- haGalil - https://www.hagalil.com -

Brandgefährlich

Immer wieder neue Hitzerekorde – der Klimawandel scheint auch in Israel angekommen. Bis zum Jahr 2100 erwarten Wissenschaftler eine Erhöhung der Durchschnittstemperatur um mindestens 1,5 Grad. Umweltministerin Tamar Zandberg will deshalb den Klimanotstand ausrufen lassen.

Von Ralf Balke

Waldbrände sind in Israel nichts Unbekanntes. Immer wieder brennt es in den Hügeln rund um Jerusalem, auf dem Carmel bei Haifa oder einem der bewaldeten Regionen im Norden des Landes. Die unmittelbaren Ursachen dafür sind bekannt – entweder die berühmte Zigarette, die jemand unachtsam aus dem Auto geschnippt hat oder eine Grillparty in der freien Natur. Mal geht die Sache glimpflich aus, mal eben nicht. So löste 2010 die glühende Kohle einer Schischa auf dem Carmel eine Katastrophe aus, der 44 Menschen zum Opfer fielen. Darüber hinaus gab es bereits zahlreiche Feuer, die absichtlich entfacht wurden, beispielsweise durch Ballons mit Brandbeschleunigern, die aus Gaza kommend, mehrfach Felder und Wälder im israelischen Umland zerstörten. Aber auch die verheerenden Brände im Umland von Haifa, Nahariya und Beer Sheva aus dem Jahr 2016 hatten mehrheitlich einen politischen Hintergrund, wie eine Untersuchungskommission 2017 feststellte, weshalb sie von den Verantwortlichen als terroristische Akte eingestuft wurden.

Doch was diesen August rund um Jerusalem geschah, hatte eine andere Dimension. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass in den zehn Jahren, in denen ich nun Försterin bin, es derartige Verwüstungen gab. Das ist wirklich etwas Ungewöhnliches“, lautet dazu die Einschätzung von Nurit Hibsher, Leiterin der Forstwirtschaft für die Zentralregion beim Keren Kayameth LeIsrael-Jewish National Fund (KKL-JNF). Mehrere tausend Hektar Wald wurden vernichtet. 204 Feuerwehrteams waren im Einsatz sowie 20 Löschflugzeuge und mehrere Verbände der Streitkräfte. Sogar die Palästinensische Autonomiebehörde schickte Feuerwehrwagen. Einige Ortschaften, darunter Ksalon, Shoresh oder Givat Ye’arim, mussten sogar zeitweise evakuiert werden, zahlreiche Häuser brannten nieder. Die einzige positive Nachricht in diesem Kontext: Niemand kam ums Leben.

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache: So gab es in den Jahren 1989, 1995, 2010, 2016, 2019 und jetzt im Sommer 2021 verheerende Waldbrände – die zeitlichen Abstände zwischen den Ereignissen werden also von mal zu mal kürzer. Auch die Zahl der vernichteten Hektar Waldfläche vergrößert sich kontinuierlich. Oder anders ausgedrückt: Waldbrände geschehen öfters als früher und haben andere Dimensionen angenommen. Das jedenfalls ist die Erkenntnis. Und sie zwingt die Verantwortlichen zum Handeln. Denn die Natur ist Feuer zwar gewohnt und kann sich stets aufs Neue wieder regenerieren. Doch dafür braucht sie eine Weile. Ist diese Zeit aber nicht gegeben, weil es mittlerweile fast jedes Jahr vielerorten heftig brennt, kann diese Erholung nicht mehr stattfinden. Der so entstandene Schaden ist dann dauerhaft. Auf all das sollte man vorbereitet sein. Vor allem nach der Katastrophe von 2010, die zahlreiche Defizite in der personellen und technischen Ausrüstung der Feuerwehr offen gelegt hatte, reagierte man für israelische Verhältnisse relativ schnell, machte nicht nur Gelder für neue Löschfahrzeuge und Frühwarnsysteme locker, sondern professionalisierte auch die Ausbildung von Feuerwehrleuten. 2020 wurde sogar ein eigenes College dafür gegründet, das eine Forschungsabteilung besitzt.

