Mina Gampel in Berlin

Ausstellung und Vorstellung des autobiografischen Buches der aus Stuttgart stammenden Künstlerin

Von Christel Wollmann-Fiedler

Bereits zwei Jahre alt ist Dein künstlerischer Wunsch in Berlin auszustellen. Umgeschaut hast Du Dich und HellMA der Frauentreff in Marzahn interessierte sich. Der Virus, die Lockdowns und weitere Unzulänglichkeiten des kulturellen Lebens, haben Sabine Krusen, die damalige Leiterin und Dich gebremst. Nun bist Du vor Tagen mit Deiner schwarzen Mappe unterm Arm von Stuttgart nach Berlin gekommen. Auf dem Stuttgarter Bahnhof ging die Mappe mit den Bleistiftzeichnungen verloren, Deine Not war groß. In letzter Minute tauchte die Mappe auf und Du konntest mit Deinen Bleistiftzeichnungen und dem autobiographischen Buch vom Neckar an die Spree kommen.

Am Nachmittag wirst Du auf der Marzahner Promenade 41 aus Deinem Buch „Meine vier Leben“ lesen und aus Deinem ereignisreichen Leben erzählen und die Ausstellung mit den Zeichnungen eröffnen.

Warum hast Du für diese Ausstellung die Bleistiftzeichnungen mit den Portraits ausgewählt?

M.G. Meine ganze Arbeit bezieht sich zum größten Teil auf das jüdische Leben. Ich zeige einfach, welch wunderbare Leute diese jüdischen „Köpfe“ waren. Man wird diese Menschen erkennen und wissen, was sie in Deutschland und in anderen Ländern, vor dem 2. Weltkrieg zustande gebracht haben. Das ist für mich ein großes Anliegen.

Ich weiß. Dass Du in Polen in Pinsk, einem kleinen Schtetl, geboren wurdest, Deine Familie mit Dir als Baby und Deinen sieben Geschwistern 1941 vor den Nazis auf die Flucht gehen musste. Weiter in den Osten, in die asiatische Region der Sowjetunion bis ins heutige Kirgisien seid Ihr gekommen und habt überlebt.

M.G. Nein, das stimmt nicht. Drei meiner Geschwister haben nicht überlebt. Der eine Bruder wurde beim Spielen von einem Stein getroffen, und zwei sind schwer erkrankt auf der Flucht und starben. Sie waren älter als ich.

Ihr Überlebenden seid 1945 in Stettin/Szczecin, im neugegründeten Polen, in der Woiwodschaft Westpommern, angekommen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden in Stettin/Szczecin viele Juden aus dem Osten aufgefangen. Wie viele jüdische Familien ward Ihr dort?

M.G. Das ist schwer zu sagen, ich war ein Kind, doch in jedem Haus in der Zupanskiego Straße wohnten jüdische Familien und auch Einzelpersonen. Wir führten dort unser jüdisches Leben weiter.

Du bist dort in die Schule gegangen, hast in Stettin Deine Kindheit und Jugend verbracht, hast Deinen Mann kennengelernt und mit knapp siebzehn Jahren warst Du verheiratet. Zusammen konntet Ihr, die gesamte Familie, Eltern, und Geschwister von Polen nach Israel auswandern. Zehn Jahre lebtest Du in Israel, Deine drei Söhne wurden im Gelobten Land geboren und 1967 ging es retour nach Europa, nach Deutschland, in den Südwesten. 53 Jahre bist Du bereits im Schwäbischen, in Stuttgart, zu Hause. Lebst dort gerne, bist bekannt „wie ein bunter Hund“, wie Du selbst sagst. Auch die Jüdische Gemeinde betrachtest Du als Dein Zuhause, warst sehr engagiert bei Makkabi und vierzig Jahre Stellvertretende Vorsitzende von Makkabi Stuttgart. Deine künstlerische Arbeit wurde vor 35 Jahren Wirklichkeit, nachdem Du an der Esslinger Akademie und an der Europäischen Akademie für bildende Künste in Trier studiert hast, seit 1993 bist Du Dozentin an der Kunstakademie in Esslingen. Deine künstlerische Arbeit konntest Du in unterschiedlichen Ländern Europas ausstellen und hast sehr viel Lob und Anerkennung bekommen.

Jetzt bist Du in Berlin und ich bin gespannt auf den Nachmittag in Marzahn im Frauentreff HellMA. Du wirst aus Deinem Leben erzählen und aus Deinem Buch lesen und über Deine Bilder, die vor Tagen aufgehängt wurden, sprechen.

