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Die Brücke aus Papier – Sprachen der Bukowina

Ein feines, ein ästhetisch schön gestaltetes Buch durchblättere ich, lese die fünf Gedichte von Lothar Quinkenstein. Für den Gedichtzyklus bekam der Lyriker 2017 in München den Spiegelungen-Preis für Lyrik. Ich durchblättere weiter und sehe, dass die Gedichte in viele Sprachen übersetzt wurden.*) Sprachen, die im Westen Europas nicht unbedingt geläufig sind. Erinnerungen an die Bukowina, an Czernowitz, die Stadt der vielen Völkerscharen, die dort vorbeigekommen sind und oft auch blieben, sollen diese Sprachen, diese Übersetzungen sein…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Erinnerungen an das Buchenland, ihre einzigartige Landschaft in der damaligen Donaumonarchie, an die jüdische Bevölkerung, die diese Stadt geprägt hat und an die berühmten jüdischen Dichter, die den Namen dieser Stadt, dieser Landschaft in die weite Welt mitgenommen haben. Alles ist Vergangenheit, meist nur noch sehnsüchtige Träumerei. Der Lyriker hat sich der Vergangenheit angenommen, versetzt sich und uns beim Lesen in eine andere Zeit, in eine Zeit, in der die Bukowina Menschen mit unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichsten Sprachen eine Heimat gab.

Ein Bild der Künstlerin Sieglinde Bottesch aus Hermannstadt in Siebenbürgen, die seit Jahrzehnten in Ingolstadt lebt und arbeitet, ziert den Einband dieses feinen Lyrikbandes.

Florian Kührer-Wielach der Herausgeber des schönen Bändchens erzählt im Vorwort von „elf Sprachen und vier Schriftsystemen, wie sie in der Bukowina gesprochen und geschrieben wurden und – zumindest manche davon – noch werden – sei es als Erst-, Zweit-, Dritt- oder Fremdsprache“. Zum Mythos ist diese verschwundene, sehr geschichtsträchtige Landschaft geworden, in der fast die Hälfte der Einwohner jüdischen Glaubens war.

Jenseits des Flusses

kein Sederteller keine
Fragen die Nacht unterscheidet sich nicht
von den Nächsten davor
kein becher
für den Propheten die Sterne …

Die Gedichte erinnern an das Verschwundene, erinnern an das nie mehr Wiederkehrende dort, an das Judentum mit seinen Bräuchen, seinen Symbolen und den Ritualen am Sederabend und an Pessach. In einem Nachwort erzählt uns Lothar Quinkenstein viel Interessantes. Weitere Exkurse durch die uralte Historie der Hebräer folgen und eine schöne Erwähnung an Salomea Mischel Grünspan, Ärztin und Dichterin aus der Bukowina, die Transnistrien überlebt, nach Israel emigriert und dort in hohem Alter stirbt.

Mit Lothar Quinkenstein im Gespräch

Haben Sie jüdische Wurzeln?

Nein, habe ich nicht. Ausgelöst wurde das Interesse durch meinen siebzehnjährigen Aufenthalt in Polen, wo ich auf literarischem Wege Zugang gefunden habe zur Geschichte des mitteleuropäischen Judentums. Wer weiß, ob ich mich ohne diese Jahre in Polen so intensiv mit dieser Kulturgeschichte beschäftigen würde. Vor allem hätte ich auch auf viele Autorinnen und Autoren einen anderen Blick – ohne die polnischen Bezüge. Über den mitteleuropäischen Raum ist viel geschrieben worden. Für mich persönlich war z.B. Claudio Magris sehr wichtig, seine Interpretation des Werkes von Joseph Roth halte ich für die mit Abstand sensibelste. Joseph Roth hat mich schon sehr früh fasziniert, aber erst Magris hat mir dieses Werk wirklich erschlossen. Mitteleuropa ist wie keine andere Region in Europa geprägt von der jüdischen Kultur. Für mich ist das in erster Linie eine Frage der Kulturgeschichte und der Literatur, und ohne ein Verständnis der mitteleuropäischen Geschichte – das ist mir in den Jahren in Polen klar geworden – verstehen wir Europa nicht.

Lothar Quinkenstein bei der Verleihung des Spiegelungen-Preis für Lyrik 2017

Wie sind Sie gerade auf die Bukowina gekommen?

Ebenfalls über die Literatur, über Itzik Manger, über Rose Ausländer, natürlich auch über Paul Celan. Ich habe Germanistik und Ethnologie studiert, und ich besuchte damals auch Seminare zur Lyrik von Celan. Viele Zusammenhänge waren mir aber während des Studiums noch nicht bewusst. Ich wusste damals auch noch nichts von Itzik Manger, d.h., die Vielschichtigkeit von Czernowitz, die vielen verschiedene Facetten – das war mir in dieser Form damals nicht bewusst gewesen. Dann bin ich auch auf eine weitere Lyrikerin gestoßen – Klara Blum, die ja nicht zu den allerbekanntesten Namen in Deutschland zählt, habe die wunderbare Anthologie von Alfred Margul-Sperber entdeckt, die er zu Lebzeiten nirgendwo hatte unterbringen können. 2009 hat sie das IKGS in München aus dem Nachlass herausgegeben. Diese Anthologie ist eine Fundgrube. So kam dann eins zum anderen – von einem Buch zum nächsten.

Ich bin auch keine Jüdin und bin nicht aus Czernowitz, fühle mich aber wie eine Czernowitzerin. Gehöre zu dieser Stadt, als wäre ich von dort.

