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Bienen und München – Rosch haSchana 5781/2020

Es ist das berühmteste Symbol von Rosch haSchana, das uns unabhängig vom Alter, beginnend im Kindergarten, begleitet und besonders dieses Jahr unsere Hoffnungen betont. Es ist der Honig, mit dem Wunsch eines metuka Jahres, mit der Beracha, die in den heutigen Zeiten als ein flehentlicher Ausruf wirkt: »schetechadesch alejnu schana towa umetuka, erneuere für uns ein gutes Jahr, in dem wir etwas Süßes, etwas Angenehmes finden können.«

Rabbiner Dr. Tom Kučera

Was wäre unsere Liste der Adjektive, die für unser Leben im neuen Jahr für »süß« stehen? Die Tradition mit Honig kommt weder von der Tora noch vom Talmud, auch wenn in den Sprüchen, Mischlej, im Tanach geschrieben steht: »Iss Honig (dewasch), denn er ist gut, Honigseim (nofet ), denn er ist süß für deinen Gaumen.« (Spr 24:13). Die Honig-Tradition an Rosch haSchana kommt erst von den babylonischen Geonim im siebten Jahrhundert n.d. Z., deren entscheidender Einfluß auf die weltweite Verbreitung des rabbinischen Judentums, inklusive Europa, meistens nicht genug erkannt und geschätzt wird.

Das hebräische Wort für Honig kennen wir besonders gut vom Lied Erez sawat chalaw udewasch, wenn wir das Land besingen, in dem Milch und Honig fließen. Aber wie Raschi erklärt, es handelt sich um die Mandelmilch und den Dattelsirup. In der biblischen Zeit wurde der Honig meistens aus Datteln hergestellt, heute ist die Dattelpaste in Israel unter dem Namen »Silan« beliebt. Vor einigen Jahren hat das Technion in Haifa einen synthetischen Honig erfunden. Das Bakterium Bacillus subtilis wird im Labor so umprogrammiert, dass es einen goldfarbenen Sirup herstellt, der nach Honig schmecken soll. Das Produkt heißt »BeeFree«.

Aber sprechen wir lieber vom richtigen Honig, der halachisch hervorragt, weil er das einzig bekannte koschere Produkt eines nicht koscheren Tieres ist. Warum? Die beste Antwort: Weil es so ist. Die bessere Antwort: Im Gegensatz zur (nicht koscheren) Kamelmilch, weil Kamele nicht koscher sind, wird der Honig einer (nicht koscheren) Biene in den besonderen Säckchen gespeichert, die nicht zum Bienenkörper gehören. Der Honig stammt vom Blütennektar, der von der Biene bloß umgewandelt wird und in den Waben reift. Diese halachische Spannung betont die beachtenswerte Biochemie vom Pollen bis zum Produkt. Für ein halbes Kilo Honig fliegen Bienen circa dreimal um die Welt. Für zwanzig Kilo Honig (das entspricht einer Sommer-Saison) hat eine Million Sammelflüge stattgefunden. Was für eine Motivation, wenn man über die Auswirkung des gesamten Gemeindelebens auf die einzelnen Mitglieder nachdenkt. Aber auf die Leistung soll es nach wie vor ankommen. Die liegt für eine fliegende Biene bei 500 W/kg, im Vergleich zu 20 W/kg für eine olympische Rudermanschaft, die also 25 Mal weniger leistungsfähig als eine Biene ist. »Fleißig wie eine Biene« ist darum eine treffende Redewendung. Wenn Sie das Wort Biene aussprechen und nach meiner Assoziation fragen, sage ich gleich: die Biene Maja. Und Karel Gott, seligen Andenkens. Und sein Lied über die Biene Maja.

