Titanic reloaded oder: „Impfung macht frei!“…

… morst ein Schiff der AfD Salzgitter voller Covidioten. Gantenbein morst zurück: „Fallt tot um!“[1] Ein literarischer Stolperstein…

Dieser literarische Stolperstein beschäftigt sich kritisch mit Covidioten wie Hans-Joachim Maaz, aus Perspektive eines Polizeiagenten namens Gantenbein sowie seines Hundes Sammy, im Revier „Kommissar-Ex“ genannt. Im Verlauf einer sich aus einer Vorstellung des Maaz-Titels Corona Angst (2021) heraus spontan entwickelnden Anti-Corona-Demo in Berlin im Dezember 2020 entwindet der incognito auftretende Polizeiagent Gantenbein einem Typen ohne Maske, den er für Maaz hält, ein Buch, aus dem dieser  im Verlauf der Demo zwei Krankengeschichten vorgelesen hatte von zwei schwer an Corona Erkrankten. Zu Hause stellt Gantenbein fest: Er hält ein ganz anderes Buch in Händen, Ernst Klees Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer (2001), dem nur der Schutzumschlag von Corona Angst aufgeklebt war. Die Krankengeschichten betrafen also gar nicht aktuelle Corona-Patienten, sondern Opfer von KZ-Impfversuchen. Ihr Thema: massive Folgeschäden derselben, noch 1957 bzw. 1960 von den inzwischen in Frankreich lebenden Holocaustüberlebenden spürbar. Die These, gerahmt durch die auf die angebliche ewige Wiederkunft des Gleichen abstellende Zarathustra-Szene: Das Agieren des Robert Koch Instituts im Dritten Reich in Sachen der damaligen Impfversuche in KZs – anhand der Figur des KZ-Arztes Gerhard Rose exemplifiziert – war schrecklich und unmenschlich, darf aber unter keinen Umständen verglichen werden mit dem Agieren heutiger RKI-Ärzte. Deren Impfungen sind Teil helfenden Handelns, jene Roses waren Teil menschenverachtenden Tun. Dies gibt Gantenbein, Chef einer Anti-Verschwörer-SOKO namens „Nuklearer Winter“, weiteren Stoff zur Kritik des auf Holocaustleugnung hinauslaufenden, bei Covidioten weit verbreiteten und im November 2020 von der AfD Salzgitter verbreiteten Slogan „Impfung macht frei!“ Am Ende rückt erneut, nun der Kompliziertheit wegen unter stärkerer Beteiligung des Autors, die anfangs kurz angeführte Zarathustra-Szene in den Vordergrund, unter der Frage: Hat Nietzsche, um seine unheilbare Syphilis wissend, nur deswegen vorübergehend einer Lehre das Wort geredet, die Forschung und Fortschritt ohnehin undenkbar macht: der Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen? Wäre dem so, rückten Covidioten wie der Psychiater Maaz mit ihrer Art der Leugnung von Forschung und Fortschritt noch weiter unter Ideologieverdacht. Es sei denn, auch sie könnten aus ihrer Biographie heraus Gründe geltend machen, die sie an Forschung und Fortschritt grundsätzlich zweifeln lassen – und damit in die Arme einer durchweg irrational argumentierenden Partei wie die AfD treiben. Was daraus folgte? Nichts – denn wie Nietzsche schon sagte, mutig, wie ich, der Autor, finde: „Tout comprendre – c’est tout pardonner!“

Von Christian Niemeyer

Sammy heulte auf einmal wie ein Wolf. Ähnlich wie der Hund aus Also sprach Zarathustra III, der, meiner bescheidenen Meinung nach (vgl. Niemeyer 2020, S. 257), Nietzsche zurückdenken ließ an den Tod seines kleinen Brüderchens Joseph im Jahre 1849. Den Nietzsche, wiederum meiner, des Autors bescheidenen Meinung nach, ihrem Vater, einem Pastor, ankreidete, deutlicher: dessen Syphilis. Die natürlich streng geheim zu halten war. Weswegen der bedeutende norwegische Dramatiker Henrik Ibsen Stoffe dieser Art zeitgleich unter Titeln wie Gespenster (1881) darbot.[2] Aber ob mit oder ob ohne Gespenster:   Gegen Giftträger dieser Art hätte eine Maske jedenfalls nicht geholfen. Ein Zeichen zwecks Deutung des Folgenden? Vielleicht – oder, um keinen zu überanstrengen, zumal zu Beginn nicht, wo alles noch wohlgelaunt ist und extrem neugierig: Schauen wir also erst einfach mal, wie es weitergeht.

Ein Auftakt nach Maaz, fast so, als sei er in Zarathustras Leere gegangen

Aus dem Winterhimmel über Berlin zucken helle Sommerblitze. Die Wolken teilen sich wie weiland das Meer vor Moses. Raum und Zeit schwinden ins zunächst Undefinierbare, ehe schließlich der Ausblick frei wird auf – nein, nicht, wie im Zarathustra, auf einen Torweg und ein Wesen, „halb Zwerg, halb Maulwurf“ (Nietzsche 1988, S. 198), das verächtlich murmelt: „Alles Gerade lügt“, in der Umkehrung: „Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selbst ist ein Kreis.“ (ebd., S. 200) Oh nein, im hier in Rede stehenden Fall, jenem des Polizeiagenten Gantenbein, wird nur der Ausblick frei auf drei Männer à la Erich Kästner, des Klimawandels wegen leider nicht im Schnee.

