Paraschat haSchawua: Schmini

Die Pessach-Feier wurde hier bereits erwähnt und besprochen. Es ist ein schönes Fest, insbesondere die im größeren Kreis am Vorabend während des Mahls vorgelesene und vorgesungene „Sage von Pessach“ (ein dünnes Büchlein, welches den Ablauf des Vorabends ordnet). Besonders werden in der Sage die Wunder Gottes vor und während des Auszugs der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft und ihrer Führung in das verheißene Land besungen.

Levitikus, Kap. 9-11 Parascha Schmini Schabbat 10. April 2021

Es bleibt aber auch nicht aus, dass sich in diesen Texten Rachegefühle einmischen. Beispielhaft wird hier ein Satz aus einem liturgischen Gebet, der dem Psalm 79, 6, entnommen wurde, zitiert:

Ergieße deinen Zorn auf die Völker / die dich nicht anerkannt haben, / und auf die Königreiche, / die deinen Namen nicht anrufen. Denn sie haben Jakob gefressen / und sein Weideland verwüstet.

Wieso sollte das nicht so sein? Während vieler Jahrhunderte wurden Juden bedrängt und verfolgt. Die angestaute Verbitterung hatte auf diesem Weg einen Ausdruck und gleichzeitig einen Filter für eine Druckminderung gefunden. Diese Zeremonie wurde Jahrhunderte tradiert. Traditionen sind bekanntlich positiv zu beachten, da sie Gemeinschaften enger binden und ein Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen.

Jedoch!

So positiv sich die Beibehaltung von Traditionen auswirkt, sollte man von Zeit zu Zeit über deren Sinn und Inhalt nachdenken. Eine Sage-von-Pessach aus dem 16. Jahrhundert beinhaltet eine Wende in der Tradition des Hasses. Der obige Satz aus dem Psalm wurde umformuliert und seiner Zeit, und vermutlich auch seiner entstandenen Umgebung, angepasst. Er lautet wie folgt:

Schütte deine Liebe auf die Völker, die dich anerkannt haben und auf die Königreiche, die deinen Namen anrufen, wegen der Wohltaten, die sie den Nachkommen Jakobs angedeihen lassen und der Beschützung deines Volkes Israel vor seinen Fressern. Sie sollen in den Hütten deiner Auserwählten mitsitzen und teilhaben an den Freuden deiner Völker.

Allerdings, so muss man gestehen, ist das der einzige Text mit solcher Gesinnung, der gefunden wurde. Es ist offensichtlich, dass diese Einstellung nicht viele Freunde fand und auch nicht weitertradiert wurde. So wurde leider versäumt eine sinnvolle Abänderung der Tradition einzuleiten. Insbesondere sollte dies heutzutage bedauert werden. Die geschichtlichen Tatsachen sollten einen positiven Hinweis auf die anderen Völker rechtfertigen. Die Entstehung des jüdischen Staates ist zum Teil der, auch tatkräftigen Hilfe, anderer Nationen zu verdanken. Der jüdische Staat hat seit mehreren Jahren keine offenen Feinde mehr, und diejenigen moslemischen Staaten, die keinen Friedensvertrag mit Israel abgeschlossen haben, können Israel nicht bedrohen, eher könnten sie Feindseligkeiten seitens Israels befürchten.

Es wurde zwar in Israel, beginnend vor der Staatsgründung, von der Kibbuz-Bewegung der Versuch unternommen, das Pessach-Fest mit einer modernen, der Zeit angepassten Sage-von-Pessach einzuleiten. Jedoch wurde dieser Versuch mit der Zerstörung der Kibbuz-Bewegung und ihrer Idee durch die rechten Regierungen seit 1977 im Keime erstickt. Hass fördert bekanntlich die An- und Abhängigkeit von der amtierenden Regierung und ihren Zwecken.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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