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Paraschat haSchawua: Vaetchanan

Mein heutiges Anliegen bezieht sich nicht speziell auf die wöchentliche Parascha, sondern eher auf alle Paraschot, also auf die ganze Tora, und darüber hinaus ist es ein nicht ganz einfaches Thema und ich hätte es lieber bei einem Treffen im Freundeskreis besprochen, um die möglichen Einwände und Anmerkungen einzubeziehen, aber Corona hat auch hier nicht Halt gemacht und weder Gott noch mir Respekt gezollt, denn es geht hier schlicht und einfach um ein Thema, das höchstpersönlich mit Gott zu tun hat…

Vaetchanan 5. Moses, Kap. 3, 23 – 7,11 Schabbat, 1. August 2020

Gehen wir davon aus, dass es ein einziges Universum gibt?! Gehen wir ferner davon aus, dass es überhaupt einen Schöpfer gibt, dann muss man nolens volens annehmen, dass es nur einen einzigen Gott geben kann. Jetzt komme ich zum Kern meines Themas: Der Name Gottes. Es ist unwahrscheinlich, dass Gott einen Namen hat, denn warum soll sich Gott selbst einen Namen geben? Von wem soll er sich unterscheiden? Welchen Sinn hätte es, sich selbst als einziges bewusstes Sein mit einer Bezeichnung zu versehen? Wir können natürlich nicht wissen, wie Gott denkt. Auch der Prophet Jesaja hatte diese Erkenntnis (bereits im 8. Jhd. vor, Kapitel 55, Vers 8 ff.), und sagt im Namen Gottes „meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“. Jedoch auch ohne die Einbildung zu wissen, was für Gott sinnvoll ist oder nicht, können wir getrost eines ausschließen, dass Gott sich einen Namen gab.

Die Namen Gottes, und davon gibt es viele in verschiedenen Sprachen, sind Produkte des menschlichen Geistes und seiner Erfindungsgabe. Auf keinen Fall können sie als solche heilig sein. Gott allein ist heilig. Zwar könnte man davon ausgehen, dass Gott, so er es wollte, Heiligkeit ausstrahlen könnte, jedoch sind hierüber Spekulationen widersinnig, da man seine Handlungen nicht nachvollziehen kann.

Trotzdem verhalten sich die Menschen so, als ob sie Kenntnisse von den Namen Gottes hätten. Zwar gibt es in den Religionen und Sekten Nuancen bei der Einstellung zur Heiligkeit der Namen, wobei manche Namen von den Gläubigen gar nicht ausgesprochen werden dürfen. Wir können versuchen, die Einstellung im jüdischen Glauben als Beispiel auch für die anderen Religionen zu erörtern. Mehrere Namen für Gott sind da bekannt, die mit unterschiedlicher Ehrfurcht behandelt werden. Der wichtigste, der nicht einmal ausgesprochen werden darf, ist wohl auch der älteste, wobei die Aussprache auch nicht unproblematisch wäre, da er (wie im Hebräischen üblich) ohne Vokale geschrieben wird. Es sind die Konsonanten JHWH, die möglicherweise Jehova oder Jahve lauteten. Auch im Gottesdienst oder bei der Bibellesung wird an seiner Stelle das Wort Adonaj ausgesprochen. Adonaj ist ebenfalls ein in der Bibel erwähnte Name Gottes, jedoch nicht ganz so ehrfurchtsvoll wie JHWH. Seine Bedeutung ist für die Übersetzung in andere Sprachen sehr interessant. Er leitet sich ab vom Wort Adon, was Herr bedeutet. Adoni heißt auf Hebräisch „mein Herr“. In der Bibel wird Gott mit dem Plural, Adonaj, meine Herren, angesprochen. Offensichtlich war damals Pluralis majestatis auch schon eine Ehrenbezeichnung einem Höherrangigen gegenüber. Möglicherweise hat Luther (und auch andere Übersetzer?) mitbekommen, dass in den Schriften, wo JHWH geschrieben steht, von den Juden Adonaj gelesen wird. Daher muss er wohl den Namen Gottes als „Der HERR“ übersetzt haben.

Beim Kopieren oder Zitieren aus der Bibel bringe ich es einfach nicht übers Herz „HERR“ zu schreiben. Diese Bezeichnung ist für mein Gefühl zu profan. Das klingt in meinen Ohren wie die Anrede eines Gutsherrn. Jeder Bedienstete eines Landbesitzers nannte seinen Chef Herr. Die vielen Namen Gottes sind ein Ausdruck der menschlichen Erfindungsgabe. Allein die alte Bezeichnung JHWH verdient aber respektvollere Behandlung, schließlich ist sie, laut neuesten Funden, älter als die Bibel und deren Autoren, selbst als Moses.

Über die anderen von Menschen erdachten Namen Gottes, und den Missbrauch, der damit getrieben und der Aberglaube der damit verbreitet wird, soll ein gesonderter Beitrag erarbeitet werden.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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