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Gesicht zurück geben

Herbst des Gedenkens an den jüdischen Architekten Manfred (Manuel) Faber in der Naumannsiedlung in Köln-Riehl

Der in Karlsruhe geborene Manfred Faber (26.10.1879 – 16.5.1944 KZ Auschwitz) war ein jüdischer Architekt. Er zog 1914 nach Köln, wo er in den Jahrzehnten danach architektonisch bleibende Spuren hinterließ. Er wurde zu einem der bedeutendsten Architekten der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG. Von 1922 bis 1929 gestaltete er gemeinsam mit Wilhelm Riphahn in Köln-Holweide und Köln-Dellbrück die Märchensiedlung, die märchenhafte Straßen trägt und durch ihre engen Gassen geprägt ist. Von 1928 bis 1930 war er maßgeblich an der Planung der Naumannsiedlungin Köln-Riehl beteiligt. Diese war vor allem für kinderreiche Arbeiterfamilien geplant worden und besticht noch heute durch ihre expressionistisch, in rot und weiß dekorierte Fassadengestaltung – die weißen Wandflächen kontrastieren mit den rot lackierten Sprossenfenstern. 1935 begannen die Jahre der Verfolgung und Isolation Fabers in Köln; im Juli 1942 wurde er nach Theresienstadt, im Mai 1944 nach Auschwitz deportiert, wo er unmittelbar danach „verstarb“. Auch zwei seiner drei Schwestern wurden in Konzentrationslagern ermordet, die dritte vermochte nach Argentinien zu emigrieren.

Manfred Fabers Name und insbesondere sein Gesicht blieben in Köln über Jahrzehnte oder eigentlich bis heute vollständig vergessen. In den kommenden Monaten wird in Köln-Riehl in mehreren Veranstaltungen an Manfred Fabers Wirken erinnert. Den Anfang bildet am 26.10. eine GAG-Feierstunde auf dem Naumann-Platz in Riehl, bei der eine Gedenktafel für Manfred Faber eingeweiht wird. Weiterhin wird der zentral gelegene Naumann-Platz architektonisch aufgebessert und autofrei gemacht. Er soll zum sozialen Zentrum der Siedlung werden.

Nur einen Kilometer entfernt, in der Riehler Barbarastraße 3-9, wurde übrigens zeitgleich, im April 1929, der Edelweißpirat Jean Jülich geboren. Jean Jülich verbrachte in diesem seinerzeit von Armut geprägtem Wohnkomplex, einer ehemaligen Kaserne, seine ersten vier Lebensjahre. Das nur schwer zu findende Gebäude steht heute noch: „Die Wohnung war klein, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein langer Flur, das war alles. (…) Die Wände (…) und die Einrichtung einfach und lieblos“, erinnerte Jülich sich in seiner Autobiografie seiner frühen Kindheit in der Barbarastraße. 

Roland Kaufhold

Über Manfred Faber

Von Rob Herff

Manfred Faber war der Architekt, der den Stil der Naumannsiedlung im Kölner Stadtteil Riehl wesentlich geprägt und den Bau verantwortlich realisiert hat. Die Siedlung wurde 1929 übergeben und galt fortan als Aushängeschild des Sozialen Wohnungsbaus. Doch weil Manfred Faber Jude war, ermordeten ihn die Nazis am 16. Mai 1944 in den Gaskammern von Auschwitz.

Mehr als ein dreiviertel Jahrhundert sind seit diesem brutalen Verbrechen der Nazis vergangen, ohne dass es einen Hinweis auf diesen bitteren Teil der Geschichte dieses Viertels oder gar einen Ort des Gedenkens gibt.

Jetzt im Herbst des Gedenkjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ steht die Naumannsiedlung endlich im Zeichen des Gedenkens an Manfred Faber.

„Wir“ sind eine Initiative von Nachbar*innen aus Riehl und dem Viertel selbst, die sich ehrenamtlich für ein würdiges, nachhaltiges und lebendiges Gedenken an Manfred Faber einsetzt, den Chef-Architekten der Naumannsiedlung und Opfer des Holocaust. Wir haben uns sehr für die geplanten Maßnahmen stark gemacht und begrüßen sie sehr.

Unser Schwerpunkt und Beitrag besteht darin, die geschichtlichen Tatsachen so aufzuarbeiten und zu verbreiten, dass sich auch Menschen ohne Vorkenntnisse eingeladen fühlen, sich mit der ganzen Geschichte der Naumannsiedlung und ihres Erbauers zu befassen.

Leitgedanke ist dieses Zitat: „Es bedeutet zu verstehen, dass Antisemitismus nicht da beginnt, wo auf eine Synagoge geschossen wird. Dass auch die Shoa nicht mit Gaskammern begann. Es beginnt mit Verschwörungserzählungen. (…) Wir können den Anfängen nicht wehren, weil es ein stetiger Prozess ist. Weil jetzt gerade Waffen gesammelt werden. Weil jetzt gerade Waffen gesammelt werden. Weil jetzt gerade bei der Polizei und im Militär rechtsradikale Strukturen nicht konsequent aufgedeckt werden. Weil Menschen wie ich jetzt und heute Morddrohungen bekommen“ – sagte Marina Weisband in ihrer Rede zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2021 im Deutschen Bundestag.