Weltweit gibt es über 20.000 Bienenarten, 600 davon sind hierzulande heimisch, 50 davon gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Pro Jahr gehen in Deutschland 10 % der Bienenvölker verloren, in Amerika sind es 30 %. Wieviele von dieser großen Artenzahl der 20.000 Bienenarten produzieren Honig? Eine einzige Bienenart: die Honigbiene, Apis melifera. Als einzige durch die Evolution auserwählt, Honig zu produzieren, lebt sie in Schwärmen, was nicht selbstverständlich ist: Die meisten Bienen sind Einsiedler, die sich nur zur Paarung treffen, sonst leben sie allein. Praktisch alle sind Arbeiterinnen und alle Töchter einer einzigen Königin. Die Männchen, genannt Drohnen, machen nur 5 % des Schwarmes aus und gehören zu dessen faulsten Bewohnern.

Der Mensch als ein Mitschöpfer, das wird oft in unseren traditionellen Quellen behauptet. Wir finden viele Beispiele dagegen, aber in Bezug auf die Bienen bestätigt es sich. In den deutschen Wäldern leben ungefähr 80.000 Völker von Honigbienen, aber eine Million Bienenvölker wird von den Imkern gehalten (nur 1 % sind Berufsimker, die meisten betreiben die Bienenhaltung in ihrer Freizeit). Auf der anderen Seite muss man schon zugeben, dass wir mit jedem Glas Honig die Bienen austricksen. Denn sie produzieren Honig für ihren Eigenbedarf: bei den Wildbienen, damit sie den Winter überhaupt überleben, was nicht immer der Fall ist. (In Ithaca im Staat New York sterben 76 % der Bienenvölker während des ersten Winters ab.) Honig ist Energie für ihre Muskulatur, mit deren Schwingungen sie die innere Temperatur des Schwarmes auf plus 35 º C halten, unabhängig davon, ob draußen minus 30 º C herrscht. Nach einem Sommer bildet ein Bienenvolk bis zu 20 Kilo Honig, gespeichert in 18 Litern. Der Imker erhöht dieses zu bildende Waben-Volumen um einige Male, und die fleißigen Bienen arbeiten unermüdlich, um es zu füllen. Dies kann bis zu 100 kg pro Sommer betragen, was fünf Mal mehr als der Selbstbedarf darstellt. Auch wenn es wie eine Trickserei erscheint, macht es der Biene nichts aus und demütig erfüllt sie ihre Lebensaufgabe.

Leider ist die einzige Stelle in der Tora, die die Bienen erwähnt (Dt 1:44), negativ beladen: deworim sind diejenigen, die einen wie Feinde verfolgen. Ich möchte vorschlagen, dass die Tora damit die Wespen meint. Es gibt zwar das Wort zira für Wespe, aber in der Tora kann es übersetzt werden mit Hornisse: die helfen soll, die anderen zu vertreiben (Nm 7:20). Hiermit versuche ich, das im Tanach eher negativ beladene Wort deworim zu retten, weil es mir leid tut, dass auch im Hallel (im Psalm 118:11), den wir zu den Chagim singen, deworim, im Iwrit die Bienen, mit den Feinden gleichzusetzen sind, die den Autor des Psalmes einkreisen. Das war König David, der wahrscheinlich zu viel Zeit in seinem Palast verbrachte. Er hätte mehr Ausflüge in die Natur machen sollen, um die erstaunlichen Geschöpfe, die richtigen Bienen, zu beobachten.

Auf diese Weise entstand im 20. Jahrhundert die Bienenforschung. Wo? In München in den 1950er Jahren. Es war eine merkwürdige Zeit des Aufbaus nach der Bombardierung der Alliierten, darum gab es keine Mittel, um das Leben der Bienen zu erforschen. Dafür mussten ein Notizbuch, eine Armbanduhr und ein Farbkasten reichen. Martin Lindauer hieß der Forscher. Eine kleine Straße, nach ihm benannt, liegt am Ostpark. Er war der erste, der auf der Oberfläche der Schwärme einen besonderen Bienentanz beschrieb und später erklärte: Dieser Tanz ist eine Werbung der Kundschafterinnen nach dem besten der möglichen Umzugsorte. Sie fliegen hin, messen ihn sorgfältig durch ihr Zick-Zack-Herumlaufen aus, kommen mit der gewonnenen Information zurück und versuchen »neutrale Bienen mit der wilden Tanzparty zu rekrutieren«. Darum fliegen jetzt auch die anderen Kundschafterinnen hin, messen sorgfältig den beworbenen Ort nach und entweder unterstützen ihn mit dem vorherigen Werbungstanz oder geben auf. »Die Diskussion endet damit, dass alle tanzenden Bienen ihre Unterstützung für nur einen Nistzplatz signalisieren, und der ist in der Regel der beste. … Gespaltene Entscheidungen können für die Bienen tödlich sein.« Der stärkste Bienentanz zeigt damit im Voraus die Richtung des Schwarmfluges zum neuen Zuhause. Dazu musste Martin Lindauer seinen vier beobachteten Schwärmen durch die Straßen Münchens nachlaufen. (Ich frage mich, wie die Straßen im Sommer 1951 aussahen.) Auf einem seiner Zeichnungen sehen wir eine der Routen: Schwindstraße, Theresienstraße, Augustenstraße, Brienner Straße, Karlstraße.