Ein lustiger Auftakt, nicht wahr? Aber auch ein Auftakt nach Maaz? Oh ja, denn einer dieser drei – nennen wir sie, mit Saskia Eskens (SPD), „Covidioten“ – spricht gerade, Gantenbeins Bericht zufolge, vor sich hin: „Alles Gerade lügt“, sowie: „Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selbst ist ein Kreis“, als zitiere er Zarathustra, schaltet dann aber um auf „Unsere Wahrheit ist krumm“, begleitend zum Tun aller Drei von der – um nochmals Kästner ins Spiel zu bringen – ungeistigen Tankstelle AfD. Das klingt schon eher nach Hans-Joachim Maaz, oder? Erst recht natürlich das Buch, welches unsere drei Musketiere jetzt stolz vor sich hertragen, Corona Angst betitelt. Mittenzentriert. Weit mittenzentrierter jedenfalls als ihr Tun: Ungeimpft, ohne Masken ziehen sie an diesem wunderbar lauen 18. Dezember 2020 durch Berlin-Wilmersdorf, offenbar von einem Sektempfang ihrer Verlegerinnen Karin Timme & Claudia Frank kommend und insoweit etwas wacklig auf den Beinen, Parolen aus ihrem soeben erschienenen Buch zitierend. Was genau? Nun, Gantenbeins stenographisch in Geheimschrift erstellten Bericht zufolge irgendetwas gegen das Robert Koch Institut (RKI), das nicht der erwartete „Heilsbringer“ sei. Sondern welches das (deutsche) Volk nach Art von „Kulturen, in denen Schamanen unsichtbare Geister mit Masken und speziellen Ritualen besiegen wollen“ (Czycholl 2021, S. 183), endgültig zu unterwerfen beabsichtige. Selbst Sammy bellte jetzt empört, als wolle er sein Herrchen fragen, was die beiden Verlegerinnen genommen hätten, als sie diesen Unsinn ins Programm nahmen. „Hoffnungsblaues!“, flüstert Gantenbein, wie zur Antwort, „angetrieben von der Hoffnung, sie könnten so dem renommierten Hause Beck in München ihre cash cow  Maaz aus dem Stall entführen!“

Aber es kam noch schlimmer (nicht mit Gantenbein, selbstredend, sondern vor ihm auf der Straße): „Masken weg‘, reiht euch ein, die Kanzlerin will geschlagen sein!“, stößt, Gantenbeins Bericht zufolge, einer dieser drei etwas in die Jahre gekommenen Musketiere heftig hervor, während sein Nebenmann, der Bestsellerautor, Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Psychiater Maaz, per Megaphon über staatlich geförderte „Denunziationsbereitschaft“ fabuliert, über „paranoische Symptome nicht mehr beherrschter narzisstischer Labilisierung“, des Weiteren über „bereits strafrechtlich relevante Isolierung von Kindern in Quarantäne.“ Alles wortwörtlich nach seinem Buch (vgl. Maaz 2021, S. 63), wie sich nachher bestätigt. „Was ist das, was soll das?“, flüstert Gantenbein, vor einer halben Stunde per Funk alarmiert von der Leitstelle, in sein Headset. „Offene Psychiatrie?“, kommt es, etwas ratlos, dann, vom heftigen Knacken verzerrt: „Keine Ahnung!“

„Dett‘ is es!“, quäkt es, wie zur Antwort, aus dem 4. Stock eines Altbaus. Maaz daraufhin, ermutigt, per Megaphon in Richtung des Quäkenden, offenbar erneut aus seinem Buch zitierend[3], das er wie eine Monstranz vor sich herträgt: „Das alles ist so absurd und krank und kann durch rationale Erklärungen, es gehe ausschließlich um Gesundheitsschutz, angesichts der realen Erkrankungszahlen weder geglaubt noch akzeptiert werden.“ Erneut antwortet der 4. Stock, diesmal als Chor: „Dett‘ is es!“ Und aus dem 5. Stock, diesmal gegenüber, juxt einer aus Salzgitter: „Impfung macht frei!“

Pech nur, dass gerade in diesem Moment einer aus dem 6. Stock fällt und auf das Pflaster klatscht, fast wie in Hermann Hesses Steppenwolf. Eben noch hatte er à la Helene Fischer jubiliert „Maskenlos durch die Nacht“ – jetzt: Kein Mucks mehr! Jedenfalls nicht vom aufs Pflaster Geklatschten.