M.G. Ich freue mich ganz, ganz arg. Coronamaßnahmen müssen eingehalten werden und niemand weiß, wie viele Menschen in den Raum dürfen. Meine Portraits sind jüdische Schriftsteller und Wissenschaftler, Philosophen und Rabbiner, auch Kinder, jüdische Menschen, interessante Gesichter. Ich habe ihnen die Seele eingehaucht, sie sprechen mit mir.

In Jaffa 2010 bei einer Ausstellung mit ungefähr sechzig jüdischen Frauen aus der weiten Welt lernte ich Dich kennen. Du hattest ein großformatiges Bild mit einem jüdischen Motiv dabei und im Dezember 2017 in München in der Janusz Korczak Akademie sah ich sehr große farbige Gemälde und großformatige Tryptichen. An Motive aus der Bibel und dem jüdischen Leben im Schtetl erinnere ich mich, auch an wunderschöne Blumenmotive. Deine Kunstwerke mit diesen jüdischen Themen werden mir heute fehlen.

Sind das Öl- oder Acrylfarben mit denen Du malst?

M.G. Ich male mit allen Materialien, mit Öl und Acryl, auch mit Aquarell, ganz nach Stimmung wähle ich die Materialien. Alle Techniken beherrsche ich. Motive sind selbstverständlich jüdische Szenen.

Deine jüdische Seele malt Judaica. Du zeigst uns das Leben der Juden von damals in Osteuropa. Ein Leben, das es so nicht mehr gibt

M.G. Zurück möchte ich nicht gehen. Aber ich zeige die polnische Gesellschaft, ich zeige die deutsche Gesellschaft, auch eine gemischte Gesellschaft. Ich liebe sie alle. Das Judentum ist mir wichtig und meinen Kindern habe ich davon so viel abgegeben, wie ich nur konnte. Ich wurde als Jüdin geboren, ich bin Jüdin, ich werde immer Jüdin sein und mit Stolz Israelin und bin glücklich damit.

„Die Weitergabe der jüdischen Seele, in ausdrucksstarken Szenen das alte jüdische Leben aufleben und mit Farbigkeit umspielen lassen, erfüllt mich auf ganz besondere Weise“ (Mina Gampel)

Interessant und kurzweilig wurde der Nachmittag in Marzahn, nachdem die Leiterin des Frauentreffs Tetiana Gonscharuk die Gäste und Mina Gampel, die Künstlerin, empfangen hat. Das interessierte Publikum wollte viel wissen, eine lange und rege Unterhaltung folgte.

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1940 wurde Mina Gampel in Pinsk, einem kleinen Schtetl in Polen, heute Weißrussland, als jüngstes von acht Kindern in eine jüdische Handwerkerfamilie geboren. 1941 überfiel die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion und die jüdische Familie Juszkiewicz flieht in den asiatischen Teil der Sowjetunion, weiter nach Samarkand in Usbekistan, nach Taschkent und Frunse in Kirgisien, heute Bishkek, wo Mina von 1941 bis 1945 ihre frühe Kindheit verbrachte, immer auf der Flucht vor den Nazis. 1945 kam die Familie in Stettin/Szczecin an der Oder in der Woiwodschaft Westpommern, im neugegründeten Polen, an. Von 1946 bis 1957 ging sie dort in die Schule, verbrachte Kindheit und Jugend. Eine schöne Jugend soll es gewesen sein, wie sie in ihrem Buch geschrieben hat, 1957 durfte sie von Polen nach Israel ausreisen. Nach zehn Jahren, 1967, ging sie mit Ehemann und Kindern nach Deutschland auf die Schwäbische Alb in eine unsichere Zukunft. Ihre Zeit in Israel möchte sie nicht missen, hat ihren Kindern dort ein gutes Zuhause geben können, las ich im Buch „Meine vier Leben“. *)Seither lebt und arbeitet die Künstlerin in Baden-Württemberg, in der Landeshauptstadt Stuttgart. Von 1980 bis 1993 begann sie ihre künstlerische Ausbildung an der Esslinger Akademie und der Europäischen Akademie für Bildende Künste in Trier, seit 1993 arbeitet sie als Dozentin an der Kunstakademie in Esslingen. Nach dem Abschluss des Studiums erfüllte sie sich endlich ihren Traum: Sie wollte eine echte Künstlerin werden und wurde es.

„Mina Gampel ist eine eindrucksvolle talentierte, urwüchsige Künstlerin, die gerade wegen dieser Qualitäten als die Schöpferin der die Seele anrührenden „Bilder aus dem Schtetl“, einen hohen Bekanntheitsgrad in Deutschland erlangte“, las ich. 

Mina Gampel, „Meine vier Leben – Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland“, 2018, ISBN 978-3-00-059646-9, 19,90 Euro, Bestellen?

 

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