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Die Grande Dame der Rumänischen Literatur wird 90 – Nora Iuga

Im Jahr 2003 ziehe ich von Tübingen nach Berlin in die Kantstraße. Jahre später entdecke ich Nora Iuga, direkt um die Ecke. Ein einjähriges Stipendium des DAAD absolviert sie in Berlin und wohnt in der Leonhardstraße hier in Charlottenburg. Wir lernen uns kennen und treffen uns. Ihre Veranstaltungen besuche ich. Es gibt viele und in der Inselgalerie erzählt sie über ihr Buch „Die 60ig jährige und der junge Mann“ und liest auf ihre Art mit ihrem bekannten unwiderstehlichen Ductus…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Auf dem Podium in der Akademie der Künste oder in der Literaturwerkstatt und anderen literarischen Podien ist sie in ihrem literarischen Element. Ihre Berliner Zeit geht zu Ende und einige, nur wenige Wochen verbringt sie in Bukarest, ihrer Stadt.*2010

Durch die winterlichen Weinberge an der Weinstraße streife ich, geschneit hat es über Nacht, die Villa Ludwigshöhe in der Ferne oberhalb der Weinberge mit Schneehaube ist zu erkennen. König Ludwig der I. von Bayern lässt diese Villa, dieses Kleinod im italienischen Stil von seinem Hofarchitekten Friedrich Wilhelm von Gärtner erbauen. Max Slevogts künstlerischen Werke sind schon lange dort untergebracht. Als Stipendiatin verbringt Nora bereits ein halbes Jahr im Künstlerhaus Edenkoben unterhalb der Villa, inmitten der Weinberge. Bei ihrer Abschlusslesung bin ich dabei und fahre nach Tagen weiter zu Hermann Hesses Klosterschule Maulbronn im Württembergischen.*Dezember 2010

Im folgenden Jahr zeige ich Nora in Wien den ältesten jüdischen Friedhof der Stadt, den Währinger Friedhof in der Seegasse. Ein Blick von ihr über die alten Sarkophage und Gräber genügt und ein Gedicht entsteht. In der Universität hat Dr. Anke Pfeifer, die Rumänistin, einen Termin organisiert und Studenten warten auf Nora. Im Café im Schloss Belvedere sitzen wir bei einer endlosen Unterhaltung. *Juni 2012

Alljährlich komme ich nach Bukarest, die Stadt der Superlative, und unsere Begegnungen sind selbstverständlich, ob in Floreasca oder im Café der Librărie Cărturesti  neben der ältesten orthodoxen Kirche von Bukarest, der Curtea Veche. Unter den Arkaden ist es sommerlich und sie vergisst die Röschen. Auch in der Buchhandlung Humanitas in der Nicolae Bălcescu hofiert man sie, man erkennt sie. Bekannt und berühmt ist sie, Ihre Präsenz ist ihr wichtig, Sie zelebriert sie großartig.

Auch in München, Kronstadt/ Brașov und Hermannstadt/Sibiu begegnen wir uns in den Jahren. Oft telefonieren wir. Auch das anhängende Gespräch entsteht am Telefon im Dezember 2020. Der 90. Geburtstag der Grand Dame der rumänischen Literatur war am 4. Januar 2021.

Jean-Baptiste Joly, der ehemalige Direktor der Akademie Schloß Solitude, sagte vor Jahren in einem Gespräch: „Sie (Nora Iuga) schöpft aus der Literatur eine ungebrochene Kraft, weil sie einen solchen Glauben hat an die Macht, an die Kraft der Literatur und es selber in ihren Texten auch zum Ausdruck bringen kann. Das ist diese ungebrochene Energie, die aus der Literatur geschöpft wird, die bei ihr so lebendig ist, wie nur bei wenigen!“

Mit einem sehr bekannten Lyriker warst Du viele Jahre verheiratet. George Almosnino. Ein sephardischer Jude war er, Deine große Liebe.

