Michael Wieck – ein jüdischer Junge, ein Geiger, ein Mensch aus Königsberg und Stuttgart

„Das werde ich spielen, werde zurückkommen mit dem, was mich wirklich ausmacht und mich immer mit meiner Geburtsstadt verbindet.“ Er sprach von der Violinsonate Nr. 2 (Opus 102) von Camille Saint-Saens. Das viersätzige Werk betritt mit der Bezeichnung „Poco allegro, più tosto moderato“ im ersten Satz eine Zauberwelt, welches das ferne elegante Paris nach Königsberg herüberwehen lässt. Mit dieser Musik wollte der Geiger und Autor, der Weltmusiker und Zeuge vom Untergang Königsbergs noch einmal zurück in die alte preußische Königsstadt: Michael Wieck. Sein Leben war eine deutsche Suite…

Von Matthias Buth

Es begann in jener Stadt, die nach 1945 als Teil der russischen Föderation Kaliningrad heißt. Im lieblichen Juli -Sommer Ostpreußens im Jahre 1928 kam er zur Welt, als die Nationalsozialisten die Staatsbürger des Reiches noch nicht in die Kategorie deutsch-nichtdeutsch bevormundet hatten. Wiecks Mutter war Deutsche und Jüdin, sein Vater hatte eine andere Religion. Er brachte den klangvollen Namen Wieck ein, der aus den schönsten Quartieren der Musik kommt, von Clara Wieck, die Robert Schumann heiratete. Und die Eltern entsprachen so ganz diesem musikalischen Bogen, denn sie spielten beide im „Königsberger Streichquartett“.

Ich hatte das Glück, Michael Wieck persönlich gesprochen zu haben, ja er war sogar in meinem Haus und ich war auch bei ihm zu Gast. Die Achse seines Lebens war Königsberg, dessen Zerstörung er überlebte. Aber was heißt überleben im NS-Terror ab 1933? Er musste in Königsberg zwei Mal überleben bis 1945 und danach bis 1948. Sodann auch im zerstörten Rest-Deutschland, sein ganzes Leben war ein Wiederfinden, ein Nichtuntergehen und Nichtverzweifeln. Und wer ihm begegnete, sprach mit einem noblen Menschen, der mit sich, der mit allen Schrecken und Verwundungen souverän umzugehen wusste. Das vermögen wohl nur Persönlichkeiten, die in der Kunst, besonders in der Musik leben.

Wer im Internet seinen Namen aufruft, kann ihn erzählen hören und sehen. Seine Aura geht selbst in dieser Reihe kurzer Video-Sequenzen nicht verloren. Dort schildert er wie ein griechischer Philosoph vom Leben in der Hauptstadt Ostpreußens. 2021 erinnern wir uns in Köln an 1700 Jahre jüdisches  Leben in der Domstadt. Auch in Königsberg gab es jüdischen Leben. Seit dem 16. Jahrhundert. Isaak May und Michel Abraham, zwei Ärzte, waren 1540 die ersten. Dann kamen jüdische Kaufleute aus Polen und Litauen. Friedrich I., der erste preußische König, genehmigte den Königsberger Juden die Errichtung einer Beerdigungsbruderschaft, eine Chewra Kadischa – 1703, zwei Jahre nach seiner Krönung. 1756 erstand die erste Synagoge. Bis 1914 lebten 13.000 jüdische Bürger in Königsberg und Ostpreußen, bis 1917 dienten 800 als Soldaten in der preußischen Armee. 1944 gab es nur noch 60 jüdische Familien in der Preußenstadt. Ruth Leiserowitz hat 2012 in der Studie „Sabbatleuchter und Kriegerverein / Juden in der ostpreußischen-litauischen Grenzregion 1812-1942“ ein anschauliches Bild des jüdischen Lebens gezeichnet, das durch den Vormarsch der Wehrmacht und der SS dann im Laufe des Krieges auch durch viele Litauer, die sich den Deutschen andienten, zerstört wurde. Der Holocaust begann in dieser Region, wie Joachim Tauber 2015 in „Arbeit als Hoffnung, Jüdische Gettos in Litauen 1941-1944“ nachweist.

