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Ein außergewöhnlicher Mensch mit einem außergewöhnlichen Schicksal

Vom Holocaust-Opfer zum Blumenexport-Pionier und die heilige Pflicht zu berichten. Eine Hommage an Zwi Helmut Steinitz…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Vor Jahren hatte ich Zwi Helmut Steinitz im Berliner Abgeordnetenhaus kennengelernt, als er – moderiert von Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter in Bonn – aus seinem schweren Leben berichtete. Stumm und tief atmend erlebte ich erstmals Zwi Helmut Steinitz.

Seither wurde er, auch mit seiner Frau Regina Steinitz, häufig zu Vorträgen und Gesprächen nach Deutschland eingeladen. Vor allem in Schulen sprach er gerne, vermittelte den jungen Menschen die schreckliche Zeit von damals. Eine bessere und informativere Geschichtsstunde über die NS-Terrorherrschaft in Deutschland und Europa gab es kaum für diese deutschen Schülerinnen und Schüler.

Im Laufe der Jahre habe ich mit Regina und Zwi Helmut Steinitz in Deutschland und Israel viele und teils lange Gespräche geführt, womit diese beiden außergewöhnlichen Menschen auch in dieser Gedenkschrift gewürdigt werden sollen.

Am besten hat sich Zwi Helmut Steinitz in seinen Büchern verewigt, die längst in vielen Bibliotheken der Welt zu finden sind: Sie werden ihn bei weitem überdauern und auch in ferner Zukunft vom Leben und Leiden seiner Familie in der NS-Zeit berichten.

Am 4. September 2012 hatte der deutsche Botschafter Andreas Michaelis während einer Feierstunde in der Tel Aviver Residenz Zwi Helmut Steinitz das Bundesverdienstkreuz überreicht.

Im Frühjahr 2019 war ich in Israel auf den Spuren der Bauhausarchitekten in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa. Selbstverständlich wollte ich in die Barthstreet zu Regina und Zwi. Beim Telefonieren erfuhr ich, dass das Ehepaar umziehen musste, weil die eigene Wohnung saniert wird. Kein Problem, gleiche Richtung mit dem Bus. Mit dem Fahrstuhl herauf und der Blick von oben ein schöner. Der gastliche Empfang wie immer, doch Zwis leise Stimme machte mich traurig, kaum war er zu verstehen. Nach seinem Befinden fragte ich, ging mit meinem Ohr nahe heran und erfuhr von ihm, dass er altersschwach ist. Mir war gar nicht gut dabei, kannte Zwi als interessierten strahlenden und höflichen Menschen, egal, wo ich ihn traf. Regina deckte den gastlichen Tisch, die Gespräche waren gut und informativ. Auf dem Tisch stand eine Blumenvase mit einer Blume, über die er sprach und uns über sie erzählte. Das Leben der Blumen kannte er.

Ein gebundenes Skript mit „Poems“ kramte Regina heraus und Zwi gab es mir. Seine Poems von 2016 bis 2018, Eine übergroße Freude für mich. Die Widmung überdauert und erinnert an den letzten Tag bei Zwi.

Der lieben Christel zur Erinnerung an den Tel Aviv-Besuch am 4.4.2019, Zwi Helmut Steinitz

Es war wirklich die letzte Begegnung, das letzte Mal, dass wir uns sahen und miteinander sprachen. Seine Gedichte, eine große Freude:

…Es kam eine Zeit,
in der Liebe wieder blühte.
Liebe genießen konnte.
So viele Jahre,
Beinahe vergessen
Was Liebe bedeutet,
in der Not fast getrocknet.
(Zwi Steinitz)

Vier Monate später wurde Zwi fern der Posener Heimat, fern von Europa im Wüstensand in seiner Wunsch- und Wahlheimat Israel beerdigt. Ich werde ihm einen Stein und eine Blume auf sein Grab legen und an den sachlich argumentierenden, stets freundlichen und höflichen Menschen und Freund denken.

Erhard Roy Wiehn, Christel Wollmann-Fiedler (Hg.): Zwi Helmut Steinitz. Vom Holocaust-Opfer zum Blumenexport-Pionier und die heilige Pflicht zu berichten. Eine Hommage, Hartung-Gorre Verlag 2021, € 19,80, Bestellen?

Zwi Helmut Steinitz wurde am 1. Juni 1927 in Posen geboren und verstarb am 24. August 2019 im Alter von 92 Jahren in Tel Aviv. Er hatte als einziger seiner Familie die NS-Zeit überlebt, seine Eltern Salomea und Hermann Steinitz waren mit seinem jüngeren Bruder Rudolf im Vernichtungslager Belżec ermordet worden. Zwi lebte seit 1946 in Erez Israel bzw. Israel.

Zwi und Regina Steinitz hatten im Sommer 2005 Kontakt zu mir gefunden, und seit Herbst 2005 habe ich zusammen mit Zwi an seinen Erinnerungen gearbeitet, die dann im Herbst 2006 erschienen sind: Als Junge durch die Hölle des Holocaust (Hartung-Gorre Verlag Konstanz). Weitere fünf Buch-Publikationen folgten 2007, 2009, 2010, 2012 und 2015.

Inzwischen hatten wir uns gut angefreundet, ich war mehrfach bei Regina und Zwi in Tel Aviv zu Gast, habe ihre deutsch-israelische Küche sehr geschätzt und besonders die Gespräche. Zwi war ein äußerst besonnener und liebenswürdiger Mensch, nach seiner schrecklichen Jugendzeit unter deutscher Herrschaft in mehreren Konzentrationslagern fast nicht zu glauben. In seinen späten Jahren hat er sich mit seinen Lesungen, Vorträgen und Gesprächen während zahlreicher Besuche gegen das Vergessen in Deutschland engagiert und erhielt 2012 das Bundesverdienstkreuz am Bande. In seinen allerletzten Jahren hat er sein Leben und Leiden gewissermaßen verdichtet und Poeme geschrieben.

Erhard Roy Wiehn