Das ist so wie Du sagst.

Er war ein spanischer Jude. Es war ganz komisch. Als wir uns kennengelernten habe ich keine Gedichte geschrieben, doch mit 12 habe ich Gedichte geschrieben. Mein Vater spielte nebenan Geige, er war Violinist in der Philharmonie in Bukarest. Ich hörte die Melodie, die sehr romantisch war und begann plötzlich in einem Schulheft zwei Gedichte zu schreiben. Sie schienen mir aber furchtbar schlecht und ich habe mir gesagt, um Gottes Willen, Du wirst nie in Deinem Leben nochmal ein Gedicht schreiben und nie wirst du Poetin werden. Ich war überzeugt, dass ich kein Talent für Lyrik habe. Es war auch so. Bis ich meinen Mann kennenlernte. Das war im Magda Isanos Literaturkreis. Magda Isanos war eine der besten rumänischen Dichterinnen. Dort haben wir uns immer wieder getroffen und auch verliebt. In dem Kreis war er der beste. Mit der Zeit fing ich auch wieder an zu schreiben und war bald so gut wie er. Er starb mit nur 58 Jahren. Bis dahin war unser Leben wunderbar, weil wir uns fantastisch verstanden haben. Wir haben auch nur über Poesie gesprochen und am Abend, wenn wir ins Bett gingen, haben wir immer einen Gedichtband mitgenommen. Damals gefielen uns die Italiener und Garcia Lorca vor allem, er war Spanier. Der gefiel uns am besten. Bevor wir eingeschlafen sind, haben wir immer aus dem gleichen Buch gelesen. Das war das Schönste in meinem Leben.

Du hast in den 50er Jahren geheiratet.

Warte, ich glaube, ich war damals ungefähr 30 Jahre alt ungefähr. Nein, ich kann mich nicht mehr erinnern, bin schon 90 Jahre alt. Mein Gehirn hat immer wunderbar funktioniert, doch jetzt mit 90 ist es viel schwieriger geworden. Ich habe begonnen zu vergessen, vor allen Dingen vergesse ich Daten und Namen, das ist schrecklich

Hat es damals eine Rolle in Rumänien gespielt, dass Dein Mann aus einer jüdischen Familie stammte?

Überhaupt keine Rolle hat das gespielt, obwohl er keinen rumänischen Namen gehabt hat. Almosnino ist ein spanischer Name, nicht unbedingt ein jüdischer Name. Wir haben uns nie versteckt. Ich habe jedem gesagt, dass mein Mann ein Sepharde ist. Ich war stolz darauf. Außerdem hat George sehr gut ausgesehen, er war sehr schlank,hatte eine ziemlich bräunliche Haut und war sehr schweigsam.

Germanistik hast Du in Bukarest studiert, in Hermannstadt warst Du als Lehrerin tätig. Die deutsche Sprache ist Dir zur Leidenschaft geworden. Den ehrenwerten Gundolf Preis für Übersetzungen hast Du vor Jahren in Deutschland bekommen. Wie war der Weg zur deutschen Sprache?

Ja, ich habe Germanistik studiert. Ich muss Dir sagen, die deutsche Grammatik ist wirklich nicht das allerleichteste, was es auf dieser Welt gibt. Ich war dann die beste in Grammatik, worauf ich sehr stolz war und ich war keine Deutsche. Grammatik hat mir viel besser gefallen als Literatur. Mein Professor war ein hochintelligenter Mann, er hieß Kolberg und war ein Jude. Er schätzte meine Intelligenz.

