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„… Immer größer wird der Druck, immer kleiner der Lebensraum“

Eine Erinnerung an den jüdischen Sportverein Bar Kochba Leipzig…

Von Roland Kaufhold

 „“Bar Kochba“ war ein Held, der keine Niederlage kennen wollte. Als der Sieg ihn verließ, da wusste er zu sterben.“ Max Nordau, in Paris wirkender Arzt und Pionier des Zionismus – er war Hauptautor des Basler Programms – , schrieb dies 1900 in der Jüdischen Turn- und Sportzeitung. Nordau, der den Begriff des „Muskeljuden“ prägte, war sich bewusst, dass jeder Fortschritt mühsam erkämpft werden musste: „Man gönnt uns den Raum, uns wenigstens körperlich auszuleben.“

20 Jahre später wurde die Idee umgesetzt und die mythische Figur in den Vereinsnamen eingefügt: Jüdischer Turnverein Bar Kochba Leipzig nannte sich der im Mai 1919 gegründete Verein. Prägende Figur bei der Entwicklung von Kochba Leipzig war der 1893 in Krakau geborene Ludwig Lehrfreund.

Die Mitgliedschaft setzte sich überwiegend aus „Ostjuden“ zusammen: 70.000 „Ostjuden“ lebten 1910 im Deutschen Reich, zwei Drittel von ihnen hatten in Leipzig hatten keine deutsche Staatsangehörigkeit. Sie bildeten bald den Kern des Vereins.

Bar Kochba Leipzig entfaltete rasch eine Breitenwirksamkeit: Im Januar 1920 versammelten sich 2500 Zuschauer bei ihrem Turnfest. „Die Leipziger Judenheit, die dem Turnen bisher noch fernstand, hatte zum ersten Male Gelegenheit, einem jüdischen Turnfest beizuwohnen“ schrieb der Berliner Bar-Kochbaner Rudolf Loewy (S. 22).

Theoretischer Leitfaden der Sportengagements war, im Sinne Max Nordaus, der Dreiklang sportlicher, menschlicher und jüdischer Erziehung. Rasch entstanden in Leipzig Abteilungen für Turnen, Boxen. Leichtathletik, Tennis und Schwimmen.  Gespielt wurde in einem eigenen Stadion und in eigenen Turnhallen. Nahezu zeitgleich entstand in Leipzig mit dem „Sportclub Bar Kochba Leipzig“ ein weiterer Bar-Kochba-Verein, Vorsitzender war Adolf Rotter, Synagogenkommissar der jüdischen Gemeinde Leipzig. Begeisterung für den Zionismus, erzieherischer Impetus und die Vorbereitung Jugendlicher zur Alija waren für beide Vereine bedeutsam.

Die Wertschätzung des Fußballs war anfangs umstritten, der SK Bar Kochba öffnete sich für ihn zuerst. Seine Mitgliederzahl steigerte sich in Folge dessen binnen weniger Monate von 60 auf 300. Bald bildeten Erfolge beim Fußball das Herzstück des Vereins. 1921 wurde ein eigenes Gelände gekauft und ein eigener Sportplatz geplant; zwölf Jahre zahlte man an den Schulden. Zur Einweihung 1922 war Hakoah Zürich der Gast, die Gastgeber gewannen sogar 3 : 2. Um der Entwicklung vorzugreifen: Die Beziehung Leipzigs zu Hakoah Zürich ist erhalten geblieben (S. 126ff.).

1924 fusionierten die beiden Vereine, dann gab es wieder einen Trennungsprozess. Bar Kochba wurde nun zum „größten jüdischen Sportverein Deutschlands“, wie es in der soeben erschienenen Studie „Mit Sportgeist gegen die Entrechtung“ heißt. Neue Abteilungen kamen dazu wie die Leichtathletikabteilung, Schwimmen, Tischtennis, Feldhandball und sogar eine Wintersport. Hierfür wurde ein Jugend-Skihaus im Erzgebirge erworben und eine Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Makkabi in Form mehrerer gemeinsamer Winterlager. Der Kulturarbeit und der politischen Bildung wurde, mit Wahrnehmung des zunehmenden Antisemitismus, eine besondere Bedeutung beigemessen: Es kam zu regelmäßigen Veranstaltungen mit „40 bis 50 Mitgliedern“ zu Themen wie Emanzipation, Jüdische Jugendbewegung und Lichtbildvorträgen zu Palästina und über „Die Juden in Palästina“. Einige hiervon wurden von Ludwig Lehrfreund selbst durchgeführt. Lehrfreund, der in Leipzig eine Anwaltskanzlei betrieb, wuchs rasch zur Schlüsselperson innerhalb des Vereins sowie der lokalen zionistischen Bewegung auf. Durch den Sport sollte insbesondere die Jugend zu einer „solidarischen und zionistischen Tat“ (S. 57) erzogen werden.

