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„An ihren Händen klebt Blut“

„Zurück zum Leben“ – so lautet das Motto von Israels erfolgreicher Impfkampagne. Man möchte so schnell wie möglich raus aus der Coronavirus-Krise. Doch das ignorante Verhalten von Teilen der Ultraorthodoxie bedroht dieses ehrgeizige Projekt. Mittlerweile ist selbst der gesellschaftliche Frieden in Gefahr…

Von Ralf Balke

„Wir lassen uns das Feiern nicht verbieten“ – nach dieser Devise scheinen derzeit immer mehr Israelis zu handeln. Doch es sind nicht etwa die hedonistischen Happy-Party-People in Tel Aviv, die in Zeiten von Corona als Regelbrecher in Erscheinung treten und die Infektionszahlen explodieren lassen, sondern große Teile der haredischen Communities. Die Polizei musste in den vergangenen Tagen täglich einschreiten, weil in Bnei Brak, Meah Shearim oder anderen überwiegend von Ultraorthodoxen bewohnten Orten, aber auch in der Hafenstadt Ashdod, hunderte von Personen zusammengekommen waren, um munter Hochzeiten zu feiern. Aber auch auf Beerdigungen ignorieren Haredim regelmäßig sämtliche Abstands- und Hygieneregeln. Und last but not least öffneten sie entgegen den Anweisungen der Regierung zahlreiche Yeshivot und Talmud Torah Schulen für Schulkinder. „Es war ein krasser Gegensatz zum Rest von Jerusalem“, beschreibt ein Autor der Jerusalem Post die Situation an vielen Orten. „Die Innenstadt ist leer, die Geschäfte sind geschlossen und mit Brettern vernagelt, bis der Lockdown wieder vorbei ist. Aber hier in Meah Shearim sind Junge, Alte, Männer, Frauen, Hassidim und Litvaks überall auf den Straßen unterwegs, und fast alle Läden haben geöffnet. Und noch etwas: Fast niemand trägt eine Maske. Es ist so, als ob es kein Corona gäbe, und wenn doch, dann definitiv wohl nicht in diesen Vierteln mit ihrer hohen Bevölkerungsdichte.“

Doch es ist nicht nur diese Ignoranz gegenüber den Gefahren, die die Pandemie mit sich bringt und zunehmend zum Problem wird. Mittlerweile kommt es vielerorten auch zu gewalttätigen Ausschreitungen, wenn sich die Polizei dann doch einmal blicken lässt und Hochzeitsfeiern oder Beerdigungen mit vielen hundert Teilnehmern aufzulösen versucht. In Bnei Brak attackierte am Sonntag ein wütender Mob einen Linienbus mit Steinen und setzte ihn in Brand. Selbst die Sanitäter, die den verletzten Busfahrer versorgen wollten, wurden angegriffen. Zwar verurteilte der stellvertretender Transportminister Uri Maklev, Vertreter der ultraorthodoxen Partei Vereinigtes Torah-Judentum, diese Übergriffe als „Ausdruck eines kriminellen Verhalten“, aber die Reaktionen auf derartige Übergriffe gleichen einer Kapitulation: Das Ministerium gab allen Busbetreibern die Empfehlung, gewisse Gegenden in Bnei Brak vielleicht besser nicht mehr anzusteuern. Auch vor dem Bürgermeister der Stadt, Avraham Rubinstein, machten die Demonstranten nicht Halt, sie umringten sein Auto und bewarfen es gleichfalls mit Steinen.

Die Liste der Ausschreitungen wird mit jedem Tag länger: In Beit Shemesh randalierten vergangene Woche Gäste einer Hochzeitsfeier, nachdem die Polizei eingeschritten war, und setzten Müllcontainer in Brand. Und in Meah Shearim verbarrikadierten sich die Angehörigen der Satmar-Sekte in einer Synagoge und bewarfen die Beamten mit Sitzbänken. Am Sonntag dann zerlegten sie in Jerusalem gleich eine ganze Straßenbahn. Ähnliche Szenen spielten sich ebenfalls in Ashdod ab, weil entgegen der Lockdown-Order eine Yeshiva weiter ihren Religionsunterricht mit vielen Anwesenden, natürlich alle ohne Gesichtsschutz, aufrechterhielt und die Ordnungskräfte eingreifen mussten. Journalisten werden nun gleichfalls bedroht und verprügelt. Aryeh Amit, Israels früherer Polizeichef, erklärte nun gegenüber dem Armeeradio: „Es reicht! Man sollte nicht länger mehr davon sprechen, dass es >kleine Gruppen< seien, die gewalttätig auftreten. Das ist purer Unsinn. Es sind Tausende von Randalierern, die die Gesetze des Staats nicht interessieren, sondern nur auf ihre Rabbiner hören.“ Die ultraorthodoxen Gemeindevertreter dagegen sind sich keiner Schuld bewußt – ganz im Gegenteil. Sie sprechen von einer „Kristallnacht“ und „Pogromen“, die die Polizei veranstaltet hätten.