Habe ich Dir nie erzählt, dass ich eigentlich den Kindergarten in Kassel und in Düsseldorf besucht habe, als ich 4-5 Jahre alt war? In diesen zwei Jahren, die ich in Deutschland verbracht habe, sind wir in zig Städten gewesen. Mein Vater war wie ich schon sagte Musiker und wurde dann Kapellmeister in großen Hotels und meine Mutter war Tänzerin. Das waren vornehme Hotels, in denen sehr reiche und gebildete Gäste abstiegen. Mein Vater hat nur Kammermusik gespielt, weil er Konzertmeister in der Philharmonie in Bukarest war. Er ist nach Deutschland gegangen, weil er sehr gut Deutsch sprach, seine Eltern waren aus dem Banat. Sie sprachen Deutsch und Ungarisch zu Hause. Meine Mutter und ich haben während der Zeit in Deutschland Deutsch gelernt.

Beim Neuen Weg in Bukarest warst Du eine Zeitlang beschäftigt?

Ja, das stimmt, aber nur kurz. Ich glaube, nicht mehr als ein Jahr. Ich arbeitete als Redakteurin in der Abteilung für Außenpolitik. Von Politik und Außenpolitik hatte ich keine Ahnung und hat mir auch nicht gefallen und hat mich überhaupt nicht interessiert. Unser Chef – es war schon Kommunismus – wollte, dass ich einen Artikel über die Armut der Kinder in Amerika schreibe.

Der Artikel war dann politisch nicht in Ordnung, sie wollten von mir wer weiß was für Schreckliches über die amerikanischen Kindern hören. In der Zeitung arbeiteten nur Deutschsprachige, Sächsinnen, Schwäbinnen und auch ziemlich viele Juden, die auch wunderbar Deutsch sprachen. Die waren vor allem in der Übersetzerabteilung. An die Namen kann ich mich nicht mehr erinnern.

Ich erinnere mich, dass Du mit Alfred Margul – Sperber dem Bukowiner, dem Czernowitzer Schriftsteller, in Bukarest zusammen gearbeitet hast nach dem 2. Weltkrieg…

Ach ja, er war oft beim Neuen Weg zu Besuch. Er war sehr beliebt, alle wollten ihn sehen und haben ihn umarmt. Stundenlang haben sie miteinander gesprochen. Er war so ein lustiger Mensch und hat ständig gelacht. Wenn er lachte bebte die Erde, er hatte so eine laute Stimme. Er war sehr sympathisch und sehr groß, ich glaube vielleicht 1,90 Meter und hat gut ausgesehen.

Zum „Meridian“ in Czernowitz wolltest Du 2013 und bist nie angekommen! Hattest einen Unfall in Kiew und landetest im Krankenhaus. Welche Czernowitzer Dichter hast Du ins Rumänische übersetzt?

Oh, Gott, war für eine Frage? Gleich fange ich an zu weinen. Mein liebster Dichter, den ich gelesen habe war Paul Celan, der Paul Antschel hieß. Er ist im Buchenland geboren, auf Rumänisch Bukowina. Dort gab es sehr viele Juden, es wurde Deutsch gesprochen, weil es zur K&K Monarchie gehörte bis der Landstrich rumänisch wurde. Dort gab es die größten Dichter, die jemals in Rumänien geboren wurden und gelebt haben. Margul-Sperber kam von dort, wie Du sagtest und Paul Celan, Immanuel Weissglas, na, und Rose Ausländer, sie war ja die größte Ich habe wenig von ihr gelesen. Als ich den Paul Celan gelesen habe, bin ich fast verrückt geworden. So einen Dichter gibt es nicht nochmal. Er war ganz besonders. Seine Denkart war so interessant und überhaupt so ungewöhnlich. Man liest die Gedichte, ohne sie logisch zu verstehen, man versteht beinahe nichts, aber man empfindet alles so tief, verstehst Du und so traurig und schrecklich, so ein Schmerz, obwohl er nichts genau sagt, dass es verstanden wird. Man spürt es innerlich, fantastisch, so etwas habe ich nie in meinem Leben gelesen, wie dieser Mensch geschrieben hat. . Er war mit einer Französin verheiratet und hat in Frankreich gelebt bis zuletzt. Er hat sich immer beklagt, war nie zufrieden, obwohl er in Deutschland sehr angesehen war. Aber er konnte nie vergessen, wie seine Mutter gestorben ist. Es war abends, er war nicht zu Hause. Am anderen Tag erfuhr er, dass sie in ein Lager gebracht wurde, wahrscheinlich auch sein Vater. Von dem habe ich nichts gehört, aber seine Mutter wurde von den Nazis ermordet. Es gibt einige, die über sein Leben schreiben und ihn auch gekannt haben. Hier in Bukarest hatte er einen Freund, vielleicht sein bester Freund, Petre Solomon. Er war auch ein Jude. Ich habe Briefe gelesen und in einem Brief, den Paul Celan an Petre schreibt, steht folgender Satz: „stell Dir vor, ein jüdischer Dichter, der in einer teutonischen Sprache schreiben muss…“

