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Paraschat haSchawua: Matot und Mase

Im Sinai. Die Israeliten stehen vor dem Jordan und vor dem Einmarsch in das ersehnte Land, Kanaan. Zweieinhalb Stämme jedoch wollen im fruchtbaren Land östlich des Jordan siedeln und bitten Moses, da bleiben zu dürfen und nicht westlich vom Jordan ihre Heimat einzurichten. Er ist bereit dazu, vorausgesetzt sie sind den übrigen Stämmen behilflich bei der Eroberung von Kanaan, wozu sie sich berteit erklären…

Wochenabschnitte Matot u. Mase; 4. Moses Kap. 30 – 36 Schabbat, 18. Juli 2020

Daraufhin erklärt ihnen Moses: Wer unter euch gerüstet ist, der ziehe über den Jordan vor dem HERRN, … und das Land unterworfen ist vor dem HERRN. Danach sollt ihr zurückkehren und ohne Schuld sein vor dem HERRN und vor Israel und sollt dies Land zu eigen haben vor dem HERRN (4 Moses 32, 22).

Den Gelehrten ist aufgefallen, dass man bei dieser Aussage einhaken und eine rhetorische Frage stellen kann, die eine weitere Bekräftigung ihrer Weltanschauung ermöglicht. Welche Weltanschauung oder sagen wir welche Lehre verfolgen sie? Mir scheint, dass den Gelehrten die Festigung von ethisch-moralischen Einstellungen sehr wichtig war. Warum, fragen sie im Talmud, muss die Tora betonen, dass die zweieinhalb Stämme ohne Schuld auch vor Israel sein müssen. Es würde doch reichen, wenn sie ohne schuld vor Gott wären, da die Verpflichung Gott gegenüber gemacht wurde.

Daraus schließt der Talmud (Talmud, Schkalim Kap. 3, Mischna 2): Der Mensch muss seinen Mitmenschen gerecht werden, wie er Gott gerecht werden muss, denn es heißt: ihr sollt vor dem Herrn und Israel rein sein. Eine weitere Bekräftigung fand der Talmud in dem Buch Sprüche Salomos 3, 4: Finde Gunst und Wohlgefallen in den Augen Gottes und der Menschen. Es reicht nicht, so die Gelehrten, wenn der Mensch die Gebote, die Gott ihm auferlegt hat, befolgt. Es ist nicht damit getan, wenn man die Speisegesetze einhält, wenn man dreimal am Tag betet, wenn man die Schabbat-Regeln einhält; das reicht nicht, um zu sagen, „ich habe meine Plichten erfüllt“. Man hat ja auch Pflichten gegenüber der Gesellschaft, in der man lebt. Man kann das auch Solidarität nennen. Es gibt dafür unterschiedliche Beschreibungen und Definitionen, der Kern des Anliegens der Gelehrten war jedenfalls, dem Menschen bewußt zu machen, dass er in der Mitte einer Gesellschaft lebt und Teil von ihr ist, und sich entsprechend verhalten soll.

Das ist eine Gegenkonzeption zu der Einstellung, dass man Gott am gefälligsten dient, wenn man sich in eine einsame Klause, möglich abseits der Gesellschaft begibt und im Stillen meditiert, möglichst als Eremit oder Mönch. Die Tora hat das Absagen aller menschlicher Bequemlichkeiten und Genüsse, wie auch das Entsagen von der Ehe und dem Sexualtrieb nicht gefördert. Ganz im Gegenteil, sie hat dem Wunsch nach mönchischem Leben schwere Hindernisse in den Weg gestellt.

Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet und der HERR, der Gott Zebaoth, mit euch sei, wie ihr wünscht (Amos 5, 14).

Das Motto, das den Gelehrten vor Augen stand, lautete: Die Tora, die Lehre, ist erteilt worden, um das Leben zu ermöglichen, zu fördern, es besser zu machen. Alles sollte in diesem Sinne interpretiert werden.

Schabbat Schalom

Dr. Gabriel Miller absolvierte umfangreiche rabbinische und juristischen Studien, war Leiter der Forschungsstelle für jüdisches Recht an der Universität zu Frankfurt am Main, Fachbereich Rechtswissenschaft. Außerdem gibt er die bei den Lesern von haGalil längst gut bekannte Website juedisches-recht.de heraus.

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