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Von „jüdischem Instinkt“ und „zersetzender Wirkung“

Antisemitismus gab es auch bei den Intellektuellen der Konservativen Revolution in der Weimarer Republik. Ein Blick in die Bücher von Arthur Moeller van den Bruck, Edgar Julius Jung und Oswald Spengler macht dies deutlich. Deren judenfeindliche Einstellungen bestanden durchgängig, auch wenn man sich von rassistischen Vorstellungen distanzierte…

Von Armin Pfahl-Traughber

Die Konservative Revolution ist für die Neue Rechte ein ideologisches Vorbild. Da die Bezeichnungen unterschiedliche Verwendung finden, bedarf es zunächst einmal einer Definition des Gemeinten. In beiden Fällen handelt es sich um einen losen Intellektuellenkreis. Den Anhängern der Konservativen Revolution in der Weimarer Republik ging es darum, zugunsten einer cäsaristischen Diktatur den damaligen demokratischen Verfassungsstaat geistig zu delegitimieren. Es bestanden zwar viele Gemeinsamkeiten mit den Nationalsozialisten, indessen handelte es sich um eine eigenständige geistige Bewegung von Intellektuellen. Ähnlich verhält es sich mit der heutigen Neuen Rechten, berufen sich doch deren Anhänger auf das Gedankengut dieser Konservativen Revolution. Damit wollen sie eine „Kulturrevolution von rechts“ vorantreiben, um eine autoritäre Ordnung gegen den demokratischen Verfassungsstaat zu setzen. Als deren wichtigster Handlungsort gilt das „Institut für Staatspolitik“, als deren wichtigster Publikationsort die „Sezession“.

Dass die damaligen Denker der Konservativen Revolution heute als Rechtsextremisten gelten können, ergibt sich aus deren Ablehnung von Aufklärung, Menschenrechten, Parlamentarismus, Pluralismus und Republik ebenso wie aus ihrer Berufung auf Elite, Gott, Natur, Rasse und Schicksal. Man wollte auch eine Diktatur etablieren, es sollte aber nicht unbedingt eine von Hitler sein. Eher sah man im Faschismus von Mussolini ein Vorbild. Die Aversion gegen Hitler ging indessen mehr auf formale Motive zurück. Er galt den gemeinten Denkern als primitiver Schreihals, der aber Massen an die Wahlurnen treiben konnte. Als geistige Elite wollte man außerdem nichts mit randalierenden SA-Straßenkämpfern zu tun haben. Auch setzte man dem biologistischen Rassismus eher einen ethnisch-kulturellen Rassismus entgegen. Gleichwohl handelte es sich um rechtsextremistische Denker, eben nur nicht in einem nationalsozialistischen Sinne. Antisemitismus ließ sich bei ihnen durchaus nachweisen, indessen nicht mit einem so hohen und zentralen Stellenwert.

Dies macht der Blick in die Bücher dieser Denker deutlich. Als erster Autor soll Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) thematisiert werden, hatte er doch mit „Das Dritte Reich“ von 1923 ein frühes Grundlagenwerk der Konservativen Revolution veröffentlicht. Darin formulierte er Auffassungen zu „Demokratisch“, „Konservativ“, „Liberal“, „Reaktionär“, „Revolutionär“, „Proletarisch“ oder „Sozialistisch“. Juden spielten darin keine Rolle. Gleichwohl ließ Moeller van den Bruck seine antisemitischen Ressentiments erkennen. So äußerte er sich etwa bei den Einwänden gegen den Marxismus: „Marx gehörte nicht zu den Teilhaftigen. Er war Jude, ein Fremder in Europa und mischte sich gleichwohl in die Angelegenheiten der europäischen Völker“ (S. 34). „Er besaß als Jude kein Vaterland“ (S. 179). „Hier sah er seine persönliche Sendung, die auch dann eine jüdische Sendung blieb, wenn er als Internationalist, der Marx war, sich über seine rassenmäßige Bedingtheit selber nicht klar gewesen ist. Ihre Wirkung war jüdisch, indem sie zersetzend war“ (S. 180).

Als zweites Beispiel sei Edgar Julius Jung (1894-1934) genannt, der es sogar bis zum Berater des Reichskanzlers von Papen brachte. 1927 erschien von ihm „Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablösung durch ein Neues Reich“, worin es ebenfalls Aussagen zu politischen Grundsatzthema gab: Außenpolitik und Bevölkerungspolitik, Politik und Recht, Volk und Wirtschaft. Eine dritte Auflage erschien 1930. Auch darin wurden Juden nur am Rande erwähnt. Gleichwohl machen die wenigen Ausführungen doch eine tiefsitzende Judenfeindschaft deutlich: „Heute haben die Juden diese geistige Machtstellung inne und verteidigen sie mit einer Kraft, die Gegenwirkung erzeugen muß“ (S. 123). „Der Gegensatz zwischen nationaler Arbeit und internationalem Kapital berührt sich eng mit einem anderen … zwischen bodenverwachsenem Volkstümern und dem Judentum“ (S. 470). „Diese händlerische Wirtschaft ist die Voraussetzung für die jüdische Vormachtstellung“ (S. 470). Hier wurden demnach auch antisemitische Konspirationsvorstellungen angedeutet.

Und auch bei dem als Geschichts- und Kulturphilosophen geltenden Oswald Spengler (1880-1936), der bis heute durch sein Buch „Der Untergang des Abendlandes“ bekannt ist, fanden sich in vielen Schriften antisemitische Zerrbilder. Auch ihm ging es aber um andere politische Aussagen, sei es die Diffamierung des Parlamentarismus oder die Einforderung einer neuen cäsaristischen Herrschaft. Dabei konnte man immer wieder judenfeindliche Einstellungen erkennen, wobei diese in bestimmten Kontexten wie auch hier der Marxismuskritik thematisiert wurden. Gemeint ist eine Aussage aus dem Buch „Preußentum und Sozialismus“ von 1919, das 1922 in einer weitere Auflage erschien. Darin hieß es beispielsweise: „Aber hier unterstützte ihn (Karl Marx) „sein jüdischer Instinkt, den er selbst in seiner Schrift über die Judenfrage gekennzeichnet hat. Der Fluch der körperlichen Arbeit am Anfang der Genesis, das Verbot, den Sonntag durch Arbeit zu schänden, das machte ihm das alttestamentliche Pathos des englischen Empfindens zugänglich“ (S. 74).

Alle drei exemplarisch genannten Denker verurteilten die rassistische Judenfeindschaft der Nationalsozialisten, vertraten aber selbst eine politische oder sozioökonomische Variante. Antisemitismus bildete bei ihnen kein herausragendes Thema, und genaue Forderungen gegen Juden wurden nicht aufgestellt. Daher bestehen gegenüber den Nationalsozialisten auch Unterschiede. Gleichwohl ist der Antisemitismus bei den Denkern der Konservativen Revolution präsent gewesen, was ebenfalls für andere Repräsentanten wie etwa den Staatsrechtler Carl Schmitt gilt. Diese Grundeinstellung manifestierte sich beiläufig in den genannten Texten. Demnach handelte es sich offenbar um eine eher latente Einstellung, die bei der Erörterung zu anderen politischen Fragen dann plötzlich manifest wurde. Bei den gegenwärtigen Anhängern der Konservativen Revolution, eben der Neuen Rechten, ist es nicht anders. Sie berufen sich auf antidemokratische und antisemitische Denker, was Rückschlüsse auf ihre eigene Weltanschauung erlaubt.

Bild oben: Oswald Spengler, Skizze von Rudolf Großmann im Simplicissimus, 1922