Michael Wieck hat im Buch „Zeugnis vom Untergang Königsberg /Ein `Geltungsjude` berichtet“ ein Lebenszeugnis ins deutsche Gedächtnis gelegt, das nicht verklingen wird. Es ist ein großes Stück Prosa, eine Erzählung in einer eleganten, aber erdnahen Sprache. Lew Kopelew fesselte es „von den ersten Seiten an, eine schlichte, ungekünstelte und spannende Erzählung, jede Einzelheit überzeugend wahr geschildert“. Viele andere – wie Marion Gräfin Dönhoff und der Vorwortschreiber Siegried Lenz – hat es ins Mark getroffen oder besser: erleuchtet, denn es ist ein Dokument der Menschlichkeit. In die siebte veränderte Auflage von 2001 schrieb er mir im Januar 2004 einen Leitstrahl des Erinnerns. „Wer vergisst oder verdrängt, vergisst oder verdrängt immer auch das Denken (Hannah Arendt)“.

Sogleich im Frühjahr 1933 durfte das Königsberger Streichquartett, in dem die Eltern konzertierten, nicht mehr auftreten: Berufsverbot. Wieck war fünf Jahre alt. Noch konnte er in die Schule der jüdischen Gemeinde gehen. Dann folgte Zwangsarbeit. Der Junge war 14 Jahre alt; Judenstern, Hunger, Todesangst. Er erträgt das alles. Wodurch? Siegfried Lenz gibt eine Antwort: „Aufgehoben in seinem Gottesglauben entdeckt der Junge die unglaubliche Kraft, kraftspendende Welt der Kunst.“ Trost findet Wieck in der Musik, denn die Eltern brachten ihm das Geigenspiel nahe und das er später zur Meisterschaft führte. Die deutschen Perversitäten und Mordaktionen zu sehen und zu fürchten übersteigt an sich das Fassungsvermögen eines jungen Meschens. Bei den Nazis waren er und seine Leidensgenossen „die Juden“. Als dann die Russen die Stadt erobert und besetzt hatten und er mit seinen Eltern – die überlebten – nicht ausreisen konnte, waren die Wiecks „die Deutschen“, bis 1948, also verdächtigt und Drangsalierung und Todesangst ausgesetzt, täglich, ebenso täglich wie der Hunger und der Jagd nach Essbarem.

In diesen Tagen wird wieder intensiver die Frage nach der individuellen und kollektiven Identität gestellt. Diesem Fragen ist Michael Wieck nie ausgewichen, ja, es hat sein Leben bestimmt. Zu eindeutigen und fest umrissenen Antworten kann dabei nie kommen, wer das Denken nicht verdrängt. Sein Jude-sein habe ihn immer beschäftigt, bekennt er. Und er war ein Deutscher, aber nicht nur. Und ausgehend vom Philosophen Theodor Lessing, den deutsche Nazis 1933 ermordeten, verweigert er sich biologischer Begründungen. „Deutsche sind überhaupt keine Rasse. Sie sind Europäer, sind Menschen wie andere auch.“  Neben seiner orthodoxen jüdischen Erziehung habe er auch eine kulturell deutsche erfahren. Und sein (christlicher) Vater habe ihn wohl mehr geprägt als die (jüdische) Mutter. Aber auch dieser Antagonismus sei nicht die ganze Wahrheit, denn die Mutter habe sich mindestens so deutsch gefühlt wie der Vater. Das hat etwas Unrettbares. Das Deutschsein fängt immer wieder ein, ihn und sicherlich uns alle in Deutschland. Wieck findet für sich die Formel „Mensch unter Menschen zu sein“, und vielleicht ein „Spinozist“, ein fühlender und denkender Mensch.

