13. August 1961 – Mauerbau

Ein Sonntag war der 13. August 1961, ein Schicksalstag für Deutschland. Die Mauer in Berlin wurde gebaut, die Telefone liefen heiß, Freunde und Verwandte in Berlin konnten nicht erreicht werden, das Telefonnetz war völlig überfordert…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Ich beobachte und erlebte die Szenerie in Goslar am Harz, in Niedersachsen, bei meinen Eltern und der Mutter meiner Freundinnen. Die Nachrichten und Reportagen im Rundfunk überschlugen sich, ließen uns nicht los, waren spannender als ein Krimi. Der besagte Sonntag ist mir allgegenwärtig. Meine Freundinnen studierten bereits in West-Berlin, Verwandte meiner Mutter lebten seit eh und je in der Stadt. Man hatte Angst um sie, um alle, die Zukunft war ungewiss, schließlich lag Berlin mitten in der DDR. Niemand konnte ahnen, was diese so rasch installierte Mauer tatsächlich für unser Land, für unsere Familien, bedeuten würde.

Aus einer Bretterwand mit Stacheldraht bestand die anfängliche Mauer in Berlin. In den späteren Jahren wurde daraus eine Betonmauer, der Streifen hinter der Mauer im östlichen Teil zum Todesstreifen. Der deutsche Perfektionismus in der DDR nahm unmenschliche Formen an und die Mauer wurde in den weiteren Jahren perfektioniert, die der westlichen Welt trotzte und die kommunistische Ideologie vervollständigte.  Fenster und Türen der Wohnhäuser auf der östlichen Seite, der DDR, wurden kurzerhand zugemauert, um die Fluchtgefahr einzuschränken und, um den Menschen die Sicht in den westlichen Teil der Stadt zu versperren, d.h. zu nehmen. In den Stunden nach dem Bau, nach der Abriegelung des sowjetisch besetzten Teils Berlins sprangen Menschen aus den Fenstern in den westlichen Teil. Weinende und hoffende Menschen hinter und vor der Mauer versuchten sich durch Rufen und Zeichen zu verständigen.

In den folgenden Jahren wurden viele der zugemauerten Häuser abgeräumt, um die Sicht zur Mauer zu erweitern, Fluchtversuche von  Wachtürmen aus besser beobachten zu können. Wir wissen, dass einige Menschen die Flucht in den Westen geschafft haben, viele durch Todesschüsse an der Mauer starben.

Der Kalte Krieg begann und nahm in West und Ost Formen der Unmenschlichkeit an. Aufgerüstet wurde in den USA und in der Sowjetunion, wir, das geteilte Berlin, das geteilte Deutschland lagen mitten drin. Atomraketen standen bereit, für den Fall aller Fälle, einem erneuten Krieg. Zu einem erneuten Weltkrieg kam es nicht, beim Kalten Krieg blieb es!

Die Demarkationslinie, der Todesstreifen, die die DDR als „antifaschistischen Schutzwall“ propagierte, wurde durch ganz Deutschland gezogen und hatte die Länge von 1.400 km. Ein hoher Stacheldrahtzaun mit Selbstschussanlagen und Minenfeldern teilten nun die DDR von der Bundesrepublik Deutschland, vom amerikanischen, englischen und französischen Sektor.

Von Großeltern, Tanten, Onkeln und Cousinen, die in der DDR blieben, wurden wir von heute auf morgen getrennt. Noch dazu lebten die Großeltern im Thüringischen im Zonensperrgebiet, und wir konnten und durften aus dem Westen dort nicht einreisen. Es gab für das Sperrgebiet kein Visum!

Traute Knall aus Kronstadt, die seit 1938 in Berlin als Säuglingsschwester und Hebamme in einer Klinik arbeitete, einen Berliner Arzt heiratete und  vier Kinder gebar, konnte am nächsten Tag ihre Schwestern im Ostteil der Stadt nicht mehr besuchen. Linde Knall, die älteste Schwester war mit Mann und Kindern aus Siebenbürgen auf der Flucht gen Westen irgendwann in Berlin angekommen, die jüngere Schwester Heide Knall, die mit ihrem alten Vater Viktor Knall, dem ehemaligen k & k Oberst, in Kronstadt geblieben war, wurde von den Sowjets verschleppt und musste mehrere Jahre im Kohlebergwerk im Donezbecken an der ukrainisch-russischen Grenze Schwerstarbeit leisten. Schwerkrank kam sie 1948 ebenfalls in Berlin an. Vereint waren die drei Kronstädter Schwestern nun im völlig zerstörten Nachkriegsberlin. Der Mauerbau beschied Unglück für die drei, denn Linde und Heide Knall wohnten im Osten der Stadt, bis zur Öffnung der Grenzen im Jahr 1989. Traute Knall hatte den Fall der Mauer nicht mehr erlebt, sie war bereits im Herbst 1965 im Westteil der Stadt gestorben.

Alle Fotos: (c) Christel Wollmann-Fiedler

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