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Der Alte und Attila

Reportage, vorgetragen im erhabenen Ton preisgekrönter Journalisten…

Von Fredy Yandorf

Es ist ein Samstagnachmittag im Juli, der Himmel in Berlin ist ohne Wolken, da verlässt Attila Hildmann, 39, Opfer von Zionisten, sein Haus und steigt in seinen Porsche ein. Er hat nur zwei vegane Kekse als Proviant dabei. Die Zahl der Neuinfektionen in Berlin beträgt an diesem Tag 13.

Attila Hildmann ist nicht nur Berliner. Er ist einer, der sich von der Masse zu unterscheiden weiß: Er ist Veganer. Sein Vater hatte einen Herzinfarkt. Er hat die Regierung durchschaut. Er ist ein Mann, der gescheiter als all die Laffen ist.

Ahnt er zu diesem Zeitpunkt schon, dass er zu seiner vorerst letzten Kundgebung aufbrechen wird? Wir wissen es nicht. Doch man kann es an diesem Tag bereits bemerken: Er ist gezeichnet von dem Kampf gegen finstere Mächte, von den permanenten Anfechtungen gegen seine Person. Dennoch ist er wie immer sehr gut vorbereitet, als er aus seinem Porsche steigt und seinen Anhängern zuwinkt. Alle seine Thesen hat er auf seinem Telegram-Kanal selbst abgesichert, hier führt er seit Wochen repräsentative Umfragen durch.

So hat er zum Beispiel seinen Followern die Frage gestellt: „Sehen sich Juden als Weisse?“ 53 Prozent haben diese Frage mit „Ja“ beantwortet, 47 Prozent mit „Nein“.

Er fragte auch: „Das Schlimmste, was Deutschland in den letzten 100 Jahren passierte?“ 34 Prozent stimmten für „Adolf Hitler“ und 66 Prozent fanden, dass die richtige Antwort auf diese Frage „Angela Merkel“ lauten muss. Dass doch noch 34 Prozent für Hitler stimmten, könnte mit einem spezifischen Bild zusammenhängen – Hildmann hat auch hier ganz genau recherchiert. Auf die Frage: „Welches Bild zeichneten sie von Hitler?“ haben 17 Prozent für „Guter Staatsmann, Tierschützer, Vegetarier, Patriot“ votiert, 83 Prozent stimmten für „Das Böse in Person“.

Und das alles belegt schließlich genug!

Vor seinen Anhängern stehend, deren genaue Zahl in etwa zwischen 25 und 1,25 Millionen liegen wird, auf deren Schildern „Freiheit!“ und „Gib Gates keine Chance!“ prangt, oder die die Flagge des Kaiserreichs schwenken, setzt er sofort zu einer packenden Rede an.

Er spricht über Volker Beck, für den er, wenn er Reichskanzler wäre, „die Todesstrafe durch Eier-Treten auf einem öffentlichen Platz“ einführen würde. Über Playmobil, gegen die man einen „Blitzkrieg“ führen sollte, weil sie die Gehirne der Kinder mit Corona-Propaganda infizieren. Und immer wieder spricht er über Machenschaften der Bundeskanzlerin, die eine „zionistische Jüdin und Kommunistin“ und eine „Marionette Rothschilds“ ist. Eindrücklich appelliert er an die Generalität, sich in diesem entscheidenden historischen Moment auf die richtige Seite zu stellen: „Generäle! Ihr werdet vom Feind regiert! Der zionistische Feind, der euch, eure Familien und Deutschland zerstören will. Dieser Feind steckt hinter Corona und alle Vasallen wie Gates, die Kommunisten, Transhumanisten und Satanisten gehören vors Militärgericht! Im Namen des Vaterlandes: Überlegt zweimal, ob ihr die volksfeindlichen Befehle ausführen wollt! Sie planten die Vernichtung der deutschen Rasse und wollen einen Großteil der Weltbevölkerung vernichten! Corona ist das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit!“

Während die vor ihm versammelten Menschen in begeisterten Jubel ausbrechen, Hildmann der Schweiß auf die Stirn tritt und seinen athletischen Körper zu benetzen beginnt, steht etwas abseits von der Tribüne ein älterer Herr. Er steht dort in einer Weise, als würde er diese Szene schon seit einer wiederkehrenden Ewigkeit beobachten und könnte sich dennoch nicht entscheiden, ob er ein Teil des Geschehens, dessen Rahmung, oder sein unbeteiligtes Außen ist. Um sein rechtes Handgelenk hängt eine Hundeleine, die einen etwas gelangweilt wirkenden Pudel an der Flucht hindern soll, während sich in seiner Hand eine Packung mit 22 Madeleines befindet – vermutlich in einem Supermarkt gekauft. Er ist pensionierter Studienrat aus Knittlingen, Baden-Württemberg, sein Pullover ist olivgrün. Philosophie hat er dort viele Jahre unterrichtet und „leider auch Religion“, wie er sagt. Momentan befindet sich auf einem Sommerausflug: „Berlin und Weimar. Diese Tour mache ich jedes Jahr.“ Hildmann habe er sich jetzt anhören wollen, aber so richtig verstehen könne er ihn nicht.

Er öffnet die Packung mit den Madeleines, nimmt eines der 22 Gebäckstücke heraus, beißt hinein und sagt nachdenklich kauend: „Mich erinnert Hildmann auch an nichts.“

Und während der bis zu diesem Zeitpunkt noch wolkenlose Himmel über Berlin erste weiße Flecken bekommt, entfernt sich der nachdenkliche Studienrat vorzeitig von dem ausgelassenen Widerstandsgeschehen, geht mit bestimmten Schritten die Straße hinauf und bleibt dann für einen Moment vor einem wie verwaist wirkenden Friseursalon stehen. Er blickt von draußen auf einen funktionslos gewordenen Spiegel, der sich im Inneren des Ladens befindet, als er melancholisch zu seinem Pudel bemerkt: „Siehst du, nichts können wir wissen. Absolut nichts.“

Doch der Pudel drängt nach vorn, schnuppert an einem Kern, der vor ihm auf dem Bürgersteig liegt, ausgespuckt von einem maskenlosen Kirschenesser, hebt seinen Kopf und stimmt ein diabolisches Bellen an, das nur von der ersten Strophe des Deutschlandliedes übertönt wird, das in diesem Moment aus Attila Hildmanns Porsche erklingt. Er fährt nach getaner Arbeit unter dem Jubel seiner Anhänger davon. Es regnet nicht an diesem Samstagnachmittag in Berlin.

Es wird vorläufig keine Demonstrationen mehr mit Attila Hildmann geben. Das „zionistische Regime“ nimmt Ermittlungen gegen ihn auf.

Seht. Nichts können wir 
wissen.
Absolut nichts. 

 

Die im Text verwendeten Zitate Hildmanns entstammen seinem Telegram-Kanal.