Es entfaltet eine unglaubliche Wirkung, wenn man sich da hinein vertieft, und manchmal hat man tatsächlich das Gefühl einer fast physischen Nähe. In Volker Koepps Film „Dieses Jahr in Czernowitz“ sagt Harvey Keitel an einer Stelle, er habe mit Czernowitz ein eigentümliches Phänomen erlebt – er habe bis dahin nicht gewusst, dass man Sehnsucht verspüren kann nach einer Stadt, in der man nie gelebt habe. Ich konnte das nachvollziehen. Selbstverständlich muss man hier auch vorsichtig sein, man sollte die Realität nicht allzu sorglos mit dem Mythos vermengen. Andererseits – was wäre so schlimm daran, wenn sich das Interesse mit ein wenig Nostalgie verbinden würde? Mich bringt diese Form der Nostalgie dazu, immer weiter zu lesen. Ich denke, das richtet keinen Schaden an. Der Mythos sollte das heutige Tscherniwzi nicht überdecken, aber das ist ja auch nicht die Absicht, im Gegenteil, mir hilft Gelesenes – in jeder Hinsicht –, einen Zugang zur Gegenwart zu finden.

Wenn man Gedichte verfasst muss man eine Beziehung dazu haben..

Meine Beziehung ist in erster Linie die Beziehung eines Lesers – im Hinblick auf Czernowitz und die Bukowina. Im Hinblick auf Polen sind es auch sehr viele persönliche Kontakte, und vor allem natürlich auch über die familiäre Beziehung. Sehr viel habe ich von meiner Frau gelernt. Und ich lerne bis heute. Polen war für mich tatsächlich das Tor zu diesen Horizonten. Bruno Schulz, Julian Stryjkowski, Józef Wittlin, Aleksander Wat … Die polnische Literatur ist sehr stark geprägt von der jüdischen Kulturgeschichte. Und wenn wir etwa Galizien betrachten – dort haben wir neben der polnischen noch die deutschsprachige Literatur, Joseph Roth hatte ich schon erwähnt, weiterhin Soma Morgenstern, Manès Sperber. Dann kommt das Jiddische noch hinzu, das Ukrainische … Auch die Zugänge zur jiddischen Literatur, für die ich auf Übersetzungen angewiesen bin, habe ich vielfach übers Polnische gefunden. Es gibt hervorragende Arbeiten zur jiddischen Literatur auf Polnisch, ebenso eine Vielzahl an Übersetzungen, die gerade in jüngster Zeit entstanden sind. Das Polnische hat mich in dieser Hinsicht sozusagen doppelt beschenkt.

Für mich ist es sehr schwierig über Lyrik zu schreiben. Das eine oder andere Gedicht mag ich, es spricht mich an. Doch bin ich keine Lyrikkennerin, lese aber gerne Gedichte.

Auf Anregung des Herausgebers, des Leiters des IKGS, Herrn Dr. Florian Kührer-Wielachs, habe ich ein kleines Nachwort verfasst. Natürlich sollte ein Autor nicht seine Gedichte erklären. So ist das Nachwort auch nicht gedacht, es ging darum, ein wenig den Horizont aufzuhellen, in dem die Gedichte stehen. Ich habe mich dann entschieden, die Bedeutung des Sederabends in den Mittelpunkt zu stellen – mit dem zentralen Bezug zur Idee der Freiheit. Schöner, klarer und universaler als es in der Zeremonie des Sederabends angelegt ist, kann man, wie ich finde, nicht vermitteln, was Freiheit bedeutet und warum sie so kostbar ist.

Ja, Sie haben über das Judentum, die Rituale und die Symbolik geschrieben. Das ist ein guter Hinweis.

Ich wollte etwas in den Blick nehmen – einen konkreten kulturhistorischen Raum und die mit ihm verbundenen Inhalte –, was nach meiner persönlichen Erfahrung zumeist doch recht weit entfernt liegt von der hiesigen Wahrnehmung. Ich kenne Menschen, die durchaus belesen sind, aber nicht auf Anhieb sagen könnten, in welchem Land Czernowitz heute liegt. Geschweige denn, dass sie in der Lage wären, ein paar historische oder kulturhistorische Zusammenhänge herzustellen. Das finde ich bedauerlich, weil es zeigt, was für weiße Flecken der Erinnerung entstanden sind durch diese entsetzliche Verwüstung, die von Deutschland ausging. Mit diesen Gedichten – das versteht sich – möchte ich mir nicht eine Geschichte aneignen, die nicht die meine ist. Eine solche Absicht wäre unredlich. Ich habe diese Kulturgeschichte über die Literatur wahrgenommen, und ich fühle mich auf besondere Weise davon berührt, und dafür versuche ich, einen Ausdruck zu finden. Deshalb auch ist eines der Gedichte – „Briefe“ – den literarischen Echos gewidmet. Dieses Gedicht habe ich im Grunde nur „arrangiert“, geschrieben haben es andere. Vor ihnen verbeuge ich mich. Mit dem Beitrag an Erinnerung, den ich imstande bin zu leisten.

Lothar Quinkenstein, Die Brücke aus Papier – Sprachen der Bukowina, Hrsg. von Florian Kührer-Wielach, Edition textfluss – danubebooks Verlag e.K. Ulm, Bestellen?

*) Deutsch, Armenisch, Englisch, Hebräisch, Jiddisch, Polnisch, Romanes, Rumänisch, Russisch, Ukrainisch, Ungarisch

Bild oben: In Czernowitz, Foto: C. Wollmann-Fiedler