Pech auch – aber natürlich nur im weit geringeren Maß, denn Sterben ist, was Pech angeht, nicht zu toppen –, dass zum Zeitpunkt der Deadline für das Buch Corona Angst (30.11.2020) die 7-Tage-Inzidenz in Deutschland bei 138 lag und die Gesamtzahl der Toten bei 16.248 – wie Maaz‘ eben schon aufgerufenes Mit-Musketier, der Psychologe Aaron B. Czycholl in jenem Buch, aber nun auch neben der Leiche stehend, triumphierend mitteilt. Um – ja, auch dieser Mensch versteht sich aufs Toppen – den allerdings leider etwas ausgeleierten Witz nachzutragen, warum nicht längst schon, wegen der 60 Millionen Magen-Darm-Erkrankungen, die „Windelpflicht“ eingeführt worden sei. Und der Verkehrsminister die Frechheit gehabt habe, trotz 963 Menschen, die 2019 „wegen unangepasster Geschwindigkeit“ im Straßenverkehr Gestorbener zu erklären, „dass ein allgemeines Tempolimit ‚gegen jeden Menschenverstand‘ sei.“ (Czycholl 2021, S. 177)

Aha, ein Grüner!, kogniziert Gantenbein ungesäumt. Soll er also erst einmal ihm die Maske (selbstredend rhetorisch gemeint!) abziehen? Dann aber, zumal ihn Sammys vorwurfsvoller Blick trifft („Bist Du nicht auch für ein Tempolimit? Hast Du nicht dem Frauchen versprochen, Dir nicht die Alfa Romeo Giulia mit dem Ferrari-Motor ‚zum Schnäppchenpreis‘ zu kaufen?“), kommt ihm eine bessere Idee. Zumal sich ihm nun – wohl, um von der Leiche abzulenken – das Musketier mit dem Megaphon nähert, eine langsam aus den Häusern strömende, ziemlich entsetzte Menge im Schlepptau. Die Stimmung ist angespannt. So dass sich Maatz, die Leiche im Rücken, entschließt, ein neues Zeichen zu setzen: Das Megaphon wird – nun also doch! – durch eine Maske ersetzt. Direkt vor Gantenbein macht er Halt, schlägt das druckfrische Erstexemplar von Corona Angst auf, und liest ungesäumt und sehr redegewandt das Folgende aus einer Krankengeschichte eines 46jähringen laut vor:

„Er leidet nun an völliger Kraftlosigkeit, Gedächtnisverlust, Tendenz zur Fettsucht, Angstzuständen, Schlaflosigkeit, hartnäckigen Kopfschmerzen, Schwindel, Verlust aller Haare, sexueller Impotenz, die zur Scheidung führte.“

Gantenbein, dem Oberlehrerhaftes eigen ist, will aufbegehren, Maaz – noch bin ich sicher, dass er es ist, hat er sich doch eben erst seine Maske aufgesetzt – darüber belehren, dass ein Mann von Fach heutzutage statt von „Impotenz“ von „erektiler Dysfunktion“ sprechen müsse. Im Übrigen sei seines Wissens Corona bisher noch nicht mit speziell dieser Spätfolge in Verbindung gebracht worden.

Maaz erweckt indes den Eindruck, er wolle nicht unterbrochen werden. Zumal nun einige Berliner, wohl wegen der Vokabel „Impotenz“ neugierig geworden, nähertreten. Oder ist es die mit Händen zu greifende Beklommenheit ob der Blaulichter eines Krankenwagens. „Dett wird nischt mehr, ein Leichenwagen hätt’s och jetan!“, hört Gantenbein den aus dem 4. Stock, jetzt auf der Straße, aber nicht per Fenstersturz, hinter sich witzeln. Maaz, als wolle er ablenken von diesem ganz speziellen Covidioten, liest ungerührt weiter, die Krankengeschichte eines anderen, gleichaltrigen Patienten betreffend:

„Der Mann ist zu dieser Zeit knapp 46 Jahre alt, lebt im Altersheim. Der Kriminalbeamte hat Schwierigkeiten, mit Hilfe einer Betreuerin eine Aussage von einer einzigen Seite zu Papier zu bringen. Dort steht zu lesen: ‚Durch diesen Versuch verlor ich mein Gedächtnis, das Sprechen und Laufen. Das schlechte Gedächtnis und die epileptischen Anfälle habe ich noch immer.‘“

„Halt!“, herrscht Gantenbein jetzt Maaz an, ermuntert von Zuhörern, die auf Sexstories gepolt waren, aber von Epilepsie nichts wissen wollen. „Wer sind Sie? Unmöglich Hans-Joachim Maaz, nicht wahr? Der hält nämlich die Sache mit Corona für total übertrieben! Im Übrigen: Von was für einen Versuch reden Sie? Doch wohl nicht von einem vom Robert Koch Institut ausgehenden?“

Bei diesen Worten fällt ihm auf, dass die beiden anderen Musketiere sich offenbar in Luft aufgelöst haben. Also macht er umso entschlossener mit dem verbliebenen Autoren weiter:

„Wollen Sie etwa sagen, werter Herr, diese beiden 46-jährigen Patienten hätten sich das Corona-Virus erst infolge eines Impfversuchs eingehandelt, und dies auch noch in der denkbar schwersten Variante, also mit epileptischen Anfällen und allem möglichem? Dann, soviel ist gewiss, werde ich mir Ihr Machwerk nicht kaufen!“

Einige stimmen lauthals zu, andere widersprechen vehement. Da der so Angesprochene  keinerlei Anstalten macht zu antworten, Gantenbein aber scheint, er würde unter seiner Maske abfällig mit den Mundwinkeln zucken, greift er, ermuntert von einer inzwischen recht stattlichen Anhängerschaft, zum Äußersten, nämlich nach Maaz‘ Mund-Nasen-Bedeckung – ohne Erfolg. Denn was nun zutage tritt, begleitet von einem bösen Grollen, ist nicht etwa Doktor Maaz in seiner ganzen weltlichen Schönheit, sondern nur wieder eine weitere Maske, diesmal aber eine nach Art des Fantomas, die das gesamte Gesicht umformt.

