Paraschat haSchawua: Schoftim

Beobachtet man im Fernsehen einen afrikanischen Zauberheiler beim rituellen Versuch, ein Mitglied seines Stammes von einer Krankheit oder Verletzung zu heilen, schmunzelt man etwas herablassend, hofft aber gleichzeitig, dass dem Patienten kein bleibender Schaden zugefügt wird. Obschon der Ausgang solcher Übung durchaus nicht vorhersehbar ist, denn Psychologie und Suggestion können (das hat die Medizin bereits festgestellt) in der Lage sein, Heilungsprozesse einzuleiten…

Wochenabschnitt Schoftim; 5. Moses, Kap. 16, 19 – 21, 9; Schabbat, 22. August 2020

Jeder von uns kennt die Behauptung, dass beim Besuch des Zahnarztes, die Zahnschmerzen nachlassen, sobald man im Behandlungszimmer ist. Es ist zwar scherzhaft gesagt, aber etwas Wahres ist dran. Hat das etwas mit Aberglauben zu tun? Aberglaube ist immerhin ein Glaube und Glaube ist in der Lage, so sagt man, Berge zu versetzen. Die jüdische Religion und der jüdische Glaube seien vom Aberglauben – einschließlich Astrologie – frei, das war stets meine Meinung. Zumal in unserer Parascha bereits davor gewarnt wird.

Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, Zauber, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt (5. M. 18). Wolken bedeuten in diesem Zusammenhang alle Himmelserscheinungen, also auch Astrologie.

Ferner heißt es: Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze Himmelsheer siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann lass dich nicht verführen! Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. Der HERR, dein Gott, hat sie allen Völkern unter dem ganzen Himmel zugewiesen (M. 4, 19). Hier wird betont, das unter anderem die Beschäftigung mit Astrologie den heidnischen Völkern überlassen, den Israeliten jedoch verboten wurde. Der Prophet Jeremia (K. 10, 2) sagt es noch klarer: So spricht der HERR: Ihr sollt nicht die Weise der Heiden annehmen und sollt euch nicht fürchten vor den Zeichen des Himmels, wie die Heiden sich fürchten.

Deutlicher kann man es kaum sagen. Erstaunt musste ich nun feststellen, dass die Astrologie im Judentum eine lange Tradition hat. Im Altertum waren die Israeliten selbst Heiden. In Ägypten (wo die Israeliten Jahrhunderte verbrachten, eher sie nach Kanaan zogen) war die Astrologie ein Bestandteil der Volkskultur. Sogar im frühen Mittelalter waren die Meinungen der Talmudgelehrten unterschiedlich. Manche von ihnen waren tatsächlich abergläubisch und glaubten an übernatürliche Kräfte, was ich stets darauf zurückführte, dass die Physik und die Astronomie noch in den Kinderstuben steckten und wissenschaftliche Überlegungen und Erkenntnisse selten waren.

Für den hellsten und schärfsten religionsphilosophischen Denker der Judenheit, Maimonides (12. Jhd.), war Gott allein für den Kosmos und für das Schicksal allen Lebens verantwortlich, es gab keine Kraft außer dem Schöpfer. Er verglich nämlich jede Art von Aberglauben dem Götzendienst, dem Heidentum. Nicht alle maßgeblichen jüdischen geistlichen Führer folgten in der Zeit danach seinem Urteil. Und bis zum heutigen Tag gibt es viele Rabbiner, die an die Astrologie, aber auch an andere unsinnige in der Parascha verbotene Praktiken, glauben. Im Google habe ich so manchen Beitrag von israelischen Rabbinern gelesen, die über den Einfluss der Gestirne auf das Schicksal des Menschen
und sogar des Volkes Israel dozierten.

Woher, frage ich mich, kommen diese Irrlehren, oder weshalb haben sie noch Bestand in der Moderne? Kann das vielleicht mit finanziellem Interesse zusammenhängen?

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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