Wenn der Rabbiner eine Frau ist

„Rabbinerinnen? Gibt es das überhaupt?“ Dies ist in der Regel die überraschte Reaktion, wenn sich eine Frau als „Rabbinerin“ vorstellt. Angesichts des Jubiläums von „1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ macht dieses Buch auf eine erstaunliche Entwicklung aufmerksam, die noch kaum bemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit verläuft: dass immer mehr Frauen Rabbinerinnen werden.

Viele haben noch nie von Regina Jonas gehört, der ersten Rabbinerin überhaupt, die bereits 1935 ordiniert wurde. Heute gibt es etwa 1.200 Rabbinerinnen weltweit. Im deutschsprachigen Judentum sind es rund zwanzig. Sie personifizieren die Wiedergeburt des liberalen deutschen Judentums nach der Schoa. Doch die Rabbinerinnen sind noch immer relativ unsichtbar, auch in Teilen der jüdischen Öffentlichkeit. Sie entsprechen nicht den traditionellen Sehgewohnheiten und Erwartungen. Es fehlt ihnen noch immer an Wertschätzung und Anerkennung. Dieses Buch stellt 22 Rabbinerinnen in und aus Deutschland vor. Es zeichnet die historische Entwicklung nach, die dazu geführt hat, dass in den reformorientierten Strömungen des Judentums die ersten Frauen ordiniert wurden. Es vermittelt eine Ahnung davon, welche neuen Impulse und Veränderungen Rabbinerinnen in ihre Gemeinden tragen. Längst haben sie begonnen, das Judentum nachhaltig zu verändern.

Martin Bauschke, Wenn der Rabbiner eine Frau ist. Rabbinerinnen in und aus Deutschland, 152 S., Euro 16,99, Bestellen?

Der Autor bietet Buchpräsentationen und Vorträge zum Thema an, Kontakt: martin.bauschke@googlemail.com

LESEPROBE:

Zwei Auszüge (ohne Anmerkungen) aus

Kapitel 8. Das Judentum und die Frauen, darin
Abschnitt 8.2. Was verändern Rabbinerinnen im zeitgenössischen Judentum?

3. Keshet – Das Regenbogentor

Es ist in den vergangenen ein, zwei Jahrzehnten deutlich zu beobachten, dass die errungene und erzwungene Teilhabe der Frauen am Rabbinat wie ein Damm- oder Tabubruch gewirkt hat. Durch den Einfluss der Frauen als Rabbinerinnen fühlen sich nunmehr auch marginalisierte und tabuisierte Gruppen, die bislang doppelt ausgegrenzt waren – sowohl von den jüdischen Gemeinden als auch von der Gesellschaft –, stärker in den Gemeinden willkommen. Wenn sie nicht gar eigene Gemeinden gründen wie z.B. Sha’ar Zahav (dt. „Goldenes Tor“) 1977 in San Francisco. Der sinnfälligste Ausdruck dieses Integrations- und Inklusionseffektes von Rabbinerinnen in Bezug auf Schwule, Lesben und alle anderen, die sich heute zur LGBTQ-Bewegung zählen, ist, dass immer mehr Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare stattfinden. „Rabbinerinnen haben eine überproportionale Führungsrolle dabei übernommen, gleichgeschlechtliche Hochzeitsrituale zu kreieren“, stellt Rabbinerin Debra Reed Blank fest.

Das gilt übrigens auch für die Rabbinerinnen und Rabbiner selbst, die seit den späten 80er Jahren zunehmend ihre sexuelle Orientierung offen bekennen und inzwischen von den (meisten) Rabbinerseminaren wie auch (zögerlicher) von immer mehr Gemeinden akzeptiert werden. Eine entsprechende Resolution wurde im Jahr 2000 von der progressiven Central Conference of American Rabbis verabschiedet. 2006 wurde Elliot Kukla, der erste Transgender-Rabbiner, am Hebrew Union College ordiniert. Seit 2007 werden LGBTQ-Studierende am konservativen Jewish Theological Seminary akzeptiert. Wie oben kurz vermerkt, betrifft das auch zwei lesbische Rabbinerinnen in Deutschland: Irit Shillor und Diane Tiferet Lakein. Eine angehende deutsche Rabbinerin, Helene Shani Braun, die ich im Schlusskapitel vorstellen werde, engagiert sich in der LGBTQ-Bewegung. Sie hat 2018 die erste queer-jüdische „Regenbogen-Initiative“ hierzulande mitbegründet: Keshet Deutschland e.V. Deren Vision ist es: „dass LGBTIQ* Jüd*innen gleichberechtigt und sichtbar sind, in allen jüdischen Gemeinschaften in Deutschland und weltweit.“ Letztlich geht es ihr darum zu erreichen, dass Queer-Sein und Jüdisch-Sein Aspekte einer einzigen Identität darstellen und kein Widerspruch bedeuten.

Der Mut zum „Coming Out“ von Rabbinerinnen und Rabbinern hinsichtlich ihrer Gender- und ihrer sexuellen Orientierung zeigt längst Wirkung. Immer häufiger zeigen sich Gemeinden damit einverstanden, sie unabhängig von diesen ihren Orientierungen einzustellen. Dass es immer mehr schwule Rabbiner und lesbische Rabbinerinnen auf den Kanzeln und in der Seelsorge gibt, hat nicht nur Auswirkungen auf die Hochzeitsrituale, sondern auch auf die allgemeine Liturgie. Das erste sozusagen „All inclusive-Gebetbuch“, das sowohl geschlechtergerecht formuliert ist als auch in neu formulierten Gebeten und Texten alle zur LGBTQ-Bewegung Zugehörigen berücksichtigt, ist 2009 in San Francisco erschienen. Es wurde veröffentlicht von der erwähnten progressiven Gemeinde Sha’ar Zahav, nach deren Name auch der 500seitige Siddur selbst benannt ist.

(…)

5. Wandel des männlich geprägten Gottesbildes

Bezeichnenderweise wird im zuletzt zitierten rekonstruktionistischen Machsor direkt neben das neu formulierte Awinu Malkenu die „Meditation einer Frau“ gestellt, die sehr schön den zunehmenden Wandel des männlich geprägten Gottesbild in Liturgie und Gebet der diversen reformorientierten Gemeinden dokumentiert. Die Meditation stammt von Ruth F. Brin (1921-2009) und lautet (Übersetzung MB):

„Als Männer Kinder waren, dachten sie an Gott als Vater.
Als Männer Sklaven waren, dachten sie an Gott als Herrn.
Als Männer Untertanen waren, dachten sie an Gott als König.

Doch ich bin eine Frau, keine Sklavin, keine Untertanin,
kein Kind, das sich nach Gott als einem Vater oder einer Mutter sehnt.
Ich könnte mir Gott vorstellen als Lehrer oder Freund, doch diese Bilder,
wie auch König, Herr, Vater oder Mutter, sind mir jetzt zu klein.

Gott ist die Macht der Bewegung und des Lichts im Universum.
Gott ist die Kraft des Lebens auf unserem Planeten.
Gott ist die Macht, die uns zum Tun des Guten bewegt.
Gott ist die Quelle der Liebe, die in uns entspringt.
Gott ist weit jenseits dessen, was wir begreifen können.“

Die zunehmend geschlechtergerechte oder geschlechterneutrale Sprache in Segenssprüchen, Gebeten, Liedern sowie anderen liturgisch relevanten Texten ist Reflex einer feministisch-theologischen Revolution, die durch die Rabbinerinnen verstärkt in die Gemeinden und Gruppen hineingetragen wird: das traditionelle, von männlicher Metaphorik geprägte Gottesverständnis wird zunehmend aufgebrochen. Einzelne Rabbinerinnen gehen dabei weit über das hier Geschilderte hinaus und haben sich auf den Weg zu einer feministisch-jüdischen „Thealogie“ – also zu einer jüdischen Lehre oder Rede von der Göttin – gemacht. Auch wenn das den meisten Rabbinerinnen zu weit gehen dürfte, sie alle werden dem zustimmen, was Laura Geller Ende 2006 angesichts von 30 Jahren eigener Erfahrung in diesem Amt in der feministisch-jüdischen Zeitschrift Lilith geschrieben hat:

„Die Anwesenheit von Frauen im Rabbinat forderte die Menschen dazu heraus, anders über Gott zu denken. Die unbewussten Projektionen, welche die Leute oft machen, wenn sie sich vorstellen, Gott sehe aus wie ihr älterer, bärtiger, großväterlicher Rabbiner, können ihnen mit einer Rabbinerin nicht passieren. So kam es, dass die männlichen Metaphern unserer Liturgie unpassend wurden und die Leute mehr darüber nachdachten, wie wir zu einem Gott sprechen, der das Geschlecht transzendiert. Rabbinerinnen ermutigten die Menschen, über Rituale des Lebenskreislaufes nachzudenken, die sie in der Wirklichkeit ihres eigenen Lebens ansprachen: von Bundeszeremonien für Mädchen über Rituale bei Fehlgeburten bis hin zu Zeremonien, wenn man zum Mitglied im Gemeindevorstand gewählt wird.“

Martin Bauschke, Wenn der Rabbiner eine Frau ist. Rabbinerinnen in und aus Deutschland, 152 S., Euro 16,99, Bestellen?

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