Roter Widerstand in der bayerischen Provinz

Die NSDAP war vor und nach 1933 absolut keine Arbeiterpartei. Auch in Bayern war die überwiegende Mehrzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen politisch rot. Das galt auch in der bayerischen Provinz. Hervorstechend waren dabei die Bergarbeiter in Penzberg, die Holz- und Steinbrucharbeiter im bayerischen Wald, das rote Kolbermoor, sowie das rote Burghausen mit seiner Chemie Arbeiterschaft…

Oftmals praktizierten die Arbeiter spontan die Einheitsfront gegen die Nazis unabhängig von dem Kurs der jeweiligen Partei Leitungen im fernen Berlin. Mit einer richtigen Politik von SPD und KPD hätte der Faschismus in Deutschland verhindert werden können. Das vorliegende Buch konzentriert sich dabei auf das rote Burghausen in Südostoberbayern.

Max Brym, Roter Widerstand in der bayerischen Provinz, Romeon Verlag 2021, Bestellen?

LESEPROBE

Bis zum 7. Juli 1932 veranstaltete die Nazibewegung in Burghausen im wesentlichen nur interne Veranstaltungen. Die Nazis hatten die Erfahrung gemacht, dass SPD und KPD gegen sie zusammen hielten. Das war oft in kleinen Arbeiterstädten in ganz Deutschland der Fall. Trotz der falschen Linie ihrer Parteiführungen (SPD und KPD) merkten die Arbeiter ganz spontan, dass die Nazis nicht danach fragten ob jemand Kommunist oder Sozialdemokrat ist. Die Arbeiter wohnten in den selben Häusern, waren Nachbarn oder Kollegen am Arbeitsplatz. Die von außen nach Burghausen geholten SA- und SS-Schläger holten sich immer blutige Nasen, wenn sie versuchten, in Burghausen eine SPD- oder KPD Versammlung zu sprengen. So sehr sich Kommunisten und Sozialdemokraten auch auf Versammlungen stritten, gegen die Nazis wurde zusammengehalten. Den wichtigen Nazifunktionär Zierhut aus Neuötting brachte dies jedes mal zur Verzweiflung. Oft plante der Limonadenhersteller Zierhut aus Neuötting – im dortigen NS-Parteilokal „Münchner Hof“ mit zusammengekauften Bauernburschen in Burghausen SPD oder KPD Veranstaltungen anzugreifen, aber die Ergebnisse waren mehr als enttäuschend. Der sozialdemokratische Reichsbanner unter Georg Schenk und der kommunistische „Kampfbund gegen den Faschismus“ (der frühere RFB) waren auf der Hut und schlugen die Nazis in die Flucht.

Die Arbeiter in Burghausen verstanden, ohne Werke des russischen Revolutionärs Leo Trotzki gelesen zu haben.,“die Notwendigkeit und Dringlichkeit“, um im damaligen Jargon zu schreiben, „der proletarischen Einheitsfront gegen den Faschismus“. Sozialdemokraten und Kommunisten war klar, dass wenn sie wie in einem Boxring standen und sich gegenseitig bekämpften, der Kampf unterbrochen werden muss, wenn plötzlich im Ring eine Person erschien, welche sich daran machte eine Waffe zu entsichern, um beide zu erschießen. In einer solchen Situation stellte sowohl die örtliche KPD unter Heinrich Breu (Breu war bis 1930 örtlicher KP-Leiter, ihm folgte Alois Haxpointner), als auch die SPD mit ihrem Vorsitzenden Brunnhuber den gegenseitigen Schlagabtausch ein. Nein, es ging sogar noch weiter. Kommunisten und Sozialdemokraten wehrten die Nazis nicht nur ab und hielten sie weitgehend trotz gegenteiliger Versuche der Wacker-Chemie aus dem Betrieb heraus, sondern sie verprügelten die Nazis auf der ersten groß angekündigten Naziversammlung in der Gaststätte „Glöckelhofer“ am 7. Juli 1932 fürchterlich.

Die „Schlacht im Glöckelhofer“: Das rote Burghausen wehrt sich

Für den 7. Juni 1932 luden die Nazis den damaligen ADGB Kreisvorsitzenden zu einer Debatte in den heute noch existierenden Gasthof Glöckelhofer. Dort wollten sich der kaufmännische Angestellte Ludwig Malcomeß und ein Reichsredner der NSDAP als Sozialisten verkaufen. Es kam aber anders. Mehrere hundert Gewerkschafter sowie der Reichsbanner unter Georg Schenk als auch die KPD unter Führung von Alois Haxpointner zerschlugen im wahrsten Sinn des Wortes diese Naziprovokation. Aber lassen wir ein Dokument aus der damaligen Zeit selbst sprechen. In der Anklageschrift des Landgerichts in Traunstein vom Oktober 1932 ist zu lesen: Dokument Anklageschrift vom 11.Oktober 1932 Landgericht Traunstein (Auszüge): Schon vor Beginn der Versammlung saßen Sozialdemokraten und Kommunisten im Wirtshausgarten. An ihren Tischen fielen Äußerungen wie: „Den Buben (gemeint waren die Nationalsozialisten) werden wir es heute schon noch zeigen.“ Auch vom „Darm herauslassen“ war die Rede. Außerhalb des Versammlungs Saales befanden sich viele Sozialdemokraten und Kommunisten. Im Versammlungssaal waren 50 bis 60 linksgerichtete Sozialdemokraten und Kommunisten. Nach Beginn der Veranstaltung begannen sie mit dem Lied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und der „Internationale“ die Veranstaltung der NSDAP zu verhindern. Sie hielten auch Bier- und Limonadenflaschen zum Zuschlagen bereit. Es war die planmäßige Absicht erkennbar, die Versammlung der NSDAP zu sprengen, als nun noch Brunnhuber, der Führer der Burghauser Sozialdemokraten, in verdächtiger Weise unmittelbar neben der elektrischen Lichtschaltungsanlage Aufstellung nahm. Er hörte die Aufforderung der Nationalsozialisten, sich zu entfernen. Brunnhuber weigerte sich jedoch, dieser Aufforderung nachzukommen.

