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Die Arbeit an der inneren Freiheit

Sman Cherutenu, die Zeit, in der wir unserer Freiheit besonders gedenken, ist vorüber, und wir mussten wieder „unfrei“ auf den Gemeindeseder verzichten und konnten uns nur virtuell treffen. Aber wir hatten Spaß an unseren Ritualen und Liedern, besonders an Dajejnu. Nach wie vor brauchen wir das Konzept von Freiheit.

Rabbiner Dr. Tom Kučera

Was denken wir von folgendem Satz? „Frei ist derjenige, dem alles nach seinem Willen geht, und den niemand hindern kann“? Würden wir, besonders der ersten Hälfte, zustimmen? Ein Philosoph sagte: „Du bist verrückt, das ist ein unsinniger Gedanke von dir.“ Dennoch kommt von ihm auch der erste Gedanke: Ich sei frei, wenn alles nach meinen Vorstellungen läuft. Wie passt das zusammen?

Hier ist seine Antwort: „Alles so zu wollen, wie es geschieht.“ Das klingt einfach, ist aber eine sowohl rationale als auch emotionale Herausforderung, zu der der Philosoph erklärt: Darf ich einen Namen (z. B. München) schreiben, wie es mir beliebt? Nein, sondern ich muss ihn so schreiben wollen, wie er geschrieben werden muss. Darf ich eine Symphonie (z. B. die Fünfte Beethovens) so spielen, wie ich will? Nein, ich muss sie so wollen, wie sie komponiert wurde. „So ist es mit allem, wenn es um Können und Verstehen geht. Wenn es so ist, dann im Hervorragenden und Wichtigsten, in der Freiheit, da sollte es mir erlaubt sein zu wollen, wie es geschieht?“

Es ist ein signifikanter Gedanke: Ich bin frei, wenn alles nach meiner Vorstellung geschieht, vorausgesetzt, dass ich will, was geschieht. Der Philosoph, um den es hier geht, heißt Epiktet; er starb im Alter von ungefähr 80 Jahren wie Rabbi Akiwa (um 135 n. d. Z.). Die innere Freiheit ist einer der zentralen Begriffe seiner Lehre. Möglicherweise, weil er ein Sklave war und freigelassen wurde. Die innere Freiheit bedeutet, durch keinen äußeren Faktor innerlich beschränkt zu sein. Wie kann dies erreicht werden? Dazu schreibt Epiktet: „Wenn man seine Wünsche und Ablehnungen nur auf das richtet, was im Bereich der eigenen Handlungsmöglichkeiten liegt (was in meiner Macht steht).“ Dieser Gedanke erscheint, wie auch andere Epiktets, immer wieder in unterschiedlichen Kontexten bis heute.

Wie zum Beispiel bei Natan Scharanski, der bis zu 2018 die Jewish Agency geführt und unlängst seinen 73. Geburtstag gefeiert hat. Schon nach dem ersten Lockdown 2020 hat er auf YouTube seine Ratschläge hinsichtlich der sozialen Isolation verbreitet. Er spricht aus eigener Erfahrung. Als ehemaliger Refjusnik wurde er in der damaligen Sowjetunion zu 13 Jahren verurteilt, neun davon hat er abgesessen, einige Jahre davon in der Isolationshaft, von der viele berichten, sie sei schlimmer als physische Schmerzen. Unter den fünf Ratschlägen von Scharanski findet sich auch folgender: „Konzentriert euch auf Dinge, die ihr kontrollieren könnt.“ Epiktet spricht es noch direkter aus: „Zur inneren Freiheit führt nur die Verachtung (kataphronesis) von allem, was nicht in unserer Macht steht“.

Aus jüdischer Sicht müssten wir gleich hinzufügen: Aber wir sind verpflichtet, an der Verbesserung der Welt (Tikkun Olam) zu arbeiten. Denken wir nun an die Demonstrationen für die Freiheit (Weißrussland, Myanmar). Dem würde Epiktet sicher zustimmen, denn seine Gedankenschule, oft missverstanden interpretiert, versuchte, sich für die Würde des Menschen als eines kosmopolitischen Wesens in der Gesellschaft einzusetzen.

Wenn wir uns schwer mit seiner Vorstellung tun, sollten wir ehrlich auf die Frage antworten: Wer von uns kann im Moment bewirken, dass wir alle bald durchimmunisiert werden? In diesem Augenblick steht es nicht in unserer Macht. Wenn auch viele Menschen Tag und Nacht daran arbeiten, dass es „bald“ geschieht.

Epiktet war auf seine Weise fromm, auch wenn er nicht dem monotheistischen Denken zugeordnet werden kann. Er sagt: „Dies ist der einzige Weg zur Freiheit, dies die einzige Befreiung von der Knechtschaft, dass du einmal von ganzem Herzen sagen könntest: Führe mich, Gott, ….“ Was folgt, ist eines seiner Gebete, das ich mir durch einen Psalmvers zu ersetzen erlaube, der auf Hebräisch die gleiche Formulierung enthält: „Führe mich, tancheni, bezur jarum mimeni, auf den Felsen, der mir zu hoch ist.“ Was verstehe ich unter diesem Felsen? Tancheni, führe mich, was auch immer geschieht. Ich versuche anzunehmen, was geschieht, auch wenn es auf andere Weise hätte geschehen sollen, und mich darauf zu konzentrieren, was in meiner Gewalt steht. Dies erfordert Mühe. Wird sie sich überhaupt lohnen? In Pirkej Awot erscheint der Ausdruck „frei sein“ im Lied, das wir gerne am Ende des Familien-Schacharit singen. Es sind die Worte von Rabbi Tarfon, dem Zeitgenossen von Rabbi Akiwa (und von Epiktet): „Lo alecha hamlacha ligmor, die Arbeit/Aufgaben, die du hast, wirst du nicht abschließen können. Welo ata wen chorin lehibatel (auch: libatel) mimena, aber du bist nicht frei, dich davon loszumachen.“ (PA 2:21). Die Arbeit an der inneren Freiheit sollen wir fortsetzen, auch wenn wir sie nicht vollständig erreichen.

Dr. Tom Kučera ist Rabbiner der Liberalen Jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München.