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Antisemitismus von der Aufklärung bis zur Gegenwart

Der Historiker Peter Longerich legt mit seinem neuen Buch eine Gesamtdarstellung zum Thema Antisemitismus in Deutschland vor. Zwar ist es ein Geschichtsbuch geworden, aber nicht nur, werden doch auch immer wieder reflexionswürdige Einschätzungen und Zuordnungen vorgenommen…

Von Armin Pfahl-Traughber

Der Antisemitismus durchzog die deutsche Geschichte und zwar unabhängig von NS-Diktatur und Shoah. Daran erinnert eine umfangreiche Gesamtdarstellung, die der bekannte Historiker Peter Longerich vorgelegt hat. Er lehrte als Professor für moderne Geschichte am Royal Holloway College der Universität London und war Gründer des dortigen Holocaust Research Centre. Umfangreiche Buchpublikationen machten ihn weit über Fachkreise hinaus bekannt. Dazu gehörten auch bedeutende Arbeiten zu Judenverfolgung und -vernichtung wie etwa „Politik der Vernichtung“ (1998) oder „Davon haben wir nichts gewusst!“ (2006). Jetzt legt er eine umfassende Darstellung zur Judenfeindschaft vor, wobei sie bei der Aufklärung einsetzt, über das 19. Jahrhundert bis zum Wilhelminischen Kaiserreich reicht, dann auf die Weimarer Republik und die NS-Diktatur eingeht und schließlich die Nachkriegszeit bis zur heutigen Situation thematisiert. Es handelt sich um die Arbeit eines Historikers, dementsprechend beschreibt er die geschichtlichen Ereignisse primär.

Gleichwohl werden immer wieder analytische Einschätzungen vorgenommen, welche auch für Kenner der Materie interessant sein dürften. Der Chronologie der Ereignisse vorgeschaltet sind einige begriffliche und methodische Vorüberlegungen. Dazu gehört eine allgemeine Antisemitismus-Definition, wonach es um Einstellungen und Handlungen gegen als Juden wahrgenommene Menschen geht. Der Autor macht dabei deutlich, dass es sich nicht nur um Vorurteile, sondern auch um eine Weltanschauung handeln kann. Er betont darüber hinaus, dass er als Historiker eine umfassende Interpretation und Theorie nicht vorbringen möchte. Es geht Longerich darum, für den heutigen Antisemitismus die historischen Wurzeln zu erklären. Hierbei konzentriert er sich auf die „Geschichte des ‚radikalen‘ modernen Antisemitismus, also die Geschichte der politischen Bewegung, die die Emanzipation verhindern und dann rückgängig machen wollte und schließlich im Holocaust eine mörderische ‚Endlösung‘ für das von ihr selbst geschaffene Problem fand“ (S. 11).

Der Autor beginnt daher mit dem Jahr 1780. So verständlich diese Entscheidung sein mag, so hätte man sich doch etwas zur Vorgeschichte gewünscht. Denn Antisemitismus gab es nach der genutzten Definition auch im Mittelalter, daher wären auch Ausführungen zu Brüchen und Kontinuitäten im systematischen Sinne wichtig gewesen. Die folgenden Ausführungen zu den erwähnten historischen Etappen zeichnen dann die Geschichte der damaligen Judenfeindschaft nach, wobei der Autor die unterschiedlichsten Ebenen und Erscheinungsformen thematisiert. So geht er auf Ausschreitungen und Gesellschaft ebenso ein wie auf Kultur und Politik. Dabei werden die Ereignisse nicht isoliert behandelt, sondern in einen historischen Kontext eingebettet. So steht der Antisemitismus in der Frühphase mit Judenemanzipation und Nationalismus oder für die Gegenwart mit Identitätsfragen und Vergangenheitspolitik im Zusammenhang. Der Autor systematisiert auch immer wieder Einflussfaktoren oder betont relevante Veränderungsprozesse.

Dagegen kann man jeweils Einwände formulieren oder Ergänzungen anregen, gleichwohl hebt dies die Darstellung über andere Monographien hinaus. Es handelt sich auch um eine inhaltlich gut strukturierte Beschreibung, die so ebenfalls als Nachschlagewerk genutzt werden kann. Bei derart umfangreichen Arbeiten können gleichwohl wichtige Gesichtspunkte verloren gehen. So ist ein möglicher Antisemitismus bei der KPD in der Weimarer Republik nicht näher thematisiert worden. Die Bezeichnung „Neue Rechte“ wird auch auf unterschiedliche Phänomene bezogen, einmal auf die NSDAP in der Weimarer Republik, dann für die Gegenwart auf rechtsextremistische Intellektuelle. Ein Antisemitismus unter Linken wie unter Muslimen ist jeweils Thema, aber nur knapp auf wenigen Seiten. Bedeutsamer ist aber eine Fülle von Interpretationen, die nicht nur in der Forschung genauere Reflexionen und inhaltliche Weiterentwicklungen verdienen. Denn auch wenn man es mit einem Geschichtsbuch zu tun hat, ist es doch nicht nur ein Geschichtsbuch.

Peter Longerich, Antisemitismus. Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute, München 2021 (Siedler-Verlag), 631 S., Bestellen?