Dazu haben wir eine Webseite geschaffen, die das Leben und Wirken von Manfred ausführlich ausleuchtet und sein Schicksal thematisiert um damit aufzuklären: www.naumann-nachbarn-riehl.de

Historischer Hintergrund

Der Architekt Manfred (Manuel) Faber wurde 1879 in eine jüdische Familie in Karlsruhe hineingeboren. Nach dem Ersten Weltkrieg zog es ihn ins Rheinland.

In den 1920/30er Jahren wirkte er an einer Reihe von Bauten im Stile des Neuen Bauens in Köln mit. Die GAG, der stadteigene Kölner Wohnungsbaukonzern, nahm ihn als Chef-Architekt unter Vertrag, um die heutige Naumannsiedlung im Stadtteil Riehl zu realisieren.

Der damalige Oberbürgermeister Konrad Adenauer hatte das Projekt initiiert, um Wohnraum mit guter Lebensqualität für die vielen neuen Mitarbeiter von Ford zu schaffen.

Manfred Faber prägte die Architektur und das Erscheinungsbild der Siedlung mit über 400 Wohnungen maßgeblich und setzte damit einen neuen Standard im Sozialen Wohnungsbau. 1929 wurde die Siedlung übergeben.

Damit hatte er endgültig seinen Ruf als Modernisierer gefestigt und befand sich im Zenit seiner Karriere. Noch bis 1935 realisierte er weitere Wohngebäude für verschiedene Auftraggeber.

Dazu haben wir eine Webseite geschaffen, die Schaffen und Schicksal von Manfred Faber zum Schwerpunkt macht: www.naumann-nachbarn-riehl.de

Nach 1933 wurde er von den Nazis und ihren Mitläufern diffamiert und diskrimiert.1942 deportierten sie ihn nach Theresienstadt. Am 15. Mai 1944 brachte man ihn nach Auschwitz, wo am 16. Mai 1944 in den Gaskammern ermordet wurde. Manfred Faber wurde 64 Jahre alt.

Über 75 Jahre Erinnerungslücke statt Erinnerungskultur

Nach dem Ende der Nazis bestand wenig Interesse an der Aufarbeitung der Naziverbrechen. In Köln und anderswo pflegte man lieber wohlfeile Legenden, nach denen keiner dabei aber alle im Widerstand gewesen sein wollten.

Manfred Faber, sein Leben, seine Tragödie und sein Beitrag zum Siedlungsbau in Köln gerieten vollends in Vergessenheit.

Wolfram Hagspiel war der Erste, der sich auf die Spurensuche nach den Einflüssen jüdischer Architekten in Köln wie Manfred Faber machte. 2010 zeigte das NS-Dok seine Ausstellung ‚Kölns jüdische Architekten‘. Parallel erschien sein gleichnamiges Buch, das sich als wichtige Quelle für unsere Recherchen erwies.

Aber weder in Hagspiels Buch noch in einem der renommierten Kölner Archive existiert ein Bild von Manfred Faber. Lange war ‚Manfred Faber‘ einfach nur ein Name ohne Gesicht – ein Phantom.

Gesicht zurück geben

Von einer Initiative von Anwohner*innen*innen aus der Märchensiedlung, die sich ebenfalls für ein Gedenken an Manfred Faber  in ihrem Viertel einsetzt, bekamen wir im Frühsommer 2021 zwei Fotos aus dem Jahre 1919. Das Material stammt aus dem Archiv der Stadt Grevenbroich, nordwestlich von Köln.

Nach Einschätzung der Stadtarchivarin Cornelia Schulte zeigen sie mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit Manfred Faber auf der Baustelle der fertig gestellten Wohnsiedlung des Erftwerks.

Auf einem der Beiden sehen wir einen selbstbewussten, schlanken Herrn mit Anzug und Hut inmitten von Bauhandwerkern. Manfred Faber zeigt hier buchstäblich Gesicht und Persönlichkeit. Der Name verbindet sich nun wieder mit einer Identität. Damals ist er 39 Jahre alt.

Es macht uns froh und stolz, dass es uns gelungen ist, die vermutlich einzigen beiden Fotos von Manfred Faber gefunden zu haben und sie auf unserer Webseite zeigen zu können.

Die ganze Dokumentation über Manfred Faber gibt es hier:
https://naumann-nachbarn-riehl.de/spurensuche-manfred-faber/

Fotos / Montage: Rob Herff

Inside Naumann – eine Runde Naumannviertel from Robert Herff on Vimeo.

Nachtrag:

Die neu installierte Gedenktafel für Manfred Faber, Foto: R. Kaufhold