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„Du merkst nicht“ … – Zum 120. Geburtstag von Rose Ausländer

Eine Unterhaltung mit Oxana Matiychuk über die Dichterin Rose Ausländer (11. Mai 1901 – 3. Januar 1988)

Von Christel Wollmann-Fiedler

In einer der berühmtesten Städte der Welt lebst Du. Lange Reisezeiten aus beiden Himmelsrichtungen Nord oder Süd sind normal, wenn man aus Kyiv/Kiew im Norden anreist oder aus Bukarest im Süden. Fast zehn Stunden braucht der Zug von Süden bis an die ukrainische Grenze, und dann ist es nur noch ein Katzensprung in die Stadt, „wo Menschen und Bücher lebten“, wie Paul Celan einmal formulierte. Czernowitz im Buchenland, die Stadt der jüdischen deutschsprachigen Lyriker und Dichter, ist gemeint. Ein barockes Städtchen, ein klein bisschen Wien, doch das ist lange her. Unterschiedliche Kulturen hatten ihren Platz und prägten die multikulturelle Metropole der ehemaligen Donaumonarchie am Pruth. Literarische Abhandlungen, Gedichte und Bücher gibt es in Mengen. Nach dem 2. Weltkrieg fliehen diese jüdischen Literaten in die Welt, wenn sie Ghettos, unmenschliche Schikanen und Arbeitslager überlebt hatten. Doch die Stadt blieb, wo sie war, wird nach dem 2. Weltkrieg sowjetisch und 1991 ukrainisch.

Deine Eltern kamen aus Galizien nach Czernowitz zum Studieren, blieben und Du wirst in den 1970er Jahren in der Stadt mit der bekannten, fast schon mythologischen Aura geboren. Die Schule mit ukrainischer Unterrichtssprache und Deutschunterricht suchen Deine Eltern für Dich aus. Fast ungewöhnlich ist ein solches Unterrichtsangebot in der damaligen Zeit in der Sowjetunion. Studiert hast Du an der Jurij–Fedkowytsch-Universität Deiner Heimatstadt und als promovierte Mitarbeiterin arbeitest Du heute als Dozentin für Literatur am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an dieser Universität. Begegnet sind wir uns im vorletzten Jahr während des Lyrikfestivals „Meridian“ in der Stadt, die heute Tscherniwzi heißt.

Christel Wollmann-Fiedler: Vorhin erwähnte ich den berühmten Dichter Paul Celan, doch Rose Ausländer, die neunzehn Jahre älter war als er, hat ebenso den Ruhm von Czernowitz lyrisch in die weite Welt verteilt bis nach New York und zurück  nach Düsseldorf, wo sie 1988 starb. Du bist dieser Dichterin sehr verbunden, hast sogar eine Dissertation über sie geschrieben und im Frühjahr erscheint im danube books Verlag Dein Buch über sie. Wer hat Dich aufmerksam gemacht auf diese kostbare Literatur von Rose Ausländer?

Oxana Matiychuk: Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, sicherlich war die Veröffentlichung von Professor Rychlo entscheidend. Er hat in den neunziger Jahren viel zu den bukowiner deutschsprachigen Dichtern veröffentlicht. Ich war damals Studentin und war begeistert. Die meisten lokalen Zeitungen habe ich gelesen, in denen er etwas veröffentlicht hat. Der literarische Teil war natürlich von großem Interesse für mich. Gut kann ich mich daran erinnern, dass ich bei der Arbeit in der Österreich-Bibliothek, wo ich als studentische Aushilfe 1998 angefangen habe, auch die Gedichte gelesen habe. Dann kam dieses erste Buch „Phönixzeit“ 1998 zweisprachig heraus, und noch sehr gut erinnere ich mich, dass ich gleich einige Gedichte ins Herz geschlossen habe, wenn man das von Gedichten sagen kann. Ganz besonders das Gedicht „Du merkst nicht“, welches mich besonders bewegte.

DU MERKST NICHT

Du spürst nicht
daß der Schnee der Jahre
in dein Haar fällt
und merkst nicht
wie die Sonne
deinen Weg verbrennt

Im Licht
schwimmst du hinaus ins Meer
verstehst dich mit Delphinen
und merkst nicht
daß das Wasser finster wird

Kommst zurück zur Erde
die du liebst
du merkst nicht daß sie
weggewandert ist
und du an ihrem Rand stehst

Du steigst hinauf
zum schneebestirnten Gipfel
bewunderst das Panorama
unten das grüne Tal
und merkst nicht
daß ein Grab geschaufelt wird

(Zuerst erschienen in: „Doppelspiel“, Literarischer Velag Braun, Köln 1977)

Die nächste Phase einer intensiven Auseinandersetzung mit Roses Leben und Werk kam 2001, ich musste – damals als Mitarbeiterin im Bukowina-Zentrum und in der Österreich-Bibliothek, die dem Zentrum angegliedert war,  als Projektassistentin bei der Vorbereitung des 100 Jahre Rose Ausländer-Symposiums helfen. Und es war die Idee von Professor Harald Vogel von der PH Ludwigsburg, der als Gastprofessor für die Planung und Durchführung der Tagung in Czernowitz weilte, dass ich mich mit ihrem Nachlass beschäftigen und eventuell eine Dissertation schreiben soll. So begann der Weg zu meiner Promotion.

Hast Du die Arbeit an der Universität Czernowitz geschrieben und wer war Dein Doktorvater?

