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Neue Rechte: Antisemitismus als angeblich linke Erfindung

„Antisemitismus kommt von links“, so heißt es in „Cato“, dem „Junge Freiheit“-nahen Magazin. Damit soll die Judenfeindschaft der Rechten ignoriert werden. Eine neue Geschichtsverfälschung der Neuen Rechten ist auszumachen.

Von Armin Pfahl-Traughber
Zuerst erschienen in: Blick nach rechts, 23.06.2021

Antisemitismus gab und gibt es in diversen politischen und sozialen Bereichen. Mit ideengeschichtlichem Blick kann man feststellen, dass derartige Einstellungen insbesondere in der politischen Rechten präsent waren und sind. Auch die Ergebnisse der empirischen Sozialforschung besagen deutlich, dass Antisemitismus bei den rechts Orientierten oder Wählenden überdurchschnittlich stark vorhanden ist. Derartige Einsichten sollten aber nicht zur Ignoranz gegenüber einer Judenfeindschaft innerhalb der politischen Linken führen.

Indessen verbieten sich hier qualitative Gleichsetzungen, geht es doch um unterschiedliche Relevanzen. Wenn indessen Antisemitismus als angebliche linke Erfindung gedeutet wird, dann handelt es sich um eine historische Fehldeutung und Geschichtsverfälschung aufgrund einer ideologischen Verzerrung. Eine solche wird in einem Artikel in „Cato. Magazin für neue Sachlichkeit“ (Nr. 4/2021) vorgenommen, wo die Aussage „Antisemitismus kommt von links“ im Titel von Karlheinz Weißmann vorgetragen wird.

„Antisemitismus … nur … polemisch gebraucht“

Der Autor gilt als ein „Kopf“ der Neuen Rechten und schreibt regelmäßig in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Bereits zu Beginn heißt es, „Antisemitismus“ werde als Begriff „heute in der Regel nur politisch und mithin polemisch gebraucht“. Dann müsste der Autor doch auch darauf verzichten, gleichwohl schiebt er das Gemeinte der Linken zu. Dies ist dann aber auch „politisch“ und „polemisch“, was hier indessen nicht gesehen wird. Zwar gibt es durchaus eine politische Instrumentalisierung des genannten Terminus, indessen bedient sich ohne genauere Quellen indessen Weißmann selbst einer solchen.

Zunächst berichtet er von antisemitischen Ausschreitungen von arabischstämmigen Muslimen, die es jüngst tatsächlich in deutlichem Ausmaß gab, sie werden hier aber zugunsten von muslimenfeindlichen Ressentiments instrumentalisiert. Der Autor unterscheidet dann: „ … während der Antijudaismus von Latenz und Affekten bestimmt wird, handelt es sich im Fall von Antisemitismus um eine Ideologie, die … auf Worte Taten folgen läßt.“

Autor kennt die historische Chronologie nicht

Als ehemalige Fachlehrer für Geschichte und Evangelische Theologie müsste Weißmann aber wissen, dass bereits Luther derartige Taten gefordert hatte. Dazu gehörte auch der Aufruf zu Synagogenverbrennungen, die dann 1938 bekanntlich reale Praxis wurden. Gleichwohl meint er, dass für den Antisemitismus der Atheismus, Egalitarismus und Materialismus der Französischen Revolution verantwortlich gewesen wäre.

Hier kennt der Autor die historische Chronologie nicht, gab es das Gemeinte doch bereits mit christlicher Legitimation im Mittelalter. Erkennbar soll für den Antisemitismus der Linken die politische Verantwortung zugeschrieben werden. Richtig an dieser Aussage ist, dass auch bei den Frühsozialisten und dann selbst bei Marx judenfeindliche Stereotype präsent waren. Indessen blieben sie für den Antisemitismus in Deutschland weitgehend „bedeutungslos“, wie Weißmann durchaus zutreffend konstatiert. Bei ihm kommen dann die Antisemitenparteien und die völkische Bewegung im Wilhelminischen Kaiserreich nicht mehr ausführlicher vor.

Rechter Antisemitismus wird nicht thematisiert

Diese propagierten indessen den Antisemitismus, der dann später in dem der Nationalsozialisten mündete. Der Autor sucht die Judenfeinde aber immer in anderen Kontexten, wie etwa bei den Schwarzen in den USA. Durchaus berechtigt verweist er am Ende auf einschlägige Einstellungen und Ressentiments, wovon auch mehrere repräsentative Umfragen zeugen. Aber auch hier fällt die Blindheit gegenüber der Judenfeindschaft von rechts auf. Antisemitismus soll es wohl nur bei Linken, Migranten, Muslimen und Schwarzen geben.

Die christliche und rechte Ausrichtung der Judenfeindschaft wird demgegenüber nicht thematisiert. „Antisemitismus kommt von links“, so noch einmal der erwähnte manipulative Titel. Rechte Judenfeinde werden ansonsten nur genannt, wenn sie früher politische Linke waren (Eugen Dühring, Wilhelm Marr, Richard Wagner etc.). Dass etwa im 19. Jahrhundert die Sozialdemokratie gegen den antisemitischen Ungeist wirkte, wird bewusst ignoriert. Damit hat man es mit einer neuen Geschichtsverfälschung der Neuen Rechten zu tun.

Foto: Logo des Magazins Cato