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Wie in iranischer Lesart eine Steine-Intifada zur Raketen-Intifada wurde

In der Islamischen Republik Iran erhielt der israelisch-palästinensische Konflikt höchste Aufmerksamkeit. Die Zeitungen druckten täglich Frontberichte, und jeder prominente Politiker gab seine Stellungnahme ab, wonach der Iran fest an der Seite der palästinensischen »Mujahedin« stehe, bis sie Palästina »vom Fluss bis zum Meer«, das heißt ganz Israel, hoffentlich bald zurückerobern mögen. Darunter finden sich einige offenherzige Äußerungen zu dieser »Schlüsselfrage«, wie es im Iran heißt.

Von Detlef zum Winkel
Zuerst erschienen in: Jungle World v. 27.05.2021

Der iranische Verteidigungsminister, Brigadegeneral Amir Hatami, nutzte ein Treffen mit zwei syrischen Regierungsmitgliedern am 19. Mai, um seine Sicht des Konflikts zu schildern. Er schmeichelte den Verbündeten mit der Behauptung, der palästinensische Widerstand habe sich durch den Kampf des syrischen Volks gegen die Abtrünnigen »inspirieren« lassen. Damit beantwortet Hatami die Frage, wohin die scheinbar sinnlosen Attacken der Hamas auf Israel eigentlich führen sollen. Syrien sei doch eine Zukunftsperspektive, findet der Verteidigungsminister; macht es wie der syrische Präsident Bashar al-Assad, legt er nahe, anschließend werde der Iran beim Wiederaufbau helfen.

Der palästinensische Widerstand sei vom Steinewerfen zum Abschießen von Raketen übergegangen, stellte Hatami fest. Doch wie konnte es dazu kommen? Dazu hat die iranische Politik ihre eigene Auffassung, die sich von den im Westen gängigen Analysen deutlich unterscheidet. In Europa bemüht man sich ja um ein Verständnis der sogenannten Gewaltspirale, die in den Gassen von Ostjerusalem begonnen und sich anschließend durch Überreaktionen beider Seiten extrem gesteigert habe. Nichts davon findet sich in der offiziellen iranischen Lesart des Konflikts. Stattdessen sucht man dort angestrengt den »Dreh- und Angelpunkt« der Eskalation, der Israel-Kritikern wenig behagen, Israels Regierung aber nicht überraschen dürfte

Der Oberste Führer Ali Khamenei hatte jenes Stichwort in seiner Fernsehansprache zum jährlichen al-Quds-Tag am 7. Mai auffallend oft benutzt. Er bezeichnete Palästina und Jerusalem als den Dreh- und Angelpunkt der angestrebten Kooperation muslimischer Länder. Anders ausgedrückt: Mit dem Argument Palästina ließen sich die Araber am ehesten unter Druck setzen. Die Zusammenarbeit zwischen den muslimischen Staaten um diesen Dreh- und Angelpunkt sei »ein absoluter ­Alptraum für die Zionisten«. Dann werde nämlich die Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und »ein paar schwachen arabischen Regierungen« scheitern.

Im zweiten Teil seiner Rede wandte sich Khamenei auf Arabisch an eine ­Jugend, von der er glaubt, dass sie für antisemitische Parolen empfänglich sei. Ihre Aufgabe sei es, Palästina von den »unreinsten und bösartigsten Menschen«, die es besetzt hätten – »sie sind Teufel« –, zu befreien. Alle muslimischen Staaten und Nationen seien für Palästina verantwortlich, aber »die Palästinenser selbst sind der Dreh- und Angelpunkt des Jihad«. Der Oberste Führer lässt ihnen damit hohe Ehre zuteil werden; andererseits hätten die Angesprochenen vielleicht erwartet, dass der Iran mehr und konkretere »Verantwortung« übernimmt. Stattdessen empfiehlt ihnen Khamenei, sich um die Einheit in ihrem eigenen Lager zu bemühen. Innerhalb dieser Einheit müsse der nationale Jihad eine wichtige Rolle übernehmen, nämlich: Dreh- und Angelpunkt zu sein.

Das ist eine Kampfansage an die palästinensische Autonomiebehörde und ihren Präsidenten Mahmoud Abbas. Sie müsse für ihr »Vertrauen in die Feinde« bestraft werden. Jede Normalisierung der Beziehungen zu Israel sei »Verrat« und »ein Dolchstoß in den Rücken Palästinas«; sie müsse von muslimischen und christlichen (!) Religionsgelehrten als haram verurteilt werden, also als verboten, tabu, unaussprechliche Sünde. Khamenei schließt hier die christlichen Fraktionen des palästinensischen Widerstands ausdrücklich mit ein. Deshalb hat er auch den theologisch unsinnigen Begriff ­eines »nationalen Jihad« gewählt.

Als wichtigen Faktor für eine vermeintlich günstige Zukunft bezeichnet Khamenei die »Unschuld der palästinensischen Nation in der öffentlichen Meinung in vielen Teilen der Welt«. Freilich spricht die von ihm skizzierte Strategie eher für das Gegenteil. Fünf militante Gruppen aus dem Gaza-Streifen bedankten sich brieflich bei dem Imam und bezeichneten seine Rede als »Fahrplan für die Befreiung Palästinas«. Seine Komplimente wurden zurückgegeben: Der Iran sei der »Dreh- und Angelpunkt der Einheit und des Widerstands in den islamischen Ländern«; bei der »Wiederbelebung des Ideals von Palästina« werde man sich vom Gedenken an den »Märtyrer« Qasem Soleimani leiten lassen. Den General der Revolutionsgardisten ­hatte Anfang 2020 ein US-amerikanischer Drohnenangriff am Flughafen von Bagdad ge­tötet. Drei Tage nach Khameneis Rede begann mit dem Beschuss von Jerusalem die Raketen-­Intifada.

Die iranische Lesart des Konflikts, die unverblümt eine Steuerung der Angriffe auf Israel für sich beansprucht, spiegelt natürlich nur einen Teil der komplizierten Wirklichkeit wider. Man sollte sie aber kennen, wenn man beispielsweise zur nächsten Runde der Atomverhandlungen mit »unseren alten Freunden« (Sigmar Gabriel, 2015) nach Wien aufbricht.

Bild oben: Im iranischen Qom wird der Sieg in Gaza über das „zionistische Verbrecher-Regime“ gefeiert, Foto: FarsNewsCreative Commons Attribution 4.0 International License