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„Wir mussten etwas tun…!“

Vor 75 Jahren: Shoa-Überlebende führten Giftanschlag auf SS-Männer durch

Von Jim G. Tobias

„Ich glaube, wir waren das einzige Volk, das Rache an den Deutschen genommen hat“, berichtete der im litauischen Wilna geborene Leipke Distel nicht ohne Stolz. Er hatte mehrere Konzentrationslager überlebt und gehörte zu einer Gruppe von etwa 50 jungen Shoa-Überlebenden, die sich an ihren Peinigern rächen wollten. Sie waren nur von einem Wunsch beseelt: Vergeltung! So entstand im Frühjahr 1945 die Gruppe Nakam (dt. Rache). Initiator war der Ghettokämpfer und Dichter Abba Kovner. Er forderte: Für jeden der sechs Millionen Juden sollte ein Deutscher getötet werden. Um dieses Vorhaben am effektivsten umzusetzen, entwickelten die traumatisierten „Rächer“ einen wahnwitzigen Plan: In Nürnberg sollte das Trinkwasser vergiftet werden.

Die ehemalige Stadt der Reichsparteitage „war ein Symbol des NS-Regimes“, erklärte der ehemalige jüdisch-litauische Widerstandskämpfer Joseph Harmatz, „deshalb wollten wir hier mit unserer Aktion beginnen. Wir hatten bereits einen Mann ins Wasserwerk eingeschleust“. Die Vergiftung wurde jedoch von der späteren israelischen Staatsführung um David Ben Gurion im letzten Moment verhindert. Nach monatelanger Planung musste die Gruppe ihr Vorhaben abblasen. „Die Enttäuschung war damals sehr groß“, erinnerte sich Harmatz Jahrzehnte später, „doch rückblickend sind wir erleichtert, dass der Trinkwasseranschlag nicht in die Tat umgesetzt wurde“.

Allerdings hatte man bald ein neues Ziel: Der Blick der „Rächer“ richtete sich nun auf das US-Gefangenenlager in Nürnberg-Langwasser. Dort waren weit über 10.000 SS-Männer und Nazi-Funktionäre interniert. „Wir wussten, dass das Brot für die Gefangenen in der Konsum-Bäckerei gebacken wurde“, erinnerte sich Leipke Distel. Der damals 24-Jährige bewarb sich um einen Posten in der Brotfabrik und wurde auch prompt eingestellt. Am Samstagmorgen, dem 13. April 1946, ging Leipke Distel wie gewöhnlich zur Bäckerei. Nach Arbeitsende versteckte er sich in einer Lagerhalle und ließ weitere „Rächer“ unbemerkt ein. Das Gift befand sich schon seit Tagen auf dem Werksgelände. Den „Rächern“ gelang es, rund 3.000 Brote mit Arsen zu bestreichen; die Laibe wurden planmäßig am nächsten Morgen an das Gefangenenlager ausgeliefert.

Die Dosis war jedoch nicht kräftig genug, um tödlich zu wirken. Allerdings erkrankten einige hundert Gefangene. „Zahl der vergifteten Nazis liegt bei 2.283 – Arsenflaschen von US-Agenten in Nürnberger Bäckerei gefunden“, titelte die New York Times am 23. April 1946. Und die Süddeutsche Zeitung meldete einige Tage später: „2.283 sind an Vergiftungserscheinungen erkrankt, 207 davon wurden ins Lazarett eingeliefert. Todesfälle sind nicht eingetreten.“ Leipke Distel und die anderen Mitglieder der Gruppe befanden sich zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr in Deutschland. Über die Tschechoslowakei gelangten sie unbehelligt nach Palästina.

Im Jahr 1999 bekannten sich beiden „Rächer“ erstmals gegenüber deutschen Journalisten in einer TV-Dokumentation zu ihrer Tat. „Wir mussten etwas tun, damit sich die Leute merkten, dass Gräueltaten bestraft werden“, verteidigte Joseph Harmatz ihre Aktion. Auch Leipke Distel bereute nichts: „Wir haben moralisch gehandelt; denn die Juden hatten ein Recht, sich an den Deutschen zu rächen.“ Diese und andere Äußerungen nahm die Nürnberger Staatsanwaltschaft zum Anlass, ein Ermittlungsverfahren gegen die beiden Männer wegen Mordversuchs einzuleiten. Dieses Verhalten der deutschen Justiz schlug hohe mediale Wellen, angesichts ihres jahrzehntelangen Unwillens NS-Verbrecher anzuklagen. Zeitungen und TV-Stationen in Israel, den USA und Europa berichteten kritisch über den plötzlichen Ermittlungseifer der Staatsanwaltschaft. Nicht zuletzt aufgrund des öffentlichen Drucks wurde das Verfahren am 8. Mai 2000 eingestellt – dem 55. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus. Begründung: „Der gescheiterte Anschlag ist wegen außergewöhnlicher Umstände des Falls verjährt.“

In israelischen Medien sorgten die Aktivitäten der deutschen Justiz indes für mehr als Kopfschütteln. Das Blatt Maariv wies beispielsweise auf die Ironie hin, dass ausgerechnet in Nürnberg, „der Stadt, in der die Rassengesetze verabschiedet wurden“, Ermittlungen gegen Shoa-Überlebende aufgenommen wurden. In der Zeitung Jediot Acharonot warf der zeitweilige Leiter von Yad Vashem, Israel Gutman die Frage auf: „Was sind Racheaktionen angesichts der Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Nazi-Bestien?“ Für den renommierten Historiker war klar: „Die Nakam-Aktivisten erfüllten das Vermächtnis der in den Gaskammern Getöteten.“ Und da viele ehemalige „Rächer“ tatkräftig am Aufbau des jüdischen Staates beteiligten waren, kam er zu dem Schluss: „Ihre süßeste Rache war jedoch die Wiedergeburt Israels.“

Bild: Mitglieder der Gruppe Nakam nach ihrer Ankunft in Erez Israel. Leipke Distel (1. v. r.) verstarb im Juli 2000 Joseph Harmatz (liegend) im September 2016. Repro: Jim G. Tobias

Von Jim G. Tobias ist in Zusammenarbeit mit Peter Zinke das Buch „Nakam – Jüdische Rache an NS-Tätern“ erschienen. 
Beitrag von Thies Marsen und Jim Tobias im Deutschlandfunk: Giftanschlag auf SS-Leute