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Transcending Dystopia – Musik, Mobilität und die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland

Am Ende des Zweiten Weltkriegs war die jüdische Bevölkerung Europas so stark dezimiert, dass ihre Reetablierung undenkbar schien. Und dennoch, als die Überlebenden aus dem Untergrund, den Lagern und dem Exil zurückkamen, kehrte auch ihre Musik zurück…

Von Tina Frühauf

Transcending Dystopia rekonstruiert diese Rückkehr sowie den Wiederaufbau musikalischer Aktivitäten in den jüdischen Gemeinden Deutschlands. Als ein kaleidoskopisches Panorama kultureller Transformationen innerhalb und außerhalb der Gemeinden im Nachkriegsdeutschland bis zum Fall der Mauer im Jahr 1989, gibt es Einblicke in musikalische Praktiken im Kontext von Gottesdiensten und im gesellschaftliche Leben, bei Gedenkfeiern und Gemeindeveranstaltungen bis hin zu Synagogenkonzerten und im Radio. Um diese vielfältigen Praktiken zu rekonstrukieren, bedurfte es fast ein Jahrzehnt minutiöser Detektivarbeit, um disparate Bruchstücke zusammenzusetzen und so tiefe Einblick in das musikalische Leben der jüdischen Gemeinden zu gewinnen. Unter den 26 Archiven und Privatsammlungen ragen zwei Orte und Erfahrungen heraus: die Forschungsarbeit im Stasi-Archiv in Berlin sowie die Entdeckung einer Sammlung auf einem Dachboden in Massachusetts.

Im Stasi-Archiv

Während seiner 40-jährigen Existenz führte das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit, allgemein als Stasi bekannt, eine der eindringlichsten und repressivsten Massenüberwachungen durch, die es jemals gegebn hatte. Das Ministerium sammelte Millionen von Akten über Menschen, die es der Staatsfeindschaft verdächtigte. Heute enthält sein Archiv kilometerlange Akten, fast zwei Millionen Bilder und über 30.000 Video- und Audioaufnahmen, die in 13 Filialen in ganz Deutschland untergebracht sind.

Obwohl das Archiv keinen speziellen Musikschwerpunkt hat, waren natürlich auch Musiker Gegenstand der Operationen – sowohl als informelle Mitarbeiter (im lokalen Sprachgebrauch als IMs bekannt) als auch als überwachte Subjekte. Für meine Forschung hoffte ich auf Akten zu stossen, die Einblicke in die Sichtweise der DDR auf die jüdische Kultur und ihre Hauptakteure sowie die politische Instrumentalisierung der jüdischen Gemeinden und der jüdischen Musik geben. Von besonderem Interesse waren Informationen zu Werner Sander (1902–1972), einem gebürtigen Breslauer, der von 1950 bis zu seinem Tod Kantor der jüdischen Gemeinde in Leipzig war, sowie zu den Sängern des von ihm gegründeten Leipziger Synagogalchors, einem gemischten Chor von 25 bis 30 nichtjüdischen Laiensängern, der sich seit 1962 der Pflege und Erhaltung der Synagogalmusik sowie der jiddischen und hebräischen Folklore widmet.

Die Materialsuche erwies sich als ungewöhnlich. Sie begann mit einem formellen Antrag, der sicherlich aufwendiger ist als anderswo, aber im Großen und Ganzen recht unkompliziert. Meinem Antrag wurde nach einigen Monaten, im März 2014, stattgegeben. Anders als in anderen Archiven wurde mir eine Sachbearbeiterin zugewiesen, die für mich Akten aus allen Zweigstellen ausfindig machte und, wenn möglich, in Berlin zur Verfügung stellte. Selbstständige Materialsichtung war keine Option. Der nächste Schritt war meine Übermittlung von Namen, Adressen, Geburtsdaten und -orten aller für meine Forschung interessanten Personen (insgesamt 17 Namen). Mitte Juli 2014 erwartete mich dann ein erster Stapel von Dokumenten in Berlin. Die Neugier war groß – das Resultat enttäuschend. Die detaillierten Angaben in den Akten zu den einzelnen Personen waren pedantische, bürokratisch und weitgehend bedeutungslos. In den Akten von noch lebenden Personen (oder solchen, die vor weniger als dreißig Jahren verstorben waren), waren (potenziell interessante) Passagen geschwärzt. In der Tat war dies alles andere als Das Leben der Anderen, das preisgekrönte spannungsgeladene Stasi-Drama aus dem Jahr 2006. Nur wenige Sängerinnen und Sänger wurden routinemäßig überwacht. Die große Mehrheit hielt an ihrem öffentlichen Bekenntnis zum Sozialismus fest und erregte keinen Verdacht; wie viele andere DDR-Bürger war ihr Mittelweg der Konformismus.