Dies war der erste faszinierende Blick in die demokratischen Entscheidungsprozesse der Bienen, die einträchtig im Kollektiv zusammenarbeiten und dabei eine praktische Weisheit zeigen, die erst durch die Gemeinschaft und das aufeinander abgestimmte Zusammenwirken einzelner Mitglieder und Gruppen entsteht. Was für eine harmonische Lehre an Rosch haSchana, dem Feiertag der Schöpfung.

Diese Arbeiten wurden im Jahr 1955 publiziert. Danach geschah 20 Jahre nichts, bis Thomas Seeley an diese Anfänge der Bienenforschung anknüpfte und in Amerika seit den 70er Jahren bis heute wesentlich vertiefte, mit Farbvideokameras mit Zeitlupenfunktion und anderen modernen Mitteln. Er schreibt davon, genauso wie von Lindauers Münchener Forschung, in seinem Buch »Bienendemokratien«, das im Jahr 2015 in der deutschen Übersetzung mit dem Untertitel »Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können« erschien. In den zehn Kapiteln tauchen wir ein in die beeindruckende Welt der Bienen, ihre Entscheidungsprozesse, ihren »fairen Wettbewerb der Ideen«: Jeder Schwarm ist ein Wunder. Denn aus den kognitiv eher eingeschränkten Wesen (»Eine Biene kann nur die Handlung ihrer unmittelbaren Nachbarn im Schwarm beobachten.«) taucht allmählich eine ungeahnte Intelligenz auf. Es ist ein Rätsel. Genauso wie die Entstehung unseres menschlichen Bewusstseins. Auch den Bienen unterlaufen Fehler: Wenn beim Abflug ein Schwarm in zwei geteilt wird und dabei noch die Königin verloren geht, ist es vorbei.

Außerdem haben die Bienen viele Feinde in der Natur und müssen gegen deren Brutalität eigene Schutzmechanismen entwickeln. Zum Beispiel stürzen sie sich zu Dutzenden auf eine Hornisse, pressen sich an ihren Körper und bringen sie mit purer Körperwärme um. Auch dazu ist die Honigenergie gut. Gegen andere Feinde, wie Wespenbussarde, Spitzhörnchen und Honigbären ist der Schutz nicht leicht. Eine einzige Art Honigbienen gibt es, wir Menschen aber genießen unzählige Sorten Honig. Avocadoblütenhonig aus Israel habe ich noch nie gekostet, mein Favorit ist Thymianhonig, meistens aus Kreta. Dagegen Manuka-Honig, meistens aus Neuseeland aus einer Myrte-Art, wird kontrovers diskutiert: Der Inhaltsstoff Methylglyoxal, ein kleines und feines Molekül der reduzierten Brenztraubensäure, wirkt zwar antibakteriell, aber seine Konzentration ist nach der TU Dresden in einigen Arten Manuka-Honig »möglicherweise nicht mehr unbedenklich«. Hier haben wir ein weiteres Beispiel der Meinungsunterschiede in der Wissenschaft, diesmal nicht aus der Virologie. Auch die Honigsüße kann fraglich werden, meistens aber nicht. Darum wenden wir uns jeden Schabbat-Abend an den Jedid nefesch, den Freund unseres Daseins, gleich in der ersten Strophe mit den Worten: jeeraw lo jedidutecha, deine Zuneigung wird angenehm, süß sein, mi, mehr als,nofet zuf, ein Honigseim, d. h. nach dem Lexikon: ein ungeläuterter Honig, wie er aus den Waben abfließt, und damit das Symbol der primären Süße.