Ich glaube, Du hast verstanden, was ich gesagt habe. Wie er gelitten hat ein Leben lang bis er 50 wurde und sich das Leben nahm in der Seine. Hätte ich ihn gekannt, hätte ich mich auch verlieben können, denn er hat auch sehr gut ausgesehen.

Du hast weiter in Bukarest gelebt und gearbeitet. Und hast 1953 einen Sohn bekommen.

Er ist 57 Jahre alt, er war erster Tänzer, Solotänzer und Ballettmeister an der Nationaloper in Bukarest.

Du hast deutsche Literatur ins Rumänische übersetzt…

Ich habe sehr viele Bücher übersetzt, ungefähr 50. Aber das war in einer Zeit, wo ich nicht schreiben durfte. Es war eine schreckliche Zeit. Die Zensur konnten wir nicht mehr aushalten, denn es war sehr ungerecht, was sie mit uns taten. Ich bekam eines Tages im Büro ein Papier vorgelegt und darauf stand geschrieben, dass ich Gedichtbände schreibe – damals schrieb ich nur Gedichte, keine Prosa -, die der kommunistischen Jugend sehr schaden, weil ich erotische Lyrik schreibe. Auch heute weiß ich nicht, was sie damals erotisch gefunden haben. Es muss etwas gewesen sein als die Russen noch bei uns waren. Ich weiß nicht, was sie für einen Grund hatten, mir Sachen anzutun, die mir schadeten. Kollegen, die Verwandte im Ausland hatten, wurden entlassen. Es waren meistens die Deutschen, die dann weggegangen sind ins Ausland. Es gab noch wenige Ungarn, die auch wegmussten, weil die meisten Juden waren. Ich weiß nicht, warum sie nicht mehr arbeiten durften, denn die Juden wurden ja von den Kommunisten nicht verfolgt.

Auf der Buchmesse in Bukarest stelltest Du vor Jahren posthum einen Gedichtband von Deinem Mann George vor.

Ja, das ist wahr. Es war eine Anthologie. Bis jetzt habe ich das Glück gehabt, zwei oder drei Anthologien von Nino herauszugeben und vorzustellen. Selbstverständlich habe ich auch sehr viel über ihn geschrieben. Ein Vorwort, er ist wie ein Roman. Die Gedichte sind sehr gut angekommen und viele sagten, dass er ein großer Dichter war, Ich will mich nicht loben, doch das ist die Wahrheit. Vielleicht hätte ich mehr für ihn machen können, das macht mich traurig. Er war sehr krank. Er hatte vier Schlaganfälle. Zum Glück wurde er immer wieder gesund. Er hat nur kurze Zeit darunter gelitten, dann konnte er wieder sprechen, gehen und schreiben. Er ist aber zu früh gestorben

Nach der Öffnung der Grenzen in Europa hast Du viele Stipendien im Ausland bekommen und hast weiter deutsche Dichter übersetzt u.a. Herta Müller, Ernest Wichner und auch Eginald Schlattner…