Dabei sind die Folgen eines solchen Verhaltens für sie selbst verheerend. Allein am Montag, den 18. Januar, wurden über 4.000 neue COVID-19- Fälle unter den Haredim gezählt. In manchen ihrer Gemeinden beträgt der Anteil der Positiv-Getesteten bis zu 40 Prozent. Oder anders ausgedrückt: Würden sich alle Israelis in der Pandemie so verhalten wie diese Bevölkerungsgruppe, dann hätte man nicht nur einige Tausend Neuinfizierte pro Tag, sondern mehr als 40.000. Und das Gesundheitssystem wäre schon längst kollabiert.

Zugleich gibt es unter ihnen überdurchschnittlich viele Personen, die auf keinen Fall geimpft werden wollen. Und Warnungen, selbst aus den eigenen Reihen, werden weiter in den Wind geschlagen. So richtete vor über einer Woche Yehuda Meshi Zahav, Chef von ZAKA, einer ultraorthodoxen Sanitätsorganisation, die in Israel hohes Ansehen genießt, einen sehr emotionalen Appell an die Verantwortlichen in den haredischen Communities, das Coronavirus endlich ernst zu nehmen. Er selbst hatte bereits seine Mutter und einen Bruder beerdigen müssen, die beide ebenso wie ihre rabbinischen Vorbilder alle Hygieneregeln missachtet hatten und sich so verhielten, als ob das Coronavirus nur eine Erfindung der Säkularen sei, mit der sie den Haredim das Leben schwer machen wollten. „Das ist die Schuld unserer Anführer“, so Meshi Zahav in einem Interview mit Ynet. Dabei wählte er recht drastische Worte, bezeichnete die verantwortlichen Rabbiner „schlimmer als Holocaust-Leugner“, weil sie nicht die Geschichte, sondern die Gefahren der Gegenwart verneinen würden. „An ihren Händen klebt Blut, und zwar das meiner Mutter und meines Bruders.“ Mittlerweile ist auch Zahavs Vater verstorben, auch er hatte sich mit dem Corona-Virus infiziert.

Mit welcher Hartnäckigkeit manche Haredim dabei auftreten, bekamen vor wenigen Tagen die Passagiere eines United-Flugs von New York nach Tel Aviv zu spüren. Mehrere Dutzend Ultraorthodoxe weigerten sich trotz der Bitten und Aufforderungen des Flugpersonals sowie anderer Passagiere, Gesichtsmasken an Bord zu tragen. Niemand von ihnen wurde nach der Ankunft in Israel dafür zur Rechenschaft gezogen und die Tatsache, dass auch nur einer von ihnen die zu diesem Zeitpunkt geltende 14-tägige Quarantänepflicht für Einreisende einhalten würde, darf bezweifelt werden. Und beinahe schon mit Humor hätte man eine Meldung zur Kenntnis nehmen können, dass Hamodia, eine unter Ultraorthodoxen weit verbreitete Zeitung, die Bilder von der Zusammenkunft diverser prominenter Rabbiner anlässlich des 800. Todestages von Maimonides munter mit Photoshop bearbeitet hatte und ihnen allen so nachträglich die vorgeschriebene Gesichtsmaske verpasst hatte.