Alle hinter und neben Gantenbein sind höchst überrascht. Ein kleines Kind weint. Sammy fletscht die Zähne. Gantenbein bleibt gefasst. Meint allerdings, rein physiognomisch, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Fantomas und Rüdiger Safranski feststellen zu dürfen.

Safranski entpuppt sich, via Ernst Klee, als Zombie. Okay, nicht übertreiben: als Reinkarnation des KZ-Arztes Gerhard Rose (1896-1992)

Später erst, zu Hause, überkommt Gantenbein das Grauen, als er beim ferneren Nachdenken über diese Maske sowie beim Betrachten eines Fotos des Gesuchten „am Schreibtisch seiner Zelle im Nürnberger Gefängnis“ (vgl. Wolters 2010, S. 423) von der kalten Spur Safranski hinfindet zur heißen Spur Gerhard Rose. Der am 13. Januar 2021 seinen 29. Todestag feiert. Den zu begehen normal Sterblichen natürlich nicht vergönnt ist. Woraus folgt, dass diese Rose tatsächlich voller Stacheln, schlimmer: ein Zombie ist.

Okay, lassen wir diese Spur, zumal vor Ort, also in dieser zunehmend alptraumartigen Sequenz vom 18. Dezember 2020, anderes wichtig war, etwa jenes Buch. Ohne zu zögern war Gantenbein, per Headset ermutigt und mit Sammys Assistenz, ein zweites Mal übergriffig geworden und hatte seinem Gegenüber, ob nun Maaz oder Safranski mit Namen, das für die Lesung benutzte Buch entwunden – und siehe da: Das Buchcover aus dem Hause „Frank & Timme. Verlag für wissenschaftliche Literatur“ war nur aufgeklebt. Nach einiger Mühe hatte sich der wahre Titel rekonstruieren lassen: Ernst Klees Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer (2001). Das Lesezeichen haftete dort auf S. 293 f. – aber Gantenbeins Gegenüber hatte sich zwischenzeitlich aus dem Staub gemacht. Der verbliebene Rest, argwöhnisch beäugt von der inzwischen eingetroffenen Polizei, begann sich ins Abseits zu drücken.

Und Gantenbein selbst hatte sich wegen übergriffigen Verhaltens in puncto Maske und Buch zur Angabe seiner Personalien verpflichten müssen, was sich wegen fehlender Ausweispapiere ein wenig hinzog. Nachdem er noch erklärt hatte, von der Leiche auf dem Pflaster nichts Genaueres zu wissen. Der Tote habe sich wohl beim Imitieren Helene Fischers zu weit aus dem Fenster gelehnt. Schließlich wurde Gantenbein das Ergebnis der Ermittlungen, seine Person betreffend, mitgeteilt: Sein Name sei Gantenbein. Dem folgte ein Rüffel: Er hätte, so ein etwas höheres Tier, das mit dem vergessenen Dienstausweis gleich sagen sollen. Schon angesichts seines Head-sets sei ihm die Frage gekommen: ein Kollege? Auch die Sache mit Sammy hätte sich auf diese Weise sicherlich schneller aufklären lassen. Verdacht habe schon Sammys Begeisterung ob des Kollegen X erregt, kein Wunder: auf dem Revier laufe er ihm auch immer hinterher, ob dessen Begeisterung über Sammys Lieblingsspiel, das Brechen des Kaninchengenicks durch beharrliches Schütteln von Hundespielzeug aller Art. „Kommissar Ex“ werde er dort deswegen geheißen, das könne ihm doch nicht entgangen sein!? Warum er dies sowie das andere: nämlich dass er stellvertretender Leiter der „SOKO ‚Nuklearer Winter‘“ sei, nicht gleich gesagt hätte!? Gantenbein nuschelte etwas von der ihm nun einmal eigenen Bescheidenheit und konnte gehen, ins Homeoffice.

Der Chef der „SOKO ‚Nuklearer Winter‘“ im Homeoffice. Oder: Gantenbeins Beitrag zur Rettung der Ehre der Schlapphüte

Endlich wieder glücklich zurück im Homeoffice, musste Gantenbein als erstes seiner im Homeschooling befindlichen Tochter noch einmal danken für ihre Beobachtungsgabe in betreffs unseres Nachbarn. Der eines Tages ein Paket mit der Aufschrift „Nuklearer Winter“ bekommen und es sogleich im Garten verbuddelt hatte. „Eindeutiges Verhalten eines Verschwörungstheoretikers“, hatte die Tochter, im Einvernehmen mit ihrem gleichaltrigen Bruder, gemutmaßt (vgl. Niemeyer 2021, S. 2 f.) – und Gantenbein dadurch überhaupt erst auf die Idee gebracht, welcher Deckname der damals in Planung befindlichen SOKO konveniere.

