Paraschat haSchawua: Ki Tissa

Liest man die Tora aufmerksam, stößt man manchmal auf moderne Erkenntnisse, die Fragen beantworten können, mit denen sich Philosophen seit langem beschäftigen. Z.B.: hat der Mensch einen freien Willen?

Exodus, Kap. 30-34 Parascha Ki Tissa Schabbat 6. März 2021

Gott ist zornig über das Volk, das ER aus Ägypten befreit hatte, um es durch die Wüste nach Kanaan zu führen. ER sagt zu Moses „Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre“ (Ex. 32, 10). Und das nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Dauernd wird ER von diesem Volk belästigt und verärgert. Es ist eben ein „halsstarriges Volk“ (ebenda Vers 9), so drückt sich Gott aus.

Dass die Israeliten von Gott nicht vernichtet wurden, das wissen wir bereits. Und weshalb? Moses gelang es, Gott zu überreden, von seinem Ansinnen abzusehen. „Da bedachte sich Jahwe ob des Unheils, das er geredet hatte, seinem Volk zu tun“ (ebenda Vers 14).

Diese scheinbar naive Geschichte hier kurzgefasst: Gott hat die Nase voll von diesem Volk (übrigens heißt es im hebräischen Text: „Seine Nase war zornig“), und beschloss, es zu vernichten. Dann hat Gott seine Meinung geändert und ließ es gut sein. Obwohl diese Geschichte keine besondere Problematik enthält, die Bibelexegesen haben sie nicht groß beachtet, tauchen zwei Fragen auf:

1) Wusste Gott nicht, dass Moses ihn letzten Endes überreden wird, von seinem Vorhaben abzusehen?
2) Kann Gott seine geäußerte Meinung abändern und sein geäußertes Vorhaben widerrufen?

Die erste Frage wurde bereits von den alten Gelehrten beantwortet. Die Frage selbst ist eine Anmaßung. Das Wissen Gottes ist von uns Sterblichen nicht zu erdenken. Wir können nicht begreifen, was das Wissen Gottes ist. Würden wir es begreifen können, wären wir gottähnlich, und das ist, gelinde gesagt, schlimmer als eine Anmaßung. Der Prophet Jesaja sagte das schon vor fast dreitausend Jahren, „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken … spricht Jahwe“ (Jesaja 55, 8).

Zur zweiten Frage: Der Mensch hätte nie gedacht, dass das Wort Gottes widerrufbar sein kann. Jedoch steht es hier ausdrücklich so in der Bibel. Wir müssen es akzeptieren und können daraus unsere Schlüsse ziehen. Wenn das Wort Gottes und sein Vorhaben widerrufbar sind, dann kann nichts vorherbestimmt sein. Der Verlauf der Geschichte ist somit nicht vorherbestimmt; das wäre eine wichtige Lehre für die gläubigen Menschen. Aber auch Säkulare könnten wichtige Schlüsse daraus ziehen: wenn sogar ein Gott, der von Menschen als der höchstgedachte Schöpfer und Lenker des Kosmos, nicht das Schicksal vorherbestimmt, dann gibt es kein Schicksal (was immer die Menschen darunter verstehen), das vorhergesagt werden kann, dann können Menschen eine Vorhersage schon allemal nicht treffen.

Hier ergibt sich auch die Antwort auf eine wichtige Frage: Es geht um den freien Willen des Menschen. Kann der Mensch Entscheidungen für seine eigene Zukunft treffen, ob er z.B. gut oder böse sein wird? Wenn also die Zukunft veränderbar ist, kann der Mensch seine Entscheidungen ebenfalls ändern.

Es wundert nicht, wenn an dieser Stelle wieder einmal die Ablehnung von Wahrsagern, von Kabbalisten und Mystikern, die einem eine gute Wendung in des Schicksals (Schwangerschaft, Gesundheit, Ehepartner), meistens gegen Bezahlung, versprechen, zum Ausdruck gebracht wird; was außerdem von der Tora als Betrug verboten ist (5. Moses Kap. 18).

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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