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Ein antisemitischer Bestseller aus dem 19. Jahrhundert

Gustav Freytags „Soll und Haben“ war im 19. Jahrhundert ein Bestseller. Später wurde der darin enthaltene Antisemitismus geleugnet oder relativiert. Indessen lässt der Blick auf die Figurenkonstellation an dieser Prägung keinen Zweifel…

Von Armin Pfahl-Traughber

Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ gilt als eine Art Klassiker des bürgerlichen Realismus aus dem 19. Jahrhundert. Er war seinerzeit ein Bestseller und wurde in viele Sprachen übersetzt. Auch gegenwärtig liegen zwei unterschiedliche Ausgaben auf dem deutschen Buchmarkt vor, es gibt außerdem noch eine Hörbuch-Fassung. Indessen gab es auch immer wieder Einwände gegen den Roman, da ihm aufgrund verschiedener Figurenkonstellationen eine antisemitische Komponente zugeschrieben wurde. Insbesondere die als durchtrieben und hinterlistig geschilderte negative Hauptfigur löste derartige inhaltliche Zuschreibungen aus. Dagegen wurden auch anderslautende Auffassungen vorgetragen: So fänden sich bei anderen literarischen Klassikern ebenfalls jüdische Negativfiguren, wobei immer wieder Charles Dickens angeführt wurde. Und dann sei doch der Autor Gustav Freytag ein Liberaler gewesen, welcher sich etwa gegen den Antisemitismus von Richard Wagner öffentlich positioniert habe.

Gustav Freytag (1816–1895) Schriftsteller und Anna Strakosch, geb. Götzel in Küsnacht, Schweiz.(1911)
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Beide Aussagen sind inhaltlich zutreffend, sprechen aber nicht gegen die erwähnte Einschätzung eben als antisemitischer Roman. Zwar muss das negative Bild von einer jüdischen Figur in einem literarischen Werk nicht notwendigerweise dafür sprechen, dass es sich auch um einen insgesamt judenfeindlichen Roman handelt. Wenn aber nun nahezu alle jüdischen Figuren darin für ein antisemitisches Zerrbild stehen, verhält es sich bei der Einschätzung eines solchen Romans schon anders. Und genau dies ist der Fall bei „Soll und Haben“, wie noch genauer veranschaulicht werden wird. Der weitere Einwand, wonach der Autor sich zugunsten der Juden ausgesprochen und gar später eine Jüdin geheiratet habe, trägt hier ebenfalls angesichts der persönlichen Entwicklung von Freytag nicht. Denn der Blick auf sein Gesamtwerk macht deutlich, dass er sich bezüglich seiner Einstellung gegenüber den Juden änderte. Während Freytag zunächst eine antisemitische Haltung einnahm, korrigierte er in seinem späteren Leben diese Positionierung.

Das Erscheinen von „Soll und Haben“ 1855 fiel indessen  noch in die judenfeindliche Phase des Verfassers. Um nun die in dem Buch vermittelten Einstellungen besser verstehen zu können, bedarf es zunächst einer kurzen Inhaltsangabe. Auch wenn es um ein fast 900seitiges Werk geht, lässt sich das Dargestellte in wenigen Worten zusammenfassen. Es handelt sich um einen Kaufmannsroman, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Schlesien spielt. Die positive Hauptfigur ist ein Anton Wohlfahrt, der kontinuierlich als anständig und sittsam auf seinem Lebensweg beschrieben wird. Zunächst ist er ein einfacher Lehrling, später ein angesehener Kaufmann. Ihn begleitet dann die erwähnte negative Hauptfigur, der als falsch und habgierig geschilderte Veitel Itzig. Am Ende des Romans ertrinkt dieser, während es ein Happy End für Wohlfahrt gibt. Beide literarische Figuren stehen bei Freytag indessen für gesellschaftliche Prinzipien und politische Vorstellungen: einerseits eine „edle deutsche Gesinnung“ und andererseits einen „niedrigen jüdischen Materialismus“.

