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Vom Provisorium zur festen Institution

Der Zentralrat der Juden in Deutschland feiert den 70. Jahrestag seiner Gründung. Ob Neuanfang, Restitution oder die Integration von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion – die Aufgaben und Herausforderungen wurden im Laufe der Zeit nicht unbedingt weniger. Und da ist immer noch das leidige Thema Antisemitismus…

Von Ralf Balke

An eine Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und der Schoah mochten wohl die wenigsten damals geglaubt haben: Als am 19. Juli 1950 die 25 Repräsentanten der jüdischen Gemeinden aus den vier Besatzungszonen sowie der verschiedenen Komitees der Displaced Persons in Frankfurt am Main zusammenkamen, um eine Dachorganisation unter dem Namen Zentralrat der Juden in Deutschland zu etablieren, hatten sie gewiss andere Probleme. Ganz oben auf ihrer Agenda stand erst einmal die Versorgung der Überlebenden und der nach Deutschland aus den unterschiedlichsten Gründen zurückgekehrten Juden. Oder eben der vielen Tausend Displaced Persons aus dem östlichen Europa, die vor den Pogromen und dem Elend in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang geflohen waren und sich nun im Land der Täter wiederfanden. „Das war eine Riesenaufgabe, die der Zentralrat damals stemmen musste, zusammen mit den Behörden der Besatzungsmächte und der jüdischen Hilfsorganisationen“, bringt es Micha Guttmann, vier Jahre lang Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, im Gespräch mit Deutschlandfunk auf den Punkt.

Darüber hinaus betrachtete man das Ganze als eine Art Provisorium, weshalb sich schnell für einige Jahrzehnte das Schlagwort von den „gepackten Koffern“ etablieren sollte, auf denen die Juden hierzulande sitzen würden. Zwar wurde bereits im April 1945, also noch vor Kriegsende, in Köln eine erste jüdische Gemeinde neu gegründet, doch an ein Bleiben dachte wohl kaum jemand – dafür war die Vergangenheit einfach zu nah und gegenwärtig. Deshalb machte der Begriff von den „Liquidationsgemeinden“ die Runde, die ihr Ziel darin sahen, Mitglieder bei der Vorbereitung der Emigration in ein anderes Land zu unterstützen. Auch war die Gründung alles andere als ein spontaner Akt, sondern schiere Notwendigkeit. Die 1949 ins Leben gerufene Bundesrepublik erhielt sukzessiv immer mehr Kompetenzen von den Westalliierten. Diese Entwicklung machte es für die jüdischen Gemeinden geradezu zwingend, mit einer Stimme zu sprechen, um auf diese Weise ihr Verhältnis zu dem neuen Staat zu regeln. Zugleich wurden durch die Entscheidung, die eigenen Kräfte zu bündeln und eine Interessenvertretung zu gründen, die Weichen für ein dauerhaftes Bleiben in Deutschland gestellt. Daran konnte auch die Wahl des Namens wenig ändern, der durch die Formel „in Deutschland“ eine gewisse Distanz zum Ausdruck bringt und auf den temporären Charakter verweisen sollte.

Internationale jüdische Organisationen wie der Jüdische Weltkongress, aber auch Israel, sahen die Etablierung jüdischer Gemeinden „auf dem blutgetränkten deutschen Boden“ jedenfalls ausgesprochen kritisch. Wer sich als Jude für ein Leben in Deutschland entschieden hatte, dem wehte in der jüdischen Welt über Jahrzehnte hinweg oftmals ein kalter Wind entgegen. Das galt vor allem für die erste Generation der Zentralratsmitglieder wie seinem späteren Vorsitzenden Heinz Galinski, die von den Vertretern anderer jüdischer Organisationen auf Treffen geradezu gemieden wurden, weil sie in Deutschland geblieben waren. So kam es zu der absurden Situation, dass sogar der Vorsitzende der Zionistischen Organisation in Deutschland von den Zionistenkongressen in dieser Zeit ausgeschlossen wurde.

Darüber hinaus gab es noch ganz andere Probleme. In den Gremien des Zentralrats saßen fast ausschließlich deutsche Juden. Die Mehrheit in den Gemeinden aber stammte aus Polen, Rumänien oder Russland, was wiederum für reichlich Konfliktpotenzial sorgte und auf die kulturellen, sprachlichen und religiösen Trennungslinien verwies Und weil diese „Ostjuden“ ganz im Unterschied zu den deutschen Juden eher traditionell eingestellt waren, setzte sich im Nachkriegsdeutschland das Konzept der Einheitsgemeinde durch, die sich zwar an den Regeln der Orthodoxie orientiert, aber in der jeder beten kann und seinen Platz finden sollte. Dieses „Alle-unter-einem-Dach-Konzept“ funktionierte über Jahrzehnte hinweg recht gut – nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland recht überschaubar war. So repräsentierte der Zentralrat 1954 der Zentralrat 70 Gemeinden mit gerade einmal 16.992 Mitgliedern, eine Zahl die bis 1960 auf 21.772 ansteigen und dann länger stagnieren sollte. Zugleich spiegelt die Organisation in einzelnen Landesverbänden den föderalen Charakter der Bundesrepublik wider. Erst mit dem sprunghaften Anwachsen durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den 90er Jahren, dem Aufkommen der „Liberalen“ und zahlreichen Konflikten, die man sogar vor Gericht austragen sollte, wurde eine größere Ausdifferenzierung im religiösen Leben möglich.

In relativ kurzer Zeit war es Vertretern des Zentralrats, allen voran ihrem Generalsekretär Hendrik G. van Dam, gelungen, mit Bundespräsidenten Theodor Heuss, Bundeskanzler Konrad Adenauer und anderen Akteuren der bundesdeutschen Politik einen Modus der Zusammenarbeit zu finden und sich zu einer in der Öffentlichkeit anerkannten Institution zu entwickeln. So hatte man massgeblich Anteil an der Ausformulierung des Bundesentschädigungsgesetzes von 1956 oder wirkte als Vermittler zwischen der Bundesrepublik und dem Staat Israel, und das bereits über zehn Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern.

Das andere große Thema aber war die Bekämpfung des Antisemitismus. Ehemalige Nazis fanden sich wieder in Politik, Wirtschaft und der Justiz. Auch in der Beamtenschaft hatte ein braunes Parteibuch selten zu einem Karriereknick geführt, so dass Juden bei Fragen der Restitution oder Anerkennung ihrer Verfolgungsgeschichte gelegentlich mit genau den Personen konfrontiert wurden, die sie einige Jahre zuvor noch enteignet und vertrieben hatten. Darüber hinaus gab es regelmäßig Vandalismus auf Friedhöfen und Hakenkreuzschmierereien, beispielsweise 1959 die Schändung der Synagoge in Köln. All das thematisierten die Repräsentanten des Zentralrats immer wieder in ihren Gesprächen mit der Politik, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Stets wurde abgewiegelt oder aber die Forderung nach einem Schlussstrich artikuliert. Bald schon sollte der Zentralrat von manchem als eine Art „Störfaktor“ wahrgenommen werden. „Ich gebrauche einen sehr milden Ausdruck, wenn ich sage, dass es nach Auschwitz eine provozierende Gedankenlosigkeit ist, im Umgang mit uns, die wir Auschwitz überlebt haben, Normalität zu fordern“, kommentierte Heinz Galinski, von 1954 bis 1963 und dann wieder von 1988 bis 1992, Vorsitzender des Zentralrates, noch 1987 genau diese Einstellungen.