Zur Doktorarbeit war es ein langer Weg. Eigentlich war die Idee von Professor Harald Vogel, das sagte ich bereits. Seine Idee war, dass ich mich eigehender mit Rose Ausländer beschäftigen kann an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg. Dort lag bereits Roses Nachlass in Kopie. Das ist wohl eine einmalige Situation, glaube ich. Die Hochschule hat den Nachlass komplett kopiert. Für die Forschung ist das viel einfacher, als wenn man ins Archiv geht, obwohl man mit dem Original ganz anders umgeht. In der Hochschule saß ich in diesem Raum, wo der Nachlass geordnet untergebracht war. So etwas ist eine traumhafte Situation für jeden, der damit forscht.

Mit einem zweijährigen Stipendium studierte ich in Ludwigsburg, kam dann nach Czernowitz zurück und bekam eine Promotionsstelle an der Jurij- Fedkowytsch-Universität. Mein Doktorvater wurde Herr Professor Rychlo. Das war im Jahr 2008. 

Mein Dissertationsthema war „Die Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“. Da ich in der Forschungsstelle in Ludwigsburg mit dem Nachlass arbeiten konnte, versuchte ich anhand der vorhandenen Gedichtfassungen den Entstehungsprozess der ausgewählten Gedichte zu rekonstruieren. Das war eine sehr spannende Arbeit. Die theoretische Grundlage meiner Forschung war vor allem die französische Methode der Literaturanalyse  critique génétique.

Ich las, dass Du die Arbeit in Kyiv/Kiew abgegeben hast. Warum in Kiew?

Damals war das Promotionssystem noch anders als jetzt. An der Universität Czernowitz gab es keinen Promotionsrat in meinem Fach „Fremdländische Literaturgeschichte“. Der renommierteste und nicht korrupte war der Promotionsrat des Taras-Schewtschenko-Instituts an der Akademie der Wissenschaften in Kyiv. Ich bin auch sehr froh, dass ich meine Promotion dort gemacht habe bei sehr ehrwürdigen Menschen, deren Namen ich teilweise bereits aus Schulbüchern kannte. Ich habe die beste Erinnerung an meine Promotion, das ist nicht selbstverständlich in der Ukraine.

In Czernowitz, Foto: C. Wollmann-Fiedler

Als Rosalie Scherzer wird Rose Ausländer in der Morariugasse am 11.5.1901 in Czernowitz geboren. Im Garten ihres Geburtshauses hast Du vor Jahren sehr interessant über die Dichterin erzählt. Vielleicht erzählst Du mir ein wenig über Rose Scherzer und ihre Kindheit in der Bukowina?

Ich habe viel von dem Nachlassverwalter Helmut Braun erfahren, auch, was aus ihren Erinnerungen überliefert ist. Sie war das zweite Kind in der Familie, als Rosalie Scherzer kam sie zur Welt. Der erste Sohn der Familie ist mit eineinhalb Jahren gestorben. Fünf Jahre später, 1906, bekam sie noch ein Brüderchen Max. Die Familie der Mutter von Rose Ausländer stammte aus Berlin und ihr Vater wurde in Sadagora auf dem Hof vom Wunderrabbi Friedmann erzogen. Eigentlich sollte Sigmund Scherzer Rabbiner werden, ging aber mit sechzehn oder siebzehn Jahren in die Stadt, verliebte sich in sie, wie Rose in einem Gedicht schreibt, und blieb an ihr haften (an der Stadt). Er wurde ein weltlicher Mensch und kein Rabbiner. Doch Roses Kindheit war dadurch geprägt, dass sie vom Vater sehr viel chassidische Märchen und Erzählungen mitbekommen hat. Die Mutter hat sie in die deutschsprachige klassische Literatur eingeführt, erzählte Rose. Es war keine vermögende Familie, aber in den bürgerlichen jüdischen Familien in Czernowitz hat man Wert auf eine ordentliche Bildung gelegt. Sie ging ab 1908 in eine Mädchen-Volksschule, dann kam sie auf ein Mädchen-Lyzeum. Als die Familie im 1. Weltkrieg 1916 nach Wien geflüchtet ist, hat Rose ein Handelslyzeum besucht.

Das Wohnhaus der Familie Scherzer, Foto: C. Wollmann-Fiedler

Nach dem 1. Weltkrieg, 1918, wurde das Buchenland rumänisch und heißt seitdem Bukowina. Die rumänische Sprache wird Landessprache und die deutsche Sprache in die Familien verbannt. Bereits zuvor verlassen die Scherzers Czernowitz und kommen über Budapest mit Rose und ihrem Bruder Max in Wien an. Dort besucht Rose die erwähnte Kaufmännische Schule. 1920 kehren sie in das inzwischen rumänisch gewordene Cernauti zurück. Was weißt Du über Rose Scherzer in dieser Zeit?

Der Vater wäre gerne in Wien geblieben, aber er konnte keine neue Existenz dort aufbauen. Sie kamen 1919 zurück nach Czernowitz und waren automatisch rumänische Staatsbürger geworden. Im Jahr darauf starb der Vater. Das war ein großer Verlust für die gesamte Familie. Infolgedessen musste Rose Ausländer ihre Heimatstadt verlassen. Der Bruder war fünf Jahre jünger und konnte die Familie nicht unterstützen. So war die Mutter entschlossen, dass Rose in die USA geht, wo sie Verwandte hatten und Rose in der ersten Zeit aufgenommen wird. Zwei Jahre bevor sie aus Czernowitz wegging, hat sie noch das Ethische Seminar besucht, das von Professor Friedrich Kettner aufgebaut wurde. An diesem Seminar konnten Schüler, Studenten und interessierte Andere teilnehmen und die Philosophie von Platon, Spinoza und Constantin Brunner kennenlernen. Constantin Brunner hat sie sehr geprägt, ihre Weltanschauung und natürlich auch ihre Gedichte. Sie ist dann eine große Anhängerin von ihm geworden, dem Berliner Philosophen. Sie hat ihn besucht und konnte ihn persönlich kennenlernen. Einen Monat war sie deshalb in den 1930er Jahren in Potsdam. Bevor sie in die USA ging versuchte sie mit Nachhilfe Geld zu verdienen, um die Familie zu unterstützen. Die Mutter ist nie einem Beruf nachgegangen, wie das in der Zeit üblich war.