In diesen wägenden Zuschreibungen sind seine Sätze in der Bucherzählung und in seinen Nachworten dazu tröstende, das Denken offenbarende Konfessionen. Vielleicht sind Musiker dazu eher in der Lage als andere Künstler.

Nach Musik- und Geigenstudium im freien Teil Berlins in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde er in das RIAS-Symphonie-Orchester aufgenommen und ging dann – vielleicht sich selbst und Deutschland ausweichend – für sieben Jahre als Senior Lecturer Violine nach Neuseeland (University of Auckland). Dann brannte die Sehnsucht nach Deutschland, er kam zurück und ging nach Stuttgart, wo er Konzertmeister des Stuttgarter Kammerorchesters wurde und sodann Mitglied des Stuttgarter Radio-Sinfonie-Orchesters. Von dort war es nicht weit nach Esslingen, wo die bundesfinanzierte Künstlergilde, ein Verein von Künstlern aller Sparten aus den historischen deutschen Ostgebieten, wirkte. Deren damals vom Bundesministerium des Innern dotierten Andreas Gryphius-Preis (Ehrengabe) erhielt Wieck für sein Königsberg-Buch im Jahre 1989. Kulturstaatsminister Michael Naumann und sein Adlatus Nevermann beendeten die Bundesförderung der Künstlergilde im Jahre 2000 und so die Dotierungen von bedeutenden Kulturpreisen wie Gryphius-, Stamitz und Corinth und Lenau-Preise: sie wurden als reaktionär gebrandmarkt. Eine fatale und bornierte Einschätzung von Meisterideologen. Immerhin gelang die Rettung der Werte und der Planstellen der Künstlergilde. Und so wurde in Potsdam das Deutsche Kulturform östliches Europa gegründet. Ich war damals der zuständige Ministerialrat im Kanzleramt, das sich eine Kulturabteilung im Kürzel „BKM“ angebändigt hatte. Dr. Hanna Nogossek, die Direktorin der Esslinger Gilde, wurde umsichtige Gründungsdirektorin des Potsdamer Instituts. Sie hielt Kontakt zu Michael Wieck und zum Kanzleramt, als es darum ging, die Übersetzung des Königberg-Buches ins Russische zu finanzieren. Und es gelang zusammen mit dem Musikreferenten im Institut Dr. Klaus Harer.

Dann war es da und Michael Wieck wollte und sollte seinen Lebensbericht in Kaliningrad vorstellen. Er war mächtig aufgeregt. Und Gott sei Dank bis im hohen Alter – wie mir sein Freund, der Geiger Kolja Lessing bestätigte – immer noch ein guter Geiger. Denn er wollte als Musiker in seiner Heimatstadt wahrgenommen werden. Und so übte er die Violin-Sonate Nr. 2 von Camille Saint-Saens, wusste er doch, dass Musik keiner Übersetzung bedarf. Sein Auftritt mit Buch und Musik hat die russischen Zuhörer sehr gerührt und im besten Sinne angesprochen und wohl auch aufgewühlt, denn die meisten wussten zwar viel von den deutschen Mordaktionen, aber wenig vom Terrorregime der russischen Besatzer und noch weniger vom Judentum in der ehemaligen preußischen Königsstadt. Klaus Harer verweist in seinem Nachruf darauf, dass Michael Wiecks Buch dort inzwischen zum einem „Hausbuch“ geworden sei und in Kaliningrad habe man geschrieben: „Das Buch ist wichtig für alle Menschen, die heute in Kaliningrad leben, die hier heimisch sind und sich nicht vor der Geschichte fürchten.“

Am 27. Februar 2021 starb in Stuttgart der tapfere Musiker und Zeitzeuge aus dem fernen Ostpreußen. Sein Buch steht für eine Epoche, die immer noch zu uns spricht.

Bild oben: Michael Wieck auf dem Portal Zeitzeugen, Screenshot

Kommentar verfassen