„Ja willst Du denn dass der Grünbaum hier in Düsseldorf bleibt?!“

Wie der Jude Jonathan Grünbaum doch noch nach Jerusalem kam…

Von Malte Kölberg

Es ist lange her. Und doch hat sich nicht viel geändert. Die Geschichte ist noch nie erzählt worden. Eigentlich spricht man über so etwas auch nicht. Das gehört sich nicht, im politischen Rahmen. Einige der Protagonisten leben noch. Und die Geschichte ist wahr, zumindest zum aller größten Teil. Das kann ich bezeugen. Jonathan Grünbaum hat sie mir selbst schmunzelnd erzählt. Aber die Geschichte ist nicht an die konkreten Protagonisten gebunden. Solche Geschichten hat es in vielen Parteien gegeben. Ich merke gerade: Ich möchte sie nun doch einmal erzählen.

Es war Anfang der 1970 Jahre. Eine im Bundestag vertretene Partei – nennen wir sie FSA: Freiheitlich Soziale Allianz – hatte eine Stiftung. Stiftungen sind fein: Sie haben Geld. Sie haben Einfluss. Sie genügen einem gesellschaftlichen Bildungsauftrag. Und vor allem bieten sie Posten. Gerne auch für Politiker, die bei einer Wahl nicht mehr das erstrebte Mandat bekommen haben. Aber in Hintergrundgesprächen ihre legitimen Ansprüche formuliert haben. So ist das Leben!

Der vakante Posten

In den höheren Parteigremien wurde diesmal über eine höchst delikate Angelegenheit beraten: Es galt, den Posten der Leiters der parteieigenen Stiftung Freiheitlich-Soziale Stimme neu zu besetzen. Das war erst einmal eine keineswegs außergewöhnliche Angelegenheit. Und es gab ausreichend verdiente Parteimitglieder, die noch offenstehende Ansprüche hatten.

Heikel war nur der Arbeitsplatz selbst: Die Freiheitlich-Soziale Stimme hatte ein Büro in Jerusalem. Das war schon eine kompliziertere Angelegenheit, voller Fallstricke. Da wollte man sich nicht durch eine unpassende Personalie – und das stellte sich ja häufig erst im nachhinein heraus! – die Finger verbrennen. Man stelle sich vor man würde ein Parteimitglied zum Leiter der Stiftung ernennen, das noch in den „bösen Jahren“ – so drückte man sich intern in der FSA aus, wenn man über die Jahre von 1933 bis 1945 sprach – bei der anderen Partei eine wichtigere Position inne gehabt hätte. Nicht dass es dann in der internationalen Presse Schlagzeilen, gar erregte Diskussionen in dieser Knesset gab. Das würde nur unschöne und unnötige Scherereien mit sich bringen. Darauf konnte man in diesen schweren Zeiten des Wandels, der Wende, wirklich verzichten.

Und das hatte die Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen: Dann würde man wieder an die bösen Jahre erinnert werden, dann gab es wieder wohlfeile Vorwürfe. Selbst der ansonsten eher zurückhaltende Zentralrat würde sich dann mal wieder in einer Sonntagsrede mahnend zu Wort melden. Sein Wort hatte Gewicht – also weniger parteiintern, da war man eher empört über derartige Einmischungen in interne deutsche Angelegenheiten. Aber in der Öffentlichkeit, gerade in der linken Kampfpresse, sogar in der DDR, wurden solche Geschichten dann immer wieder in unfeiner und unfairer Weise groß aufgekocht. Dann setzten diese Kampagnen ein, auch aus Jerusalem.

Auch war es kein Geheimnis, dass die Freiheitlich Soziale Allianz in der Vergangenheit durchaus mit der bösen Zeit verbunden war. Nun, das war Vergangenheit. Damit hatte man 1945 endgültig gebrochen. Das hatte man geklärt. Aber diese jüdischen Kreise wollten einfach keine Ruhe geben mit ihren ausgeprägten, übertriebenen, unangenehm berührenden Empfindsamkeiten. Dafür hat man grundsätzlich ja durchaus Verständnis, jeder weiß doch, wie ein Unglück zu schmerzen vermag. Da hat jeder seine Erfahrungen gemacht. Jeder trägt da sein eigenes Leid.

Das Treffen

Aber kommen wir zum illustren Treffen in den höheren Parteigremien zurück. Anfang der 1980er Jahre hatte es in der Partei Machtkämpfe gegeben, die waren aber nun ausgestanden. Der rechte Flügel hatte gewonnen. Und zwar überzeugend gewonnen. Gründlich gewonnen. Nun wurde aufgeräumt, wirklich aufgeräumt, intern. Ein Regierungswechsel war angedacht – ach was sage ich: Eigentlich war er intern bereits entschieden.

Eigentlich hatte man intern auch schon beschlossen, ein verdientes Parteimitglied für diese herausfordernde Position zu bestimmen – also vorzuschlagen. Allein: Gewisse Unsicherheiten über dessen Vergangenheit, er war Jahrgang 1922, hatten nicht gänzlich ausgeräumt werden können. Und einen weiteren Skandal konnte man in diesen schwierigen Zeiten, nach den durchgestandenen parteiinternen Kämpfen innerhalb der FSA, wirklich nicht gebrauchen.