Mit ihrem Freund Ignaz Ausländer reist diese für die damalige Zeit recht ungewöhnliche unabhängige Frau 1921 in die Neue Welt, in die USA, nach New York. Sie heiraten, doch Rose langweilt sich in dieser Ehe, wollte einen „Partner auf Augenhöhe“ haben, wie Du in Scherzers Garten erzähltest. Die amerikanische Staatsbürgerschaft bekommt sie und reist 1927 zu ihrer Mutter nach Czernowitz, der Vater war bereits 1920 gestorben. Hat sie in New York Gedichte geschrieben und wie verlief ihr Leben in der Weltstadt am Hudson?

Sie kommt 1921 in New York an, lebt aber zunächst in der Kleinstadt Winona in Minnesota. Sie bekommt eine Stelle bei einer deutschsprachigen Zeitung. In den USA gab es eine große deutschsprachige Gemeinschaft. Die Zeitung heißt „Westlicher Herold“ und Rose ist die Assistentin des Chefredakteurs und wird mit einer Aufgabe betraut, die Anthologie „Amerika-Herold-Kalender“ herauszugeben. Sie ist dafür verantwortlich und übernimmt diese Arbeit bis zu ihrer Ausreise aus den USA 1926. In dieser Anthologie veröffentlicht sie auch ihre ersten Gedichte. Zwei Jahre später zieht sie nach New York und bekommt eine Stelle bei einer Bank. Sie ist sehr erfolgreich bei der Jobsuche, finde ich. Sie gründet den sogenannten Constantin Brunner Kreis in New York und versucht wirklich nicht nur Geld zu verdienen, was ja sehr notwendig ist, sie führt auch das geistige Leben ein. Ignaz lässt sich dafür wenig begeistern. Er hat kein Gespür und kein Bedürfnis dafür. Er kann auch die Begeisterung für die Literatur nicht teilen, und sie langweilt sich mit ihm in dieser Ehe, wie sie später an Freunde schreibt. Es sind viele Gedichte in dieser Zeit entstanden in denen sie explizit Bezug darauf nimmt, wie es ihr geht und was sie erlebt. Heute würde man das als Kulturschock bezeichnen. Das ist eigentlich klar. Sie kommt aus einer kleinen gemütlichen Stadt und dann in diese Metropole, wo sie sich eingeklemmt fühlt zwischen den Wolkenkratzern und alles ist darauf ausgerichtet, dass man Geld verdienen muss. Die Gedichte sagen viel aus, wie ungemütlich sie sich fühlt. Sie hat auch keine guten Freunde. Es ist vermutlich nicht die beste Zeit in ihrem Leben. Doch es ist die Zeit, die sie sehr prägt, sie macht sie stark.

Winona, Minnesota (USA)

Den sanften Namen Winona
verdankst du der Legende vom schönen Indianermädchen
das sich vom Felsen stürzte
aus verschmähter Liebe

Main Street
die Schlagader der westlichen Kleinstädte
ist auch deine Hauptstraße Winona
Abends schmückt sie der Neonstift rot-gelb-grün
ihr Schritt schleicht durch deinen schlummernden Atem
ihr Lächeln vereist auf deinen Lippen

KEEP SMILING

Idyllisch stille Stadt
deutscher Siedler im Mittelwesten
Bauern die Land um einen Pappenstiel erworben hatten
verkauften es für ein Hundertfaches
und lebten hier als Rentner
und gute Christen

Glockenklare Wasserfällchen
viel Grün
Rasierter Rasen vor jedem Holzhaus
Rasierte Seelen in den Stuben
mit Schmücke-dein-Heim-Dingen
und dem elektrischen Klavier

(Mein Atem heißt jetzt, 1981)

Sie kehrt 1927 zu ihrer Mutter nach Czernowitz zurück und lernt in dieser Zeit Helios Hecht, die große Liebe ihres Lebens kennen.

Das ist eine unglaubliche Geschichte. Sie kommt nach Czernowitz zurück, hat zuvor die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten und darf ausreisen. In Czernowitz bekommt sie einen Brief von Lotte Brunner, der Tochter von Brunners Gattin, aus Berlin. Lotte bittet sie um eine Expertise bei Helios Hecht. Er muss ein berühmter, ein sehr erfolgreicher Graphologe gewesen sein. Die junge Frau wollte nicht, dass er weiß, wer sie ist. So bringt Rose dieses Schreiben ins Büro von Hecht. Sie begegnen sich zum ersten Mal und da muss es passiert sein. Es muss ein Funke übergesprungen sein, sehr stark und ziemlich schnell. Ignaz erklärt sie, dass sie sich scheiden lassen will. Sie möchte fair sein zu ihm und nicht lügen. Er versteht, dass er keine Chance hat auf sie einzureden. Sehr entschieden macht sie sich auf den Weg nach New York mit Helios Hecht, weil sie ihre Ehe nur dort annullieren lassen kann. Ein Problem gibt es, Helios Hecht ist auch verheiratet. Seine Frau Lucy willigte nie in die Scheidung ein. Das rumänische Recht war so: wenn es keine Einwilligung gab, konnte die Ehe nicht aufgelöst werden, nur, wenn der schuldige Teil sie beantragt hat.

