Kleines Institut mit großer Wirkung

Das „Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts“, kurz NURINST, kann dieses Jahr zwanzigsten Geburtstag feiern. Motor des Projekts ist der Journalist, Historiker und Dokumentarfilmer Jim G. Tobias, der sich seit seiner Jugend mit der Geschichte des Nationalsozialismus, mit der Judenverfolgung und dem jüdischen Leben im 20. Jahrhundert auseinandergesetzt hat. Obwohl es sich um eine kleine Einrichtung handelt, ist die Wirkung des Instituts in Wissenschaft und Öffentlichkeit beträchtlich, auch weil es sich bei Tobias um einen durchaus streitbaren Kopf handelt, der nicht so schnell aufgibt…

Von Alexander Schmidt

Kurz vor Gründung des Instituts erregte sein beharrlich vorgetragener Wunsch überregional Aufsehen, endlich Einsicht in die Akten der bayerischen Finanzämter zu bekommen, welche die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung im Rahmen der „Arisierung“ belegten. Die bayerischen Finanzbehörden hatten sich lange gegen eine Einsichtnahme gesperrt, mussten mit einer Art „Lex Tobias“ schließlich aber nachgeben. Wir wissen seitdem entscheidend mehr über das entwürdigende und rücksichtslose Vorgehen der Finanzbehörden gegen Juden. Finanzbeamte waren die ersten, die die Wohnungen deportierter Juden betraten. Sie vereinnahmten deren Besitz und verkauften ihn, teilweise vor Ort, an die Nachbarn. Manchmal bedienten sie sich auch selbst.

Immer wieder beteiligten sich Jim Tobias und der Mitgründer des Instituts Peter Zinke an Debatten zum Umgang mit nationalsozialistischer Vergangenheit – sei es bei den Auseinandersetzungen um die Ehrenbürgerwürde Karl Diehls oder der Frage, inwiefern sich der Quelle-Gründer Gustav Schickedanz bei der Arisierung jüdischer Unternehmen bereichert hat. Auch bislang wenig beachtete Themen wurden aufgegriffen: So veröffentlichte das Institut erstmals auf Deutsch die bis dahin weitgehend unbekannten Aufzeichnungen von Kazimierz Sakowicz, einem polnischen Journalisten, der Zeuge massenhafter Hinrichtungen nahe der litauischen Stadt Wilna gewesen ist. Das Buch erschien auch in der bekannten „schwarzen Reihe“ zur Geschichte des Nationalsozialismus im Fischer-Taschenbuchverlag.

Seit 2002 gibt das Institut ein Jahrbuch heraus, in dem Wissenschaftler aus dem In- und Ausland ihre Forschungen unter wechselnden Rahmenthemen vorstellen. Auch zahlreiche Bücher des Instituts sind erschienen, die teilweise völlig neue Themen aufgriffen: Dass es eine Nürnberger Polizeikompanie gegeben hat, die Verbrechen im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begangen hat, ist ebenso eine Entdeckung des Instituts wie die Existenz eines jüdischen Kibbuz auf dem Pleikershof bei Fürth. Ausgerechnet auf diesem Gutshof des Gauleiters Julius Streicher hatten 1945 Juden ein vorübergehendes Zuhause gefunden.

Das Wiedererstehen jüdischen Lebens in den DP-Camps, der Lager für versprengte Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg, ist eines der wichtigsten Themen des Instituts. Hier ist es national und international vernetzt und betreibt die Internetseite www.after-the-shoa.org, die Informationen zu allen DP-Camps in Deutschland zusammenführt.

Die Wirkung des Instituts reicht weit über den wissenschaftlichen Diskurs hinaus in eine breite Öffentlichkeit. Dies liegt nicht nur an den journalistischen Beiträgen in Tageszeitungen, sondern vor allem an den zahlreichen Filmen, die in Zusammenarbeit mit der Medienwerkstatt Franken entstanden sind. Das Themenspektrum der Filme von Jim Tobias reicht von der Geschichte fränkischer Synagogen über die Emigration Nürnberger Juden nach Australien bis zu einer Würdigung des Fotografen Werner Braun, einer der wichtigsten Bildchronisten des Staates Israel. Auch die Geschichte der aus Nürnberg vertriebenen Familie Freund hat Jim Tobias festgehalten. Sie brachte ein Rezept für Elisenlebkuchen in die USA mit. Paula’s Lebkuchen wurden die erste Adresse für diese Nürnberger Spezialität in New York.

Der vielleicht bedeutendste Beitrag von NURINST zur Stadtgeschichte ist das „Nürnberger Videoarchiv der Erinnerung“. Interviews ehemaliger Nürnberger Bürger jüdischen Glaubens wurden in Deutschland, Israel und den USA zusammengetragen, als Lesebuch und DVD-Edition veröffentlicht und sind in Auswahl auf der Internetseite www.nuernberger-videoarchiv.de verfügbar. Weit über die Geschichte der Verfolgung im Dritten Reich hinaus wurde so für die Nachwelt ein wichtiger Teil jüdischen Lebens und jüdischer Kultur Nürnbergs festgehalten.

Dr. Alexander Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände (Nürnberg).

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Bild oben: Dreh zu einem Zeitzeugeninterview auf den Straßen von New York mit dem Kameramann der Medienwerkstatt Winfried Schuhmann. Foto: nurinst-archiv

 

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