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Eine Reise durch Zeit und Raum

Auf der Suche nach den Überresten jüdischer Kultur

„In dem Schnaittacher Heimatmuseum werden verschiedene jüdische Kultgegenstände aufbewahrt, die ich, um ihre Herkunft, ihr Alter und ihren Wert festzustellen, besichtigen durfte“, berichtete Mordechai Bernstein in der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“ im Februar 1951. Der Historiker und Journalist war Mitarbeiter des „YIVO – Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts“ und reiste zwischen 1948 und 1951 mit dem Auftrag durch Deutschland, Dokumente, Bücher und Ritualgegenstände aufzuspüren, die während des NS-Regimes geraubt oder versteckt worden waren. Das Heimatmuseum in der fränkischen Gemeinde in der Nähe von Nürnberg war zu dieser Zeit in der im Jahr 1570 erbauten Landsynagoge untergebracht. Zwar war das jüdische Gotteshaus im November 1938 geschändet und geplündert, aber nicht angezündet worden. Gottfried Stammler, ein leidenschaftlicher Sammler und ehrenamtlicher Leiter des Heimatmuseums, nutzte die Chance. Endlich hatte er einen geräumigen und repräsentativen Ausstellungsraum für seine Exponate. Außen prangte bald ein Schild mit der Aufschrift „Heimatmuseum“; im Inneren des Hauses wurde ein Kruzifix und ein Hitlerportrait aufgehängt. Nichts sollte mehr an die frühere Nutzung als Synagoge erinnern. Im Mittelpunkt dieser Umwandlung stand die Präsentation einer aus dem 14. Jahrhundert stammenden Pieta: eine Marienskulptur, die ihren toten, vom Kreuz abgenommenen Sohn in den Armen hält.

Darüber hinaus fand Bernstein „einen solchen Reichtum und solche Pracht, wie ich sie nie zuvor an einem Ort gesehen hatte. Mehr als zehn Thora-Rollen, ein paar Dutzend silberne und vergoldete Thora-Kronen, Chanukka-Lampen und Schabbat-Leuchter“, notierte er. „Und als Ergänzung heilige und alltägliche Bücher.“ Mordechai Bernstein erschien es wie ein Wunder, dass diese Kultgegenstände unbeschadet das NS-Regime überdauert hatten. Doch dass die Thora-Rollen auf dem Dachboden eingelagert waren und sich nicht „an ihrem eigentlichen Platz“ befanden, in der ehemaligen „Nische des Thora-Schreins, den heute die Madonna einnimmt“, empörte ihn zutiefst. „Erschüttert von Scham und Schmerz wandte ich den Blick von der Ostwand“, schrieb Bernstein. „Nicht nur wegen der religiösen Profanität, sondern auch wegen des blutigen Witzes: Sie als Erbin jenes Ortes, an dem ,Du sollst nicht töten‘ galt!“

Doch nicht nur solche bizarren Umwidmungen, die auf einer im Mittelalter begründeten Tradition beruhten, Synagogen zweckzuentfremden beziehungsweise sie mit Marienkirchen zu überbauen, entdeckte Bernstein. Auf seiner Reise quer durch Deutschland fand er etwa in Trier Fragmente einer historischen Öllampe aus dem 4. Jahrhundert, ein 1541 im Allgäu gedrucktes hebräisches Buch, ein dem Sigmund Dottenheimer aus Gunzenhausen geraubtes Thora-Schild oder im rheinland-pfälzischen Städtchen Alsenz einen Hochzeitsstein aus dem Jahr 1765. Diese Steine sind oft mit einem Stern und der Aufschrift Masl Tow (viel Glück) versehen; bei der Hochzeitszermonie zerbricht der Bräutigam ein Glas, indem er es an die Wand wirft. 18 solche außergewöhnlichen Fundstücke sind nun in der Ausstellung „Im Labyrinth der Zeiten“ im Jüdischen Museum München zu sehen – mit zeitgenössischen und erklärenden Texten von Mordechai Bernstein.

Seine Entdeckungen und Erlebnisse hatte der Journalist während seines Aufenthaltes im Nachkriegsdeutschland in jiddischer Sprache zu Papier gebracht und später in drei Bänden in Buenos Aires verlegt. Bernstein besuchte rund 800 Museen, Bibliotheken und Archive auf der Suche nach Überresten deutsch-jüdischer Kultur und erschuf mit seiner Dokumentation eine Art Museum zwischen Buchdeckeln, ein Haus aus Papier, in dem jüdische Kultur aus 1.700 Jahren präsentiert wird.

Einige dieser Objekte sind real nun im Jüdischen Museum München zu bewundern – oder auch – Corona bedingt – zu Hause bei der Lektüre des reichbebilderten und grafisch ansprechenden Katalogs. Eine Auswahl Bernsteins journalistischer Texte liegen zudem erstmals in deutscher Übersetzung vor. Wer das jiddische Original lesen möchte, kann auch das tun. Alle drei Bände stehen als kostenloser Download des Yiddish Book Center zur Verfügung.

Übrigens: Das ehemalige Heimatmuseum in der Schnaittacher Synagoge ist seit 1996 Teil des Jüdischen Museums Franken. Ein geringer Teil der von Bernstein seinerzeit gesichteten Ritualien werden dort ausgestellt, die meisten Stücke befinden sich jedoch verteilt in der ganzen Welt, wie etwa im Israel Museum Jerusalem, Jewish Museum New York oder im Skirball Culturel Center Los Angeles. Das Thora-Schild aus Gunzenhausen konnte durch Vermittlung des Jüdischen Museums Franken 2001 an die rechtmäßigen Eigentümer, die Familie Dottheim-Brooks in New York restituiert werden. – (jgt)

Seit Kurzem ist das Jüdische Museum München wieder geöffnet. Vor einem Besuch ist jedoch eine Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen unter: https://www.juedisches-museum-muenchen.de/

Bernhard Purin/Ayleen Winkler (Hg.), Im Labyrinth der Zeiten. Mit Mordechai W. Bernstein durch 1700 Jahre Deutsch-Jüdischer Geschichte, Berlin 2021, 342 Seiten, 29,80 €, Bestellen?

Bild oben: Chanukka-Leuchter 19. Jahrhunderts. Die hebräische Inschrift lautet: Denn eine Leuchte ist das Gebot und die Weisung ein Licht. Repro: aus dem besprochenen Band