Die Geburt von Schimschon ist die Haftarat von Nasso (Richter 14). Eine seiner Lebensgeschichten im Tanach ist gerade mit Honig verbunden. Mit der Kraft seiner Hand tötet Schimschon einen Löwen, dessen Knochen die Waffe im Kampf gegen die Philischtim wird. Als er später zum Löwenkadaver kommt, findet er darin einen Bienenschwarm und damit eine Honigwabe, die er mit Gusto genießt. Dieses ungewöhnliche Ereignis formuliert Schimschon als ein Rätsel, das natürlich von den anderen nicht erraten wird und ihm damit in seinem Kampf hilft. Eine besondere literarische Darstellung dieser Tanach-Geschichte finden wir im Roman »Richter und Narr« von Vladimir Jabotinsky, der als Begründer des revisionistischen Zionismus kontrovers diskutiert wird. David Ben Gurion fand keine schmeichelnden Worte für ihn, was aber seine literarischen Qualitäten nicht schmälert.

Das Rätsel Schimschons ging als ein Sprichwort ins Iwrit über: meas jaza matok, aus dem Wilden kam Süßes. Wieviel Wildes haben wir letztes Jahr erfahren? Wieviel Wildes werden wir noch erfahren? Das Sprichwort möchte uns überzeugen, dass auch vom Bösen etwas Gutes aufblühen kann. Im Wörterbuch der Idiome steht für diesen hebräischen Spruch die englische Übersetzung: a blessing in disguise. Dies mag sich merkwürdig anhören, aber haben wir eine bessere Möglichkeit?

Der Honig ist nicht nur ein Symbol, sondern auch ein Heilmittel, schon seit der Antike bekannt. Er ist, wenn auch nur mittelmäßig, effektiv bei Erkältungen, wie eine Metastudie vom Jahr 2018 zeigte. Er wirkt leicht entzündungshemmend, hilft gegen Schwellungen, erhöhte Temperatur oder lokalen Schmerz. Zusätzlich soll er dazu beitragen, dass eine Wunde gleichmäßiger heilt und weniger Narben hinterlässt (was mit den Fibroblasten zu tun hat). Von vielen seelischen Wunden haben wir letztes Jahr gehört, die vor allem die soziale Isolierung oder den Arbeitsverlust herbeiführten. Wie tief die Narben sind, ahnen wir oft nicht. Dennoch müssen wir auf der Suche nach unserem persönlichen Honig sein, der uns gut tut. Es kann eine nicht-verbale Beschäftigung sein, es können auch Worte sein, aus den Büchern, die wir lesen, in den Texten, die wir vielleicht selber schreiben, hoffentlich auch aus dem Machsor und dem Wortschatz der Hohen Feiertage.

Für diese verbale Seite fand ich im Tanach einen schönen Vers in den Sprüchen (Spr 16:24): »Honig sind angenehme Worte, süß für die Seele und heilend für den Körper.« Die Beracha , die wir für Honig auf dem Stück Apfel sprechen und die – dieses Jahr mehr als sonst – unsere Hoffnung anspricht, lautet: schetechadesch alejnu schana towa umetuka, lass bitte ein gutes Jahr neu entstehen, damit wir auch etwas Angenehmes für uns finden können. Ken jehi razon.

Dr. Tom Kučera ist Rabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München. Diese Drascha hielt Rabbiner Kučera zu Schacharit an Rosch haSchana 5781 / 2020. Der Text wird bald in dem Buch @Kol majanaj bach@ veröffentlicht. Das Buch verschenkt die Liberale jüdische Gemeinde München Beth Shalom e.V. an alle Interessierten. Schreiben Sie einfach office@beth-shalom.de für mehr Informationen. Über eine Spende wäre die Gemeinde sehr dankbar.