Helios Hecht begleitet sie auf ihrer Reise nach New York, und sie kommen 1931 zurück nach Czernowitz, und beide ziehen angeblich zusammen, ich sage angeblich, weil ich in den  Wochen meiner Forschung  mit biographischem Material arbeitete und immer mehr Lücken, weiße Flecken, entdecke. Die offizielle Auskunft sagt, dass sie in der Dreifaltigkeitsgasse 12 wohnen. Sie sind so eingerichtet, dass Helios Hecht sein Büro dort hat und Rose Ausländers Mutter und Bruder mit ihnen in dieser großen Wohnung wohnen. Ihr ist egal, dass sich die Öffentlichkeit daran stören könnte, bzw., was die Öffentlichkeit davon hält. Zwei Jahre später wird es schwieriger in Czernowitz Geld zu verdienen. Sie schreibt für Zeitungen, gibt Englischunterricht und hält sich damit über Wasser. Die schwere wirtschaftliche Krise zu der Zeit hat auch Czernowitz erreicht. Sie bekommt 1933 eine Stelle in Bukarest als Fremdsprachenkorrespondentin bei der Vacuum Oil Company und zieht mit Helios Hecht nach Bukarest.

Mund des Geliebten, du mein roter Kahn,
lockst mich hinweg aus meinem Land der Ruh!
Ich treibe wie ein weißer, schlanker Schwan
dem süßen Abgrund meines Wahnes zu.

Ein Sturm der Glut ballt sich zu einem Schrei
zusammen, der durch meine Glieder brennt
wie eine Melodie der Raserei,
die Leib und Seele voneinander trennt.

Ich fürchte nicht die steile Felsenwand,
an der mein roter Wahn im Nu zerschellt.
Ich fürchte deine leise, heiße Hand,
die bis zum letzten Atemzug mich hält.

(Der Regenbogen, 1939)

Ihre Ehe mit Ignaz Ausländer ist schon lange beendet, sie werden geschieden und die amerikanische Staatsbürgerschaft verliert sie. Helios Hecht, die große Liebe, hätte sie nun heiraten können, doch daraus wird nichts. Weshalb?

Helios Hecht konnte sich nicht scheiden lassen, das erzählte ich bereits vorhin. Sie waren zwei Jahre recht glücklich, beide haben nicht nur gearbeitet, auch geschrieben. Sie hat in deutschsprachigen rumänischen Zeitschriften publiziert und eines Tages hat Helios Hecht, ohne sie zu fragen, eine Gedichtauswahl von ihr veröffentlich und eine Charakteranalyse dazu. Das war für sie so ein Vertrauensbruch, obwohl sie ihn geliebt hat, obwohl sie ihn wohl ihr ganzes Leben lang geliebt hat. Sie wollte nicht mehr mit ihm leben. Sie konnte es nicht verkraften, konnte mit dem Menschen, der ihr Vertrauen missbraucht hat, nicht zusammenbleiben. Ich glaube, dass Helios Hecht sie ein bisschen paternalistisch behandelt hat, denn er war fast vierzehn Jahre älter als sie. Ich habe im Nachlass einen Brief gelesen, in denen er sie als „mein geliebtes Kind“ anredet. Natürlich kann man sich zärtlich auch so anreden. Es ist keine Beziehungsebene. Vielleicht hat er sich als älterer, erfahrener gesehen und deswegen auch so gehandelt. Er weiß besser, ob die Gedichte zur Veröffentlichung reif sind oder nicht. Für sie war das überhaupt nicht so. Nur sie durfte entscheiden, wann ein Gedicht abgenabelt werden darf. Sie trennen sich, er schreibt noch an sie, er gibt ihr Ratschläge „Pass auf Deine Gesundheit auf“, „es handelt sich um einige Superlative in Deinem Charakter“ steht in diesem Brief, den er nach der Trennung schreibt. Sie bleiben beide noch einige Jahre in Bukarest. Die Beziehung ist beendet, für sie gibt es keinen Weg zurück.

„In memoriam Elieser Steinbarg“ fand ich das anhängende Gedicht. Warum hat sie sich an ihn erinnert, der die Jiddische Kinderfibel herausgegeben hat, der u.a. in Rio de Janeiro eine Schule leitete, der Kindern Märchen erzählte und mit ihnen sang und 1932 in Czernowitz beerdigt wurde?

Ich glaube, Rose Ausländer gehörte, wie viele andere in Czernowitz zu den großen Bewunderern und Verehrern von Elieser Steinbarg. Es gibt einige Gedichte, nicht nur „In memoriam Elieser Steinbarg“, sondern noch weitere, die sich mit dieser Person auseinandersetzen. Sie bewundert seine Sprachwelt, sein Fabelreich. Sie bewundert ja grundsätzlich Menschen, die sprachmächtig sind und Steinbarg war ein großer Meister des Wortes, ein großer Meister der Fabeln. Sie muss sie gekannt und gelesen und ihn sehr geschätzt haben. Sie wird auch diese unglaubliche Begabung als Pädagogen an ihm bewundert haben, der Vater für viele Waisenkinder war. Das hat ihm eine Hochachtung in Czernowitz verschafft. Er ist an einer Blinddarmentzündung gestorben. Es gibt Bilder von seiner Beerdigung, Menschenmengen begleiten ihn zum Friedhof. Es gibt viele Nachrufe auf Steinbarg, auch von einem damals sehr bekannten ukrainischen Politiker und Kunsthistoriker Wolodymyr Salosezkyj, der die Beerdigung beschreibt. Er zählt sogar auf, was für Menschen erschienen sind. Das sind durchaus nicht nur jüdische Mitbürger aus Czernowitz gewesen. Es sind Menschen aus Wilna (Vilnius) angereist, aus Polen, es sind rumänische Abgeordnete, rumänische Schriftstellerkollegen. Steinbarg muss schon eine herausragende Figur gewesen sein. Für Rose Ausländer ein großer Autor und ein großer Lehrer. Es gibt noch einige Gedichte, zum Beispiel „Dichterbildnis. Elieser Steinbarg“.