Als wolle er auch Anteil nehmen an dieser kollektiven Erinnerungsarbeit, mischte sich auf einmal Sammy ein, legte die eine Pfote auf Gantenbeins Arm und dann die andere auf den anderen, schaute ihn erbarmungswürdig an, als leide er erheblich unter der seinerzeit von Loriot harsch in den Raum gestellten Diagnose („Der Hund kann gar nicht sprechen!“) – so dass Gantenbein ihm, wie so manches Mal zuvor, den Gefallen tat und also anhob mit „Du willst also wissen, was eigentlich ein ‚Covidiot‘ ist?“, um, zu Sammys großen Zufriedenheit, zu antworten mit:

„Ein Covidiot ist jemand vergleichbar jenem Passagier auf der 1912 sinkenden Titanic, der sich strikt und unter Verweis auf ein Komplott der jüdischen Erbauer des Schiffes weigert, einen Eisberg als kausal relevant in Betracht zu ziehen analog etwa eines Virus, der ja auch kaum mehr als einen Schnupfen veranlassen könne. Und der sich eben deswegen strikt weigert, eine Impfung à la Schwimmweste in Betracht zu ziehen – um schließlich fünf vor zwölf doch noch, in der Maske des Tony Curtis aus Some like it hot (1959) mit dem Schrei ‚Frauen und Kinder zuerst!‘, ins allerletzte Rettungsboot zu springen.“

Um ehrlich zu sein: Am Abend vor dieser Erläuterung hatte Gantenbein auf Arte die Titanic-Verfilmung von 1958 sowie gleich danach eine Tony-Curtis-Doku gesehen und beide Filme zu einem zusammengerührt. Er fand das daraus resultierende Bild zwar ein wenig verharmlosend. Sammy aber war’s zufrieden, so dass sie sich nur gemeinsam an die Arbeit machten.

Als erstes werteten sie – Sammy etwas zu wild, so dass Gantenbein ihm ersatzweise einen Knochen hinwarf – das erbeutete Buch Ernst Klees aus, insonderheit die beiden Fallgeschichten. Ihr gemeinsames Merkmal: Beide Fälle weisen nicht vorweg auf Corona, sondern zurück auf die NS-Zeit. Der erste Fall, ärztlich auffällig geworden im Dezember 1957, betrifft einen um 1940 in Marseille tätig gewesenen Polizeiinspektor namens Simon, der, wohl als Jude, von den Nazis ins KZ Buchenwald verbracht, zuerst dort und „danach noch einmal in Natzweiler[4] Fleckfieberversuchen unterworfen worden [war].“ (Klee 2001, S. 293) Auch der zweite, Ende 1960 auffällig gewordene Fall weist zurück auf Buchenwald. Für dieses im Sommer 1937 eingerichtete KZ nahe Weimar sind Fleckfieberversuche insbesondere infolge der gleich nach dessen Befreiung einsetzenden unerschrockenen Datensicherungsarbeit Eugen Kogons (Der SS-Staat; 1946) sehr gut dokumentiert, ebenso darauf bezügliche Aussagen, auch seitens unseres mutmaßlichen Maskenmanns post mortem namens Gerhard Rose. (vgl. Kogon 421977, S. 191 ff.; Mitscherlich / Mielke 1960/78, S. 120 ff.; Wolters 2010)

Damit kommt übrigens das aktuell von den Neu-Rechten in Deutschland best-gehasste Robert Koch Institut wieder ins Spiel, fungierte der Luftwaffen-Hygieniker Rose doch (ab 1.2.1943) als dessen Vizepräsident. 1956 gab er in puncto des Komplexes Fleckfieber / Buchenwald zu Protokoll, dass die damals bekannten vier Impfstoffe „vollkommen neu“ waren und „keine Erfahrungen über ihre Schutzwirkung beim Menschen vor[lagen]“ (Klee 2001, S. 288) – Schutzwirkungen, die man mittels Versuchen an jenen KZ-Insassen näher bestimmen wollte, mit den an den beiden (französischen) Fällen von 1957 und 1960 beschriebenen Spätfolgen. Die an Krankheitssymptome erinnern, die aktuell auch dem Corona-Virus in Rechnung zu stellen sind. Nimmt man nun noch hinzu, dass mit Eugen Gildemeister (1878-1945) auch der Präsident (ab 1942) des RKI an Fleckfieberversuchen in Buchenwald beteiligt war (ebd., S. 292), schließt sich der Kreis, auch unter Ausklammerung weiter Untaten, die man Rose im Zusammenhang der Malariatherapie bei Paralytikern anzulasten hat.

