (und Drogenhändlern) erobert wurden. Kein Wort über die große Minderheit der französischen Muslime, für die die Scharia über den Gesetzen der Republik steht, kein Wort über die Ablehnung der Koedukation hier und da, über die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Schulsport und über die Anfechtung bestimmter Lehren. Alles ist vergessen. Die Anschläge von 2015-2016 werden nicht einmal erwähnt. Er verschweigt auch, dass dazu, im Gegensatz, die französischen Juden vollständig integriert waren und diejenigen, die nach Frankreich kamen, sich aktiv um Integration bemühten. Die Furcht vor der Ausbreitung des fundamentalistischen Islams in Frankreich wird so zum Hirngespinst eines jüdischen Journalisten gemacht, der als Drumonts Erbe hingestellt wird, der die Paranoia seiner Vorfahren auf das heutige Frankreich übertragen will. Noiriel scheint die Realität seines Landes überhaupt nicht zu kennen, nicht kennen zu wollen. Am 16. September 2019 erklärte Präsident Emmanuel Macron: „Heute können wir nicht blind sein, unsere Landsleute sehen und spüren es. Das Problem sind nicht die Religionen, es ist der Kommunitarismus. Und der sichtbarste Kommunitarismus ist der, der mit dem Islam verbunden ist.“

Ist Macron auch „islamophob“?

Der Anwalt Gilles-William Goldnadel, der Zemmours Positionen nahesteht, meinte, dass vor zwanzig Jahren die Mehrheit der Juden für linke Parteien gestimmt habe. Das hat sich unter dem Eindruck des islamistischen Terrors und „des islamischen Antisemitismus“ sowie dem erratischen Charakter der Migrationspolitik geändert. „Das bedeutet, dass das französisch-jüdische Publikum dem Diskurs von Zemmour nicht gleichgültig gegenübersteht, auch wenn Zemmour Israel gegenüber sehr zurückhaltend ist.“ BHL (Bernard Henri Levy), der nichts übrig hat für Zemmour: „Eines Tages werden die Historiker in dieser Affäre zweifellos auch einen Extremfall des von Hannah Arendt beschriebenen Mechanismus sehen: „Israeliten“, die so hoffnungslos vom „Französischsein“ eingenommen sind, dass ihr Jüdischsein, wie bei Marcel Prousts Bloch, zu einer Quelle des Selbsthasses wird. Oder deutsche Juden, die ihre aus dem Jahr 1914 geretteten Stachelhelme aufsetzten, als 1933 die Nazis kamen, um sie auf die Lager vorzubereiten. Warum also nicht ein Zemmour, dessen Eltern, wie meine, von Vichy ausgebürgert wurden und der von den Dächern ruft, dass Pétain sie beschützt hat?“

Tatsächlich beteiligen sich – sie machen weniger als 1 % der Bevölkerung aus – immer weniger Juden an den Wahlen.

Die Juden werden sicher nicht die Präsidentschaftswahlen im April 2022 entscheiden. Tatsächlich beteiligen sich – sie machen weniger als 1 % der Bevölkerung aus – immer weniger von ihnen an den Wahlen, da immer mehr weggehen. Die Juden stimmen buchstäblich mit den Füßen ab. Ein Phänomen, das viel mehr über das heutige Frankreich aussagt – es verzichtete auf das Gewaltmonopol in gewissen Gebieten und verteidigte die jüdische Gemeinschaft nicht – als das plötzliche Auftauchen von Zemmour, auf den sich das Medieninteresse konzentriert. Es gibt einen schmalen Pfad im Kampf gegen den Islamismus. Hoffentlich finden die Franzosen – ohne Illusionen und Kurzsichtigkeit, vor allem aber nicht in einem von Zemmour propagierten nationalistischen Exzess – den Weg aus der gegenwärtigen Krise.

–> Die Juden der arabischen Welt

Foto: Georges Bensoussan und sein Verteidiger Michel Laval nach Prozessende 2017, (c) Kevin Dailly, CC BY-SA 4.0