Gedenktafel für Elieser Steinbarg, Foto: C. Wollmann-Fiedler

„Ein Vater starb, es starb ein Kind“ schreibt sie in einem Gedicht. Damit ist Vieles gesagt. Ein Vater für so viele, in anderen Bereichen war er wirklich herausragend und groß. Es gibt von Rose Ausländer im Czernowitzer Morgenblatt im Mai 1932 einen kurzen Bericht über die Gedenkfeier, zwei Monate nach dem Tod von Elieser Steinbarg. Sie beschreibt, wer gekommen ist, wer gesprochen hat, was der Redner über Steinbarg gesagt hat…

In memoriam Elieser Steinberg

Czernowitz
Heimat der Hügel
Hoch der Balkon
über Rosch

Wer wußte um ihn
Zwerg mit dem Riesenhaupt
Steinberg Elieser
Erlöser von Stein und Berg

Czernowitz
Heimat der Träumer
Hoch das Haus
über Rosch

Da lebte der Mann
halb Riese halb Zwerg
in Mansarde
verwandelte Arche

Da wurde die
Erde untergebracht
keinem Ding
war Atem versagt

Maulwurf und Maus
Rose und Ring –
kein Körper blieb tot
solange Elieser lebte

(Gesammelte Werke, Bd. 2, 1985)

 

1940 wird Rose Ausländer in Czernowitz verhaftet, 1941 besetzt die deutsche SS die Bukowina und zusammen mit der rumänischen Armee wird im Herbst 1941 ein Ghetto installiert und die jüdischen Bürger, auch Rose Ausländer, werden zusammengepfercht eine zeitlang dort leben, bevor sie nach Transnistrien in die Arbeitslager deportiert werden . Rose entkommt, lebt im Untergrund bis 1944. Dichterische Werke entstehen in der Zeit. Was geschah literarisch in dieser Zeit?

Diese Verhaftung hat sie ihr Leben lang verheimlicht. Das gehört nicht zu der offiziellen Biographie. Man kann nur mutmaßen, warum sie das gemacht hat. Es gibt in einem Briefwechsel mit einem Autor und Freund Peter Jokostra eine Andeutung. Ich vermute, dass sie ihm erzählt hat, was ihr zugestoßen ist und sie schreibt in diesem Brief „Bitte kein Sterbenswörtlein darüber, was ich Dir erzählt habe, z.B. von der russischen Besetzung“. Das ist für mich ein Indiz, dass sie möglicherweise sehr vertrauten Personen erzählt hat. Bis 2001 ist das in ihrer offiziellen Biographie nicht erschienen.

Die Nordbukowina wurde im Juni 1940 sowjetisch. Es begann mit der Säuberung, mit der Verhaftung verdächtiger Elemente. Im November wurde sie durch den NKDW verhaftet, weil sie angeblich Spionage zugunsten eines ausländischen Staates betrieben hat. Inzwischen gibt es diese Akte im Jüdischen Museum in Czernowitz. Man kann sie ansehen. Herr Rychlo hat 2001 davon zum ersten Mal auf einer Tagung erzählt und vermutet, dass es vielleicht um die Spionage zugunsten der USA ging. Aus der Akte geht aber eher hervor, dass es sich um Deutschland handelte, auch wenn der „ausländische Staat“ nicht explizit genannt ist. Rose wird jedoch mehrfach danach gefragt, welche Bekannten sie in Deutschland hat, warum sie auf der Reise nach oder aus Amerika stets über Deutschland reist usw. Die Sowjetunion hat sich sehr gut vorbereitet. Sicherlich hat der NKDW beobachtet, dass sie sich in Berlin und Potsdam in den 1930er Jahren aufgehalten hat. Wahrscheinlich war das der Grund. Drei Monate war sie in Haft, doch der Verdacht hatte sich nicht erhärtet.

Im Juli 1941 wurde die Sowjetunion von Nazideutschland überfallen und Czernowitz wurde von den Deutschen besetzt und die Sowjets zogen sich zurück. Das Haus, bzw. die Straße, in der Rose Ausländer mit ihrer Familie lebte, gehörte automatisch zum Ghetto. Einiges ist auch unklar, wie hat sie den Ausweis, die sogenannte Autorisation bekommen für sich und die Familie? Vielleicht kannte sie einflussreiche Leute in Bukarest? Auf jeden Fall wurde sie nicht deportiert.

Es sind aus dieser Kriegszeit, der Ghettozeit, Gedichte überliefert, Ghettomotive. Sie sagt selbst, dass Vieles aus dieser Zeit nicht erhalten ist. Als sie ausreiste, musste sie Vieles aufgeben, auch hat sie Unterlagen vernichtet. Man weiß es nicht genau. Ein Teil ist auch gerettet worden und wurde veröffentlicht. Viel später wird diese Zeit im Ghetto reflektiert und sie schreibt, dass es die einzige Möglichkeit gewesen war dem Schrecken der Realität zu entkommen, man übersiedelte in die geistige Möglichkeit, „Schreiben war Leben. Überleben“. Sie schreibt regelmäßig, weil es existentiell notwendig ist. Das Ghetto Czernowitz war im Frühjahr 1942 aufgehoben und die Überlebenden durften in ihre Wohnungen zurück. Sie war ja in ihrer Wohnung, die im Ghetto lag. Sie durften sich dann mehr oder weniger frei treffen, sie traf sich dann mit Freunden, die in Czernowitz geblieben waren. Anscheinend hat sie in dieser Zeit auch Paul Celan getroffen. Edith Silbermann hat beispielsweise erzählt, dass man sich bei ihr getroffen hat. Sie haben sich moralisch aufgebaut, haben sich auch Gedichte vorgelesen. In dieser Zeit soll sie zum ersten Mal Gedichte von Paul Celan gehört haben. Celan war im Arbeitslager in Tabaresti in Rumänien und kam im Winter 1944 zurück nach Czernowitz.