Der Kompromisskandidat Jonathan Grünbaum

Dann gab es intern einen großartigen Vorschlag, um das Dilemma zur allseitigen Zufriedenheit zu lösen: Der Jude Jonathan Grünbaum, gerade 40 geworden, Parteimitglied seit 1968, hatte sich in den vergangenen Jahren, offenkundig angestachelt durch die 68er sowie seine unausrottbare Rachsucht – so empfand man es halt; zumindest gab er einfach keine Ruhe mit dem Hinweisen und Sprechen und Erinnern an die dunklen Jahre – in ihren Kreisen durchaus unbeliebt gemacht. Teils sogar sehr unbeliebt gemacht. Und dennoch hatte man innerhalb der Freiheitlich Sozialen Allianz über die außergewöhnliche Liberalität verfügt, ausgerechnet ihm, dem inzwischen stadtbekannten Juden Jonathan Grünbaum, einen Wahlkreis in Düsseldorf – denn selbstredend ist von Düsseldorf die Rede – anzubieten.

Nun, das sei angedeutet: So groß war das machtpolitische Wagnis hierbei nicht: Die FSA bewies erneut ihre politische Pluralität, ihre Liberalität. Auch vermochte man mit dieser großzügigen Geste den Interessen des gerade krachend unterlegenen linken Parteiflügels entgegen zu kommen. Darauf musste man schon Rücksicht nehmen, auf die Empfindsamkeiten des unterlegenen Parteiflügels. Dass Jonathan Grünbaum diesem Flügel angehörte, dort verankert war, das war sogar stadtbekannt.

Um es präziser zu formulieren: Die Kandidatur in einem Wahlkreis in Düsseldorf für die kleine FSA, mit ihrem Stimmenpotential zwischen 5 und 10 Prozent, war eine Garantie dafür, Gott sei es geklagt, dass man so auf keinen Fall direkt in den Landtag käme. Spötter hatten die FSA mit ihren fünf bis zehn Prozent bei Wahlen immer mal wieder als „Fast Sechs Anfänger“ verhöhnt. Aber da stand man drüber, das gehörte halt zum politischen Alltagsgeschäft, solchen Spott insbesondere der Linken zu ertragen.

Die entscheidende Sitzung: „Ja willst Du denn…?“

Aber kommen wir zur Gremiensitzung mit dem heiklen Entscheidungsdruck zurück. Der Posten für die Jerusalemer Leitung der Freiheitlich-Soziale Stimme musste heute besetzt werden – so oder so.

Das verdiente Parteimitglied hatte denn doch einen Rückzieher gemacht. Auch sprach er weder diese seltsame Sprache, der man glaubte, sich in Jerusalem bedienen zu müssen, noch kannte er das Land. Und ein gewisses Unbehagen hatte er selbst verspürt bei dem Gedanken, nun gleich mehrere Jahre in Jerusalem verbringen zu müssen.

Eigentlich wollte man ihn loswerden, diesen Jonathan Grünbaum. Aber ausschließen konnte man ihn nicht. Das hätte nur einen Skandal gegeben, das hätte sich bei Wahlen womöglich nachteilig ausgewirkt. Das hätte ihre FSA wieder in den Fokus der gegnerischen Parteien und der linken Öffentlichkeit gebracht. Ab und zu war es bei internen Parteisitzungen zu einem großen Gebrüll gekommen, zwischen ihrem bundesweit bekannten Minister und diesem Grünbaum. Das heißt gebrüllt hatte immer nur der eine, der Durchsetzungsfähige, der mit allen politischen Wassern Gesegnete.

Achim Lorscher, Fraktionsvorsitzender und einer der Protagonisten des rechten Parteiflügels, brachte in der Sitzung, eine Entscheidung musste nun mal her, noch einmal seine Bedenken zum Ausdruck: Sollte man wirklich ausgerechnet Jonathan Grünbaum zum Jerusalemer Leiter ihrer Stiftung benennen? Nun gut, für ihn sprach, dass er in diesem Land aufgewachsen war, also das Land kannte und die Landessprache beherrschte. Aber dennoch, sein ausgeprägtes Unbehagen vermochte Lorscher kaum zu unterdrücken: Sollte man dem Grünbaum wirklich so weit entgegen kommen?
Da riss Mathias Fleischer, gleichfalls vom rechten Parteiflügel, der auch als zukünftiger Düsseldorfer Parteivorsitzender gehandelt wurde, endgültig der Geduldsfaden:
„Ja willst Du denn dass der Grünbaum hier in Düsseldorf bleibt?!“, brüllte Fleischer.

Und damit war die Entscheidung gefallen. Man war Jonathan Grünbaum doch noch losgeworden, für viele Jahre. Und was der in Jerusalem tat – das war doch eigentlich wirklich nicht so bedeutsam für das eigene Seelenleben und für die Zukunft der Freiheitlich Sozialen Allianz.

Bild oben: Drohbrief an Grünbaum

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