Dies macht dann der Blick auf die drei Figurengruppen im Roman deutlich. Dazu gehören erstens die bürgerlichen Geschäftsleute, die von Fleiß und Rechtschaffenheit geprägt sind. Erkennbar warb der Autor für diese soziale Gruppe und ihre Wertvorstellungen. Zweitens kam auch der verarmte Adel vor, welcher aber einem Niedergang aufgrund seines Unvermögens ausgesetzt war. Freytag positioniert sich deutlich kritisch gegenüber dieser sozialen Gruppe, wenngleich sie besser als die dritte Figurengruppe in der Romanhandlung wegkommt. Gemeint sind damit die durchgängig negativ geschilderten Juden, die als betrügerische, unehrliche und verschlagene Geschäftemacher vorgestellt werden. Für die Einschätzung einer Judenfeindschaft ist hier wichtig, dass nicht eine Figur, sondern nahezu alle Juden im Sinne solcher Zerrbilder präsentiert werden. Die einzige Ausnahme bestärkt diesen Effekt sogar noch, entschwindet sie doch aus der Handlung durch einen frühen Tod. Die assimilierten Juden hätten demnach keine reale Perspektive.

Der Autor vermittelte eine antisemitische Botschaft demnach nicht nur durch eine einzige Negativ-Figur, wie bei der Apologie des Romans gelegentlich nahegelegt wird. Denn durchgängig weisen fast alle jüdischen Figuren im Text die erwähnten negativen Wertvorstellungen auf. Gelegentlich lässt Freytag die von ihnen betrogenen Personen verzweifelte Verdammungen äußern, womit der antisemitische Effekt in der emotionalen Wirkung noch erhöht wird. Dabei gibt es zwar keine direkt artikulierte Ablehnung der „Juden“ mit entsprechender Titulierung, aber das gemeinte Feindbild ist für jeden Leser ständig wahrnehmbar. Dazu bedient sich der Autor auch zweier simpler Effekte: der Namensgebung wie der Sprache. Ein falsches Deutsch wird nur von den jüdischen Figuren gesprochen, was eben auch bei einer oberflächlichen Lektüre ständig auffällt und einschlägige Zuordnungen möglich macht. Und dann haben die jüdischen Figuren auch einschlägige Namen: „Veitel Itzig“ „Hirsch Ehrenthal“, Mausche Fischel“ etc.

Die erwähnte einzige assimilierte jüdische Figur trägt dann demgegenüber einen nicht-jüdisch klingenden Vornamen („Bernhard“). Und auch bei sehr randständigen Aspekten werden antisemitische Stereotype bemüht. So ist das Bildungsinteresse bei zwei Jüdinnen nicht aus sich selbst heraus, sondern um der Akzeptanz in höheren Kreisen willen motiviert. Blickt man auf diese und die anderen Formen der Stereotypisierung, so wirken sie aufgrund ihrer Plattheit für Ressentimentbildungen etwas plump. Indessen musste dies im 19. Jahrhundert bei der Lektüre eines eingängigen Romans nicht notwendigerweise so direkt auffallen. Er transportiert damit bei aller Deutlichkeit doch eher latente Inhalte. Es sei hierzu noch einmal daran erinnert, dass „Soll und Haben“ einer der meistgelesenen Romane der damaligen Zeit war. Erfreulich daran aus einer anti-antisemitische Auffassung ist für die Gegenwart aber, dass der Autor Gustav Freytag sich später von der Judenfeindschaft abwandte. Indessen distanzierte er sich dabei nicht eindeutig von diesem so wirkmächtigen Roman.

Literatur:

Achinger, Christine: Gespaltene Moderne. Gustav Freytags Soll und Haben. Nation, Geschlecht und Judenbild, Würzburg 2007.
Gubser, Martin: Literarischer Antisemitismus. Untersuchungen zu Gustav Freytag und anderen bürgerlichen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts, Göttingen 1998.

Bild oben: Gustav Freytag, porträtiert von Karl Stauffer-Bern, 1886–1887