Czernowitz
„Geschichte in der Nußschale“

Gestufte Stadt im grünen Reifrock
Der Amsel unverfälschtes Vokabular

Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer versulzt
schwieg in fünf Sprachen

Die Zigeunerin
las unser Schicksal
in den Karten

Schwarz-gelb
Die Kinder der Monarchie
träumten deutsche Kultur

Legenden um den Baal-Schem
Aus Sadagura: die Wunder

Nach dem roten Schachspiel
wechseln die Farben

Der Walache erwacht – 
schläft wieder ein
Ein Siebenmeilenstiefel
steht vor seinem Bett – flieht

Im Ghetto:
Gott hat abgedankt

Erneutes Fahnenspiel:
der Hammer schlägt die Flucht entzwei
Die Sichel mäht die Zeit zu Heu

(Erstveröffentlichung in „Die Stimme“, Tel Aviv, Ostern 1963)

1944 wird Czernowitz von der Sowjetischen Armee befreit, Rose verlässt 1946 Rumänien und erneut beginnt sie ein Leben in New York. In englischer Sprache schreibt sie inzwischen..

Sie schreibt, dass sie eines Abends selber überrascht gewesen ist, als sie ein Gedicht auf Englisch geschrieben hat. Es gibt die Erklärung, dass sie das Sprachtrauma überwinden musste. Ihre Muttersprache Deutsch wurde zur Mördersprache. Sicher war das auch ein Grund, doch denke ich, sie war auch eine sehr pragmatisch denkende Frau, das meine ich sehr positiv. Sie ist eine absolute Pragmatikerin, eine durchsetzungsfähige Frau. Sie weiß, dass die deutschsprachige Community in den USA natürlich nicht so drauf ist. Sie ist ja auch keine so bedeutende Autorin in der Zeit. Wenn sie ein größeres Publikum erreichen möchte, muss sie auf Englisch schreiben. Sie ist perfekt in der englischen Sprache. Sie weiß auch, dass sie in Europa, in Deutschland nicht publizieren kann, solange sie in den USA lebt. Sie hat keine Kontakte, oder nur sehr wenige. Sie muss schreiben, wie atmen, das ist ein existentielles Bedürfnis. Sie sucht Kontakte. Man weiß, dass sie zu der Vereinigung der englischsprachigen Dichter und Maler „The Raven“ Kontakt aufnimmt. Sie knüpft Kontakte zu amerikanischen Autoren. Die wichtigste Bekanntschaft macht sie mit Marianne Moore. Sie liest viel englische und amerikanische Literatur, z.B. E.E. Cummings, Wallace Stevens, Robert Frost, T.S. ELiot. Es gibt viele Gedichte von ihr, die intertextuelle Bezüge zu diesen Autoren aufweisen. Sie nimmt sehr genau wahr, was in der amerikanischen Literatur in dieser Zeit, vor allem in der Lyrik, passiert. Sie nimmt teil an Lesungen. Ihr erstes englischsprachiges Gedicht wird 1949 in einer Anthologie publiziert. Sie versucht wirklich noch eine neue Sprachexistenz aufzubauen. Sie nimmt an den Tagungen der amerikanischen Schriftsteller teil, an Workshops etc.

THE DOOR

For Marianne Moore

The door.
Not the thing of wood.
The door open to doors.
Open to open doors
To open roads to the grove.

The grove,
not the trees of wood.
The grove of breathing trees
trees breathing green breathing growth
breeding brotherly touch of air
air thrilling the breath
air entering the door.

The door.
Not the thing of wood!

(„The Forbidden Tree“, 1995)

Bei einer Begegnung mit Marianne Moore wird sie darauf angesprochen, dass sie wieder versuchen soll, sich in ihrer Muttersprache auszudrücken. Sie macht das teilweise sowieso. Sie reflektiert in ihren Essays darüber, wie es ist, wenn man sich zweisprachig ausdrückt. „Ich Wechsel von einem Sprachflugzeug zum anderen“ und „dieser Prozess ist lange nicht schmerzfrei“ schreibt sie. Es ist nicht schmerzfrei, dass man sich in zwei Sprachen bedient.

Es gibt diese englischsprachige Schreibphase, die bis ins Ende der 1950er dauert, aber dann spätestens als sie zum ersten Mal nach dem 2. Weltkrieg nach Europa reist beginnt sie wieder auf Deutsch zu schreiben. Die zweisprachige Phase beginnt. Es gibt Gedichte, sie sie auf Englisch und auf Deutsch verfasst. Wenn man sich mit dem englischsprachigen Text auseinandersetzt, das ist noch immer viel zu wenig beachtet in der Forschung, dann merkt man auch, dass sie experimentiert. Ich glaube, diese englischsprachige Phase war entscheidend für den großen poetologischen Wandel, den sie vollzieht, von der klassischen Dichtung hin zur modernen Dichtung. Diese englischsprachige Phase ist extrem wichtig. Man sieht, sie versucht auch visuelle Poesie zu schreiben. Sie nimmt extrem viel wahr und experimentiert. Die englische Sprache inspiriert sie auch. Sie publiziert ab und an in New York in der deutschsprachigen Zeitung „Der Aufbau“ ihre Gedichte.

Herbst in New York

Helles Herbstbild. Goldne Härten
um die Stadtkonturen. Schräger
Wind im Farbenspiel der Gärten.
Prozession der Autoräder.

Stahl und Stein und ringsum Wellen.
Menschen hasten. Möwen gleiten.
Der zwei Flüsse Parallelen
laufen mit zu beiden Seiten.

