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„Mit dem Rücken zur Wand“

Arthur Koestlers Chronik des israelischen Unabhängigkeitskrieg nach über 70 Jahren in deutscher Übersetzung erschienen…

„Auf jedem mittelgroßen Schulglobus nimmt der Staat Israel nicht viel mehr Platz als ein Staubkorn ein“, schreibt Arthur Koestler in seinem 1949 verlegten Buch „Promise and Fulfilment: Palestine 1917-1949“. Nur wenige Wochen nach der Proklamation des jüdischen Staates am 14. Mai 1948 war er als Journalist für den „Manchester Guardian“ und die „New York Herald Tribune“ nach Israel gereist, wo er am 4. Juni 1948 ankam. Seine Erlebnisse und Beobachtungen aus der heißen Phase der Staatsgründung sind nun unter dem Titel „Mit dem Rücken zur Wand. Israel im Sommer 1948“ in deutscher Sprache vorgelegt worden.

Arthur Koestler wurde 1905 in Budapest, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, als Sohn der jüdisch-assimilierten Eheleute Henrik und Adele Koestler geboren. Nach dem Zerfall des habsburgischen Reiches siedelt die Familie 1918 nach Wien über, wo Arthur nach Abschluss der Schule ein Ingenieur-Studium aufnimmt. Bedingt durch den starken Antisemitismus in der österreichischen Hauptstadt und infolge einer Begegnung mit Vladimir Jabotinsky begeistert Arthur sich für die zionistische Idee. 1926 reist er nach Palästina und siedelt sich in einem Kibbuz an. Doch bald merkt er, dass das harte Leben auf dem Land nichts für ihn ist. Nebenbei schreibt er für verschiedene Zeitungen und schlägt sich mehr schlecht als recht durch; er geht zurück nach Europa und bekommt glücklicherweise für den Ullstein-Nachrichtendienst den Posten des Nahost-Korrespondenten – der Grundstein für seine journalistische Karriere ist gelegt. Der junge Koestler arbeitet in Berlin, Paris und London für verschiedene Blätter. Er reist durch die Sowjetunion, berichtet als Kriegskorrespondent vom spanischen Bürgerkrieg. Basierend auf seinen persönlichen Eindrücken schreibt er die Bestseller „Sonnenfinsternis“ über die stalinistische Säuberung und seinen autobiografischen Roman „Das spanische Testament“: Koestler war von Faschisten festgenommen und zum Tode verurteilt worden, aber schließlich bei einem Gefangenenaustausch freigelassen. Beide Romane begründen seinen Weltruhm; zwischenzeitlich besuchte Koestler auch immer wieder als Berichterstatter Palästina. Seine Erfahrungen im Kibbuz fließen in sein Werk „Diebe in der Nacht“ ein; das Buch ist eine Hommage an die Pioniere, die schon in der Zeit des britischen Mandats die Basis für den jüdischen Staat legten.

„Palästina hat die Größe einer Grafschaft, aber die Probleme eines Kontinents“, orakelte Koestler am 6. Juni 1948. „In den nicht einmal achtundvierzig Stunden seit unserer Ankunft haben wir Kostproben von etlichen dieser Probleme bekommen.“ Damit spielt er u. a. auch auf die Rolle der orthodoxen Bevölkerung an. „Hautnah und farbig“ will Koestler seinen Lesern „Eindrücke vom jüdischen Krieg und dem Alltagsleben im neuen Staat vermitteln.“ Der Chronist ist einerseits unabhängiger Beobachter, andererseits aber auch überzeugter Zionist, der sich nicht die Frage stellt, ob die zionistische Idee nun gut oder schlecht wäre. Denn die Anwesenheit von einer dreiviertel Million Juden in Palästina sind für ihn keine „politische Theorie mehr, sondern eine Tatsache“.

Zu Beginn des Krieges stand es jedoch schlecht um das Überleben des neuen Staates. Sechs arabische Länder hatten Israel den Krieg erklärt, eine feindselige Bevölkerung von vierzig Millionen Araber wollten die Juden ins Meer werfen. Der Jischuw stand mit dem Rücken zur Wand. Im Gegensatz zu den Angreifern hatte Israel keine Rückzugsmöglichkeit – es war ein Kampf auf Leben und Tod. „Zum ersten Mal seit dem Aufstand Bar Kochba gegen die Römer waren sie (die Juden) nicht passive Opfer, sondern schrieben selbst aktive Geschichte“, notiert Arthur Koestler nicht ohne Stolz und beschreibt, wie sich zwei Kibbuzniks heroisch einem Panzerangriff auf den Kibbuz Degania entgegenstellen. „Der erste wurde durch eine Molotow-Flasche, die seine Kette traf, außer Gefecht gesetzt“, der zweite Panzer fing durch einen weiteren Molotow-Cocktail Feuer. Eine der Brandflaschen hatte Shalom Hochbaum, Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und Neueinwanderer, geworfen, den zweiten Yehuda Sprung, ein ehemaliger Jura-Student aus Krakau, der in den 1930er Jahren nach Erez Israel eingewandert war. Beide stehen für die jüdischen Pioniere, die mit geschulterter Waffe den Pflug führten und ihren Traum vom selbst bestimmten und freien Leben im eigenen Staat erfüllen wollten.

Doch nicht nur solche unerschrockenen Taten beschreibt Koestler in seinem Tagebuch, er ist fasziniert von dem, was er hautnah erlebt, das Entstehen einer jüdischen Nationalität: „Noch befindet sich alles im Zustand eines unberührten Wirrwarrs, wie am ersten Tage der Schöpfung, bevor Himmel und Erde geschieden wurden.“ Das Mysterium der turbulenten Geburt eines Staates, das durch Hoffnung und schließlich mit Taten real wurde. Wie sagte Ben Gurion so treffend: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“ Diesen scheinbaren Widerspruch beschreibt Arthur Koestler anhand von historischen Fakten, irrationalen Kampfverläufen und skurrilen Begebenheiten. Koestler ermöglicht einen Einblick in das einzigartige Phänomen der Wiedergeburt einer Nation – nach zweitausend Jahren. „Mit dem Rücken zur Wand“ ist ein bemerkenswertes, authentisches und zeitloses Dokument. Lesen! – (jgt)

Arthur Koestler, Mit dem Rücken zur Wand. Israel im Sommer 1948. Ein Augenzeugenbericht, Elsinor Verlag 2020, 176 S., Euro 25,00, Bestellen?

Bild oben: Vor dem Kampfeinsatz: Abba Kovner mit einer Hagana-Einheit im Kibbuz Jad Mordechai (1948). Foto:  Frank Shershel / The National Photo Collection – Government Press Office (D819-027)