Wir sollten leben

Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit…

Bernd Philipsen und Fred Zimmak, Herausgeber

Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Europa wurde Opfer des Holocaust. Annähernd sechs Millionen Frauen, Männer und Kinder – vom nationalsozialistischen Terror- und Willkürregime als Juden verfolgt – wurden im Zuge der „Endlösung der Judenfrage“ ermordet, allein über eine Million im Vernichtungslager Auschwitz – Zahlen, die sich der menschlichen Vorstellungskraft entziehen. Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Name, ein Mensch, ein Schicksal.

Nur wenige Menschen entkamen dem Lager- und Ghettosystem, in das sie von der SS, Gestapo und ihren Helfershelfern verschleppt worden waren. Für 153 jüdische Häftlinge öffneten sich am 1. Mai 1945 die Tore des KZ-ähnlichen Arbeitserziehungslagers Nordmark in Kiel-Hassee. Fahrzeuge der Flotte der sogenannten Weißen Busse des Roten Kreuzes nahmen sie auf, um sie zunächst zur Erstversorgung nach Pattburg nördlich der deutschdänischen Grenze zu bringen. Daraufhin ging es mit der Eisenbahn nach Kopenhagen und schließlich mit der Fähre nach Malmö ins neutrale Schweden – in die Freiheit. Bei dieser Rettungsaktion handelte es sich um eine von dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte initiierte Rot-Kreuz-Mission, die unterstützt wurde von Norbert Masur, einem in Friedrichstadt/Eider geborenen und seit 1920 in Stockholm lebenden Vertreter des World Jewish Congress, der – wie Bernadotte – in Verhandlungen Heinrich Himmler die Freilassung von KZ-Häftlingen abrang. Diesem Transport aus Kiel und – vor allem – den damals ausgezehrten und verzweifelten Menschen, von denen die meisten eine mehrjährige Odyssee durch verschiedene Ghettos und Konzentrationslager hinter sich hatten, widmet sich dieses Buch. Es spürt anhand von Dokumenten und Zeitzeugenberichten den Lebensläufen der nach Schweden geretteten KZ-Überlebenden nach und schildert ihr Leben nach dem Überleben. Es sind individuelle Überlebensgeschichten von Menschen, die die Hoffnung auf ihre Befreiung vom Nazi-Joch bereits aufgegeben hatten und ungläubig in die Rettungsfahrzeuge einstiegen.

Ehemalige Häftlinge verlassen Pattburg, um mit dem Zug nach Kopenhagen zu fahren. Von dort aus geht es weiter mit der Fähre über den Öresund nach Malmö – in die Freiheit. Quelle: Dansk Sygeplejehistorisk Museum Kolding

„Also sollte ich leben“, schrieb Johanna Rosenthal aus Potsdam nach dem glücklichen Ende ihres Martyriums in einem schwedischen Flüchtlingsheim nieder und trauerte zugleich um ihre Freundin, die kurz vor dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes doch noch den Tod fand. Damit brachte sie zugleich die zwiespältigen Gefühle vieler Holocaust-Überlebender zum Ausdruck: Dankbarkeit über ihre Rettung und Trauer um Familienmitglieder und Freunde, die nicht überlebt hatten.

Wir sollten leben – das ist in Anlehnung an Johanna Rosenthals Ausspruch die Botschaft, die von dem Titelfoto dieses Buches ausgeht. Es entstand im September 1945 im Flüchtlingsheim Holsbybrunn und zeigt eine Gruppe von Frauen, Männern und Kindern, die – allesamt der „Baltischen Hölle“ entronnen –in Schweden ihren Lebensmut zurückgewonnen hatten.

LESEPROBE

Bernd Philipsen /Fred Zimmak (Hrsg.): Wir sollten leben. Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit, Novalis Verlag 2020, 282 Seiten, hardcover, mit zahlr. s/w Abbildungen, € 19,80, Bestellen?

Buchvorstellung:
Donnerstag, 26.11.2020, 19:00 Uhr
Jüdisches Museum Rendsburg

Weitere Lesungen:
03.12.2020, 10:00 Uhr
Gemeindehaus St. Johannis / Flensburg

08.12.2020, 18:00 Uhr
Jüdische Gemeinde Flensburg

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