In Gestalt einer Frage formuliert, die an Maaz, vor allem aber an den vormaligen Hooligan und Türsteher Stephan Schubert (2020) als aktuell wohl radikalstem neu-rechten Ankläger einer von Angela Merkel in Kooperation mit dem RKI zu verantwortenden „Corona-Diktatur“ zu richten ist und die hier herausgestellt sei:

Warum nutzt ihr Covidioten eigentlich die Steilvorlagen nicht, die euch die NS-Verstrickung des RKI bietet, etwa dahingehend, dass man sich hier zumindest in den Jahren einer echten und nicht von euch aus Geltungssucht, Dummheit oder taktischem Kalkül bloß herbeigeschriebenen Diktatur in Deutschland darauf verstand, wenn schon nicht das deutsche Volk, so jedenfalls doch die ‚lebensunwerten‘ Teile desselben inklusive der Juden, ins Unglück zu spritzen?

Keine Antwort – Neu-Rechte antworten nicht, sie reden bloß, zumeist lautstark und ungehobelt, wie zu Lebzeiten (also bis 2017) Schuberts Idol Udo Ulfkotte. Gantenbeins Antwort hingegen war recht simpel und beansprucht Gültigkeit zumindest für die Chefstrategen der Neuen Rechten: Weil es unklug wäre, vormalige RKI-Führungsfiguren wie Rose und Gildemeister in Misskredit zu bringen, die ansonsten von den Geschichtsrevisionisten unter den Neu-Rechten als im Stande der Unschuld befindliche Opfer der US-Siegerjustiz aufbereitet werden.

Eigentlich ein prima Befund – wäre da nicht der Spruch „Impfung macht frei!“ gewesen, der aus dem 6. Stock gekommen war, unmittelbar vor dem Aufschlag des Helene-Fischer-Fans auf dem Pflaster. Hektisch googelte Gantenbein – und bekam heraus, dass die AfD Salzgitter vor etwa vier Wochen auf ihrem telegram-Kanal mit diesem auch bei Covidioten verbreiteten Spruch in einer Fotomontage die Inschrift „Arbeit macht frei!“ auf dem Tor des KZ Dachau überklebt hatte. (vgl. Süddeutsche Zeitung v. 16. November 2020: 9:56) Aber warum? Gutgläubig könnte man sagen: Weil diese Partei ein weiteres Mal dartun wollte, dass ‚der‘ Jude auch Schuld sei an dieser Pandemie, man sich also kaum halten könne ob der Vorfreude, dass der Urheber derselben jener Impfung zum Opfer falle, der man sich selbst im Wissen um das Toxische und Erbgutverändernde derselben gewiss nicht unterziehen werde.

Dann aber kam Gantenbein, eingedenk der Umtriebe des RKI-Vize Gerhard Rose im KZ Buchenwald, ein weit schwererer Verdacht: Wie wäre es, wenn die AfD Salzgitter womöglich Heimstatt besonders Intelligenter und Zynischer ist – und der Spruch „Impfung macht frei!“, angebracht an ein KZ-Tor, in verdeckter Form nichts anderes zum Ausdruck bringen sollte als das Einvernehmen dieses Kreisverbandes mit der NS-Medizin-Praxis, in deren Linie Impfung in KZ’s im Dritten Reich in der Regel nicht „frei“ sondern „behindert“, wenn nicht gar „tot“ machte!? Wäre dem so, dann ließen David Irving und Frederick Leuchter grüßen, mitsamt des Letzteren Verteidiger Thor von Waldstein, in Schnellroda ein- und ausgehend, mehr als dies: Wir hätten es mir einer besonders perfiden Mutation von Holocaustleugnern zu tun. Gegen die ein Impfstoff eine feine Sache wäre, ein sie ins geistige Stolpern bringender literarischer Stolperstein wie dieser allerdings eine noch feinere.

Zumal: Wir reden ja hier nicht von einem Einzelfall. Der neu-rechte Journalist Alexander Wendt spottete beispielsweise vor einiger Zeit zur Freude seines Kumpels Michael Klonovsky, seines Zeichens AfD-Bundestagskandidat 2021 in Chemnitz: „Die populärsten Juden in Deutschland sind heute Herr und Frau Stolperstein“ (zit. n. Klonovsky 2019, S. 232) – lustig und inspirierend offenbar für eine Dame aus Bad Pyrmont, die unlängst einem Lokalgeschichtsschreiber und Holocaustforscher bei der Pflege eines dort platzierten Stolpersteins deutlich ihren Unmut ob dieses Tuns zu verstehen gab.[5] Unglaublich, eigentlich – aber fast schon Alltag im Deutschland dieser Tage, wo sich der um Pietät bittende Leiter der Gedenkstätte Buchenwald von einem Jogger sagen lassen muss, ihm seien wohl seine Toten wichtiger als die Gesunderhaltung der Lebenden. Nicht vergessen sei auch der Fall des AfD-Bundestagsabgeordneten Stefan Keuter, der per WhatsApp Hitlerbildchen mit Hakenkreuzen postete (vgl. Bensmann / Löer 2018) und sich im November 2019 bei dem Besuch einer Euthanasie-Ausstellung in der Gedenkstätte Lindenstrasse in Potsdam derart empörend verhielt, dass er sich nach einer Anzeige der Gedenkstättenleiterin staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wg. Volksverhetzung ausgesetzt sieht. (vgl. Fröhlich 2019) Deswegen hier nochmals zurück zur Titanic, in Gestalt des folgenden, recht deftig ausfallenden Fazits, unter dem Titel