Als 1932 die ersten jüdischen olympischen Spiele, die „Makkabiah“ in Tel Aviv standfand nahmen 390 Sportler aus 27 Ländern daran teil, darunter auch Sportler aus Leipzig. Kochba Leipzig beteiligte sich daraufhin auch an Geldsammelaktionen zum Aufbau des Makkabiah-Stadions in Tel Aviv. In einem Unterstützeraufruf appellierte Lehrfreund: „Ein jeder muß helfen. Ein jeder muß mindestens einen Baustein kaufen. Reiht euch in die Scharen der Sammler ein! Baut das Stadion in Palästina.“ (S. 59)

Je stärker die existentielle Bedrohung wuchs desto stärker wurden Vorbereitungen zur Alija voran getrieben. Die landwirtschaftliche Ausbildung von Jugendlichen im Rahmen der Hachschara-Projekte nahm zu. Lehrfreund selbst leitete ab Ende 1934 Kurse zu jüdischer Geschichte, Hebräisch und Palästinakunde. „Ziel des Hechaluz in Deutschland“ schrieb das Gemeindeblatt im August 1934, sei es, „die gesamte jüdische Jugend zu arbeitenden, produktiven, jüdischen Menschen“ zu machen, damit sie „die jüdische Gesellschaft in Erez Israel mit aufbauen wollen.“ (S. 97) Lehrfreund reiste immer wieder nach Palästina, kehrte aber wieder nach Leipzig zurück.

Bedingt durch die zunehmende Repression und Ausgrenzung der Juden wuchs die Mitgliedschaft von Bar Kochba Leipzig weiter an – Ende 1935 auf 1600. Fritz Egon Rotter, seit 1918 Mitglied im VfB Leipzig und dort Torwart, musste Ende 1933 nach seinem erzwungenen Austritt zum BK Leipzig wechseln; 1941 wurde er im KZ Groß-Rosen ermordet.

Im August 1935 finden die jährlichen deutschen Makkabimeisterschaften dennoch statt, in Leipzig. In einem Leitartikel des Gemeindeblattes, ansonsten um „Neutralität“ bemüht, schreibt Lehrfreund: „Schwer lastet das Schicksal auf unserer jüdischen gemeindschaft; immer größer wird der Druck, immer kleiner wird der Lebensraum. (…) Bar Kochba (…) schafft unserer Jugend eine eigene, eine jüdische Atmosphäre (…) nicht nur jüdische Sportler zu werden, sondern Kämpfer für jüdisches Volk und jüdisches Land!“ (S. 76f.)

Als die Nationalsozialisten 1936 wegen der Olympischen Spiele in Berlin aus taktischen Gründen den öffentlichen Verfolgungsdruck etwas reduzierten versuchte Lehrfreund die noch verbliebenen Mitglieder zu beruhigen: Obwohl eine Leitathletik-Wettkampf auf dem Bar-Kochba-Sportplatz vorzeitig abgebrochen werden musste bestehe, so schrieb er, „zu irgendwelcher Beunruhigung kein Anlaß.“ (S. 71)

Anzeige im Gemeindeblatt, 1937, Jüdisches Museum Berlin

Im August 1938 fand noch einmal ein jüdisches Jugendfußballturnier statt. Im November war alles vorbei, im April 1939 wurde der Sportplatz offiziell der Gestapo übergeben.

Es folgte Flucht und Vernichtung. Das weitere Schicksal konnte nur bruchstückhaft ermittelt werden, einige Biografien werden im Buch knapp rekonstruiert.

Ludwig Lehrfreund soll in Leipzig gewarnt worden sein. Sein Name stand auf einer Gestapo-Liste. Er floh nach London, wurde dort Maccabi-Weltverbandvorsitzender. Für seine Frau Sonja und Tochter Mia erreichte er ein Migrations-Zertifikat für Prag. 1941 fanden sie in Tel Aviv wieder zusammen. Er wird Vorsitzender von Maccabi Tel Aviv, gründet auch den bis heute stattfindenden Fackel-Marathon beim Chanukka-Fest. Auf einem Foto sehen wir Ludwig Lehrfreund zusammen mit Staatspräsident Weizmann. Lehrfreund starb 1954 im Alter von 60 Jahren.    

Yuval Rubovitch: Mit Sportgeist gegen die Entrechtung, Die Geschichte des jüdischen Sportvereins Bar Kochba Leipzig, unter Mitarbeit von Gerlinde Rohr. Leipzig: Verlag Hentrich & Hentrich, 162 S., 14,90 Euro.

Eine gekürzte Version dieser Rezension erschien in der Jüdischen Allgemeinen, 8.11.2020

Bild oben: Damenhandball- und Fußballmannschaft von Bar Kochba, um 1930, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig