Paraschat haSchawua: Toldot

Dies ist die Familiengeschichte (Heb. Toldot) Isaaks, des Sohnes Abrahams (Gen. 25, 19). Mit diesen Worten beginnt unsere Parascha ihre Erzählung, wobei es um die Söhne Isaks, Essav und Jakob geht, und kaum um Isak selbst…

Genesis, 6. Perikope – Toldot Schabbat, 21. Nov. 2020

Insgesamt wird von Isak nur ganz wenig erzählt. Zwei Personen stehen im Mittelpunkt des ersten Buches Moses: Abraham, der Stammvater, und Jakob, sein Enkel, der Vater der zwölf Stämme Israel. Trotzdem finde ich es interessant, das über Isak berichtete näher zu betrachten.

Isak war offensichtlich ein bescheidener Mensch, der wenig bewirkt hatte und kaum in Erscheinung trat. Er kam zur Welt, als sein Vater bereits einhundert Jahre alt war und seine Mutter selbst sagte: Ein Lachen hat mir Gott gemacht, jeder der das hört lacht über mich. Wer hätte Abraham zu sagen gewagt, Sara werde noch Kinder stillen? Und nun habe ich ihm noch in seinem Alter einen Sohn geboren (Gen. 21, 6). Abraham hatte allerdings bereits einen Sohn, den dreizehnjährigen Ismael, den ihm die Magd von Sarah, Hagar, auf Geheiß ihrer Herrin von Abraham geschwängert, geboren hatte.

Im Folgenden wird zur Ergänzung des biblischen Textes etwas angewandte Psychologie verwendet. Unmittelbar anschließend heißt es im Text: Eines Tages beobachtete Sara, wie der Sohn, den die Ägypterin Hagar Abraham geboren hatte, spielte und lachte (Gen. 21, 9). Dieser Text ist nicht die exakte Übersetzung des Hebräischen. Im Original heißt es nur, dass sie Ismael lachen sah, aber es könnte auch heißen, dass sie die Brüder Ismael und Isak miteinander spielen sah. Und anschließend sprach sie zu Abraham: Vertreibe diese Magd mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak. Die Sache missfiel Abraham sehr. Das ist leicht verständlich. Kein Vater schickt seinen ältesten Sohn in den Tod, und er zögerte offensichtlich. Tatsache ist aber – laut Tora-Text – dass er den Sohn mit seiner Mutter in der Wüste aussetzte, wo sie beinah gestorben wären. Die Tora berichtet aber, dass Gott zu ihm sprach: Lass es dir nicht missfallen wegen des Knaben und der Magd. Alles, was Sara dir gesagt hat, dem gehorche. Auch versprach Gott, dass Ismael es ebenfalls zu einem großen Volk bringen würde.

Dass der Erzvater Abraham bereit war, wenn auch mit schlechtem Gewissen, seinen Sohn Ismael der Todesgefahr auszusetzen, ist ein verstörender Gedanke. Heutzutage weiß man jedoch, dass – sollte die Geschichtserzählung der Bibel einen wahren Kern haben – die mündlichen Überlieferungen und später auch die schriftlichen, während vielen Jahrhunderten Änderungen erfahren haben. Es ist durchaus möglich, dass ein Abschreiber in dieser langen Kette den Erzvater von der Tötungsabsicht entlasten wollte und es Gott anlastete.

Vor der Niederschrift dieser Parascha schilderte ich meinem Freund Schlomo (der ein Studienrat war; ein religiöser Mensch und sehr gebildet – zwei Dr.-Titel) meine Version zu diesem Text. Er sagte darauf, dass selbst, wenn nicht Gott es war, so doch ein Engel Gottes (ein Konstrukt, der oft in der Bibel vorkommt) es Abraham gesagt hatte. Ich erwiderte darauf, dass diese Vorstellung für eine ältere Zeit passt, wir jedoch heute wissen, dass Gott sich mit Menschen nicht unterhält und dass Engel wohl der Phantasie entstammen. Er aber erwiderte, so stünde es doch in der Bibel!

Ich erzählte ihm von einer Anekdote des Bibelforschers Bin-Nun. Eines Tages kam seine Enkelin vom Kindergarten und erzählte ihm von einer Schlange im Paradies, die dies und jenes sagte. Bin-Nun fragte darauf die Kleine: Kann denn eine Schlange sprechen? Die Enkelin antwortete erstaunt und vorwurfsvoll: Aber Opa, das ist doch eine Erzählung! Mein Freund Schlomo lachte darauf ganz herzlich und meinte, es sei eine sehr gute Geschichte und ein gutes Gleichnis. Er sagte mir auch, dass der große Denker Maimonides über die biblischen Geschichten sagte, sie seien als Metaphern zu verstehen.

Ich will und kann meinen Freund Schlomo von seinem Glauben nicht abbringen, aber zeitgemäßes Denken kann auch den Gottesgläubigen nicht schaden.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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