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Doppelmoral und Doppelstandards: Der Fall Sally Rooney

Ihren neuen Roman will Sally Rooney nicht durch einen israelischen Verlag veröffentlichen lassen. Damit wolle sie gegen die Palästinenser-Politik protestieren, meinte die bekannte irische Schriftstellerin. In autoritären Systemen können indessen ihre Übersetzungen erscheinen. Das steht für Doppelmoral und Doppelstandards.

Ein Kommentar von Armin Pfahl-Traughber

Glaubwürdig ist eine Bewertung nur, wenn deren Grundprinzipien verallgemeinerbar vorhanden sind. Wenn die Benachteiligung von Frauen unter Muslimen beklagt wird, aber die Diskriminierung von ihnen in anderen Kontexten nicht, dann motivierten entsprechende Einwände offenbar nicht das Engagement für Frauenrechte. Wenn linke Akteure in rechten Diktaturen dortige Menschenrechtsverletzungen kritisieren, aber zu ihnen in linken Diktaturen schweigen, dann motivierte ihr Engagement offenbar nicht der Menschenrechtsbezug. Hinter der ausgeprägten Einseitigkeit in beiden Fällen stehen demnach andere Motive. Sie können mit einer Diskriminierungsbereitschaft gegenüber einer religiösen Gruppe oder einem Dogmatismus hinsichtlich der eigenen Position zusammenhängen. Zumindest lassen dies bei den genannten Beispielen die darauf bezogenen Reflexionen vermuten. Ähnlich verhält es sich mitunter bei kritischen Aussagen zur israelischen Politik, die mal inhaltlich berechtigt wie mal inhaltlich unberechtigt sein können. Dazu gibt es ein aktuelles Beispiel:

Gemeint ist die irische Schriftstellerin Sally Rooney, die mit ihren Romanen „Gespräche mit Freunden“ (2017) und „Normale Menschen“ (2019) weltberühmt wurde. Zumindest sprechen einige Fakten für diese Wertung: Die Bücher erschienen in 46 unterschiedlichen Sprachen, zahlreiche Literaturpreise verlieh man Rooney, und dann wurden eben diese beiden ersten Romane auch verfilmt. Inhaltlich geht es darin um das Lebensgefühl jüngerer Menschen, das in Begegnungen und Gesprächen geschildert wird. Behandelt werden Alltagssorgen und Berufserfahrungen ebenso wie Politik und Sex. Die Autorin entstammt einem marxistisch geprägten Elternhaus und versteht sich öffentlich auch selbst als Marxistin. Indessen wird diese ideologische Ausrichtung in den jeweiligen Romanhandlungen nicht unmittelbar deutlich. Die geschilderten Gespräche lassen allenfalls vermuten, dass ein allgemeines linkes Denken nicht nur die Figuren prägt, sondern auch Rooney selbst eigen ist. Dieses erklärt wohl ihre Auffassungen zu Israel im Nahost-Konflikt.

Deutlich wurde diese anhand einer konkreten Entscheidung der Schriftstellerin: Ihre bisherigen beiden Bücher waren auch in einem israelischen Verlag erschienen. Für den neuesten Roman „Schöne Welt, wo bist du“ (2021) untersagte sie indessen eine hebräische Veröffentlichung. Begründet wurde dies von der Autorin damit, dass sie den BDS-Boykottforderungen gegen Israel folgen wolle. Sie beabsichtige damit, gegen die Diskriminierung von Palästinensern durch den israelischen Staat zu protestieren. Nachdem diese Entscheidung öffentlich kritisiert wurde, erfolgte noch eine erläuternde Klarstellung: Die Autorin betonte, dass sie sich sehr wohl eine hebräische Übersetzung vorstellen könne, aber dann wohl eher durch einen internationalen und nicht durch einen israelischen Verlag. Insbesondere die Einwände, wonach sie durch die Entscheidung eine ganze Sprachgemeinschaft ausgrenze, hatten wohl diese öffentliche Erläuterung motiviert. Dass ihr Agieren aber für eine Doppelmoral steht, war für Rooney bislang noch kein Thema.

Denn wenn man angebliche oder tatsächliche Menschenrechtsverletzungen an Palästinensern durch den israelischen Staat kritisiert, dann ist diese angebliche Grundposition nur dann als zentrales Motiv glaubwürdig, wenn die daraus abgeleiteten Einsichten und Handlungen auch hinsichtlich anderer Länder wahrnehmbar sind. Rooney hat sich indessen nicht gegen arabische, chinesische, persische oder russische Übersetzungen gewandt. Daher muss auch von einer Doppelmoral hinsichtlich ihrer Entscheidung gesprochen werden, lässt sie doch erkennbar Doppelstandards in ihrem Verhalten erkennen. Bekanntlich gelten diese bei einem israelbezogenen Antisemitismus als ein prägendes Strukturmerkmal. Indessen soll hier der Autorin keine dezidierte Judenfeindschaft unterstellt werden, zumal diesbezügliche Aussagen von Ronney nicht bekannt sind. Indessen kann das Engagement für universelle Menschenrechte wohl schwerlich als eigentliches Motiv ihres Votums gelten. Doppelmoralen stehen meist für Heuchelei, was sowohl für das Alltagsleben wie die Politik gilt.

Bild oben: „Normal People“ erschien vergangenes Jahr im Iran, Screenshot Teheran Times