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Paraschat haSchawua: Chukat

Im Zusammenhang mit der dieswöchigen Parascha wird im Midrasch Tanchuma erwähnt, dass Rabbi Chija bar Abba gesagt hatte: Die Könige von Persien waren naiv, und der Heilige gelobt sei ER hat nichts gegen sie, nur dass sie Fremdendienst leisteten, die sie von ihren Vorfahren überliefert bekamen.

Chukat Numeri Kap. 19 – 21 Schabbat, 19. Juni 2021

R. Chija, einer der großen Gelehrten zurzeit des Talmuds, lebte Ende des 2. Jhs. Was will R. Chija mit diesem Satz ausdrücken? Er erklärte offensichtlich seinen Zuhörern, dass die persischen Könige lediglich naiv waren, also nicht bösartig. Man hört den versöhnlichen Ton. Es war keine absichtliche oder hinterhältige Gesinnung in ihrem Handeln. Was haben sie denn verbrochen, dass R. Chija sie in Schutz nehmen musste?

Eigentlich war ihre Tat ungeheuerlich. Sie haben Fremdendienst geleistet. Das bedeutet, das sie entweder Götzen (von Menschen geschaffene Skulpturen) oder anderen Göttern (wie Baal, Astarte etc.) gedient haben, was laut der Tora eine der schwersten Sünden gegenüber Gott ist.

Trotzdem sagt R. Chija, dass Gott ihnen nicht zürnt, eher milde gegenübersteht, denn ihre Handlungen haben sie nicht aus Überzeugung unternommen, sondern lediglich, weil sie sich verpflichtet fühlten, die Tradition ihrer Vorfahren fortzuführen. R. Chija spricht hier „im Namen Gottes“.

Maßt sich R. Chija an, Gott zu vertreten, oder seine Gedanken zu kennen? Keineswegs! Diese Redensart hat sich im Midrasch etabliert, wie auch in den Fabeln. Da reden auf einmal die Tiere und die Pflanzen, der ganze Kosmos und all seine Bewohner, im Himmel und auf der Erde, erhalten menschliche Charaktereigenschaften, wobei sie in der Fabel die Aufgabe haben, meistens menschliches Handeln oder Erscheinungen zu kritisieren, was bei direkter offener Kritik gefährlich sein könnte. Nicht so der Midrasch!

Diese literarische Form, die ebenfalls den ganzen Kosmos beseelt und sogar die Engel und Gott mit menschlichen Charaktereigenschaften versieht, wurde von den Gelehrten entwickelt, um die Tora, die Bibel zu interpretieren. In der kindlich anmutenden Erzählweise sollten den weniger Gebildeten schwierige Sachverhalte oder unverständliche Texte klargemacht werden, wobei die Gelehrten sich auch gelegentlich die Freiheit nahmen, die heilige Schrift und sogar Gott selbst nicht direkt zu kritisieren, jedoch zu belehren. Jeweils in möglichst leicht humorvoller Weise.

Meiner Meinung nach wurde diese literarische Form hauptsächlich dafür genützt, den Menschen ethischmoralische Normen klarzumachen, damit sie sich entsprechend verhielten. Als Beispiel könnte man es mit dem folgenden Midrasch demonstrieren: Beim Auszug der Israeliten aus Ägypten ertranken die ägyptischen Verfolger im Meer. Daraufhin, so der Midrasch, sind die Engel in einen Freudengesang ausgebrochen. Woraufhin sie Gott mit den Worten tadelte: Meine Geschöpfe versinken im Meer und ihr macht Gesang?

Damit wollte der Midrasch zum Ausdruck bringen, was auch klarer im biblischen Buch Sprüche, K. 24, steht: Freue dich nicht über den Fall deines Feindes, und dein Herz sei nicht froh über sein Unglück; der HERR könnte es sehen und Missfallen daran haben. Was R. Chija im Sinn hatte, als er von den persischen Königen sprach, war zweifellos, die Toleranz gegenüber Menschen mit anderen Meinungen und Verhaltensweisen hervorzuheben. Und wenn R. Chija Gott als Nachahmungsbeispiel darstellte, so konnte er jedenfalls davon ausgehen, dass niemand ihm widersprechen oder auch fragen würde: Woher willst Du wissen, was Gott denkt? Vielleicht denkt Gott ganz anders, dass man nämlich die persischen Könige bestrafen müsste, selbst wenn sie keinem etwas zu Leide getan haben? Solche und ähnliche Beispiele gibt es in der Midrasch-Literatur zuhauf, hier ging es darum, das Prinzip dieser speziell jüdischen Literatur-Gattung zu erhellen.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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