Herta habe ich ja am meisten übersetzt, fünf Bücher waren es, doch leider, leider sind nicht alle erschienen. Das erste Buch hieß „Niederungen“. Dieses Buch ist für mich das beste, das die Herta Müller je geschrieben hat. Kein anderes Buch hat mir so gefallen, wie dieses. Es ist fantastisch. Das zweite Buch „Drückender Tango“ hat mir auch gefallen, aber bei weitem nicht so gut wie Niederungen. Als diese beiden Bücher fertig waren und schon in die Buchhandlungen kommen sollten, fuhren beide, Herta Müller und Richard Wagner – sie waren verheiratet miteinander – nach Deutschland. Aber Herta war zuvor schon bekannt in Deutschland, war eingeladen mehrere Male zu Zeiten des Kommunismus und hat aus dem ersten Band in Deutschland gelesen. Sie hatte einen riesigen Erfolg. Das Buch ist fantastisch. Ich war ganz gut mit Herta befreundet und war mehrere Male bei ihr eingeladen.

Die beiden ersten Bücher von Eginald Schlattner, dem Pfarrer und Schriftsteller aus Siebenbürgen, habe ich auch übersetzt, Der Geköpfte Hahn und Rote Handschuhe…

Oskar Pastior und Roswith Capesius kanntest Du in Bukarest. Erzähl mir bitte über die beiden.

Ja ich kannte Oskar Pastior recht gut. Er war nicht nur mit Herta Müller befreundet, sondern auch mit dem Leiter des Literaturhauses in Berlin, Ernest Wichner. Wichner hat meine Bücher übersetzt und ich bin ihm dankbar dafür. Meine Gedichte wurden in Deutschland sehr anerkannt, die Säle waren immer voll. Ich habe nie in Rumänien einen solchen Erfolg gehabt.

Roswith Capesius habe ich nicht gut gekannt. Ich glaube, ich habe sie nur einmal gesehen. Sie kam manchmal vorbei bei Volk und Kultur, wo ich nach dem Neuen Weg gearbeitet habe. Von dort wurde ich herausgeworfen. Wenige beim Neuen Weg waren gebildet und hatten selten studiert. Sie waren oft einfache Arbeiter, doch hatten sie sehr gute Positionen. Es gab auch einen sehr gebildeten und vornehmen Direktor: Ernst Breitenstein.

Oskar war damals auch in Rumänien schon bekannt. In Deutschland war er einzigartig, weil er eine eigene Sprache gebildet hat, eine andere Sprache als die gewöhnliche deutsche Sprache. Er war ja auch in der Ukraine im Arbeitslager. Es war eine sehr schlimme Zeit für die Deutschen. Herta hatte alle Daten, alles, was Oskar in der Ukraine bei den Russen mitgemacht hat und wie er dort gelitten hat und auch die anderen in den Bergwerken…Oskar hat den angesehenen Büchner-Preis bekommen. Er sollte auf der Frankfurter Buchmesse lesen aus seinem letzten Buch, doch starb er Stunden zuvor.

Jetzt bitte zum Abschluss möchte ich ein wenig über Aglaja Veteranyi von Dir hören…