Doch Brände schnell löschen zu können ist eine Sache. Viel schwieriger ist die Erfassung ihrer eigentlichen Ursachen und deren Bekämpfung. Und dafür braucht es wohl einen langen Atem und viel Geld. Denn die Waldbrände geben einen Vorgeschmack dessen, was der Klimawandel an Veränderungen und Gefahren mit sich bringen kann. Bereits seit der Jahrtausendwende warnen Wissenschaftler davor, dass in der östlichen Mittelmeerregion die Temperaturen ansteigen werden, was wiederum die Hitzeperioden intensiviert und damit die Gefahr von Dürren und Waldbränden. So hat in seinem Blog „Data Science Storytelling“ der israelische Wissenschaftler Gil David eine längere Zeitreihe an entsprechenden Daten ausgewertet und es in den 1960er Jahren im Regelfall zwischen elf und 22 Tage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad gab. 2018 waren es bereits 98. Und vor über zehn Jahren bereits war in Israels nationalem Report über den Klimawandel, den die Ben Gurion Universität im Auftrag des Umweltministeriums in Jerusalem gegeben hatte, zu lesen, dass man wohl bis zum Jahr 2100 mit einem Anstieg der Durchschnittstemperatur von 1,5 Grad rechnen müsse. Mittlerweile wird diese Prognose aufgrund ihres Alters sogar als ein positives Szenario gehandelt, weil es wohl noch schlimmer werden könnte. Aber auch bei einem Plus von „lediglich“ 1,5 Grad wären die Aussichten ziemlich finster: Wüsten könnten sich in der Region zwischen 300 und 500 Kilometer nach Norden ausdehnen und Niederschläge würden geringer ausfallen, weshalb es vermehrt Dürren geben kann und das Problem der Wasserknappheit sich verschärft. In Konsequenz würde dies auch ein Ende der mediterranen Vegetation bedeuten, wie man sie aus Israel kennt.

Nach der Veröffentlichung des neuesten Berichts der Vereinten Nationen zum Thema Klimawandel im August klingelten im Umweltministerium in Jerusalem denn auch die Alarmglocken. Die über 3.000 Seiten lange Studie liest sich wie das Szenario einer Dystopie. Die Meeresspiegel würden steigen, das Eis an den Polarkappen schmelzen und extreme Wetterphänomene die Erde zu einem ziemlich ungemütlichen Ort machen. „All unsere Befürchtungen werden schneller wahr als wir gedacht haben“, lautete dazu der Kommentar von Professor Daniel Rosenfeld vom Institute of Earth Sciences der Hebräischen Universität in Jerusalem, der selbst an dem UN-Report mitgearbeitet hatte. Und Professor Yoav Yair, Dekan an der School of Sustainability am Interdisciplinary Center Herzliya, ergänzt: „Eigentlich steht in dem UN-Berichts nichts wirklich Neues. Wir wissen, dass die gesamte Region von Portugal bis nach Jordanien ein Klimawandel-Hotspot ist, der sich schneller erhitzt als andere Teile der Welt. Genau das spüren wir bereits. Und wir werden es in den kommenden zwei oder drei Jahrzehnten noch stärker zu spüren bekommen.“ Nach der Lektüre jedenfalls verkündete Tamar Zandberg, seit einigen Monaten Israels Umweltministerin, dass all das eine „strategische Bedrohung für Israel“ sein wird und man nun sich den Herausforderungen stellen solle. Deshalb möchte die Meretz-Politikerin gerne den Klimanotstand ausrufen – anderenfalls würde das Land in Gefahr laufen, dass die Temperaturen im Jahr 2050 im Vergleich zum Jahr 1950 bis zu satten vier Prozent im Durchschnitt ansteigen. Da helfe es wenig, dass Israel in Bereichen wie Wasser-Recycling oder Meereswasser-Entsalzungsanlagen auf Weltmarktführer ist, wenn man beim Thema Maßnahmen gegen den Klimawandel aber deutlich hinterherhinke.