Herbst. Der Pflaster klirrt. Die derben
Rhythmen afrikanischer Zonen
Mengen sich mit diesem herben
Ton der Riesendimensionen.

(Gesammelte Werke 1, 1985)

War Rose Ausländer ein ruheloser Mensch oder ergab sich das Hin- und Herziehen in ihrem Leben einfach so? Europa zieht sie an, sie reist durch verschiedene europäische Länder. 1964 kommt sie in Wien an und ist enttäuscht über den hohen Antisemitismus. Ihre absolute poetische Karriere beginnt in Düsseldorf, wo sie 1965 mit ihren Koffern ankommt. Mit über 60 Jahren beginnt ihr poetischer Welterfolg.

Ich behaupte, dass ihr Unterwegssein, einfach ihrem Naturell entsprach. Sie musste das ja nicht tun. Auch glaube ich, gehörten die Reisen zu ihrer Leidenschaft. Vielleicht war das auch ihr Trieb. Bis 1971 ging das, dann kam der Oberschenkelhalsbruch und es war zu Ende mit dem Reisen und der Mobilität. Ich habe vor kurzem gelesen, dass Helmut Braun schätzt, dass Rose Ausländer, seit sie in Düsseldorf 1965 angemeldet war, sich nur drei Monate im Jahr in Düsseldorf aufgehalten hat. Sie hat nie eine richtige Wohnung gehabt. Sie hat Düsseldorf auch nicht gemocht. Sie spielte immer wieder mit dem Gedanken nach München zu gehen, in den Süden. Sie hat einen Antrag auf eine Sozialwohnung im Arabellahaus in München gestellt, der abgelehnt wurde. Sie bittet Bekannte in München, sich um eine kleine günstige Wohnung für sie zu kümmern.

Warum dann Düsseldorf?

Es gab ja auch die kurze Phase mit Wien, wo wir auch nicht genau wissen, was da vorgefallen ist. Sie sagt ja nur sehr knapp, dass sie so viel Antisemitismus zwanzig Jahre nach Auschwitz nicht erwartet hat. Ich denke, da ist mehr passiert. Wahrscheinlich ist sie enttäuscht von der Hauptstadt der ehemaligen Donaumonarchie, die es so natürlich nicht mehr gibt. In Düsseldorf gab es bereits eine kleine Gemeinschaft von Bekannten. Sie hat von Dr. Jakob Silbermann die Zusage bekommen, ihr bei der Einbürgerung zu helfen. Es waren zunächst pragmatische Gründe, sie wollte eigentlich nicht in Düsseldorf bleiben. Sie wäre gerne umgezogen, doch es ist nicht mehr dazu gekommen. In ihren Gedichten hat sie Düsseldorf nie erwähnt.

Erstaunlich, Czernowitz oder Bukarest oder auch New York, die Städte, die sie bereist, ob Venedig, Amsterdam oder Kopenhagen, die tauchen alle auf, doch Düsseldorf nicht. Sie erwähnt den Nordpark, „mein grüner Nachbar“, das ist der Park an dem sich das Nelly-Sachs-Haus befindet. Das ist alles. Es gibt ein kleines unveröffentlichtes Gedicht, vielleicht ist es kein Gedicht, eigentlich ein Textfragment von Helmut Braun aufgeschrieben. Das habe ich im Nachlass gefunden. Da kommt tatsächlich einmal das Wort „Düsseldorf“ vor.

Am 4.4.1985 wurden diese Zeilen von Helmut Braun bei Rose Ausländer aufgeschrieben. Sie konnte in der Zeit kaum noch schreiben, weil ihre Hände durch Arthrose verändert waren. Es gibt Vieles im Nachlass mit Helmut Brauns Schrift, das sind dann sorgfältig datierte Texte, sie selbst hat ihre Gedichtfassungen so gut wie nie datiert. Manchmal hat sie diese Notizen im Gedicht verarbeitet oder auch nicht. Es sind eigentlich Erinnerungsfetzen. „Warum kam ich nach Düsseldorf / ich habe es vergessen / lebe hier mit koscherer Kost / und lasse es mir schmecken“. Ich glaube nicht, dass sie sehr begeistert war mit koscherer Kost leben zu müssen. Ich glaube, sie war sowieso eine absolute Ausnahmeerscheinung. Sie hat sich explizit von Ritualen und Bräuchen im Altenheim abgewandt und zeigte, dass sie nichts damit zu tun hat. Sie hatte ihr Zimmer, ihre Interessen. Deshalb auch keine Freunde in dem Haus, doch denke ich, dass sie das auch gar nicht angestrebt hat. Nur noch Schreiben, nur noch Dichten!

Alfred Kittner aus Czernowitz und auch Edith Horowitz-Silbermann aus Czernowitz lebten Jahre im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf. Edith Horowitz war eine Jugendfreundin von Paul Celan. Ihr Buch über „Begegnung mit Paul Celan“ erschien im Rimbaud Verlag. Rose Ausländer und Edith Silbermann kannten sich aus Czernowitz. Hat sie auch mit ihr korrespondiert oder über sie geschrieben?

Dieses Buch liegt mir leider nicht vor. Ich habe es zwar in Deutschland mal gelesen, aber das war schon vor einer langen Zeit, kann mich leider nicht mehr genau an die Inhalte erinnern, liebe Christel.

In den Briefen z.B. an Ratjens oder Peter Jokostra erwähnt Rose Ausländer Edith Silbermann nicht. Ich vermute, sie hatte mit Dr. Jakob Silbermann Sachliches zu tun gehabt, unterhielt aber keine besonders nahe Beziehung zu der Familie.