Auch die deutsche Teilung ging an der Arbeit des Zentralrats nicht spurlos vorbei. Bei der Gründung vor 70 Jahren waren die Vertreter der ostdeutschen Gemeinden noch mit von der Partie. Damit war bald Schluss, die meisten Juden flohen aufgrund des Antisemitismus, der generell in den Ostblockstaaten herrschte, Richtung Westen. Und die wenigen hundert Verbliebenen in der ehemaligen sowjetisch besetzten Zone hatten sich dann 1953 im Verband der Jüdischen Gemeinden in der Deutschen Demokratischen Republik zusammengeschlossen. Erst 1990, nach der Wiedervereinigung, nahmen sie organisatorisch wieder den Faden zu der Dachorganisation auf. 1952 wurde Düsseldorf Sitz des Zentralrats. Der Grund: Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt galt als ein Kompromiss, weil man sich nicht auf München oder Frankfurt einigen konnte, Bonn noch als Provisorium galt und Berlin aufgrund des Vier-Mächte-Status nicht in Frage kam. Die Gemeinde in Düsseldorf war zudem mehrheitlich deutscher Herkunft, auch befand sich dort der Redaktionssitz der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“, der späteren „Jüdischen Allgemeinen“, deren Herausgeberschaft der Zentralrat 1973 übernahm. Erst 1985 dann der Entschluss zum Umzug nach Bonn, das man schließlich 1999 Richtung Berlin wieder verließ.

Die beiden letzten Jahrzehnte der alten Bundesrepublik waren geprägt von einer Konsolidierung des jüdischen Lebens, aber auch von Abwanderung sowie Überalterung. All das sollte sich nach 1989 jedoch schlagartig ändern, als „die Russen“ kamen. 220.000 Personen wanderten als sogenannte jüdische Kontingentfüchtlinge nach Deutschland ein, was aber nicht bedeutete, dass alle von ihnen sich automatisch einer jüdischen Gemeinde anschlossen. Dennoch, von heute auf morgen war der Zentralrat mit der die Aufgabe konfrontiert, ein mehr als Zehnfaches der eigenen Gemeindemitglieder irgendwie zu integrieren. Das begann mit dem Angebot von Sprachkursen und reichte weiter bis hin zu Schulungen, um die Defizite der Neuankömmlinge bei dem Thema Religion auszugleichen. Heute vereint der Zentralrat in seinen 23 Landesverbänden 105 jüdische Gemeinden mit knapp 100.000 Mitgliedern unter einem Dach, eine Zahl, die sich die Gründungsväter von 1950 – Frauen waren nicht dabei – wohl kaum hätten vorstellen können.

Doch die Herausforderungen werden nicht unbedingt weniger. Das zeigt sich vor allem bei dem Thema Antisemitismus, das heute mindestens so aktuell ist wie vor 70 Jahren. Denn zu der Bedrohung von Rechts kam Ende der 1960er Jahre noch der Terror von linksextremen Gruppierungen hinzu und spätestens zur Jahrtausendwende der islamistisch motivierte. Zwar ist die Generation der Schoah-Überlebenden wie Ignatz Bubis oder Paul Spiegel nicht mehr am Ruder, ihren Nachfolgern bereitet der omnipräsente Judenhaß aber mindestens genauso viel Kopfzerbrechen. Dennoch, wie anlässlich der Feierlichkeiten Dr. Josef Schuster, der aktuellen Präsidenten des Zentralrats, es auf den Punkt brachte, blickt man trotzdem optimistisch in die Zukunft. „Heute, 75 Jahre nach der Schoah, ist die jüdische Gemeinschaft erneut bereit, Deutschland, unserem Zuhause, einen Vertrauensvorschuss zu geben.“ Und als Provisorium versteht man sich sowieso schon lange nicht mehr. Dafür aber als eine Institution, die nicht nur mit der Geschichte des Nachkriegsdeutschlands auf das engste verzahnt ist, sondern zu einer Stimme geworden ist, die in der Politik Gewicht hat.

Bild oben: Beim Festakt in Berlin, Foto: Zentralrat der Juden