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Halle a.d. Saale – Jom Kippur 2020

Spätsommerlich ist die Stimmung an der Saale, dem Fluß der vielen Mythen, Schlösser und Burgen und der Geburtsstadt des berühmten Komponisten Georg Friedrich Händels, der im Jahr 1685 in Halle an der Saale geboren wurde. Mit Mina, der achtzigjährigen Künstlerin aus Stuttgart, laufe ich an der hohen Backsteinmauer entlang…

Von Christel Wollmann-Fiedler

Hinter der Mauer liegt der Friedhof der Juden und das Tahara-Haus. Die Alte Synagoge in der Kleinen Brauhausgasse wurde während des Novemberprogroms 1938 von den Nazis zerstört. 1948 wandelten die Hallenser Juden das Taharahaus in eine Synagoge um. Die kleine Tür in der Mauer ist abgeschlossen, hinein können wir nicht. Welkende Blumen hängen und liegen vor der Tür, eine Kerze steht am Boden. Auf der Straßenseite gegenüber der kleinen Eingangstür, die vor einigen Monaten erneuert wurde, steht ein Polizeihäuschen und am Beginn der Humboldtstraße postiert ein großer Polizeiwagen.

Wir beide setzten uns gegenüber der Synagoge auf ein Mäuerchen und beginnen eine kurze Unterhaltung.

C: Du bist vor Tagen aus Stuttgart gekommen, um Deine Familie zu besuchen und mit ihnen Rosh ha-Schana zu feiern. Vor einem Jahr, am 9. Oktober 2019, geschah in dieser Umgebung ein fürchterliches Unglück. War Deine Familie gerade im Gotteshaus?

M: Meine Familie wohnt außerhalb von Halle und zum Glück waren sie noch nicht in der Synagoge. Wenn der Anschlag eine halbe Stunde später gewesen wäre, wären sie dabei gewesen.

C: Freunde Deiner Kinder waren sicherlich in der Synagoge

M: Ja, natürlich, sie wohnen ja schon lange in Halle, kennen jeden in der Jüdischen Gemeinde.

C: Du warst zu der Zeit in Stuttgart als die grausame Tat hier in Halle passierte. Wir in Berlin waren fürchterlich erschrocken als wir davon hörten und hofften, dass es nicht noch mehr Tote geben würde. Wie hast Du reagiert?

M: Als ich davon erfuhr, war schon alles passiert. Wenn ich herzkrank gewesen wäre, hätte ich einen Herzinfarkt bekommen. Sofort dachte ich an meine Familie und machte mir plötzlich fürchterliche Sorgen. Meine Enkelin rief an, berichtete, dass ihnen nichts passiert und bei ihnen alles in Ordnung sei. Dann erzählte sie mir den gesamten schlimmen Vorgang.

C: Was war das Schlimme?

M: Ein Anschlag von einem total verrückten Nazi. Man kann es nicht anders sagen. Diese Menschen, die so etwas tun haben „Sch…..“ im Kopf und keinerlei Verstand. Ich hörte, dass er mit seinen Waffen in die Synagoge eindringen wollte, doch es geschah ein richtiges Wunder. Die Tür war sehr stabil und hat sich nicht geöffnet und er, der Mörder, konnte nicht hinein. Ich möchte nicht aussprechen, was sonst passiert wäre. Nein, das Wort kann ich nicht aussprechen. Doch zwei unschuldige Menschen mussten sterben, was mir furchtbar leid tut. Dass so etwas in Deutschland passieren kann, macht mir schlaflose Nächte.

C: Danke, Mina

Vor einem Jahr an Jom Kippur, dem höchsten Feiertag der Juden, versuchte ein Rechtsextremist, Antisemit und Rassist mit allen aufgebauten Vorurteilen, in Halle an der Saale, ein Attentat auf die feiernden Juden in der Synagoge. Er wusste, dass an dem hohen Feiertag viele Gottesdienstbesucher kommen. Die vordere Tür ließ sich nicht öffnen. Der Mörder versuchte mit Sprengstoff und Schüssen die Tür zu öffnen, doch sie hielt Stand. Eine vorbeikommende Passantin erschoss er und einige Meter weiter an einem Dönerstand noch einen anderen Menschen. Der Prozess gegen den Mörder findet im Moment in Magdeburg statt.

Der Virus bremst Aktivitäten in der gesamten Welt, so auch in Halle. Doch die Hallenser Juden feiern ihr Versöhnungsfest, feiern ihren Versöhnungstag 2020, und die Polizei schützt sie.