Titanic reloaded, plus – nichts leichter als das – Zarathustra reloaded

Die Legende besagt, beim Untergang der Titanic sei er erstmals erprobt worden, der S-O-S-Notruf, der mir angesichts des Geschilderten wohl besser zu übersetzen wäre mit: „Save-your-Soules!“ Lernt endlich um, auch ihr Psychiater aus Halle oder von sonst wo! Ihr müsst durchaus nicht zu jedem „Vogelschiss“ euren Senf absondern! Geht in euch, denkt an den Hund aus Nietzsches Also sprach Zarathustra, „gesträubt, den Kopf nach Oben, zitternd in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an Gespenster glauben“ (Nietzsche 1988, S. 201) – und denkt daran, wessen ‚Gespenstes‘ Nietzsche in dieser Szene, jedenfalls, wie einleitend gesagt, meiner Meinung zufolge, ansichtig wurde: seines durch eine Krankheit zum Tode gekennzeichneten Vaters! Denkt daran: Niemand kann euch zwingen, Nietzsche auch in diesem Punkt zu folgen.

Und also seine Sorge: „Alle Wahrheit ist krumm, die Zeit selbst ist ein Kreis“, kurz: irgendwann werden mich die Folgen der Krankheit meines Vaters heimsuchen, zu einer Sorge zu machen, die auch euch zu irgendetwas verpflichtet. Etwa dazu, die Wahrheit so lange krumm zu lügen, dass euch die Covidoten tausendfach aus den Fenstern fallen, um dann – oh ja, ich durchschaue euch Scheinheilige! – der Merkel endlich eure Rechnung zu präsentieren!

Anders gesagt: Nietzsche hatte, seiner Krankheit halber, unrecht. Es ist zwar richtig, in jener einleitend erwähnten legendären Torwegszene aus Vom Gesicht und Rätsel beglaubigte Nietzsche seine Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen. (vgl. Niemeyer 2007, S. 66 ff.) Aber er tat dies doch nur aus Verzweiflung ob seiner auf Unheilbarkeit hinweisenden Krankheits- resp. Syphilisgeschichte. Davon bleibt unberührt, dass gleichwohl und zumal im Kampf gegen rechts das Gegenteil des von Zarathustra am Torweg verkündeten gilt: „Alle Wahrheit ist gerade!“ – und nur von Wahrhaftigen zu erwerben. Lernt von Nietzsche – und hiermit spreche ich nun auch Maaz‘ Verlegerinnen Karin Timme & Claudia Frank an, die mir etwas besoffen scheinen ob dieses Verkaufserfolgs, – lieber etwas ganz anderes, von mir hier leicht variiertes: „Werdet wieder hell!“ Oder, wie bereits gesagt: „Save your Soules!“

An dieser Stelle angekommen, schien mir, Sammy wolle bewundernd ausrufen: „Oh, Herrchen, was bist Du schlau! Schlauer als die Polizei erlaubt!“ Aber, wie angedeutet: Es ist durchaus möglich, dass ich diesen Satz dem Hund, der gar nicht mein Hund war, nur aus purer Eitelkeit in die feuchte Schnauze gelegt hatte! Und dieser Hund zu dumm war, um zu erkennen: Ich war gar nicht sein Herrchen Gantenbein, ich war nur der Autor! Da bleibt nur zu hoffen, auch der Leser*in sei dieser Unterschied jederzeit klar gewesen – und dieser literarische Stolperstein also nicht zu verwirrend. Schreiben Sie mir bitte, falls doch!  

Autor:

Prof. Dr. Christian Niemeyer, Erziehungswissenschaftler und Psychologe, Jg. 1952, geb. in Hameln, Prof. (i.R.; seit 2017) f. Sozialpädagogik an der TU Dresden (ab 1992), davor FU Berlin (1988-92), geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sozialpädagogik (seit 2002), in Berlin lebend mit Familie (und Hund), div. Bücher insbesondere zu Nietzsche, für September 2021 ist angekündigt: Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Essays, Glossen, Lexikon (= Erziehung nach Auschwitz, Bd. 1). Ca. 550 S., 29,95 Euro, Weinheim Basel.

