Paraschat haSchawua: Schlach lecha

Wir sprachen von den vielen Mitzvot (Geboten), deren Sinn uns nicht ergründbar ist. Der bedeutende Gelehrte Rav steuerte folgende Formulierung dazu bei: Die Mitzvot wurden zu keinem anderen Zweck erteilt, als die Menschen damit zu läutern. Wobei es durchaus wahrscheinlich ist, dass es darüber unter den Gelehrten einen Konsens gegeben hat, und Rav die allgemeine Meinung zum Ausdruck brachte.

Schlach Numeri Kap. 13 – 15 Schabbat, 5. Juni 2021

Zunächst wird auf eine bemerkenswerte Formulierung von Rav aufmerksam gemacht: Er spricht davon, die „Menschen zu läutern“ und nicht explizit die Israeliten. Im Hebräischen heißt das Wort Beriot (Singular Beria), was Lebewesen heißt, aber auch ein Synonym für Menschen ist. In dem von Rav allgemein formulierten Satz wollte er möglicherweise allen Menschen, auch den Nichtjuden, den Weg der Läuterung weisen.

Zunächst zum Begriff Läuterung: Das hebräische Wort bedeutet eigentlich, die Schlacke auslaugen oder ausschmelzen. Einen passenden Satz, der den Begriff am besten verständlich macht, gibt es im Psalm (Kap. 66, Vers 10): Du hast uns geprüft, Gott, und geläutert, wie man Silber läutert. Wie soll dieser Läuterungsprozess vonstattengehen und was soll er bewirken? Weiter: wie soll das Einhalten
der Mitzvot bewirken, dass die Schlacke, gemeint sind die negativen Eigenschaften oder verderblichen Einstellungen, aus dem Ich ausgeschieden wird.

Eine mögliche Antwort wäre, dass die Hinwendung zu den Pflichten Gott gegenüber den Menschen so intensiv einnimmt, dass er gar keine Zeit hat, um auf „schlechte Gedanken“ zu kommen. Wenn man allerdings erfährt, dass der israelische Minister Litzmann, ein ultra-frommer Jude, wegen krimineller Machenschaften vor Gericht angeklagt wird, wird diese These fragwürdig. Frömmigkeit ist keine Garantie für Anstand. Hilfreich bei der Suche nach der Antwort könnte eine genauere Beschreibung des Begriffs Mitzvot sein.

Unter Mitzvot (Gebote) sind nicht lediglich die Zehn Gebote und Vorschriften im Straf- und Zivilrecht gemeint. Die Gelehrten waren sich einig, dass auch die sozialen Regeln dazu gehören. Hilft man einem Armen oder einer Witwe, so verdient man kein Lob oder eine Anerkennung, denn das ist nichts anderes als die Erfüllung einer Mitzva, einer Pflicht Gott gegenüber.

Was die Tora im Rahmen der gesellschaftlichen Mitzvot verordnet, geht sehr weit. Sogar eine Hilfsleistung einem persönlichen Gegner gegenüber fällt darunter: Wenn du siehst, wie der Esel deines Feindes unter seiner Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe (Exo. 23, 5). Im Levitikus, Kap. 19, finden wir zahlreiche Mitzvot, die beispielhaft für jedes moralisch soziale Sittenbuch wären. Eine von ihnen lautet: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Dieser Satz wurde so oft gedeutet, dass eine Erklärung hierüber sehr schwierig ist. Er kann vieles beinhalten oder auch nicht.

Eine weitere These: Je mehr man diese Mitzvot befolgt, desto mehr wird man geläutert. Wie das Edelmetall durch öfteres Schmelzen sukzessive von der Schlacke gereinigt wird, so wird auch der Mensch durch die Einhaltung der Mitzvot immer mehr geläutert, wobei das nur eins bedeuten kann, dass er stetig reiner wird. Was auch bedeuten kann, dass er sich der Vollkommenheit nähert. Vollkommenheit kann der Mensch nie
erreichen; allein Gott ist vollkommen. Diesen Gedanken weiter zu folgen bedeutet – in dem Maße, wie der Mensch sich der Vollkommenheit nähert, kann er Gott mehr oder weniger nahekommen.

Diese These, so verführerisch sie in ihrer letzten Konsequenz auch ist, wirft viele Fragen auf. So reizvoll es auch wäre, die entsprechenden Fragen zu formulieren und zu versuchen, sie zu beantworten, ich kann diese Arbeit wenigstens hier nicht leisten. Deshalb wird empfohlen, dass jeder für sich das Grübeln übernimmt. Man kann auch noch weitergehen und sich neue Thesen ausdenken.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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