Es gibt jedenfalls keinen veröffentlichten Briefwechsel Ausländer-Silbermann. Was aber nicht bedeutet, dass sie gar nicht korrespondiert haben. Der Nachlass von Rose Ausländer im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf ist nicht digitalisiert und nur zum Teil erschlossen. Und einige Originale liegen nach wie vor bei Herrn Braun zu Hause! Vor zwei Tagen hat mir eine Regisseurin aus Düsseldorf, mit der wir ein Projekt zu Rose Ausländer machen, geschrieben, Herr Braun habe ihr einige Dokumente und Originale (!) des Briefwechsels Rose Ausländer-Constantin Brunner und Lotte Brunner gegeben. Wer weiß, was bei ihm alles noch liegt… Also – viele Lücken noch, viele offene Fragen. 

Den 120. Geburtstag von Rose Ausländer nehmen wir zum Anlass für eine Kooperation und Koproduktion zwischen den Städten Czernowitz und Düsseldorf, der Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Czernowitz am Zentrum Gedankendach und dem Heinrich-Heine-Institut, wo sich der Nachlass der Dichterin befindet. Die freischaffende Regisseurin Friederike Felbeck, die mit ihrer Performance „Wort Welle Muschel Mensch“ 2019 in Czernowitz bereits zu Gast war, hatte die Idee eines gemeinsamen Projektes „Der innere Schimmer“ (Arbeitstitel), das junge KünstlerInnen aus Czernowitz mit Düsseldorfer SchauspielerInnen in einem hybriden Format zusammenbringen soll.

Der Teil in Czernowitz soll als eine Videoreihe aus ausgewählten Stationen bzw. Orten in der Heimatstadt Ausländers entstehen. Es wird sich um die wichtigsten Ver-Ortungen der Dichterin in Czernowitz handeln:  das Stadtviertel um das Geburtshaus, das NKWD-Gefängnis, in dem sie wegen des Spionageverdachts gefangen gehalten wurde, das Ghetto sowie die deutsche Muttersprache als idealen Ort, den sie als „Mutterland“ bezeichnet. Die Czernowitzer KünstlerInnen werden mit Bild, Foto, Soundart, evtl. auch Land art arbeiten. Das Videomaterial soll in die Aufführung mit der Sprecherin Manuela Alphons und zwei Sprechern integriert werden.

Bukowina II

Landschaft die mich
erfand

wasserarmig
waldhaarig
die Heidelbeerhügel
honigschwarz

Viersprachig verbrüderte
Lieder
in entzweiter Zeit

Aufgelöst
strömen die Jahre
ans verflossene Ufer

(Gesammelte Gedichte, 1976)

Wann sind die großen Gedichtbände erschienen?

Braun hat natürlich sehr viel dazu beigetragen. In seinem neugegründeten „Literarischen Verlag Braun“ veröffentlichte er 1976 einen Band mit den Illustrationen von HAP Grieshaber, dem Holzschneider von der Achalm bei Reutlingen: „Gesammelte Gedichte“. Die zweite Auflage, 572 Seiten stark, verkaufte sich sehr gut. Das war ein Durchbruch. Der Literarische Verlag Braun ist leider Konkurs gegangen, und Rose ist Autorin vom Fischer Verlag geworden und die erste Gesamtausgabe ist noch zu ihren Lebzeiten erschienen. Natürlich hat sich Braun als Literaturmanager einen Namen gemacht und Rose Ausländer zu ihrem Erfolg verholfen.

Zum Abschluss komme ich noch rasch auf Dein Buch zu sprechen, das in diesem Frühjahr im danubebooks Verlag in Ulm mit dem Titel „Rose Ausländers Leben im Wort“ erscheinen wird.

Es ist die Idee von zwei meiner ehemaligen Studenten. Heute möchten junge Leute nicht so viel lesen, sie möchten etwas Schönes sehen ist ihre Meinung. Etwas Ansprechendes und Text dazu. So entschieden wir uns für eine sogenannte graphische Biographie mit einfachem Text, der zu dem Leser ganz anders spricht, als eine akademische Studie. Wir möchten damit eine andere Zielgruppe erreichen, keine Experten. Ich habe zwei großartige hochprofessionelle Illustratoren aus Kyiv kennengelernt, Olena Staranchuk und Oleh Hryshchenko, habe den Text geschrieben, und die beiden setzten sich mit dem Text auseinander und haben dieses Buch, diese Biographie mit Bildern versehen. Das Projekt – die ukrainische Ausgabe – wurde durch das Goethe Institut gefördert. Die deutschsprachige Fassung erscheint dank der Unterstützung vom IKGS.

Vor zwei Jahren wurde eine Straße in Düsseldorf-Derendorf nach Rose Ausländer genannt und direkt an der Kreuzung eine andere, nach Elfriede Bial, die 1944 in Auschwitz umgebracht wurde. 

Auf Dein Buch warte ich nun, bin gespannt darauf und danke Dir sehr, dass Du mir so viel über Rose Ausländer erzählt hast und grüße nach Czernowitz             

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Oxana Matiychuk (geb. 1977 in Tscherniwzi/Czernowitz, damals UdSSR) ist Germanistin und Kulturmanagerin. Sie studierte Germanistik und Ukrainistik an der Jurij-Fedkowytsch-Universität in Tscherniwzi/Czernowitz (Ukraine). Sie war mehrfach Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung, des DAAD und des Programms Erasmus Mundus. 2010 promovierte sie zum Thema „Genese des poetischen Textes im Werk von Rose Ausländer“ am Taras-Schewtschenko-Institut für Literatur an der Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Kyiv.

Oxana Matiychuk lehrt am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie und ist Mitarbeiterin im International Office der Universität Tscherniwzi, zuständig für Projekte mit deutschsprachigen Hochschulen. Sie ist Leiterin der Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft Tscherniwzi am Zentrum Gedankendach.