Malcomeß erklärte daraufhin, dass er nunmehr von seinem Hausrecht Gebrauch mache und verlangte wiederholt von Brunnhuber, dass er den Saal verlassen solle. Brunnhuber leistete jedoch der wiederholten Aufforderung zum Verlassen des Saales keine Folge, zumal er in seiner Weigerung durch den Zuruf des Kommunisten Haxpointner noch bestärkt wurde: „Nein. Brunnhuber, du bleibst!“ noch bestärkt wurde Als sich der Nationalsozialist Ambros Bauer mit einigen SS Leuten auftragsgemäß am Lichtschalter zu diesem dessen Schutz postieren wollte, wurde er plötzlich von sozialdemokratisch-kommunistischer Seite mit einem Stuhl zu Boden geschlagen. Fast zur gleichen Zeit sprang in einem anderen Teil des Saales der Kommunist Rißl den SA-Mann Zierhut an, dieser konnte jedoch den Angreifer zur Seite stoßen. Im nächsten Augenblick war er aber schon von Kommunisten umzingelt. Diese warfen mit Stühlen und schlugen den SA-Mann Zierhut nieder. Aus diesen Vorfällen entwickelte sich in wenigen Sekunden eine allgemeine Saalschlacht bei der von sozialistisch-kommunistischer wie von nationalsozialistischer Seite mit Stühlen, Biergläsern, Aschenbechern und Salzbüchsen zugeschlagen und geworfen wurde.

Die Nationalsozialisten, die sich zunächst auf die Abwehr der zusammenarbeitenden Sozialdemokraten und Kommunisten beschränkten, gingen alsbald über diese Abwehr hinaus, im einzelnen ereignete sich folgendes: 1. Der Kommunist Zinner war es gewesen, der den Nationalsozialisten Bauer ohne jeden Anlass einen Stuhl auf den Kopf geschlagen hatte, so dass Bauer zusammenbrach. 2. Der Kommunist Zinner fiel über den von seinem Parteigenossen niedergeschlagenen Nationalsozialisten Zierhut her und drückte ihm die Kehle zu, währenddessen schlugen seine Parteigenossen den Zierhut mit Fäusten und mit Füßen. 3. Der Sozialdemokrat Höcketstaller wollte mit einem Stuhl einem Nationalsozialisten einen Schlag auf den Kopf versetzen, der Schlag ging jedoch fehl. 5. Der Sozialdemokrat Schenk verbarg sich hinter seinem Parteigenossen Wimmer und warf einen Stuhl auf den Nationalsozialisten Hagenberger gleichzeitig wurde mit einem weiteren Stuhl auf den Nationalsozialisten Malcomeß eingeschlagen.6. Der Kommunist Haxpointner schlug mit einem
Stuhl auf mehrere Nationalsozialisten ein. (Landgericht Traunstein 11.10.1932)“

In diesem Stil fährt die Anklageschrift fort. Gegen 21 Uhr 30 beendete herbeigerufene Landespolizei die Saalschlacht.

Der „Glöckelhofer“ glich einem Trümmerhaufen. Die Landespolizei rettete die Nazis vor der totalen physischen Niederlage. 24 schwer verwundete Personen wurden in In die Krankenhäuser Altötting und Burghausen gebracht. Die meisten davon waren Hitlerfaschisten. Die Nazifaschisten waren geschlagen und wurden sogar noch den Stadtberg hinunter verfolgt. Der Naziführer Malcomeß konnte sich der Verfolgung durch eine rasante Flucht entziehen. Nicht aber der Nazirechtsanwalt Dr. Remmler. Er wurde bis ins Café Winklmeier am Stadtplatz 57 verfolgt. Am Hinterausgang stellten ihn KPD-Aktivisten. Sie schlugen ihn so zusammen, dass Remmler sein Leben lang zu 25% erwerbsgemindert war. Später machte Dr. Remmler eine steile Karriere in der Nazipartei…

Das Kräfteverhältnis in Burghausen war damit klargestellt. Auch ohne die damaligen Werke des russischen Revolutionärs Leo Trotzki über Deutschland und die Notwendigkeit einer Arbeitereinheitsfront gelesen zu haben, kamen die Arbeiter spontan auf eine richtige Haltung.
Letztendlich machte sich aber doch das Fehlen einer wirklich marxistischen Arbeiterpartei spätestens im Januar 1933 schmerzhaft bemerkbar. Der KPD-Reichstagsabgeordnete Hans Beimler nannte in seiner letzten legalen Rede in Deutschland in Burghausen am 11.02.33 die Schlacht beim Glöckelhofer „ein Musterbeispiel für die kommende rote Einheitsfront“ und in Verkennung der Lage „ein Beispiel für den kommenden Sieg der KPD“. Dabei assistierten ihm Alois Haxpointner aus Burghausen und der KPD-Funktionär Anton Griebl aus Neuötting.

Max Brym, Roter Widerstand in der bayerischen Provinz, Romeon Verlag 2021, Bestellen?

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