Bild oben: Screenshot RIAS zu Telegram Post der AfD Salzgitter

Literatur:

Andreas-Salomé, Lou (1906): Henrik Ibsens Frauen-Gestalten. 2. Aufl. Jena u. Leipzig.
Bensmann, M. / Löer, W. (2018): AfD-Abgeordneter verschickt per Whatsapp Hitlerbildchen und Hakenkreuze. In: Stern.de 30.11.2018.
Czycholl, A. B. (2021): Masken und Abstände. In: Maaz / Czycholl / Czycholl (Hg.), 135-184.
Fröhlich, A. (2019): AfD-Abgeordneter Keuter soll Euthanasie verharmlost haben. In: Der Tagesspiegel 29.11.2019: 18:25.
Gelderblom, B. (2020): „… nur, weil wir Juden sind.“ Das Schicksal der Unternehmerfamilie Albert Blank und die Teppichfabrik oka in Hameln. Hameln.
Klee, E. (2001): Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt/M.
Klonovsky, M. (2019): Goldstück-Variationen. Reaktionäres vom Tage. Acta diurna 2018. Lüdinghausen u. Berlin.
Kogon, E. (421977): Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. München.
Maaz, H.-J. (2020): Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. München.
Maaz, H.-J. (2021): Corona-Hysterie. In: Ders. / Czycholl / Czycholl (2021), S. 59-80.
Maaz, H.-J. / Czycholl, D. / Czycholl, A. B. (2021): Corona Angst. Was mit unserer Psyche geschieht. Berlin.
Mitscherlich, A. / Mielke, F. (Hg.) (1960/78): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt a. M.
Niemeyer, Ch. (2007): Friedrich Nietzsches ‚Also sprach Zarathustra‘. Darmstadt.
Niemeyer, Ch. (2020): Nietzsches Syphilis – und die der Anderen. Freiburg i. Br.
Niemeyer, Ch. (2021): Der schwarz-weiße Kanal. In: Z. f. Sozialpädagogik 19, S. 2-7.
Nietzsche, F. (1988): Also sprach Zarathustra I-IV (1883-85). München.
Schubert, St. (2020): Vorsicht Diktatur! Wie im Schatten von Corona-Krise, Klimahysterie, EU und Hate-Speech ein totalitärer Staat aufgebaut wird. Rottenburg.
Wolters, Ch. (2010): Humanexperimente und Hohlglasbehälter aus Überzeugung. Gerhard Rose – Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts. In: Werner, F. (Hg.): Schaumburger Nationalsozialisten. Täter, Komplizen, Profiteure. 2. Aufl. Bielefeld, S. 406-442.

[1] Gantenbein zitiert hier die spontane Antwort des hundertjährigen Benjamin Ferencz, der wohl am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre ob der ihm gestellten Frage eines Spiegel-Redakteurs im November 2020, wie er über jene dächte, die im Blick auf Auschwitz von „Schuldkult“ reden und eine „erinnerungspolitische Wende“ forderten. Er, Benjamin Ferencz, Jude (was der Spiegel nicht erwähnt), 1920 in Rumänien geboren, im Alter von zehn Monaten mit seinen Eltern der Judenverfolgung wegen (was der Spiegel nicht erwähnt) in die USA emigriert; in New York aufgewachsen; als Jurist mit der US Army 1945 nach Nazi-Deutschland gekommen, um es zu befreien (nicht, wie der Spiegel schreibt, um es zu „erobern“); in einem Außenlager des KZ Buchenwald der Hölle ansichtig geworden; 1947 Chefankläger in Nürnberg im „Einsatzgruppen-Prozess“ gegen 22 hochrangige SS-Führer, antwortete schließlich doch noch, einigermaßen gefasst, eben mit: „Fallt tot um (lacht).“ Ehe folgte, aus dem Munde des Verfassers des anrührenden Lebensreports „Sag immer Deine Wahrheit“ (2020), was der Fragesteller sich eigentlich auch selbst hätte sagen können: „Nein, im Ernst, Menschen können verschiedene Ansichten haben. Aber zu dem, was damals geschah, kann es keine unterschiedlichen Meinungen geben.“ (Der Spiegel Nr. 46/7.11.2020, S 64) Dem ist nichts hinzufügen, außer vielleicht: Man muss nicht, wie der, den ich hier zitiere, das Elend der NS-Zeit aus eigener Anschauung kennen. Es genügt schon – um hier ein für mich werblich nicht uninteressantes Argument zu wählen – die Lektüre des Folgenden, dieses literarischen Stolpersteins also, mit wachem Verstand und auf „Empfang“ gestelltem Herzen. 
[2] Scherz am Rande: Nietzsches große Liebe Lou Andreas-Salomé (1906, S. 52 f.) besprach dieses Stück später (1892) in geradezu ergreifender Unschuld, als sei sie sich tatsächlich nicht der auf der Hand liegenden Parallelen der Ibsen-Story zu jener realen Nietzsches gewahr geworden. (vgl. Niemeyer 2020, S. 204) Dass auch Nicht-Liebe blind macht, wäre wohl noch der beste Aphorismus zu diesem Vorgang.
[3] Tatsächlich, wie Gantenbein später im Homeoffice feststellte: Das Zitat findet sich in Corona-Angst, S. 63.
[4] Gemeint ist das im Mai 1941 eingerichtete KZ (offiziell: KL) Struthof (auch Natzweiler genannt) in den Vogesen. (vgl. Klee 2001, S. 17)
[5] Pers. Mitteilung von Bernhard Gelderblom vom 26. Januar 2021, Verfasser einer soeben erschienen wichtigen Studie zur Judenverfolgung in Hameln (vgl. Gelderblom 2020).