Auch andere Zahlen verweisen auf einen Umgang mit Samthandschuhen, wenn es sich bei den Missachtern von Lockdown-Regeln um Personen aus diesem Umfeld handelt. So wurden in den überwiegend von Ultraorthodoxen bewohnten Kommunen nur 2,3 Prozent der Bußgelder verhängt, die bei einer Verstoß gegen die diversen Hygienevorschriften fällig werden. Dabei finden mehr als ein Drittel aller Infektionen genau dort statt. Es sind diese Doppelstandards, die dafür Sorge tragen, dass der gesellschaftliche Graben zwischen diesen Gruppierungen und allen anderen Israelis immer größer wird. Und obwohl das Verhalten vieler Haredim ganz offensichtlich dazu beiträgt, dass die Israelis trotz immer neuer Rekorde bei der Impfung der Bevölkerung nicht so schnell aus dem Teufelskreis von Shutdown und Lockerungen herausfinden könnten wie gedacht, geschieht seitens der politisch Verantwortlichen gerade relativ wenig, um das zu ändern.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu machte dieser Tage einen geradezu peinlichen Eindruck. Angesichts der Tatsache, dass aufgrund der weiterhin hohen Fallzahlen in den Intensivstationen der Ausnahmezustand andauert, was nicht zuletzt den Haredim zu verdanken ist, wirkte es schon beinahe absurd, dass er Yanki Kanievsky anrief, den Enkel von Rabbi Chaim Kanievsky, einer der größten Autoritäten in den ultra-orthodoxen Communities und zugleich Gegner der Lockdown-Regeln. Er bat ihn, auf seinen Großvater einzuwirken, damit sich dieser bitteschön etwas kooperativer verhalten möge und die Hygienevorschriften unter seinen Anhängern etwas mehr Geltung verschafft. „Der jüngere Kanievsky sagte dem Ministerpräsidenten, dass er sich demnächst mal zurückmelden würde“, fasste Yaakov Katz in einem Kommentar diesen Vorgang zusammen. „Das läßt bei vielen Israelis die Frage aufkommen, wer nun eigentlich das Land regiert – der Enkel eines Rabbiners oder der demokratisch gewählte Premierminister. Es scheint, dass es Netanjahu fast schon leichter fallen könnte, einen Angriff gegen die iranischen Atomanlagen zu befehlen, als Maßnahmen einzuleiten, um die Krawalle der Haredim endlich zu beenden.“

Ende März werden in Israel Wahlen stattfinden und deshalb ist der Ministerpräsident, der sich in dem kommenden Kampf um Wählerstimmen garantiert als der durchsetzungsstarke Macher in der Coronavirus-Krise darstellen wird, an einer Front sehr verletzbar. Denn will er im Amt bleiben, ist Netanyahu auf die beiden Parteien der Ultraorthodoxen, Vereinigtes Torah-Judentum und Shass, als Koalitionspartner angewiesen. Das wissen selbstverständlich auch deren Repräsentanten. Erst kürzlich drohten sie damit, die politische Allianz mit ihm schon mal jetzt platzen zu lassen, wenn er weiterhin vorhabe, die Bußgelder für Verletzungen der Lockdown-Regeln zu verdoppeln. Laut dem öffentlich-rechtlichen Sender Kan hat sich Netanyahu aber nun mit den politischen Vertretungen der Haredim daraufhin verständigt, dass der entsprechende Gesetzesentwurf in den Ausschuss für Verfassung, Recht und Justiz der Knesset geht. Dieser wird von Yaakov Asher, einem Abgeordneten der Partei Vereinigtes Torah-Judentums, geleitet wird, der ihn erst einmal blockieren kann. Channel 12 berichtet, dass nach einem Kompromissentwurf die Bußgelder ein wenig erhöht, aber nicht verdoppelt werden. Auch dürfen diese nur von bestimmten Polizisten verhängt werden. Wie die Haredim dabei Überzeugungsarbeit leisten, zeigte die ultraorthodoxe Nachrichtenseite Behadrei Haredim als sie den Inhalt eines verbalen Schlagabtauschs zwischen Netanyahu und Moshe Gafni von der Partei Vereinigtes Tora-Judentums veröffentlichte: „Was würden Sie ohne uns Ultraorthodoxen tun? Sind wir Ihre Sklaven? Wir müssen noch viel über unser Bündnis mit Ihnen nachdenken.“ Wer so gegenüber dem Ministerpräsidenten auftreten kann, braucht sich um Konsequenzen für sein Verhalten keine Gedanken machen. Diese machen sich aber gerade immer mehr Israelis, denen die Verachtung von Recht und Gesetz durch die Ultraorthodoxen bitter aufstößt.

Bild oben: Proteste in Bnei Brak, Screenshot Chanel 12 News