Obwohl die Rechercheergebnisse spärlich ausfielen (überraschenderweise gab es keine Unterlagen zu den West-Berliner Kantoren, die zu DDR-Zeiten ungehindert zwischen Ost- und West-Berlin pendelten, um zu amtieren und Konzerte zu geben), lieferten die gefundenen Akten doch einige nützliche Details. Im Jahr 1967 wurde in der Bundesrepublik Deutschland Anklage gegen den ehemaligen Breslauer Gestapo-Chef und seinen Assistenten erhoben. Das Landgericht Bielefeld rief Werner Sander und seine Frau Ida in den Zeugenstand. Im Zusammenhang damit suchte die Stasi zu verifizieren, ob Sander tatsächlich politisch verfolgt und in einem Konzentrationslager interniert gewesen sei. Die Stasi hatte Bedenken zu Sanders Zeugenstand aufgrund von Personenschutz und Diskriminierung und befürchtete, dass die DDR in die westdeutsche Kritik geraten könnte. Angesichts des Überwachungsberichts gab es keine Indizien für Republikflucht. Tatsächlich zweifelte die Stasi nie an der Loyalität der Familie Sander und erteilte Ida Sander 1959 gar eine Sondergenehmigung zur Ausreise nach Westdeutschland zu Familienfeierlichkeiten. Letztlich trat Sander dennoch nicht als Zeuge auf (die Gründe dafür sind unbekannt).

Interessante Details stammen auch aus nicht-personenbezogenen Akten, wie zum Beispiel aus einem undatierten Typoskript aus den 1980er Jahren, einer Zeit als das Regime begann, die schwindende Zahl der Juden als demografisches und kulturelles Problem wahrzunehmen. Besagtes Typoskript enthält einen Abschnitt über jüdische Musik, in dem es um Synagogenkonzerte in Berlin, die bekannte jiddische Chanteuse Lin Jaldati und ihre Familie sowie den Leipziger Synagogalchor geht. Der Chor wird als herausragendes Beispiel für die Bewahrung jüdischer Kultur gepriesen, wobei unerwähnt bleibt, dass alle Sängerinnen und Sänger zu dieser Zeit Nicht-Juden waren. Insgesamt galt der Chor als politisch transparent genug, um die Idee des Antifaschismus und die Vorstellungen von Erbe und Tradition im Dienste des Staates zu vertreten und zu stärken. Um Schlussfolgerungen für Transcending Dystopia zu ziehen, war dieses Material allein nicht ausreichend. Ich musste meine Erkenntnisse durch Interviews mit den Sängern (und anderen) ergänzen – ein komplexes und sensibles Unterfangen aufgrund des Status einiger Interviewpartner als informelle Mitarbeiter und/oder Subjekte der Stasi. Dennoch erwies sich das Stasi-Archiv als eine interessante Episode im Forschungsalltag einer Musikwissenschaftlerin, die sich gewiß von anderen Erfahrungen unterscheidet; denn bei der Recherche ging es nicht um Partituren oder Schallaufnahmen, sondern um Politik und (verleumderische) Details, die auf geheimen Akten basierten.

Auf der Suche nach Adi Patti

Eine der faszinierendsten Persönlichkeiten, die ich im Zuge meiner Forschung entdeckte war Adi Patti. Geboren 1899 in Berlin als Adolf Schwersenz, wollte er ursprünglich Schauspieler werden, aber mit einer starken Tenorstimme ausgestattet, studierte er nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg an der Königlichen Akademie der Künste in Berlin Musik. Von 1920 bis 1925 nahm Schwersenz außerdem Gesangsunterricht in Berlin und Mailand. Nach einem kurzen Engagement an der Berliner Kammeroper im Jahr 1925 arbeitete er als Rundfunk- und Opernsänger und vermarktete sich als deutsch-italienischer Heldentenor unter dem Künstlernamen Adi Patti. Der Nationalsozialismus setzte Schwersenz’ Karriere ein Ende; und in weiser Voraussicht ließ er sich schon weit vor seinem Ausschluss aus der Reichsmusikkammer am 3. Dezember 1936 bei bekannten Kantoren ausbilden, um selbst Kantor bei der jüdischen Gemeinde Berlins zu werden. Zeitgenössischen Zeitungsberichten zufolge trat Adi auch gelegentlich im Jüdischen Kulturbund auf, einer von und für Juden in Zusammenarbeit mit den Nazis gegründeten segregierten Organisation für darstellende Künste. Schwersenz überlebte den Zweiten Weltkrieg und wurde nach 1945 einer der Hauptakteure bei der Wiederherstellung des jüdischen Kulturlebens in Berlin. Er baute zunächst eine autonome Gemeinde mit einem aktiven Musikprogramm auf und beteiligte sich maßgeblich an den ersten jüdischen Rundfunksendungen im Nachkriegsdeutschland, den sogenannten Sabbatfeiern, bei denen er liturgische und paraliturgische Stücke sang, oft unter Chorbegleitung.