„Dass Israel in der Vergangenheit so gut wie gar nichts in dieser Hinsicht getan hatte, sollte die Leute aufregen“, sagt Professor Yoav Yair. „Die vorherige Regierung hat nichts dagegen unternommen, die Menge der in Israel ausgestoßenen klimaschädlichen Gase zu reduzieren.“ Immer wieder sei das Argument zu hören gewesen, dass Israel zu klein sei, um irgendwas daran ändern zu können. Also würden sich keine Maßnahmen lohnen, sondern nur Geld kosten. Aber dennoch haben sich die Verantwortlichen in Israel ein wenig bewegt. Als Unterzeichnerstaat des Pariser Klimaschutzabkommens und diverser UN-Beschlüsse zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung hatte man 2018 einige erste Maßnahmen auf den Weg gebracht. So dürfen seit Oktober 2020 beispielsweise keine neuen Baugenehmigungen für weitere erdgasbetriebene Großkraftwerke mehr ausgestellt werden. Auch will man in Zukunft vor allem auf die Fotovoltaik als Quelle für die Stromerzeugung setzten – schließlich gibt es in Israel auch ohne Klimawandel bereits Sonne satt. Und schon 2015 hatte die Regierung erklärt, dass der Pro-Kopf-CO2-Ausstoß in Israel bis zum Jahr 2025 auf 8,8 Tonnen reduziert werden soll und schließlich auf 7,7 Tonnen im Jahr 2030. Anlässlich des Climate Ambition Summit im Dezember 2020 hatte Israels damaliger Ministerpräsident Benjamin Netanyahu denn auch verkündet, dass sein Land bis 2050 keine fossilen Treibstoffe mehr verwenden werde und die Energieversorgung dann so gut wie emissionsfrei sei.

Natürlich klingt das alles sehr ambitioniert und selbstverständlich gibt es noch zahlreiche Hürden, beispielsweise beim Aufbau von Kapazitäten zur Speicherung von Strom. Doch es kommt etwas Bewegung in die Sache. Innovationsbehörde und Umweltschutzministerium fördern mittlerweile entsprechende Pilotprojekte zur Entwicklung und Anwendung von Cleantech-Technologien, beispielsweise im Bereich der Reduzierung von Treibhausgasen. Zuschüsse in Höhe von 20 bis 50 Prozent der dabei anfallenden Kosten werden übernommen. Doch vielen ist das alles zu wenig und das Tempo zu langsam. Dass die Zeit drängt, haben nicht nur die Waldbrände im August gezeigt. Offensichtlich gibt es noch eine weitere Front im Kampf gegen den Klimawandel. So wurde am Sonntag gemeldet, dass die Temperatur des Wassers im Roten Meer vor Eilat 29,1 Grad erreicht hatte – ein neuer Rekord! Die Wissenschaftler vom Interuniversity Institute for Marine Sciences vor Ort mussten feststellen, dass das Wasser pro Jahr im Durchschnitt um 0,036 Grad wärmer werde – nach ihren Berechnungen also dreimal so schnell wie laut UN Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die Temperatur in der Luft. Und im März 2020 hatte der bis dato stärkste Sturm große Verwüstungen in den küstennahen Gewässern angerichtet, die Experten sprechen von 22 Prozent aller Korallen in manchen Gegenden, die dabei beschädigt wurden. „Die Umweltkatastrophen des Sommers 2021 werden als eine Art Wendepunkt und Weckruf in die Erinnerung eingehen“, lautet Tamar Zandbergs Fazit zu all diesen Ereignissen. Inwieweit sie selbst als Umweltministerin ein Umdenken bewirken kann, wird sich noch zeigen. Nur eines weiß man bereits. Viel Zeit hat sie nicht.

Bild oben: Twitter Ilanit Chernick