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Liebe. Ganz authentisch inszeniert.

Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ an der Staatsoper Hamburg…

Von Miriam N. Reinhard

Ein Luxushotel in Cannes wird zur Kulisse für ein Filmprojekt, weil es zunächst Kulisse für die Ideen der Filmindustrie wird. Der Hollywood-Produzent Sam Macintosh (Martin Summer) ist finanziell angeschlagen und überlegt, seine Tochter branchenintern zu vermählen, damit das Geschäft angekurbelt werden kann. Doch seine Tochter Marylou (Ida Aldrian) findet die Aussicht auf eine solche Vernunftehe zur Macht- und Vermögenssicherung wenig attraktiv. Sie will ihrem Vater beweisen, dass es diese Ehe nicht braucht, um das Unternehmen zu retten. Sie selbst will Stoff für den nächsten Film liefern, der die Kassen füllen soll. Und der soll aus dem echten Leben stammen! Was als Filmstoff immer funktioniert: Adel. Und Liebe natürlich. Auch diejenigen, die zu den Verächtern der Monarchie sich zählen, werden einräumen, nicht ganz ungerührt zu sein, wenn sie Bilder von royalen Traumhochzeiten sehen. So trifft es sich gut, dass sich gerade die spanische Infantin Isabella – von Sopranistin Norea Son mit der üblichen Brillanz in allen Höhen der Liebe und der Stimme verkörpert – in Cannes im Hotel im Exil befindet und zudem völlig pleite ist. Marylou hofft, die Prinzessin überzeugen zu können, Teil ihres Filmprojektes zu werden; dafür schleicht sie sich als verkleidete Angestellte in ihre Nähe. Doch jemand Weiteres ist um ihre Nähe bemüht: Der Kellner Albert ist in Liebe zur Prinzessin entflammt. Seine Partie ist mit Nicholas Magg besetzt – und dass dieser ganz authentisch Liebespartien aus Operetten performen kann, hat er in Hamburg schon im letzten Jahr in „Moskau, Tscherjomuschki“ eindrucksvoll gezeigt.

Doch auch Albert ist gar nicht der einfache Kellner, der zu sein er vorgibt, er ist immerhin echter „Finanzadel“ – Sohn des Managers des Luxushotels. Ob das reichen kann, für ein standesgemäßes Happy-End der Liebe? Es ist in jedem Fall ein guter Filmstoff. Marylou kann ihr Projekt schließlich auch realisieren. Der Adel willigt also ein, sich selbst zu spielen – von der einen Scheinwelt, in die andere zu wechseln; oder auch nicht zu wechseln, denn sich selbst spielt der Adel ja eigentlich ohnehin immer. Im Hotel geht es auch der Infantin langsam auf: Sogar die Insignien ihrer Macht, ein Collier aus dem Familienbesitz, das sie für wertvoll hielt, ist nur Requisite einer Scheinwelt – eine Fälschung. Warum dann nicht gleich ganz ins Showbusiness wechseln? Die Prinzessin, die sich selbst in einem Film verkörpert, wirkt mit ihrer Rolle auf das Publikum in jedem Fall authentischer als die Prinzessin, die einfach nur die ganz alltägliche Prinzessin gibt. Die Verdoppelung des Inszenierten kann also eine scheinbare Durchbrechung durchwirken: Die Ware Liebe, die Hollywood so gut verkauft, hier kann sie auch deshalb zu dem erhofften Verkaufsschlager werden, weil sie zur wahren Liebe geworden ist – und nun gespielt wird von Personen, die genau das auch selbst erlebt haben!

Allerdings in einem Opernlibretto, auf einer Bühne inszeniert  – daran erinnert uns auch das konstant bleibende Bühnenbild von Christoph Fischer, das in kräftigen Rottönen, die sich bis in die Anzüge und Haarspitzen der Hotelboys ziehen, sowohl die Filmfirma als auch das Hotel ausschmückt: Letztendlich kommt dann doch alles immer aus derselben Fabrik.

Ist authentische Liebe dann also doch immer nur eine produzierte Illusion, Authentizität nur eine clevere Suggestion, die ihr zum Erfolg verhilft?

Vielleicht ist dies eine Aussage über Liebe, die wir aus dieser Operette mitnehmen können: Liebe ist dort authentisch, wo ihr ein Bewusstsein der eigenen Inszeniertheit innewohnt, ohne die wir sie gar nicht erleben würden. Wir verlieben uns und lieben einander niemals außerhalb der romantischen Geschichten über die Liebe: Die Lieder, die wir abrufen, die Worte, die wir uns zuraunen, die Metaphern, die wir für unsere Briefe finden, sie spiegeln unsere ganz authentischen Gefühle – in der Sprache der Anderen, millionenfach zitiert. Die authentische Liebe ist immer auch eine Aktualisierung der Narrationen über sie, in denen wir uns bewegen. Wenn wir lieben, lieben wir es auch, Teil solcher Geschichten zu sein.

Ob die Darstellung der Darstellungen von Liebe dann authentisch ist, mögen die Verliebten entscheiden. Die in die Oper-Verliebten oder jene, die vielleicht die Erinnerung an die beschaulichen Gewaltorgien aus der kürzlich an der Hamburgischen Staatsoper von „Lasse-mir-von-Merkel-nicht-sagen-dass-ich-mir-die-Hände-waschen-soll“-Frank-Castorf inszenierten Performance „molto agitato“ mit heiteren Bildern überschreiben möchten, können sich an einer gelungenen Operette mit eindrucksvollen Stimmen und abwechslungsreichen Choreographien erfreuen. Die Inszenierung von Sascha Alexander-Todtner bereitet Freude bis zu ihrem Happy-End.

Doch wer die Realität in all ihrer Widersprüchlichkeit auch an einem solchen Abend nicht völlig ausblenden will, mag sich bei den romantischen Klängen auch erinnern: Paul Abraham selbst war ein solches Happy-End nicht vergönnt. Als „Märchen im Grand-Hotel“ 1934 in Wien uraufgeführt wird, ist er bereits nicht mehr erwünscht. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gilt seine Kunst als entartet; als er nach mehreren Stationen des Exils 1940 schließlich New York erreicht, kann er an seine künstlerischen Erfolge dort nicht anknüpfen. 1956 kehrt Abraham nach Deutschland zurück. Er stirbt 1960 in Hamburg. Er soll in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr gewusst haben, wo er sich befindet; eine Syphilis-Erkrankung ließ ihn glauben, er sei weiterhin in New York.

So schreibt sich in die Geschichte dieser Operette mehr über das Exil ein als nur die Exil-Geschichte, von der sie so heiter erzählt.

In die märchenhafte Geschichte von der Liebe drängt Geschichte unversöhnt zurück.  

Bild oben: © 2020, Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Weiter Aufführungstermine in der aktuellen Spielzeit:
03.10.2020, 18.00; 07.10.2020, 19.30 Uhr, 09.10.2020, 19.30 Uhr.
https://www.staatsoper-hamburg.de/