In den späten 1940er Jahren verschwand sein Name jedoch plötzlich von Konzertankündigungen und -programmen. Nichts und niemand konnte dieses Verschwinden erklären – je tiefer ich forschte, desto größer die Leere. Schwersenz schien wie vom Erdboden verschluckt. Dann, eines Tages – ich hatte meinen Fokus auf eine andere wichtige Person gelenkt, Siegmund Weltlinger, der nach dem Krieg einige Stücke für Gesang und Klavier komponiert hatte – wendete sich das Blatt. Bei der Durchsicht der Korrespondenz in Weltlingers Nachlass im Landesarchiv Berlin entdeckte ich ein beigefügtes Foto, das ein bekanntes Gesicht zeigte: Schwersenz, gemütlich in einem Liegestuhl am Strand, zusammen mit Frau und Tochter! Der Brief verriet jedoch den Namen eines anderen Absenders, Ralph Svarson. Wie sich herausstellte hatte Schwersenz seinen Namen kurz nach der Emigration in die Vereinigten Staaten im Frühjahr 1947 geändert. Nur einen Schritt weiter blieben Fragen. Mit etwas Finesse gelang es mir, Schwersenz’ Tochter Susan Svarson Kelleher ausfindig zu machen, die in Massachusetts lebte. Meine Anfrage blieb jedoch unbeantwortet. Wie sich herausstellte war Susan 2009 verstorben und ich kam zu spät.

Meine Kontakaufnahme zu ihrer Tochter Kathy Luzader im Jahr 2010 war zunächst erfolglos – der Verlust war noch zu frisch, um die Familiengeschichte aufzurollen. Drei Jahre später meldete sich Susans Sohn James Kelleher und lud mich in sein Elternhaus in Melrose ein. Das Haus erwies sich als wahre Fundgrube: Die schiere Menge an Gebetsbüchern, Büchern auf Hebräisch und liturgischer Musik (sowohl gedruckt als auch von Hand kopiert) war überwältigend. Der Nachlass brachte alte Artikel, Fotos, Alben, Poster und sogar eine Torarolle aus Berlin ans Licht. Einiges befand sich auf dem Dachboden und war seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, nicht mehr angetastet worden. Die Entdeckung machte es möglich, ein vollständiges Bild einer faszinierenden Persönlichkeit zu skizzieren, die die Irrungen und Wirrungen des Lebens und der (Nach-)Kriegszeit mit Fantasie und Verve überstanden hatte. Aber noch bedeutsamer, ich konnte die Familie Kelleher mit dem Leo Baeck Institute in New York in Verbindung bringen und nur ein Jahr später die dauerhafte Übergabe eines großen Teils des Nachlasses ermöglichen. Dieser wurde als AR 25615 im Center for Jewish History bearbeitet und katalogisiert und kann im Online-Archiv eingesehen werden.

Tina Frühauf ist Adjunct Associate Professor an der Columbia University und am Graduate Center, CUNY, in New York. Ihre Bücher Orgel und Orgelmusik in deutsch-jüdischer Kultur, Salomon Sulzer: Reformer, Kantor, Kultfigur und Werner Sander: „den Frieden endgültig zu festigen“ – Ein großer Vertreter der jüdischen Musik in der DDR sind in deutscher und englischer Sprache erschienen. Dislocated Memories: Jews, Music, and German-Jewish Culture ist Preisträger des Ruth A. Solie Awards 2015. Transcending Dystopia: Music, Mobility, and the Jewish Community in Germany, 1945–1989 ist im Buchhandel, bei Amazon und Oxford University Press erhältlich.