Die habe ich sehr geliebt. Unsere Bekanntschaft war etwas ganz Besonderes. Ich habe einige Gedichte in einer österreichischen Zeitschrift gelesen. Dann las ich ihren Namen. Ich dachte, was könnte das für ein Name sein? Ist sie vielleicht eine Italienerin oder vielleicht eine Ungarin? Es ist auf jeden Fall kein rumänischer Name. Dann las ich, dass sie in Bukarest geboren wurde in eine Zirkusfamilie, ihr Vater war ein Ungar und Clown. Es war eine sehr einfache Familie, der Vater war ein Trinker, doch er übte mit der kleinen Aglaja Akrobatik. Mit Aglajas Stiefschwester soll er ein Verhältnis gehabt haben. Aglaja hatte keine Schulbildung, sie war hübsch, intelligent und geistreich, sehr originell und talentiert war sie, wenn man mit ihr sprach. In Bukarest übersetzte ich diese Gedichte, die ich gefunden hatte ins Rumänische und alle waren begeistert. Auch wegen dieser fantastischen Originalität. Auch habe ich dann ihr erstes Buch „Warum das Kind in der Polenta kocht“ – übersetzt, es hat nicht einmal hundert Seiten. Das Buch ist fantastisch und originell, so etwas hatte ich noch nicht gelesen. Sie schreibt viel über die Mutter, die auch Zirkuskünstlerin war. Es war eine schreckliche Obsession für das Kind, wenn es sah, dass die Mutter an den Haaren hängt und tief fallen könnte.

Die Mutter trennte sich von dem Vater und gab die Töchter in der Schweiz in ein Heim, wo Aglaja erst mit 15 Jahren Lesen und Schreiben lernte und auch die deutsche Sprache. Mit der Zeit hat sie einen alten Juden kennengelernt, der viel, viel älter war als sie, ein gebildeter, vornehmer und feiner Mann. Sie haben sich geliebt. Der hat ihr Talent entdeckt, er hat gesehen, wie talentiert sie als Dichterin und auch als Schauspielerin war. Sie hat die Texte geschrieben und er hat sie gelehrt, wie sie die Texte inszenieren soll. Dann starb der alte Mann.

Sie hat dann einen jungen Mann kennengelernt. Sie haben mich zusammen in Bukarest besucht. Er war dann ihr Partner. Einige Jahre dauerte die Freundschaft, doch die Mutter mochte diesen jungen Man überhaupt nicht. Nach Aglajas Tod hat er Theaterstücke geschrieben, die sehr interessant sind.

Aglajas Krankheit begann mit großen Kopfschmerzen. Die Ärzte wussten nicht, was das für eine Krankheit ist. Sie hatte furchtbare Schmerzen und war ganz verzweifelt. Von einem Krankenhaus ins andere kam sie und die Schmerzen wurden immer schlimmer. Trotzdem arbeitete sie und schrieb für eine Zeitschrift in der Schweiz. Man sagte ihr, dass Luftveränderung für sie gut wäre, vielleicht in einem anderen Land, wo sie mit einer interessanten Sehenswürdigkeit sich eine große Freude machen könnte. Ihr einziger Wunsch war, nach Sighet Marmatiei zu fahren. Das ist ganz im Norden von Rumänien. Dort lebte ein Bildhauer, der keine Statuen anfertigte, nur aus Holz Kreuze für die Gräber. Die sind so witzig und er schrieb gereimte Zeilen. Vielleicht so: Ich heiße Grete Vogel und ich vogelte gerne! Oder so ähnlich. Der Friedhof ist bekannt in der ganzen Welt. Ihn gibt es nur in Rumänien. Eigentlich macht sich der Bildhauer lustig über die Toten. Aglaja wollte den Friedhof unbedingt sehen und hat mich gebeten mit ihnen hinzufahren. Als wir ankamen sagte sie gleich: „Nora, welche ein Glück für uns, wenn heute Nacht jemand für uns stirbt. Dann kann ich die ganze Zeremonie erleben und Du wirst mir übersetzen, was die Frauen im Dorf murmeln, wenn sie trauern.“ Es ist in Rumänien üblich, dass die Klageweiber jammern. Am nächsten Tag hat es schrecklich geregnet, wir blieben alle zu Hause. Sie ging dann zum Begräbnis, um alles zu erleben, wie ein Fotograf. Sie kam sehr glücklich zurück. Ich kann sie bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Sie wollte das Erlebte aufschreiben und liebte so etwas Ungewöhnliches. Es ist der „Lustige Friedhof/Cimitirul Vesel“ in Săpânța …